Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 15 (12.4.1895)
- Date
- 1895-04-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 273 Dr. Bloctz's Orstrrreichische Wochenschrift. Nr. 15 Damit sich die leitenden Kreise einer solchen Unterlassungssünde, die sich auch bei uns so schwer rächen könnte, nicht hingeben, dafür sorgten bei uns in der abgelaufenen Woche vornehmlich unsere christlichen Publicisten, deren mit vollem Namen gezeichneten Kassandrarufe tagelang die Spalten unserer Zeitungen füllten. Wie interessant wäre es, und auch wie belehrend, diese Artikel alle den Lesern Ihres geschätzten Blattes vorzuführen. Leider muß ich mich damit begnügen, Ihnen nur die markanten Theile eines in: .Magyar Hirlap“ vom 4. d. M. erschienenen Leitartikels, der aus der Feder Julius H o r v a t h 's, des gewesenen Vicepräsidenten unseres Ab g eord n etenh aus es, stammt, mitzutheilen: »Der Antisemitrsmns, der nur in der halbgebildeten, sittenverderbten Bevölkerung R uß l a n ds unter dem Schutze der Tyrannei, neben der Wildheit des Barbarenthums und der Verblendung des Zelotismus Wurzel zu schlagen vermochte, zieht heute oder morgen in die glänzenden Paläste Wiens ein, nimmt von der Gemeindestube aus Besitz vom Reichsrath. Besitz vom Landtag, von den Minister- und Statthaltereipalästen, dringt in das alte Gemäuer der Burg ein und verdirbt die Sitten der Völker, hemmt die Entwicklung der Länder, zerreißt die Freiheit der Bürger." -i- * „Als ich vor Jahren zu Beginn des Taaffe'schen Regimes, das Abgeordnetenhaus daraus aufmerksam machte daß, so wie die Pest immer von Osten, so die Reaction immer von Westen zu uns kommt und wir daher das verfassungswidrige und reactionäre Wirthschaften derjenigen Regierung nicht gleichgiltig mitansehen können, welche mit uns ein und derselben Monarchie und einem Bündnisse angehört, erhielt i>ti von dem damaligen Min»steiPräsidenten die Antwort, daß er weder die Rothwendigkeit, noch das Recht der Einmischung für gekommen erachte und siehe, die Reaction Taaffe's, sie ist setzt da, sie ist bereits eingetroffen. Denn in zwei Staaten eines Reiches unter einen und demselben Herrscker kann man nicht zweierlei Politik treiben: eine liberale, welche für das Volk gut ist, und eine reactionäre, die für jene gut ist, welche das Volk unterdrücken. Auch in Oesterreich begann vor 14 Jahren die Reaction so wie jetzt bei uns; zuerst ließ man die Männer fallen, dann nach und nach die Principien. Regierung und Parteien schritten von Verhandlung zu Verhandlung, von Comprvmiß zu Compromiß, bis Ansehen und Kraft der Parteien ganz dahin war, die Macht der Regierung aber überhand nahm. In demselben Palais hat sich der im Wiener Gemeinderathe jetzt zum Siege gelangte Antisemit smus organisirt, in dem einer der bedeutenderen Führer unserer Volkspartei sich zur Leitung derselben seine verwandtschaftlichen Rathschläge und Orientirung holt. Und während ein Führer des österreichischen Feudaladels selbst an der Spitze des Antisemitismus steht, findet sich keine rhetorische Kraft, welche die Wiener Bürgerschaft davon überzeugen könnte, daß der Fürst damit dem Wunsch der Dynastie zuwider handelt. Auch bei uns klammern sich die Parteien blos an Namen, an Schlagwörter, auch bei uns sind sie aufs Feilschen und Compromiffe angewiesen. Auch hier zerbrechen sie sich darüber den Kopf, wie man di: Reaction mit dem Fortschritt, die Liberalität mit dem Rückschritt vereinen könnte, wie vielleicht der Wiener Bürgermeister den Modus dessen sucht, auf deren Weise man die Liberalität mit dem Antisemitismus zusammenschweißen könnte. Wenn wir nicht Acht geben darauf, was in Wien geschieht, so erleben wir es noch, daß der Antisemitismus, bis die Receptionsvorlage neuerdings ins Oberhaus gelangt, auch bei uns sein Haupt erhebt; die Politik, welche ihn in das Wiener Ruthhaus hineinbrachte, würde ihm auch in Ungarn die Amtslocale öffnen." B. M—l. Beitrag zur Geschichte der russischen Juden?) XI. Der jüdische Bildhauer im Anitfchkowpalais. Und in diese düstere Nacht der Verfolgungswuth fällt ein goldener Sonnenschein des werdenden Tages. Eine trostreiche Morgenröthe macht sich bemerkbar, und wenn sich auch die überschwänglichen Hoffnungen nicht realisiren, so kann man doch erwarten, daß die Aera der blinden Verfolgungswuth aufgehört und daß man dem gehetzten Wild doch einige Ruhe und Erholung gönnen wird. Unsere Wünsche sind sehr *) Von einen; hervorragenden Glaubensgenossen in St. Petersburg Vergl. Nr. 8 und Nr. 14. bescheiden und so leicht zu erfüllen, wenn man nur gerecht sein wollte. Der junge Kaiser ist unstreitig von den edelsten Absichten beseelt; er ist nicht, gleich seinem Vater, von beit blutigen Ereignissen des Nihilismus beeinflußt: er ist jung und ritterlich, gütig und großniüthig, tolerant und herablassend. Er kennt noch den Rassenhaß nicht und Gott lenke es so, daß der junge humane Fürst diese Hydra itte kennen lerne. Es handelte sich jüngst darum, das Contersei des jungen Monarchen in Marmor und aus Leinwand zu reprodueiren, da bis jetzt noch keine Büste des Monarchen, noch kein gutes Porträt von ihn: existirt. Und die Ehre, den Kaiser aller Reusseu, den Beherrscher einer halben Welt zu modelliren, fiel einem Inden zu. Nicht wahr, ein seltener Contrast mit den früher auseinandergesetzten trüben Details einer trostlosen Vergangenheit. Der berühmte, jüdische Seulptor Marens A ntoholski ward mit dem Auftrag beehrt, Kaiser Nieolaus II. zu modelliren und dann in Marmor zu reprodueiren. Seit einiger Zeit arbeitet bereits der talentvolle Künstler, der Schöpfer des „Christus" und „Sobontor", „Spinoza" und „Moses", „Peter des Großen" und,Zarmah" und anderer Meisterschastssiguren in Bronee und Marmor, im Anitschkowpalais an der Büste des jungen, russischen Monarchen. Herr Antoholski, der als Jude nicht wenig von den Verfolgungen zu leiden hatte, sah sich gezwungen, seinen bleibenden Aufenthalt in Paris zu nehmen, um theilweise den Verfolgungen seiner Glaubens- und Stammesgenossen nicht zuzusehen, theilweise um den systematischen Hetzereien und Anfeindungen einer antisemitischen Presse zu entgehen. Der talentvolle Künstler ward aus Paris nach Petersburg berufen und arbeitet jetzt an der Büste des Kaisers, die bereits so weit gediehen ist, daß man erhoffen kann, etwas Vollendetes zu sehen. Da die Zeit des jungen Monarchen sehr in Anspruch genommen ist und seine Mußestunden sehr kurz bemessen sind, so malt gleichzeitig mit deni jüdischen Sculptvr der berühmte russische Maler Rjapin Seine Majestät, und Bild und Büste schreiten zur Befriedigung des erlauchten Originals rüstig vorwärts. Ist es nicht wunderbar, daß gerade einem Juden die hohe Ehre zu Theil ward, die Büste des jungen Monarchen zu modelliren, aus den fünf Millionen unglücklicher Menschenkinder so große Hoffnungen setzen? Darf man das nicht als Anzeichen einer glücklichen Umkehr betrachten? Trotz der Verfolgungen, denen das russische Judenthum ausgesetzt war und ist, hat es in dem Reiche der Kunst und der Wissenschaft ein zahlreiches Contingent von hervorragenden Talenten geliefert. Obgleich die Akademie der Künste für die Juden fast hermetisch geschlossen ist, sind aus derselben hervorgegangen so bedeutende Bildhauer als Antoholski, Bernstein (gegenwärtig Director des Museums in Paris), G ü u z b u r g, Frl. D i l l e r und Andere : Maler wie A s ch k i n a s i, M a i m o n, Rosenberg u. dgl. Ich werde Gelegenheit haben, den jüdischen Vertretern der Kunst und Wissenschaft in Rußland ein besonderes Capitel zu widmen. Für jetzt will ich nur constatiren, daß in der Poesie und Belletristik, in der Jurisprudenz und Journalistik, in der Mathematik und Mediein die russischen Juden eine sehr hervorragende Stellung einnehmen. Die Namen von Poeten wie Freig und Minski, von Kritikern wie Mengarny und Melsynski, von Juristen wie P e s s e m e r und S l i o s b er y, von Aerzten wie L ö w e n s o h n und M y m o d z e n y u. s. w. sind sehr populär. Auch die russische Journalistik zählt in ihrer Mitte zahlreiche Juden und seltsamer Weise sind die Hauptmitarbeiter an den antisemitischen Preßorganen, wie „Nowoje Wremja", „Grashdanin", „Petersburgskaja Gaseta" 6 tutti quanti vorzugsweise Inden. Das ist freilich ein garstiges Armuthszeugniß, das wir uns ausftellen. Das Judenthum ist in den höchsten Sphären der Armee und Flotte vertreten, sitzt im Senat und Minister-