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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-04-12 · 15 (12.4.1895) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
15 (12.4.1895)
Date
1895-04-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 15. Dr. Bloch’s Jahrgang XU. Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. L. k. poftfrarEatfen-Ilmt Clrartngv erkrhr Nr. 810.976. »rd«rlton und ALminiprstton: Wien Fr»rq Josrfs-Nual Nr. 9. Tfllaphon-Nr. 6535. i ' '=^-=.==3K Wien, 12. April 1895. - .hw- Erscheint jeden Freitag. - .^> f «^»- Wan «bonnirt bei allen Possanstaltrn des In- und Auslandes. für Srstrrrrirh: Halbjährig 4 fl. 8 Är. Lmzelexemplare S5 ft. Wr'» AuslsnL: halb^^hrig 5 fl. 10Xr. ,«uzjährig 10 „ — M „ Anzeige«: Die 4mal gespaltete Petitzeile IS fr. Inhalt: Leitartikel: Die Decadenten. — Bergani in der Zwickmühle. — Budapester Brief. — Beitrag zur Geschichte der russischen Inden. — Israels Einseitigkeit und vermeintliche Feindschaft gegen die Kunst. — Zur Erinnerung an Friedrich Hebbel. — Wiener Kunstbericht. — Der Weinbau in Palästina. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Die Nothnagel-Stiftung. Bei Dr. Mamorek. Dergani der „Ehrenbürger" von Mühldorf. Jüdische Dienstherren. Eine Gräfin Perponcher. Tie Juden und der Ackerbau. Drumont ein Jude. H. v. Sybel über Eduard Lasker. Samuel ben Adija. — Stachelzaundraht. — Correspondenzen: Wien, Brünn, Cilli, Budapest, Bukarest, Mailand. — Vermischtes: Wien, Holic, Stanislau, Brünn, Malaczka, Zwittau, Raudnitz, Kojetein, BreSlau. — Feuilleton: Passah. — Mein Freund Wodakoski. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Die Decadenten. Es hat in Oesterreich bis vor Kurzem eine große und mächtige Partei gegeben, welche auf eine glänzende Vergangenheit zurückzuweisen vermochte, mit deren Namen sich eine ruhmvolle Epoche nationalen Aufschwunges verknüpfte und deren Macht unerschütterlich gegründet schien auf die Liebe und Verehrung des Volkes gegenüber den hochbegabten Männern, die an ihrer Spitze standen. Wir sprechen nicht von der deutsch-liberalen Partei, sondern von denAltczechen, aber indem wir das Schicksal der Letzteren zeichnen, drängt sich uns unwillkürlich die Parallele mit den Deutsch- Liberalen auf. Die Rieger, Zeithammer und Mattusch standen gewiß an Talent, parlamentarischer Erfahrung und Verständniß für die Bedürfnisse ihres Volkes den P l e n e r, Ku enb ur g und Ruß nicht nach, ja mehr noch, Dr. Ladislaus Ri eg er war der Träger einer nationalen Tradition, welche von der Lichtgestalt P a l a c k y's auf ihn übergegangen war und welche bis in das große Freiheitsjahr zurückreichte. Noch ist kein Decennium dahingegangen, seit das ganze böhmische Volk in glühender Begeisterung Ladislaus R i e g e r szu seinem 70. Geburtstage huldigte und eine Ehrengabe vonHunderttausend Gulden aufbrachte, um chm seinen Dank für^die selbstlose Hingabe an die nationalen Interessen abzustatten. Man kann nicht sagen, daß es der altczechischen Partei an irgend einer Vorbedingung zur Behauptung chrer Macht gemangelt habe. In ihrer parlamentarischen Vertretung saßen Männer von hervorragenden Fähigkeiten und der feste Bestand der Partei schien allein schon durch die maßgebende Stelle verbürgt, welche sie in dem System T a a f f e einnahm. Sie war ein nothwendiges Glied jenes „eisernen Ringes", auf welchen sich zwölf Jahre hindurch Graf T a a f f e gestützt hatte, und der gewaltige Einfluß, über den jede Regierungspartei verfügt, kam ihr bei allen Wahlen in die öffentlichen Vertretungskörper zu Gute. Und dennoch kam ein Tag, an welchem diese stolze Partei zerschmettert wurde wie ein breitästiger Baum, in dessen Krone mit jähem Streiche der Blitzstrahl fährt. Aller Ruhm und Glanz, der sich an die Namen chrer Führer heftete, alle Verdienste, welche sie sich um die materielle und intellectuelle Erhebung ihres Volkes erworben hatte, konnten chren Sturz nicht verhindern. Es ist nicht wahr, daß solche plötzliche Gemüthswandlungen sich ohne Ursache vollziehen. Wie in der Natur, so herrscht auch in der Geschichte das Gesetz der Causalität und es gibt keine Wirkungen ohne vorhergegangene Ursachen. Die Vernichtung der altczechischen Partei, deren Name heute, nach kurzen fünf Jahren, nur noch legendenhaft an unser Ohr schlägt, war eine wohlverdiente, dem: ihre Führer hatten vergessen, daß sie ihre Macht aus den Händen des Volkes empfangen halten und daß dieselbe nur gerade so lange dauern konnte, als sie den Volksinteressen dienten. Die jahrelange Gewöhnung an die unbedingte Ergebenheit der Wählerschaften hatte sie zu dem Jrrthum verleitet, daß sie nicht dem Willen der Nation, sondern diese chren Dictaten zu folgen hatte. Das Bewußtsein, ein nothwendiges Glied der Regierungspartei zu sein, hatte sie schließlich so sehr erfaßt, daß sie nur noch von der Gnade der Regierung und ihrer Verbündeten, statt durch die Kraft chrer eigenen Grrmdsätze die Erfüllung ihrer Wünsche erhofften. So wandelte sich denn die einst so starke, stoßkräftige, temperamentvolle Politik der Altczechen in jene laue und schwächliche „Brosamen-Politik" um, welche sich mit den Abfällen des Tisches begnügte, den das torystische Cabinet T a a f f e für Adel und Clerus so reich gedeckt hatte, und jener R i e g e r, der im constituirenden Reichstag des Jahres 1848 zu den Freiheitsstürmern gezählt hatte, buhlte nun um die Gunst der böhnnschen Magnaten und wurde zum Schleppträger des Feudalismus und Clericalismus. Sein Volk hat ihn dafür furchtbar gestraft und sein Schicksal mag der deutsch-liberalen Partei und ihren Führern zur ernsten Mahnung dienen. Im politischen Leben gibt es kein Gestern, sondern nur ein Heute. Die Freiheitsliebe eines Volkes kann keine Befriedigung darin finden, irr der Asche erstorbener Flammen zu wühlen, und die Ruhmesthaten, welche die alte Verfassungspartei vollbracht hat, befreien ihre Epigonen nicht von der Pflicht, dem Volke, aus welchen: sie hervorgegangen sind und dessen starker Arm sie emporgehoben hat, auch weiterhin das Beispiel wahrhaften Freisinns zu bieten.

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