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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-04-05 · 14 (5.4.1895) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
14 (5.4.1895)
Date
1895-04-05
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 262 Dr. Bloch's Orstrrrrichifche Wochenschrift. die Sache hinaus, ich wollte nicht mit einer Täuschung in die Ehe treten, jetzt bin ich wieder frei und so will ich denn ein Ende machen für immer." „Ist das Ihr Verlobter?" fragte ich mit einem Blicke auf den jungen Mann im Hintergründe. Gella nickte. „Juda Ziemlich ist sein Name, er wird in unser Geschäft eintreten." „Und Sie nehmen ihn wirklich aus Neigung?" „Ich liebe ihn nicht", erwiderte Gella, „Sle sehen, ich bin aufrichtig, aber ich achte ihn, denn er ist ein Mann aus ehrbarer Familie, von gutem Charakter und großer Gelehrsamkeit. Ich hoffe, die Zuneigung wird kommen — nach der Hochzeit". Es währte nicht lange, so erhielt ich die Anzeige von der Vermählung Gella's mrt Juda Ziemlich und kam zu Beer Gottesmann, um Glück zu wünschen. Ich fand Gella allein im Geschäft ruhig und sogar zufrieden wie es schien. Als ich nach ihrem Manne fragte, sprach sie: „Er ist ein Gelehrter, er sitzt den ganzen Tag lm Hinterstübchen vor seinem Talmud; wre könnte ich es verantworten, ihn bei diesem heiligen Studium zu stören, oder ihm gar zumuthen, sich um niedere Dinge zu bekümmern. Mein Vater hat sich zur Ruhe gesetzt, so führe ich denn jetzt allein das Geschäft und es geht ganz gut. Wenn man Arbeit hat vom frühen Morgen dis in die Nacht hinein, dann hat man keine Zeit viel nachzudenken und auch das ist unter Umständen gut". Nach einer Pause fragte ich: „Haben Sie nichts mehr von Wodakoski gehört?" „Nein." „Er hat also keinen Versuch gemacht, sich Ihnen wieder zu nähern?" „Nein." _ (Fortsetzung folgt.) Am Srder-Lbend. Von N. Landes- Es ist weit über Mitternacht. Um einen langen, hölzernen. nicht angestrichenen Tisch stehen Arbeiterinnen verschiedenen Alters. Matronen, junge Frauen, Mädchen und auch solche, welche kaum dem Kindesalter entwachsen sind, damit beschönigt, den Teig für die Mazzes zum Pesjachfeste mit Rollhölzern zu rollen oder, wie es bei uns heißt, zu „Walgern". Einen vollen Monat schon, denn seit dem ersten Tage nach dem Purimseste bringen diese armen Arbeiterinnen Tag für Tag und auch den größten Theil der Nächte mit dieser Arbeit zu gegen eine sehr minimale Entlohnung, welche mit der aufopfernden und mühevollen Anstrengung, die dieselbe erfordert, in gar keinem Verhältniß steh!; aber die Noth und das Elend sind unter dieser Bevölkerungrclaffe so groß, daß sich Groß und Klein zu dieser Arbeit drängt, um nur einige Kreuzer zu verdienen. Heute endlich soll die Arbeit geschlossen werden, denn morgen ist schon Erew Pessach. Unter den Arbeiterinnen befindet sich auch eine gewisse Frau Dwosie, das Weib des Fuhrmannes Paltiel, der mit seinem Fuhrwerke von Sonntag bis Freitags Nachmittags beständig herumreist, verschiedene Waaren führend, um sich und seme Familie nur kümmerlich zu ernähren. Frau Dwosie weiß es sehr gut, wie sehr sich ihr Mann auf den schlechten Straßen mit seinem Fuhrwerke abrackern muß, um nur das für die Erhaltung seiner Familie Nöthige herauszuschlagen. Und kommt dann das Pessachsest, kann man sich keinen anständigen Feiertag gönnen. Es fehlt so Manches, das an diesem Feste, dem Feste der Freiheit, an dem sich jeder jüdische Hausvater als König, seine bessere Hälste als Königin, die Kinder als Prinzen dünken — in einem echt jüdischen Hause nicht fehlen darf, deshalb will Frau Dwosie als Esokes cllail, als biederes Weib, von dem König Salomo so schön singt, ihrem schwer geplagten Manne im Verdienen mithelfen. Sie ist eine Frau m den Vierziger-Jahren bereits. Ganz von der anhaltenden Arbeit erschöpft und schlaftrunken schaukelt sie sich hin und her, wie eine vom Winde gepeitschte Pappel, die Mazzes mechanisch rollend. Ihre Fuße sind vom beständigen Stehen ganz angeschwollen und die Hände ebenfalls. Sie fühlt in sich kein ganzes Glied. Das Gesicht ist aufgedunsen, gelb und verschlafen. Sie ist so müde, daß zu befürchten ist, daß sie jeden Augenblick zusammenbreche. Aber sie steht; denn gar bald wird das Mazzesbacken sein Ende erreichen, und da muß ausgeharrt werden. So wie Dwosie sehen auch ihre Colleginnen um den Tisch aus. Sie sind alle abgehärmt und abgespannt. Grabes¬ ~ ni . 14 stille herrsch t rings um den Tisch; kein Wort, kein Laut wird vernommen. In den ersten Tagen der Arbeit wurde manchmal ein Witz, ein Bonmot, ein „gleich Mörtel," wie es in der vulgären Sprache heißt, vom Stapel gelassen; auch dann und wann ein Liedchen an gestimmt, was die Arbeit angenehmer und leichter machte; nun aber, da sich kaum Jemand vor Erschöpfung noch auf den Beinen aufrecht zu erhalten vermag, sind aller Lippen geschlossen. Todtenstille herrscht auf der ganzen Linie. Nur das Gepolter der arbeitenden Rollhölzer, das Rauschen der gezackten Messingradel, welche die auf einem Bleche zum Rädern bereit liegenden Mazzes, bevor sie in den Ofen geschoben werden, durchstreifen, und dann und wann ein langgedehntes Gähnen lassen sich vernehmen. Auch dazu mangelt es an Zeit, mit der so gegeizt wird, daß sich Niemand einmal gönnt, den von der Stirne rinnenden Schweiß abzuwischen. Aber nur getrost, meine lieben Leute! nicht länger soll das jüdische Golus (Verbannung) dauern, wie lange noch euere Arbeit dauern wird. Endlich wird der letzte Teig zum Rollen ausgetheilt . . . und bald ist das schwere, mühevolle Werk des Mazzesbacken beendet — Das Rollen der Hölzer verstummt und den erschöpften Arbeiterinnen entringt sich ein langgedehrtes Ah! Ganz athemlos schleppen sie sich zu den Bänken, aus die sie wie Blöcke niederfallen. Nur die Messingradel hört man noch über die Blechplatte rascheln. Zuletzt verstummen auch diese. Der am lodernden Backofen, allgemein hier G'henim (Fegefeuer) benannt, beschäftigte Mann krabbelt noch mit der langen Schaufel im Ofen, und wie die letzte Mazze an der Flamme gebacken erscheint, schleudert er mit einem Ruck die Schaufel in eine Ecke von sich und wirft sich auf einen Stuhl nieder. Die frischgebackenen Mazzes werden dann zusammengenomwen und in einen hiezu bestimmten Korb gelegt, der mit einem schneeweißen Linnen bedeckt wird. Aber noch wird das Backhaus nicht verlassen; denn da kommen noch verschiedene sogenannte Begünstigte, dre daselbst was auszurichten haben. Erst gegen Tagesanbruch erhält Dwosie ihren schwer erworbenen Verdienst, sowie den ihrer im Alter von 10 bis 12 Jahren stehenden Knaben Wowke und Chaimke, welche beim Mazzesbacken hilfreiche Hand milanlegten, und zwar der Eine als Mehlmeffer und der Ändere als Wassergießer, lauter Beschäftigungen, welche von großer Wichtigkeit und Tragweite sind und die zwar nicht nul Gold, aber doch wenigstens mit Kupfer gelohnt werden. Sw saßt die beiden schlaftrunkenen Jungen bei den Händen, sie eilrg mit sich nach Hause fortziehend, obwohl die müden Füße ihr den Gehorfam versagen. Aber ibr Wille und das Pstichtgefühl, das ihr beständig in's Gewissen redet, was sie noch heute als treue Gattin und biedere Hausfrau zu verrichten hat, sind mächtiger als die physische Schwäche, welche sie nun bewältigt. Der Morgen begann bereits zu grauen, als Dwosie mit ihren beiden Knaben zu Hause anlangte. Als treue und zärtliche Mutter brachte sie zuerst die Kinder zu Bette, die bald vor großer Müdigkeit in einen tiefen Schlaf versanken, laut schnarchend. Auch Mutter Dwosie beabsichtigte, sich unausgekleidet auf ihr Lager zu werfen, um wenigstens für eine kurze Weile dem fußen Schlummer sich hinzugeben und so der Natur den ihr gebührenden Tribut zu zollen, als mit einemmale ein , Heller Sonnenstrahl > durch das kleine Fensterlein in ihr Stübchen drang. Der Helle Sonnenschein, welcher ihr das in ihrem Stübchen in Folge ihrer beinahe vierwöchentlichen Abwesenheit vom Hause herrschende Chaos zeigte, stärkte ihre Willenskraft auj's Neue, und frischen Muth fassend, beschloß sie> dem sie übermannenden Schlag Trotz zu bieten. „O, nein, nein!" ries sie, „ich kann, ich darf nicht schlafen Es ist noch so viel heute zu verrichten!" Zwar hat Dwosie dle Bettstatt und den Tisch noch Samstag Abends nach Sabbathausgang reingewaschen und koscher gemacht, indessen gab es der Arbeit noch so viel, daß man Tage dazu brauchte, um dieselbe zu bewältigen. Sie muß noch neues Geschirr für den Pessach kaufen und es im Flusse vor dem Gebrauche untertauchen, dann für die zwei Jungen Stiefel und Hütchen kaufen, ferner Fleisch nehmen und auch etwas abkochen. Der Mann wird doch von seiner mühevollen Fahrt heute heimkehren? Er wird sich wahrscheinlich bei den so schlechten Wegen und noch schlimmerem Wetter genug abgeplagt haben, da muß doch Etwas vorräthig sein, damit er was in

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