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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-04-05 · 14 (5.4.1895) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
14 (5.4.1895)
Date
1895-04-05
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 14 Dr. Vloch's Orfterrrichifche Wochenschrift. Seite 263 den Mund zu stecken habe und da ist am Ende nicht einmal der Fußboden gewaschen! Ein schwerer Seuszer entlang sich ihrer Brust bei dem Gedanken an die schwere, ihrer noch harrenden Arbeit! Aber die starke Willenskraft hält Dwosie ausrecht. Si» verzagt nicht. Sie weiß es sehr gut, daß Niemand für sie etwas thun wird und daß Verzweifeln ihre Lage nicht nur nicht verbessern, sondern im Gegenttzeil verschlimmern würde. Bald War also der Schlaf verscheucht. Sie ergreift eine Kanne und eilt zum Brunnen, um Wasser zum Waschen des Fußbodens zu holen. Im Nu entledigte sich Dwosie dieser so schweren Aufgabe und der Fußboden, der vor einer Weile erst mit einer fingerdicken Kothmasse bedeckt war, erscheint jetzt blank gescheuert, daß es ein Vergnügen zum Ansehen war. Sie eilt dann auf den Markt, besorgt die nöthigen Einkäufe und ist wieder daheim, wo sie sich eifrig tummelt, um Alles gehörig für den heutigen Abend vorzubereiten; sie scheint sich zu vervielfältigen und so geht es fortwährend ohne Rast und Ruh. Bei aller Thätigkeit, die Dwosie entwickelt, merkt man es ihr doch an, daß eine gewisst Unruhe sich ihrer bemächtigte, daß ein innerer Kummer sie Peinigt, welcher mit der Vorrückung der Tageszeit immer mehr steigert; denn sie eilt allemal zum kleinen Fensterlein, um auf die Gasse hinauszuschauen, ob ihr Mann nicht heimkehrt, aber keine Spur. Wer weiß, denkt Dwosie bei sich, was meinem Manne auf dem Wege zugestoßen ist, daß er noch nicht vom Wege zurückgekehrt ist? O wie traurig wäre dieser Feiertag für sie, wenn sie ihn ohne ihren Gatten feiern müßte! O, das schöne Fest wäre für sie eine Trauer! 15 Jahre sind verflossen, seitdem sie mit Paltiel ehelich verbunden ist und noch nie hat sie das Pessachfest allein ohne ihren Galten gefeiert und nun sollte'ihr das zum erstenmale passiren? O, dieser schreckliche Gedanke, der ihr durch den Kopf ging, machte sie rasend. Sie zitterte dabei wie Espenlaub. Aber sie setzte ihr Vertrauen auf Gott, der auch in seiner Allbarmherzigkeit der Armen gedenkt. Er wird auch gegen Dwosio nicht so grausam sein und ihr bald Trost senden. Und in der That ließ sich schon ui später Nachmittagsstunde Wagengerassel, das immer näher kam. vernehmen und bald erkannte Dwosis an dem Haltzurufe an die Pferde und dem fröhlichen Wiehern des Fuchsen, daß ihr Mann heimgekehrt ist. In ihrem Innern rief sie dem Fuchsen ein „Gesundheit" zu. Ist er doch ein treuer Gefährte ihres Mannes, welchem er schon seit 8 Jahren treu dient und das zweite Pferd, das Paltiel erst seit Kurzem erworben hat, ist noch zu frisch, man weiß noch nicht, ob es sich auf der Reife bewährt und ob es nicht ihrem Manne viel zu schaffen gibt. Die Ankunft des Mannes beruhigte die mächtig erregte Natur Dwosie's. Mit doppeltem Eifer tummelte sie sich bei der Küche. Sie schäumte die Fische ab und machte sich an die Zubereitung der Choroset,*) während dessen Herr Paltiel in die Stube trat. Zur gegenseitigen Begrüßung hatte das Ehepaar keine Zett, denn jeder Theil war zu sehr beschäftigt. Sie wechselten nur Blicke mit einander, aus denen man deutlich ihr ungetrübtes Eheglück herauszulesen vermochte. Dwosie, die fürsorgliche Gattin, stellt an den Mann die Frage, ob er zu speisen gedenke? „Ja, essen soll ich? essen?" antwortet Paltiel, „und wer wird die Maare vom Wagen den Kaufleuten zutragen? Und wann werde ich ins Schwitzbad gehen? Bereite nur die Wäsche vor. Paltiel stellt seine Peitsche in einen Winkel des Stübchens und — verschwindet. * * * Die Nacht ist schon eingebrochen, der Himmel ist klar und heiter, der von zahllos funkelnden Sternen besäet ist. Auf der Gasse sieht man kein lebendiges Wesen, denn der Abend ist einer besonderen Feier in den jüdischen Häusern gewi.met. — Das Stübchen der Frau Dwosie ist aufgeräumt und hat ein festliches Aussehen und strahlt im Abglanze oer Lichter, welche in blank gescheuerten, messingenen Leuchtern stecken und über die Dwosie beim Anzünden den Segen gesprochen hat. In der Mitte des Stübchens steht der blank geriebene, koschere Tisch, den eine Binsenmatte bedeckt und darüber erst liegt ein *) Choroset, ein Brei, der aus Aepfel, Nüsse, Zimmt, Wein bereitet und am Sederabend benützt wird. weißes Tischtuch. Der ganze Seder ist bereits nach altem Väter- Brauch hergerichtet. Obenan ist auf zwei Sesseln eine Art Thron errichtet mit drei weißen Kopfkissen zum Anlehnen. Auf dem Tische stehen Teller, Gläser und in der Mitte desselben ein großmächtiges rothes Glas — ein altväterliches Erbstück — das für den Propheten Elias, der kein jüdisches Haus an diesem Abend unbesucht läßt, bestimmt ist, weiter eine große Flasche Rosinenwein, dann die Fische mit Sauce und ganz oben neben dem Sitze des Hausherrn die Kara (Schüssel), welche die für die Sederceremonie unentbehrlichen Artikel, als da sind: drei in eine weiße Serviette gewickelte Mazzes, ein gebratenes Ei, ein Stück gebratenes Fleisch, bittere Kräuter rc. enthält. Paltiel, angethan in dem weißen Sterbekittel und die Lenden umgürtet, besteigt den hergerichteten Thronsitz, ihm zur Seite Dwosie, festlich geschmückt, ihnen gegenüber wiederum ihre zwei Knaben. Die Sederceremonie beginnt. Vor Paltiel liegt die alte und vergilbte Agada, ein ehrwürdiges Erbstück seiner Ahnen, die er wie seinen Augapfel hütet und aus der er die wundervolle Geschichte vom Auszuge unserer Väter aus dem Egyptenlande vorträgt. Angelangt an der Stelle, wo die zehn Plagen, mit denen der Allmächtige die Egypter heimsuchte, bis sie endlich in die Entlastung des Volkes Israel aus der Sclaverei willigten, taucht er den kleinen Finger der rechten Hand in das vor ihm stehende mit Wein gefüllte Glas und mit schläfriger Stimme zählt er: Dam, Zefardea u. s. w., nach jedem Worte den Wein aus dem Glase mit dem kleinen Finger zur Erde tröpfelnd. Dwosie thut ihrem Manne nach, die Kinder sind indeffen während dieser hochwichtigen Ceremonie sitzend eingeschlafen. Nur Paltiel, von der Wichtigkeit seiner heutigen Mission erfüllt, hält sich, weiter in der Agada lesend. Dwosie hält gleichen Schritt. Nun beginnt Paltiel laut das Hallelgebet zu recitiren und gerade bei den Worten »Moschiwi akeret habajit« überfällt bleiern Frau Dwosie der Schlaf, ihre Augenlider schließen sich, ihr Kopf sinkt auf die Lehne des Stuhles zurück und schweres Athmen wird vernehmbar. Paltiel, seinen schweren Blick von der alten Agada erhebend, bemerkt er den tiefen Schlaf seiner Frau. Um das Hallelgebet nicht zu unterbrechen, streckt er die Hand aus, um seine Frau zu wecken, aber es wird ihm weich ums Herz, er fühlt großes Mitleid mit ihr und denkt bei sich: „Oh, die Arme hat sich so sehr abgeplagt! Seit vier Wochen schon hat sie kein Auge geschloffen. Sie arbeitet bei mir schwerer als einst unsere Stammväter in Egypten, schwerer als mein Pferd, schwerer als ich! . . ." Er zieht seine Hand zurück und läßt die Frau schlafen. Er denkt sich, einige Minuten Schlaf wirken wohl erquickend auf den Menschen, dann wird er sie wecken. Aber Herr Paltiel hält auch im Agada-Lesen inne, er will dasselbe ohne seiner Frau nicht fortsetzen und wartet daher auf deren Erwachen. ‘ Wie aber Herr Paltiel so am Seder unthätig sitzen bleibt, das Aufwachen seiner Frau abwartend, da überfällt auch ihn der Schlaf. Da sieht er sich im Traume in seine Jugendzeit zurückversetzt. Er sieht zum ersten Male seine Dwosie vor Schönheit strahlend und einer blühenden Rose gleichend. Da vernimmt er mit einem Male das Wiehern seines treuen Fuchsen im Stalle und der Gott der Träume läßt in Paltiel's Phantasie die Scenerie sogleich wechseln. Es träuml ihm, daß er sich auf seiner gewöhnlichen Fahrt befinde. Es ist gerade Erew Peffach. Er schreitet zu Fuß neben dem Wagen einher. Der Schnee beginnt zu schmelzen, aus den Wolken strömt der Regen erbarmungslos. Das von ihm neu angekaufte Pferd will nicht mitziehen, und so fällt die ganze Last auf den armen Fuchsen, der vor Müdigkeit kaum die Füße nachzuschleppen vermag. Der Wagen sinkt immer tiefer in Schnee und Koth und da ist der Peffach vor der Thür. In seiner Angst denkt er sich: Wenn sich Gott seiner nicht erbarmt, wird er müssen Peffach halten auf dem Wege eine halbe Stunde vor der Stadt. Er kann sich aber nicht nnt dem Gedanken befreunden, das Pessachfest so ganz einsam außerhalb seiner Familie zu feiern. „Oh nein!" ruft er, „das ist nicht möglich, das darf nicht sein!" Er nähert sich dem Wagen. „Dem Fuchsen muß nachgeholfen werden", ruft er, und stützt den Wagen mit seinen Schultern, aber vergebens. Endlich rafft Paltiel alle seine Kräfte zusammen, um den Wagen zu stützen — da.stößt er im Traume den vor ihm stehenden Tisch, den er für seinen Wagen

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