Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 15 (12.4.1895)
- Date
- 1895-04-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr 15 Dr. Bloch's Vesterrrichifchr Wochrnfchrist Gerte 871 in Cilli hat die Liberalen weit mehr in Anspruch genommen, als die gesammte Judenschafl, einschließlich der für sie von Schneider empfohlenen Schußgelder. Hiezu kommt die allgemeine politische Haltung der liberalen Partei. Es war gewiß nur Ironie, daß der Reactionär Taafse zu Fall kam, weil er ein Wahlgesetz vorschlug, das den Liberalen zu liberal war. Zügegeben, daß das Wahlsystem den Deutschen eine Anzahl .Sitze gekostet hätte. Das beweist doch nur, daß von den Privilegien, die das bestehende Wahlrecht gewährt, die Deutschen einen besonders großen Bortheil ziehen. Aber den Forderungen der Gerechtigkeit entsprach das Taaffe'sche System, das die Antissmiten zudem aus den städtischen Wahlbezirken eliminirt hätte, mehr als das Programm der Liberalen. Der kleine Jude hat keine besondere Veranlassung, den Capitalismus zu lieben, der ihm nicht nur wie vielen seiner christlichen Mitbürger ein wirthschaftliches Hinderniß ist, sondern auch in erster Linie die ..Quelle des Antisemitismus geworden ist. Die etwa fünfhundert ^jüdischen Wähler, die in der Leopoldstadt zu Hause geblieben % sind, hätten einen Socialdemokraten gewählt oder einen Demokraten, wenn ein solcher aufgestellt worden wäre. D Aber ein Anderes ist noch, was uns im Auslande iÄ völlig räthselhaft erscheint. Wie muß es um die Partei Aaussehen, wenn sie eine Anzahl so unsicherer Cantonisten Knicht nur in ihren Reihen zählt, sondern noch mit Mandaten Dbeehrt? Hat eine solche Partei das Recht, auf treue Gefolg- Ischaft zu rechnen? I Ebenso unverständlich ist das Verhalten der Partei nach Uder Wahl. Die Einen rufen den Staat an, weil die Anti- Isemiten nicht regierungsfähig seien — die Anderen wollen «sich mit den nicht regierungsfähigen Antisemiten „in Güte »einigen". Selbst den Kampf zu versuchen, daran denkt man »nicht. Und doch wäre dies das einzig Richtige. Die Partei »müßte so lange weiter regieren, bis sie wirklich in »die Minorität — kommt. Bon Vornherein erklären, daß man »der Parteimitglieder nicht sicher ist, wirkt doch zu kläglich. Ist «man aber überstimmt, so soll man die Antisemiten ruhig an flbie Regierung heranlassen und als Opposition gut machen, A^was man in der herrschenden Stellung versäumt hat — vor Allem verläßliche Leute wählen. Wenn es unter den Liberalen keine Männer gibt, denen die Sache hoch genug steht, um ihretwegen sich Angriffen auszusetzen, dann allerdings Socialdemokraten. Das wäre übrigens schon deshalb gut, damit die stärkste Schichte der Bevölkerung im Gemeinderath vertreten ist. Wir sind aber überzeugt, daß es auch unter den Liberalen genug solche Leute gibt, nur müßte die Auswahl der Candidaten nicht den Wahlcomites überlassen bleiben, die den Nichtbefähigungsnachweis erbrach! haben, sondern die Wähler müßten sich selbst mehr der Sache annehmen, dann würden auch die Forderungen der Erwählten des Volkes volksthümlicher sein, dann würde die Abstinenzpolitik sich nicht mehr wiederholen, und die liberale Partei würde wieder Erfolge erzielen. Wie die Dinge jetzt liegen, betrübt es, daß die Antisemiten Erfolge erzielt haben, aber die Niederlage der „Liberalen" hat viele Liberale kalt gelaffen. Vergant in der Zwickmühle. Es ist von unleugbarem, psychologischem Interesse, die Gewiffenskämpfe einer großen Seele in allen Phasen zu verfolgen, zu sehen, wie die Waage der Entschließung schwankt, bis sie endlich dem Zuge der der stärkeren Motive, dem natürlicheren Triebe nachgibt. Schiller hat in seinem „Wallenstein", Shakespeare in seinem „Hamlet" das Problem künstlerisch bewältigt. Wir fanden nun in den letzten Tagen Gelegenheit, dem interessanten Schauspiele im Leben beizuwohnen. Einer unserer zaubergewaltigsten Mitbürger, welchem Alle, die ihn kennen, die gebührende Achtung zollen — (vergl. das überaus lesenswerthe Büchlein „Kundgebungen gegen das Deutsche Bolksblatt") — der zaubergewaltige Bergani ist der Held des Dramas. Er hat seine Rolle schauerlich schön heruntergespielt. Hören wir, von was sie eigentlich handelt. Die sogenannte „Bolkswirthschaft" der sogenannten „antisemitischen Parteien" ist bekanntermaßen eine äußerst läppische und kaum ernst zu nehmende. Nur durch endlose Wiederholungen haben sie es dahin gebracht, mindest Gebildete glauben zu machen, diese Thesen hätten den Anschein irgend einer thatsächlichen Berechtigung. Daß derlei Gewäsche wifsenschastlich absolut unhaltbar ist, daß das Kartenhaus ihres „Systems" in sich selber zusammenfällt bei dem leisesten Anhauch, man hat es ihnen oft und vergeblich demonstrirt. Treten wir näher. Um was dreht sich ihre Klappermühle? Einzig allein um den Mittelstand, um die Kleingewerbetreibenden. Die wollen sie kapern, denen versprechen sie goldene Berge, und die gehen ihnen auch richtig auf den Leim. Der kleine Mann ist ihr Gott — aber den Kleinsten möchten sie zertreten und vernichten und ausrotten, wenn's nur so leicht ginge. Man sehe nur ihre verabscheuungswürdige, wüste Hausirerhstze! Und andererseits wiederum ihre wüthenden Angriffe gegen das Großkapital, diejede Unternehmungslust im Keime ersticken müssen, welche in jedem Besitzenden einen Schurken, in jedem Unternehmer gleich einen rohen Leuteschinder und schamlosen Ausbeuter wittern. Sie wollen dem Weltenrad in die Speichen fallen, die Zeit zurückschrauben. Das organisirte Capital und die die Menfchenkraft ersetzende Maschine haben die alte wirthschaftliche Ordnung umaestaltet. Wir sind in einem Üebergangsstadium begriffen. Verschiebungen, Umwälzungen heischen leider immer eine gewisse Anzahl von Opfern. Wir müssen dies beklagen; die Gesetzgebung mag ihnen - nach Möglichkeit beispringen — aber das Kleingewerbe ist doch ein verlorener Posten. Es möge sich noch so tapfer vertheidigen, es wird dennoch in diesem ungleichen wirthschastlichen Kampfe unterliegen, früher oder später. Mit Kindergewehren und Holzsäbelchen kann man gegen Krupp, Uchatius, und Mannlicher sich nicht behaupten. Nun kommt noch manchmal dazu, daß der große Unternehmer oder der kleine Hausirer — o wie schrecklich! — ein Jude ist. Das schlägt dem Faffe vollends den Boden aus. Dann entladet sich das Ungewitter nur um so gewaltsamer. Sie haffenden unternehmungsmuthigen Millionär Rothberger nicht minder als den armen Hosenträgerjuden, der im Gasthause von Tisch zu Tisch — abgewiesen wird. Das erfordert so die Logik der antisemitischen National- Oekonomie! Tollheit — aber ohne Methode! Echt wissenschaftlich, nicht wahr? Adam Smith würde sich im Grabe umdrehen, wenn er hörte, was hundert Jahre nach dem Erscheinen seines epochalen Buches: »Inquiry of the wealth of nations« für sinnloser Stiefel als profunde Weisheit verzapft wird von Schlesinger, Lueger und Gregorig!- In der Mariahilferstraße, gleich zu Anfang an der Ecke der Breitegaffe, erhebt sich ein n riesigen Dimensionen angelegter Berkaufspalast mit glänzenden Spiegelscheiben, hochaufstrebenden Pilastern, mit Waarenräumen von erstaunlicher Ausdehnung, Alles angefüllt von oben bis unten. Hunderte von Verkäufern stehen bereit, die Wünsche der Kunden zu empfangen — Alles summt und surrt in dem großen Bienenstock auf und nieder und ist vom Kellergeschoß bis in das fünfte Stockwerk hinauf in rastlosem Durcheinander der Bewegung. „Zur großen Fabrik" ist das Ganze betitelt. Ein Berkaufshaus allergrößten Styls. Stefan Esders heißt der Unternehmer, ein Belgier soll er sein, ein frommer Katholik und ebenso fromme Katholiken stehen hinter ihm, wie man sagt, recht eapitalskräftige Leute, denen es auf ein Milliönchen mehr oder weniger nicht ankommen soll. Ob ein solches Unternehmen in Wien lebensfähig ist, ob es einem Bedürfniß der Bevölkerung entspricht, dies zu erörtern, ist hier nicht unsere Aufgabe. Der gute Herr Stefan Esders speculirt aber stark auf die Hilfe der Antisemiten bei seiner Geschäftserrichtung. Sie sollen ihm in den Steigbügel helfen, damit er den Rothberger aus dem Sattel heben könne. Bergani war auch gleich Feuer und Flamme für diese Idee. Er hat einmal ein Faible für begüterte Leute, die sich seine Freundschaft was kosten laffen wollen und können. Die rührendsten Locktöne schlug er an, in den schmelzendsten, girrendsten Lauten sang er eine Begrüßungshymne, die sich fast bis zu dithyrambischem Schwünge erhob. Ja, er hat seine großen, lyrischen Momente. Wenn man nur ordentlich schmiert, kann man mit dem „Deutschen Volksblatt" sehr gut fahren. Ob man auch weit damit kommt, ist natürlich eine andere Frage. Für dieses christliche Unternehmen also setzte sich B erg a n i mit aller Zaubergewalt, über die er verfügt, machtvoll ein. Leider hatte er sich aber dabei grausamlich verrechnet. Die Bolksblatt- Abnehmer machten energisch Front. Da wollten sie nicht mehr, mitgehen. Nun stand das „Deutsche Bolksblatt" am Berge. Schwere Seelenpein umnachtete darob Bergani's edles Gemüth. Aber er setzte sich hin und schrieb in seinem Briefkasten: