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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-04-12 · 15 (12.4.1895) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
15 (12.4.1895)
Date
1895-04-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 27# Dr Blmtz's Orsterreichifchr Wochenschrift. Nr. 16 Die Mühlfeld und B e r g e r, die Herbst und G i s k r a haben die Staatsgrundgesetze geschaffen, das Coucordat aufgchoben und die Schule von den Fesseln der Kirche befreit. Freiheit, Gleichberechtigung und Aufklärung, das find die drei Grundsäulen, auf welche sich die Macht der liberalen Partei in Oesterreich stützte. Die führenden Männer von Heute können sich mit jenen Geistesriesen nicht messen, aber dankbaren Herzens hing das Volk an ihnen, weil es in diesen Männern die Erben und die Träger jener großen Prinnpien sah. Dieses Vertrauen ist in manchem Punkte getäuscht worden und in Bitterkeit haben sich im Laufe der Jahre Tausende von der liberalen Partei abgewendet. Unwandelbar jedoch blieben die Juden. Sie thellten Freud und Leid mit der liberalen Partei, sie aßen mit chr das „bittere Brot" der Opposition und sie störten mit keinem entmuthigeuden Worte die hoffnungsfrohe Stimmung, welche ihre Führer bei chrem Eintritte in die Coalition bekundeten. Es war eine rührende Treue, welche die Juden dieser Partei bis zum heutigen Tage bewahrten. Ob und wie ihnen diese Treue gelohnt wurde, davon wollen wir hier nicht sprechen. Denn nicht um die ausschließlichen Interessen der Juden handelt es sich in der gegenwärtigen Krise, sondern um die Frage, wie die deutsch-liberale Partei das kostbare Erbe der alten Verfassungspartei verwaltet hat, ob sie noch immer die Hüterin der Freiheit, der Gleichheit und der Volksbildung ist, oder ob sie auf dem Sprunge steht, diese unveräußerlichen Güter für ein armseliges Linsengericht hinzugeben? Um die Frage handelt es sich, ob die liberale Partei von Volkes Gnaden noch weiter leben und wirken oder ob sie nur noch von der Gnade ihrer Gegner ein Scheindasein voll Demüthigung und Erniedrigung frfften will? Die Entscheidung über diese Frage muß rasch getroffen werden, denn die Stunde drängt, und drohend üler dem Haupte der liberalen Partei hängt das Schwert des Genchtes. Sie wird das Schicksal der Altczechen erleiden, wenn sie sich nicht rechtzeitig bewußt wird, daß die einzige Quelle chrer Macht die Heiligkeit chrer Prinnpien ist. * * * Der unerwartete Ausgang der Wiener Gemeinderathswahlen hat im Auslande womöglich eine noch tiefergehende Erregung der Gemüther herbeigeführt, als bei uns in Oesterreich, wo das Unwahrscheinlichste einzutreffen pflegt. Ein hervorragender Glaubensgenosse in Berlin, welcher die Vorgänge in Oesterreich seit Jahren aufmerksam verfolgt, schreibt uns in einem Briefe: „Es ist bemerkenswerth, daß das Schicksal der liberalen Partei in Wien und Oesterreich nicht eine vereinzelte Erscheinung ist, sondern an anderen Stellen — wie in Deutschland und ganz besonders Belgien sich in ähnlicher Weise vollzieht. Dort ist es allerdings eine andere Partei, welche die Erbschaft der Liberalen antritt — in Folge des Wahlrechtes. Würden die österreichischen Arbeiter das gleiche Wahlrecht besitzen, wie ihre deutschen oder belgischen Genoffen, so würde auch dort der Erfolg der gleiche sein, statt der antisemitischen Partei würden die Socialdemokraten die Wahlerfolge erringen. Bom Standpunkte der Partei ist den „Liberalen" Oesterreichs — und nicht blos Oesterreichs — der Antisemitismus das kleinere llebel. Er kann ihnen nie soviel Mandate entreißen, wie die Socialdemokratie unter dem allgemeinen Wahlrecht. Bom Standpunkte des Liberalismus dagegen ist die Soeialdemokratie durchaus vorzuziehen, die mit der liberalen Partei gemeinsam die Grundlagen der bürgerlichen Freiheit und der Gewiffensfreiheit vertheidigen würde. — Hier besteht ein natürlicher Gegensatz zwischen einem Theil der Juden und der Liberalen. Die Juden wünschen naturgemäß die politische Gleichberechtigung der Massen, welche nicht nur die Antisemiten aus der Gemeindestube und dem Parlament zum großen Theil wegfegen würde, sondern auch eine Forderung der Gerechtigkeit, und deshalb des wahren Liberalismus ist. Und in der Furcht vor diesen Wahlen wird andrerseits der Liberalismus der Liberalen fadenscheinig. Ist doch bei den letzten Wahlen in mehreren Bezirken Belgiens der Sieg der Katholiken dadurch herbeigeführt worden, daß liberale Wähler — bei Nachwahlen theilweise gleich im ersten Wahlgang für den nltramontanen Candidaten stimmten. Zugleich verliert der Liberalismus seine Kerntruppen. Seine glänzenden Siege bis in die Mitte der Achtziger-Jahre hat der Liberalismus in Deutschland, hauptsächlich mit den Arbeiterbataillouen — in erster Linie den gebildeten Druckern und Maschinenbauern errungen. Mit diesen Wahlen sind den liberalen Parteien nicht nur die Tausende von Stimmen sondern — und dies ideale Moment fällt auch da ins Gewicht, wo diese Claffen kein Wahlrecht haben — auch Schätze an politischem Idealismus verloren gegangen. Diese Schichten sind heutzutage auch die Träger der politischen Demokratie. Es ist nicht wahr, daß der liberale Gedanke zurückgegangen ist — die Entwicklung Deutschlands, welches wir immer zum Vergleich heranziehen müffen, weil es des allgemeinen Stimmrechtes wegen ein zuverlässigeres Bild bietet, zeigt das Gegentheil. Bon je 1000 abgegebenen Stimmen waren in Deutschland conservativ ultramonnationalliberal freidemokratisch und antan und liberale sinnig und socialtisemitisch Reichspartei demokratisch 1871 217 176 355 83 35 1893 227 191 129 122 255 Was an Tausend Stimmen fehlt, entfällt auf Polen Welsen. Elsäffer und Wilde. Diese Zahlen bekunden einen deutlichen Zug nach links, der sich noch schärfer zeigen würde, wenn wir auch die Zahlen der dazwischen stattgefundenen Wahlen angeben würden. Je mehr die liberalen Mittelparteien aber ihre Mitglieder nach der linken Seite abschwenken ssehen, umsomehr verliercn sie an innerem Halt und Widerstandskraft nach rechts. Dies hat sich — damit kommen wir zu unserem eigentlichen Gegenstand zurück — auch bei den Wiener Gemeinderathswahlen gezeigt. Trotz der erlittenen Niederlage werden die Liberalen immer noch 74 Stimmen gegen 64 antisemitische zählen. Das ist eine Majorität, mit der mancher große Staat Jahre lang regiert worden ist. Aber — die liberale Presse und Bürgermeister Grübl gestehen ein, daß sie auf ihre Leute nicht zählen können. Die ausstehenden Stichwahlen wurden, mit Ausnahme der einen bei der sich zwei Liberale als Gegner gegenüberstanden, schon a priori als Gewinn der Antisemiten gezählt. Trotzdem waren bei einigen dieser Wahlen nur ein paar Stimmen zu gewinnen, um den Liberalen den Sieg zu schaffen. Aber auf liberaler Seite hoffte man nicht darauf*), man gab die eigene Sache schon vor der Schlacht verloren. Bor der Wahl war die Organisation so ungenügend, daß die „Neue Freie Preffe" das Hauptorgan der Partei, die Namen der Candidaten gar nicht officiell mitgetheilt erhielt, sondern diese durch private Umfrage feststellen mußte. Genug, Alles, was wir bei der Wahl gesehen haben, deutete darauf hin, daß weit weniger in der werbenden Kraft des Antisemitismus, als in der Desorganisation der Liberalen der eigentliche Grund der Niederlage zu suchen ist. Es fehlte der Partei und ihren Mitgliedern an Idealismus. Nicht an dem Idealismus, der sich an schönen Worten und Leitartikeln berauscht und sich an der Schlechtigkeit der Gegner baß entrüstet, sondern an dem Idealismus der That, an geistiger und materieller Opferfreudigkeit. Dieser Vorwurf trifft in hervorragendem Maße auch die Wiener Juden, es ist eine Ironie, daß die Antisemiten den „Judenlrberalen" nicht nur durch die Rücksichtslosigkeit der Agitation, sondern überall auch durch die größeren Geldmittel überlegen sind. Ein reicher Jude, der für die Wahlen nichts gibt, ist mindestens ebenso unpolitisch als der kleine Mann, der für die Liberalen nicht stimmt. Er verdiente sogar mehr Tadel, denn er läßt die Partei im Stich, der er anzugehören behauptet, während in dem Verhalten des kleinen Mannes doch wenigstens ein gewollter Protest zum Ausdruck kommt. Zu diesem Proteste haben verschiedene Ursachen beigetragen. Zunächst die Haltung der Partei gegenüber den Juden. Während mau von ihnen eine Gefolgschaft san8 pbrase als Recht beanspruchen zu können glaubte, hat man ihre Rechte — mit einigen Ausnahmen — nur lau dertheidigt. Schob man früher die Schuld auf Ta affe, so hatte man jetzt Gelegenheit, sich zu bethätigen. Aber das Gymnasium *) Trotzdem hat man einen der Sitze noch halten können.

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