Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 14 (5.4.1895)
- Date
- 1895-04-05
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 266 Dr Bloch's Orsterreichifchr WortzenschrrfL. Jtx. 14 — Alles können Sie im Judenthum finden, wie das natürlich ist, w.'nn eine große Masse gedrückt wird und nach allen Seiten gleichsam auszuweichen sucht, dann einzelne Canäle des öffentlichen Lebens füllt, in welchen allein sie den Ausweg findet. Ich will über Alles das nicht sprechen, ich null aber sprechen kür die Tausende und Tausende von ehrenhaften fleißigen Menschen, welche der israelitischen Confession angehören, die ihre Pflicht gegen die Familie und gegen den Staat regelmäßig erfüllen und welchen man nur, weil sie als Inden geboren sind, die volle Ausübung der bürgerlichen Rechte nicht zugestehen will. Das ist eine schreiende Ungerechtigkeit und steht im vollsten Widerspruche zu allen gesetzlichen Bestimmungen unseres Staates. Es gibt so einzelne Erlebnisse, welche man^ nicht aus dem Auge verlieren kann. Vor gar nicht langer Zeit ist bei mir ein alter Jude betteln gewesen. Ec sagte, er sei ein Hausirer, er habe aber durch die Krankheit seiner Frau oder durch, seine Krankheit, ich weiß es nicht — seinen ganzen Kram eingebüßt. Ec sei nicht im Stande, sich eine Kleinigkeit von Gablonzer Tand anzuschaffen und damit in den Prater zu gehen. Jh fragte ihn um seine Vergangenheit. Er antwortete: Herr, ich bin 62 Jahre alt, ich habe 16 Jahre beim Militär gedient, ich habe die Kriegsmedaille, ich habe bei Solserino einen Schuß in die linke Hand beko mmen. Ich habe ihn nicht gefragt, warum er nicht mit seinem Certificate um eine Stelle als Amtsdiener eingeschritten ist, weil die Antwort, die ich bekommen hätte, mir zu schmerzlich gewesen wäre. Aber, hohes Haus, es wird ja früher oder später ein Gesetz hier auf die Tagesordnung kommen, welches die Hausirer betrifft. Ich werde schwerlich sprechen, es wäre unbescheiden von mir, die Aufmerksamkeit des hohen Hauses so oft in Anspruch zu nehmen; aber ich sage, ich beneide diejenigen nicht, welche in sich das Bewußtsein tragen werden, diesem armen Teufel, der 16 Jahre beim Militär gedient und die italienischen Feldzüge mitgemacht hat, die letzte Existenz, die letzte Möglichkeit einer ehrlichen Existenz genommen zu haben. (Sehr, richtig! — Bravo!) Und nun will ich schließen. Ich danke dafür, daß mir gestattet worden ist, einige auf die Stadt Wien bezügliche Fragen hier zu erörtern. Die Frage der allmählichen Assimilirung der fort nnd fort einwandernden Massen des Volkes ist für uns wirklich die schwierigste, sie ist eine große sociale Frage, eine Frage, wllche nicht nur Wien, sondern das ganze Reich mit Interesse erfüllen sollte. Dieser großen Frage gegenüber freue ich mich vom ganzen Herzen, wenn es möglich ist, eine Regierung vor mir zu haben, welche alle diejenigen unfruchtbaren Streitigkeiten, welche uns im Laufe der letzten Jahre soviel Zeit gekostet haben, mehr und mehr zurückzudrängen im Stande ist. Ich hoffe, daß die Coalition, wenn sie den Grundsätzen treu bleibt, unter welchen sie gebildet worden ist, hier uns die Möglichkeit schaffen wird, wie wir schon mehrere Beispiele vor uns gesehen haben, in fleißiger Arbeit allgemeine gute Gesetze zu Stande zu bringen. Ich bitte dabei mehr als bisher die socialen Verhältnisse im Auge zu behalten, welche sich in unserer Reichshauptstadt entwickelt haben. Wenn die Regierung die nationalen Fragen zurückzuhalten oder einzudämmen im Stande ist, wenn sie mit größerer Entschiedenheit als bisher die Gleichberechtigung der Confeffionen zu vertreten sich entschließen will, wenn sie ein offene- Auge haben will für den Uebergangszustand unserer Stadt, kann ich mich dessen nur freuen und ich hoffe, es wird so sein. Und darum werde ich für meinen Theil mit Zuversicht dieser Regierung das vorliegende Budget votiren. (Lebhafter Beifall und Händeldatschen. — Redner icird von vielen Seiten beglückwünscht.) Beitrag;ur Gesckichke der ruyischen Juden. ix. Rückblicke.*) Die energischen Worte, mit welchen Kaiser Nicolai II. sich an die Vertreter des Adels und der Semstwos beim Empfang der Deputationen im Winterpalais gewandt und die durch gewisse, vorgeschrittene Landschastsversammlungen *) Bon einem hervorragenden Glaubensgenossen in St. Petersburg Bergt. Nr. 8. kundgethanen Wünsche, „sinnlose Träumereien" (bessmys lennyje metschtunija) genannt und die unentwegte Ausrechterhaltung des autokratischen Princips resolut betont hatte, haben im Auslande eine ganz andere Beurtheilung als im Jnlande gefunden. Ein jeder wohlmeinende, verständige Russe sieht ein, daß der plötzliche Uebergang vom autokratischen zum parlamentarischen Regime von unsäglichem Elend begleitet sein würde. Rußland ist nun einmal nicht reif für eine constitutionelle Regierung und eine aufgeklärte, humane Selbstherrschaft, wie sie Nicolaill. in seiner so sympathischen Persönlichkeit verkörpert, ist unstreitig die beste und ersprießlichste, so lange noch das Gros der Völker in Unwissenheit verharrt und von einer intelligenten Minorität weit schlimmer nnd verhängnißvoller tyrannisirt und terorrisirt würde, als es je bei dem schlimmstm, automatischen System geschehen kann. Speciell für uns Juden ist die Autokratie der einzige Schutz, die einzige Stütze. Stellen Sie sich ein russisches Parlament vor, eine bunt zusammengewürfelte Volksvertretung, bestehend aus den heterogensten nationalen Elementen, aus Russen, Polen, Deutschen, Balten, Finnländern, Esthen, Korelen, Baschkiren, Tungiesen, Grusieru, Tscherkessen, Eskimos u. s. w., aus Repräsentanten diverser Religionen: rechtgläubig, protestantisch, katholisch, reformirt, evangelisch, anglikanisch, mahomedanisch, persisch (Feueranbeter), Heiden u. dgl. Denken Sie sich solch ein Konglomerat von Rassen und Confeffionen und Sie können sich leicht vorstellcn, welches die Lage der Inden, dieses einzigen Sündenbockes der Menschheit, unter solchen Verhältnissen gewesen wäre. Nein, da ist die aufgeklärte Autokratie vorzuziehen, besonders wenn sie durch einen so hochherzigen, edelgesinnten, humanen, jungen Fürsten repräsentirt wird, als es unser Monarch in der That ist. Wir können von Nicolai II. das Beste hoffen, freilich kein gewaltsames Niederreißen der bestehenden Verordnungen, doch mindestens eine mildere Handhabung der drakonischen Gesetze. Er kam: beim besten Willen nicht im Handumdrehen eine im Laufe der letzten dreizehnjährigen Periode geschaffene, die Rechte der Juden bis auf ein Minimum reducirende Gesetzgebung aufheben, aber er kann die Wunden lindern, welche dieselben geschlagen. Während der abgelaufenen dreizehn Jahre schien es, als ob die russischen Legislatoren keine andere, keine höhere und unaufschiebbarere Aufgabe kennen, als die russischen Juden in ihren ohnehin schon genug mikroskopischen Rechten zu beschränken. Es erfolgte eine Unmasse von Verordnungen, welche die normale, geistige und materielle Entwicklung des Judenthums völlig unterminirten. Der Kampf mit dem Nihilismus wurde nicht so erbarmungslos geführt, als der Feldzug gegen den Judaismus. Die gesummte bureaukratische Maschine ward in Bewegung gesetzt, um Alles, was unter Alexander II. zu Gunsten der Juden, zu Gunsten ihrer langsamen, aber stetigen Gleichstellung geschehen war, zu vernichten. Die Ausnahmsgesetze folgten einander in geradezu verblüffender Schnelligkeit und in dem Anfänge der Achtziger-Jahre werden die Seiten der Geschichte der jüdischen Martyrologie blutig gefärbt. Mit einem Federstrich wurden die Juden aus der Armee und der Beamtenhierarchie ausgemerzt. Ohne die humane Gesetzgebung des früheren Regimes, welche den Juden, die einen Universitätseursus absolvirt, vollständige Gleichberechtigung gewährte, aufzuheben, (was viel Zeitverlust verursachte hätte und vielleicht im Ministerconseil und Reichsrath auf Hindernisse gestoßen wäre) wurde durch confidentielle Cabinetsverordnungen angewiesen, keine Juden mehr zu Officieren in der Armee ernennen zu lassen, die bereits Avancirten mit allen Mitteln „auszuräuchern" und ebenso in der Civilverwaltung zu verfahren, wo bereits zahlreiche Juden hervorragende Stellungen einzunehmen verstanden hatten, als im Senat und Justizwesen, als Staatsanwälte und Unter-