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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-04-05 · 14 (5.4.1895) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
14 (5.4.1895)
Date
1895-04-05
Page
– (sequence 17)
Language
German
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y<r. 14 Dr. Blortz's Orkerrrichischr Wochenschrift. Seile 265 Professor Soest über den Lntisemittsmus. Aus der Rede des Herrn Prof. Dr. Sueß in der 361. Sitzung der XI. Session am 28. März 1895: „Und nun kommt das Gefährlichste. Dadurch wird auch die Stellung des Abgeordneten gegenüber seinen Wählern vollständig verändert. Es ist natürlich, daß dann auch der einzelne Wähler viel weniger um die großen und allgemeinen Fragen des Vaterlandes, sagen wir, um die idealen Fragen sich kümmert, als viel mehr um seine speciellen Interessen, und daß jeder einzelne Wähler glaubt, der Abgeordnete sei verpflichtet, seine Privatinteresseii zu stützen uno zu vertreten, so daß die allgemeinen Dinge gegen die speciellen immer weiter zurücktreten. Es entsteht die Frage, ob nicht auf die Dauer bei weiterem Borgreifen der staatssooialistischen Ideen, von denen ich auch sage, daß sie nicht ganz zurückzudläugen sind, eine Gefährdung der ganzen Basis der parlamentarischen Einrichtungen in ganz Europa die Folge sein wird. Wir haben Aehnliches gehabt vor vielen Jab, Hunderten. Es existirt ein Buch von Quinkus Cicero, dem Bruder des berühmten Redners, betitelt: „Bon der Wahl zum Senator", in welchem er die Weisung gibt: „Festigkeit im Urthe.le, Beharren in demselben, das ist die Aufgabe des Senators; Geschmeidigkeit ist die Zierde des Candidaten. (Heiterleit.) Du mußt im Stande sein, Alles zu versprechen, du mußt im Stande sein, den hohen Herrn davon zn überzeugen, daß du nur seine Interessen vertreten wirst, und auch im Stande sein, den Bauer und Gewerbsmann zu überzeugen daß nur du der Vertreter der entaegenstehenden Interessen des Bauers und Grwerbsmannes bist." Ich spreche hier Nicht von heute (Lebhafte Heiterkeit), sondern von dem, was vor beinahe 2000 Jahren der Fall war. Er sagt: „Du mußt hinunter gehen auf den Markt, wo viele Leute sind, und hinter dir muß ein Nomenclator stehen, das heißt einer, der dir die Namen der Leute zuflüstert; denn der Gewerbsmann und der Bauer haben beide die Eigenthümlichkeit, daß sie den für ihren Freund halten, der sie beim Familiennamen zu nennen weiß." So war es vor 2000 Jahren. (Lebhafte Heiterkeit.) Wenn sie aber bedenken und aus diesen kleinen Zügen entnehmen, wie wenig sich eigentlich der Typus der Menschheit seit jener Zeit verändert hat (Lebhafte Zustimmung), dann, bitte ich, denken Sie nach über die socialdemokratischen Theorien, welche glauben, es würdevonheute auf morgen die ganze Menschheit sich verändern. (Abgeordnete)' Dr. Kronaicetter: So dumm sind die Leute nicht! Ich bitte mir den Marx zu lesen!) Also in 14 Tagen. (Abgeordneter Dr. Kronaio etter: Auch nicht in 14 Tagen, denn dem ist so ein Unsinn nicht eingefallen!) Meine Herren! Ich stelle es gewiß jeder Partei frei, sich den Namen beizulegen, welchen sie für den passendsten und besten hält. Wenn sie aber einen Namen wählt, welcher bereits in der Geschichte der politischen Ereignisse der letzten Decennien einen gewissen Ruf hat, dann darf sie ihn nur dann wählen, wenn ihre Richtung auch wirklich diesem Ausdrucke entspricht. Nun bitte ich aber, meine Herren! Wir kennen eine christlich-sociale Partei. Der Schöpfer derselben ist der Bischof Ketteler von Mainz. Sein Buch „Arbeiterschaft und Christenthum" ist eigentlich die grundlegende Schrift für das sogenannte sociale Christenthum. Schlagen Sie dieses Buch auf und Sie werden sehen, nicht mit welcher Anerkennung, fast möchte ich sagen, mit welcher Bewunderung der Bischof Ketteler von der civilisatorischen Mission der Juden spricht, von dem Sclaventhume unter den Juden, von der Thatsache, wie weit die Juden in der Erkenntniß der socialen Probleme voraus gewesen sind. Wenn nun eine Partei, welche bisher die antisemitische gewesen ist, fortan ficts die christlich, sociale nennt, so muß ich ausdrücklich und mit voller Entschiedenheit hinzufügen: Das, was man bisher christlich-social genannt hat, das ist diese Partei nicht, das Gegentheil davon ist sie. Sie sind, meine Herren, für uns die antisemitische Partei. Warum sind Sie es? Soll die Million Juden, welche in Oesterreich wohnt, nicht auch einmal es' soweit bringen, daß einige Worte über sie hier gesprochen werden, wo man soviel über die anderen Theile der Bevölkerung spricht? Was ist denn an Ihnen, meine Herren (gegen die äusserste innkef außer Sprache und Figur arisch oder indogermanisch? Nichts anderes in Ihrer ganzen Sitte ist indogermanisch oder arilch als dasjenige, was an das Heldenhafte eines alten WandervolkeS erinnert. Das Duell ist eine indogermanische Einrichtung, ich weiß nicht, ob der Held Luegerein besonderer Befürworter des Duells ist. (Heiterkeit.) Ich habe es noch nicht gehört. Die in unserem Volke erbliche Sympathie für Wilderer, Wildschaden u. s. w., das sind arische Reste. Sobald Sie an wahre Culturerscheinungen herantreten. wird in den meisten Fällen das semitische Element vorutttn. Sehen Sie ans Ihre Uhr. Die Zwölftheilung der Uhr ist schon eine semitische Einrichtung. Und wo fehlt von dieser Kleinigkeit bis hinauf zu den erhabensten Ideen, die unsere Cultur tragen, das semitische Element? Der Monotheismus ist eine speciell hebräische Einrichtung. Weil hier von Rom gesprochen wurde, möge der Abgeordnete des V. Bezirkes nach Rom gehen (Abgeordneter Dr. Lueger: Ich war schon dort!), NUN dann werden Sie sich an die Thatsache erinnern, die ich jetzt anführen werde. Gehen Sie an die Stelle, welche man als die Mitte, als das Centrum des Christenthums bezeichnen kann, auf den Petersplatz. Ringsum die herrliche Colonnade und inmitten steht der große Obelisk, der früher auf dem Circus des Nero stand. Sixtus V. hat ihn hinstellen lassen. Und welche Worte stehen darunter? Es stehen darunter die Worte: «Vincit leo de tribu Juda». Gesiegt hat der Löwe aus dem Stamme Juda. Und da soll es Schande und Schmach sein, diesem Stamme anzugehören, welcher den Sieger der Welt geliefert hat? Sie werden freilich sagen: Das hat nichts zu thun, wir bekämpfen nur die Rasse. Sagen Sie mir, meine Herren: Aendert sich die Raste, wenn der Jude getauft wind? Daun ist er Ihr en aber recht. (Heiterkeit) Ich brauche Ihnen keine persönlichen Beispiele anzuführen. Sie sagen: Die Eigenschaften. Ich habe über die Börsencomptoirs heute schon gesprochen. Von welcher Seite sind, als wir im Jahre 1873 hier den großen Krach hatten, die warnenden Stimmen gekommen? Nur aus den Kreisen der liberalen Partei. Wer war es in Berlin, der als der Erste gegen den Unfug aufgetreten ist? Der Jude Lasker ist es gewesen. Das ist also nicht wahr, daß die ganze Judenfrage eine kirchliche oder eine Raffensrage sei. Quintus Cicero könnte Ihnen das Räthsel lösen, meine Herren. Man glaubt ja ohnehin manchmal in der Nacht, daß sein Schattenbild in der Stadt Wien herumirrt (Heiterkeit); ich weiß nicht, ob es wahr ist. In diesem unaufhörlichen Drängen, in diesem Kcmpf ums Dasein, wo der Gewerbsmann, der Arbeiter, der Beamte, jeder mühsam nach seiner Existenz ringt, ist es immer eine große Erleichterung, wenn man einen Concurrenten los werden kann. (So ist es!) Wenn nun eine Gruppe von Concurrenten das Unglück hat, durch irgend ein physisches Merkmal ausgezeichnet zu sein, dann ist sie verloren. Das ist der Jude, das ist der Feind — das ist der Ursprung des ganzen Antisemitismus, und Alles, was man sonst davon spricht, ist hin- und hergeredet. Es ist ein reiner, einfacher Concurrenzstreit. Ich aber sage Ihnen weiter voraus, meine Herren, wenn Sie es dahinbringen, daß in Wien czechische Schulen errichtet und czechische Geistliche angestellt werden, wie es neulich im Budgetausschusie besprochen worden ist, dann wird sich innerhalb der Wiener Gewerbe eine zweite solche, durch äußere Kennzeichen bemerkbare Gruppe bilden, und gegen diese werden sich alle die nämlichen Gehässigkeiten richten, die sich heute gegen die Juden richten. Nicht nur die Kundschaft wird von ihnen abfallen, selbst der jetzt hier ansäsiige Böbme wird den neu zugewanderten Czechen als einen Eindringling und als einen Feind ansehen. Das ist bei den Juden gerade so. Der ansässige Jude betrachtet den neu zugewanderten Juden schon wieder als ein Element der Concurrenz. Also etwas Schlechteres können Sie den hier zuwandernden und eintreffenden Czechen nicht anthun, als wenn Sie den großen Proceß der Assimilirung zu hindern suchen, welcher sich jetzt auf eine natürliche Weise vollzieht. Ich spreche aus Erfahrung, ich spreche nicht aus Liebe oder Haß gegen irgend eine Nation. Die Ju^en — lassen Sie mich noch einen Augenblick darauf zurückkommen — haben einen großen Theil ihrer guten und schlechten Eigenschaften durch den jahrhundertlangen Druck sich angeeignet, sie umfassen jetzt alle Extreme, den äußersten Reichthum, von dem allein hier. immer gesprochen wird (So ist es!) und die äußerste Armuth (Sehr richtig!)• das äußerste Freidenkerthum und die äußerste Bigotterie; den höchsten Luxus und das erbärmlichste Elend . - 'T4 ' iim'&m vw

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