Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 15 (12.4.1895)
- Date
- 1895-04-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 272 Dr. Bloch's Oesterreichifche Wochenschrift. „Da Sie und mit Ihnen mehrere Gewerbetreibende die Befürchtung ausspreche,«, daß Sie durch das erwähnte christliche Unternehmen ebenso wie durch ähnliche jüdische Geschäfte geschädigt werden, wollen wir Ihrem Wunsche entsprechen. Die Einnahmen, auf welche wir hierdurch verzichten, können Sie uns leicht durch eine rege Agitation für unser Blatt ersetzen. Ihre Bemerkungen über das Entrüstungsgeheul des hungerigen und neidigen Kläffers sind nur allzuwahr." Große herrliche Seele! Edler deutscher Mann aus Sollenz! Seit die alten Römer —leider!— von dem Angesichte der Erde verschwunden sind, ward solche Charakterstärke, solche heroische Entsagung nicht zu verzeichnen. Er hat auf die Pauschalien verzichtet, — das thut weh! — und sich nach rückwärts concentrirt. Er verzichtete auch — und dieser zweite Verzicht mag ihm weniger schwer gefallen sein als der andere — „auf die Versöhnung des Capitals mit der Arbeit — auf dem Boden des praktischen Christenthums". Die „große erlösende That" — er wird sie nicht weiter besingen in volltönenden Rhythmen und schillernden Phrasen und das „M ei st er stück der Wirthschafts- Politik" wird auf seinen Applaus schon verzichten müssen. Ob er bereits das a conto empfangene Geld zurückerstattet? Darüber kann doch bei seinem sattsam bekannten Charakter gar kein Zweifel obwalten. Er wird Alles bei Heller und Pfennig zurückzahlen an jenem große Tage, wo er die Ehren- und die anderen Schulden auf einmal begleichen wird. Auf viel hat er verzichtet! Die übrige antisemitische Presse würdigt auch vollauf die antike Größe der Bergani'schen Entschließungen. Z. B. die „Ostdeutsche Rundschau" äußert sich hierüber wie folgt: „In seiner ganzen öffentlichen Wirksamkeit hatte er, treu dem Satze: „Handwerk hat einen goldenen Boden," die Interessen des Handwerkers, des mittleren und kleinen Gewerbestandes vertreten. Tagtäglich hatte er dem Gewerbestande zugerufen: „Vorwärts, hurrah! Nieder mit den capitalistischen Schneiderburgen, nieder mit den jüdischen Sclavenhaltern, die euch kleine Meister verschlingen, um euch als dienstbare Sitzgesellen wieder von sich zu geben!" und so hatte er endlich, wohl nicht für das Handwerk, aber vorläufig für sich selbst den sagenhaften „goldenen Boden" wiedergewonnen. Das Capital des Waarenhauses war christlich, und so entschloß sich denn der kühne Mann umso leichter, als Erster im Namen der von ihm vertretenen, christlichen Arbeit dem christlich«: Capital der „großen Fabrik" die Hand zur Versöhnung entgegenzustrecken. Und die Art, wie er das that, war so voll der ehrlichsten Ueberzeugnng von der zeitgemäßen Nothwendigkeit großer capitalistischer Waarenhäuser, daß sich der Mann schier selbst überseinen fortschrittlichen Geist wunderte; das Lob war zugleich so discret gehalten, daß er daraus schwor, Niemand würde sehen, das die Versöhnnngshand ein ganz klein wenig — hohl war. Ja. gesehen hat's freilich Niemand, was als Lohn des ehrlichen Maklers in das ausgestreckte hohle Händchen klimperte, aber selbst diejenigen, welche an kleinen Fehltritten bei dem großen Bekämpfer des handwerkmordendeu Capitales nichts Außergewöhnliches fanden, die kleinen und mittleren Gewerbsleute seines Gefolges waren von der ihnen zugemutheten Vernunftehe durchaus nich erbaut. Sie verstanden eben das große Problem nicht, das der Mann zu lösen beabsichtigte. Einen Augenblick schien es, als ob der goldene Boden, aus dem er bisher seine Kräfte sog, unter ihm wantte und das Gebäude seiner zaubergewaltigen Popularität, das bisher selbst den schärfsten Geschossen Stand gehalten hatte, in sich zusammenbrechen würde. Doch der Unvergleichliche wuchs gerade jetzt in der Stunde der Gefahr zur Höhe des tragischen Helden empor: er leert eben ihm gereichten Kelch schmerzlicher Entsagung". * Die gute, die liebe, die brave „Reichspost" befand sich in ähnlicher pein- und qualvoller Lage. Sie zog sich aber gewohntermoßen auf die allerdümmste Weise aus der Affaire. Sie spielte Junius Brutus und dummen August zugleich und sprach ganz blödsinniges Zeug durcheinander; „nur so oderauch anders!" — man konnte es nehmen wie man wollte. Den Sinn, den man hineinlegte, fand man, weil sonst keiner darin war. Spitzer-Weimar oder ein anderer Weihrauch duftender Klebeschmock begann eonfus zu orakeln, nachdem er durch das Vorstecken der Maske eines Hutmachers — Spiegelberg, ich kenne Dich! — versucht hatte, sich ein wenig interessant zu machen: „Zur großen Fabrik." Aus geschäftlichen Kreisen schreibt man uns: „Ihre energische Stellungnahme gegen die Groß-Woarenhäuser Hot Ihnen in unseren gewerblichen Kreisen gewiß viele Freunde erworben. Sie haben auf die Schädlichkeit derartiger großer Etabliffements hingewiesen, welche Rr. 15 durch ihre Manipulationsweise vielen Gewerbekategorien den Todesstoß versetzen. Sie sind bei dieser ganz richtigen Bemerkung von der Annahme ausgegangen, daß die Groß-Waarenhäuser mit localen oder doch inländischen Erzeugnissen, mögen sie auch gegen Hungerlöhne hergestellt worden sein, gefüllt werd n. Dies trifft aber nicht zu, auch nicht bei der „Großen Fabrik" von Stefan Esders. Ich besichtigte gestern die Schaufenster dieses Etablissements. Besonders intereffirte mich die Hut-Collection. Ich fand wirklich billige Preise, Preise billiger als die beiden sattsam bekannten „Aux trois Francais“ und „The Shilling Hat“. Armes Hutmachergewerbe! Hüte für 2 Kronen! Die Sache interessirte mich immer mehr. Ich erkannte schon an den Fagons der Hüte, daß man es hier nicht mit Wiener Fabrikaten zu thün habe. Die Hüte scheinen englisches oderbelgisches Fabrikat zu sein. Im besten Falle stammen sie ans der berühmten Neutitscheiner Fabrik, dem Rendezvousort jüdischer Hnthändler, wo an Ausnützung „technischer Fortschritte", „Heranbildung billiger Arbeitskräfte" und „Verwohlfeilung der Maare" geradezu Unglaubliches geleistet wird. Wenn die „große Fabrikihre Hüte aus fremden Fabriksorten bezieht, dann wird den einheimischen Hutmachern nicht einmal das immerhin zweifelhafte Glück gemessen, als Lohnsclaven im Dienste des christlichen Großkapitals zu arbeiten. Ern Hutmacher. Ein altes Wiener Sprüche! klingt uns da in den Ohren und läßt uns nicht mehr los: „I sag' n i t a s o u n d i sag'nit a so, damit's hernacher nit heißt, i h a b' a s o g's a g t o d e r a s o!" Ja, pfiffig muß man sein! O du famose Schnorrpost, du frischgeschriebenstes aller Sudelblätter, das war ein rechtes Meisterstück, auf das du dir was einbilden magst. P—s. Vudapestrr Brief. Nachklänge zur Oberhaus debat t e über die Reception 8. April 1895. Die Juden hatten von jeher ein dankbares Feingefühl für ihre idealen und selbstlosen Beschützer. Das offenbarte sich auch bei dieser Gelegenheit, als die Danktelegramme, Zuschriften und Ernennungen zu Ehrenmitgliedern von jüdischen Kreisen und Körperschaften an den Minister Wlassics und Oberhausmitglied Paul Szontagh, stoßweise einliefen. Besonders zu erwähnen ist die imposante Deputatton, welche die B a l a s s a - G y a r m a t e r ist. Gemeinde am 31. v. Nt. an Paul Szontagh entsendete, um diesen warmen Vertheidiger unserer Sache eine herzliche Ovation zu bereiten. In 10 Kutschen fuhr die jüdische Intelligenz dieser Gemeinde hinüber nach dem in der Nähe liegenden Horzacs, dem Sitze dieses Magnaten, der auf die dankerfüllte Ansprache des Vorstandes Folgendes erwiderte: „Was ich that, that ich nicht des Dankes halber, da ich j edochsah, daß eine schutzlose Co nfession, deren eine Tugend auch die Toleranz ist und in der die ungarische Staatsidee eine ihrer anhänglichsten Rasse sieht, angegriffen wurde, hielt ich es, von meiner Wahrheitsliebe getrieben, für meine Pflicht, gegen jene Jnvectiven, die eines Ob erhauses unwürdig sind, Einsprache zu erheben. — Bei all dem ist diese Ehrung für mich sehr schmeichelhaft und danke ich der Balassa-Gyarmater Gemeinde dafür, daß sie sich hieher bemüht hat. Sind Sie überzeugt, daß ich wie bisher auch fürderhin für die Wahrheit bis zum letzten Athemzug kämpfen werde." Man sieht also, während einerseits die schlammigen Wellen, von jener Oberhausdebatte aufgeworfen, sich schon längst verzogen haben, andererseits noch immer neue Perlen echter, liberaler Gesinnungen auf der Oberfläche erscheinen, deren leuchtender Glanz so vorteilhaft absttcht von dem wieder in das Dunkel seines Daseins zurückgekehrten Geist jenes aristokratischen Antisemiten. Die Citadelle der ungarischen Freiheit und Gleichheit hat noch ihre muthigen und selbstlosen Vertheidiger, die den Kampf auch mit den von jenseits der Leitha mit Einbruch drohenden Mächten mittelalterlicher Intoleranz siegreich bestehen werden. Und zu diesem Kampfe rüsten sich bei uns schon alle edlen Männer, die angesichts des verblüffenden Umsichgreifens des Wiener Anttsemittsmus, der voraussichtlich leider auch über die Grenze Herüberschlagen muß, schon auf dem Qui-vive stehen.