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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-04-05 · 14 (5.4.1895) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
14 (5.4.1895)
Date
1895-04-05
Page
– (sequence 19)
Language
German
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•>tr. 14 Dr. Blüch's Veste rrrichisüre Wochenschrift. Seite 267 suchungsrichter, Friedensrichter und Vorsitzende der Commerzgeeichte u. s. w. Tiefer Säuberungsproeeß vollzog sich in der allerkürzesten Zeit und gegenwärtig zählt die russische Armee keinen einzigen jüdischen Officier, noch Unterofficier und Feldwebel, im Staatsdienst befindet sich kein einziger Jude, mit einiger: wenigen Ausnahmen ergrauter Veteranen, die inan nicht ans humanen Rücksichten duldet, sondern weil sie unentbehrlich sirrd. Der Purificationsproceß nahm nur eine ganz kurze Zeit in Anspruch, inan arbeitete mit vollem Dampf, von amore. X. Die A rr s rr a h m s g e s e tz e der d r e i z e h rr I a h r e. Im Laufe der etwa mehr als hundert Jahre, daß sich die Juden unter russischem Seepter befinden, wurden in Bezug auf sie so zahlreiche Ausnahmsgesetze erlassen, daß allein deren Aufzählung einen Riesenband von mehr als hundert Druckbogen in Folio bilden. Baron Horace Günzburg hatte von etwa 20 Jahren eine Ausgabe dieser Gesetze veranstaltet und ein Werk geschaffen, das -sowohl an Größe als an Inhalt eine Monstrnosität genannt werden kann. Doch die letzten dreizehn Jahre hat sich diese Collection von Ausnahmsgesetzen erheblich vermehrt. Die Regierung Alexander II. schloß mit einem entsetzlichen, die Menschheit schändenden Verbrechen — dem Vatermorde. Die Regierung Alexander III. begann unter der unheilvollen Beleuchtung der Brandstiftungen, welche die sogenannten „Judenkrawalle" im Süderr erhellten. Diese „Krawalle", von Mord und Raub begleitet und von der Regierung nur schwach bekämpft, bildeten den Ausgang des neuen Abschnittes der Martyrologie der russischen Juden. Es schien, als ob diese aller Gesetzlichkeit hohnsprechenden „Krgwalle" die Regierung zu einem Verfolgungssystem gegen die Juden angeregt, ermuntert hätten. Anstatt mit den Opfern: dieser blutigen Ausschreitungen des fanatischen Janhagel Mitleid zu fühlen, schien man das Bedürfniß zu fühlen, sich dein Lynchsystem anzuschließen und die sog mannte Vvlksjustiz zu legalisiren, zu sanctioniren. Man begann sich eifrigst mit dem Schicksal der russischen Juden zu beschäftigen und wie der zum Minister des Innern gewordene Graf N. P. Jgnatieff, der Mephistopheles des Orients, mit der ihn: eigenen dämonischen Ironie sagte: „man begann den Juden den Aufenthalt in Rußland so unerträglich zu machen, den Brotkorb so hoch zu hangen, daß unwillkürlich ihnen die Nothwendigkeit des Exodus aufdännnern mußte." Die Judenfrage wurde nunmehr nicht von der Tagesordnung abgesetzt,, und wenn :nan alle anderen socialen Fragen so eifrig erörtert, so eingeheno behandelt hätte, wie diese, so wäre Rußland weit vorgeschritten. In der legislatorischen Thätigkeit dieser Periode nehmen die jüdischen Angelegenheiten eine hervorragende Stelle ein, und wenn so Manches in: Staate Rußland faul blieb, so sind unzweifelhaft die Juden daran Schuld: sie absorbirten schon gar zu sehr die legislatorische Thätigkeit, inonopolisirten sie geradezu. Sind nicht die luden Hassenswerth? Im Jahre 1883 ward unter den: Vorsitze des ehemaligen Justizministers Grafen v. d. Pahlen eine supreme Commission geschaffen, welche die Judenfrage definitiv regeln sollte. Doch erw'-"s sich Graf Pahlen als zu human und hatte er die auf i n gesetzten Hoffnungen getäuscht. Seine achtjährige Arbeit, deren Resultat zu Gunsten der Juden ausgefallen war, wurae beseitigt und 1891 eine zweite Commission ernannt, unter dem Vorsitze des College:: des Ministers des Innern, Herr:: v. Plauen. Seltsamerweise wurden stets Deutsche erwählt, wenn es sich darum handelte, die russischen Juden in ihren Rechten zu beschränken. Der deutsche Antisemitismus schien dabei als leuchtendes Vorbild zu dienen. Auf Initiative des Grafen Jgnatieff hatte die Regierung an alle Provinzialgouverneure und Civilgouverneure die Cireuläranfrage erlassen, sie mögen eingehend berichten, in welcher Weise die Juden für dir übrige Bevölkerung schädlich sind. Selbstverständlich, daß eine derartige Fragestellung auch gleichzeitig die Antwort bedingte. De:::: es handelte sich ja nicht darum, zu erfahren, o b die Juden überhaupt schädlich sind, sondern i n w i e f e r n sich ihre Schädlichkeit kundthut, welche also a priori als vorhanden betrachtet wird. Tie Antworten fielen auch meistentheils. wie man es übrigens nicht anders erwarten konnte und auch nicht erwartete, jo aus, daß die Juden absolut schädlich seien, daß man gegen sie also als Parasiten vorzugehen habe. Rur einige aufgeklärte Provinzialgouverneure ließen sich durch die maechiavellistische Fragestellung des Vaters der Lüge und Mephistopheles des Orients nicht einschüchtern, sondern berichteten geradezu der Wahrheit gemäß, daß, ihrer inneren Ueberzeugung nach, die Juden nicht nur nicht schädliche, sondern höchst nützliche Bürger seien, die man in ihren Rechten nicht ferner beschränken, sondern denen man weit größere Freiheit gewähren müsse, da sie volles Anrecht darauf hätten. An hoher Stelle wurde dieser Freimuth sehr übel vermerkt, und die Herren Gouverneure, die sich gestattet, anderer Ansicht zu sein als der leitende Minister, die nicht mit dem Strome schwammen, wurden den: Ostraeismus anheimgestellt. Die Pahlen'sche Commission beendete ihre Ausgabe 1887, doch verlief dieselbe resultatlos, da sich die Commissionsmitgtieder nicht einigen konnten. Die Majorität sprach die Ansicht aus, daß mau die Lösung der Jndenfrage der Zeit auheimstellen müsse °, daß die Regierung in: Grunde genommen eine allmälige Gleichstellung der Juden beabsichtige, die Minorität schloß sich dieser Ansicht nicht an, sprach im Gegen:heit die Ueberzeugung aus, daß mau nur durch Repressivmaßregeln wider die Juden die Urbevölkerung gegen die Ausbeutung seitens der Juden schützen müsse. Tie Minorität der Commission fand in den höchsten Sphären Anklang und Graf Pahlen legte angesichts dessen sein A:nt nieder. Er hatte unstreitig das Beste gewollt. Die Pahlen'sche Commission war resolut judenfeindlich und so geschah es, daß man die Rech re der Juden so lange beschnitt, vis von ihnen nichts übrig blieb und sie sich an einen: schönen Tage, ohne irgend ein Verbrechen begangen zu haben, sich aller politischen und bürgerlichen Rechte für verlustig erklärt sahen. Tie Maigesetze von 1882 jagten die jüdische Bevölkerung vom flachen Laude in die Städte und schufen daselbst ein furchtbares Proletariat. Die Thore der militärischenMedina'schen Akademie, das Jngenieurinstitut, das Forstcorps wurden vor der jüdischen Jugend hermetisch geschlossen, der Zutritt in die Universitäten und andere Hochschulen, sowie in die Gyinnasien und Realschulen auf's Aenßerfte beschränkt, fast ganz unzugänglich gemacht. Auf allen Gebieten des Handels, der Industrie, des Gewerbes wurden hemmende Schranken errichtet: selbst in dem Ghetto wurden Einschränkungen geschaffen: der Aufenthalt außerhalb der Städte, selbst nur für die kürzeste Zeit, war verboten, so daß sich im großen Ghetto zahllose kleine Ghettos bildeten, die deren Bewohner unter Androhung strengster Strafen nicht verlassen durften. Tank diesen systematischen Verfolgungen seitens der Administration ward auch die souft sehr gutmüthige und tolerante Bevölkerung gegen die Juden aufgehetzt. Es wurde der Antisemitismus künstlich genährt und großgezogen und die ausgestreute schlimme Saat gab garböse Früchte. Die Bewohner von Ortschaften, in denen den Juden der Aufenthalt gestattet ist, petitivnirten bei der Regierung um Verwandlung der „Ortschaft" in „Dorf", was die Austreibung der Juden nach sich ziehen mußte. Freilich litten die Interessen der christlichen Bevölkerung durch diele Metamorphose sehr erheblich, aber was gelten eigene Interessen, wenn es sich dar::::: handelt, den verhaßten Juden einen Todesstoß zu versetzen! Das Wohnrecht ward selbst im Ghetto immer mehr eingeschränkt und wurden dadurch geradezu unleidliche Zustände geschaffen. Die jüdische Bevölkerung ward in den Städten und Städtchen des nord- und südwestlichen Gebietes

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