Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 14 (5.4.1895)
- Date
- 1895-04-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 858 Dr. Bloch's Orsterreichifche Wochenschrift. Nr. 14 wollen wir unser Hauptaugenmerk zuwenden. Die von den Vätern ererbte Religion ist für unsere Kinder das vollkommenste Erziehungsmittel für alle menschlichen und bürgerlichen Tugenden. Die Liebe;um Nächsten, die Treue und Redlichkeit im Verkehr, die Opferwilligst für die Gesammtheit, die selbstlose Hingabe an Fürst und. Vaterland, sie finden in den Lehren unserer Religion den stärksten und sichersten Bewegungsgrund. Die sociale Lage der Israeliten in Baden bildet nach der gellenden Verfassung keinen unmittelbaren Gegenstand unserer Fürsorge. Nichtsdestoweniger dürfen wir, bei dem engen Zusammenhänge des bürgerlichen und des religiösen Lebens, unser prüfendes Auge auch ihr nicht vorenthalten. Frei von Voreingenommenheit wollen wir auch unsererseits darauf hinwirken, daß die Lebensgemeinschaft unserer Glaubensgenossen mit ihren christlichen Mitbürgern zu gegenseitiger Befriedigung gedeihe, auf daß Alle ohne Unterschied in treuer, pflichtbewußter Arbeit zusammenstehen zum Wähle unserer theuren badischen Heimat und zum Heile des deutschen Gesammtvaterlandes. Indem wir so vor Eurer Königlichen Hoheit Throne die hauptsächlichen Richtungen unserer Thätigkeit berühren, leben wir der Zuversicht, daß der treubesorgte Vater aller seiner Landeskinder, der Hort des Friedens und der Gerechtigkeit, als der sich Großherzoq Friedrich stets bewährt hat. um unserer Aufgabe willen, die der Förderung des ewig Wahren, Guten und Edlen gilt, uns seinen landesväterlichen Beistand nicht versagen werde. In dieser beruhigenden Hoffnung und im Vertrauen aus den göttlichen Segen für unsere Bestrebungen verharren wir im Namen der unterthänigst treugehorsamsten Synode der israelitischen Religionsgemeinschaft des Großherzogthums." Der Referent befürwortete die debattelose, weil dadurch um so wirkungsvollere Annahme der Adresse; namens des Oberrathes schloß sich Herr Prof. Dr. Rosin - Freiburg in' glänzender Rede diesem Anträge an, worauf der Adreßentwurf einstimmige Annahme fand. Hierauf wurde die Sitzung geschlossen. lieber den Verlauf der weiteren Verhandlungen und ihre Ergebnisse behalte ich mir eingehende Mittheilungen vor. Hinzugefügt sei nur noch, daß das Präsidium der Synode am 19. d. M. von Sr. Königl. Hoheit dem Großherzog zur Ueberreichung der Adresse empfangen wurde und daß unser geliebter Landesfürst mit bewährter Huld sein Interesse für die Berathungen der Synode, wie für die religiösen Angelegenheiten seiner jüdischen Unterthanen überhaupt in warmen Worten zum Ausdruck brachte. Paris. Zu den Auslassungen des Herrn Lepelletier in seinem Artikel „Die Bekehrungen" kann man noch immer verfchiedentliche Nachklänge vernehmen. So widerrufen zunächst mehrere Blätter „auf Grund angestellter Erhebungen" dieMittheilung, daß Herr R o g e r Marx, Jnspector der schönen Künste zu Nancy, zum Christenthum übergetreten sei. Sie erklären, es sei dem geistreichen Kunstkritiker nie eingefallen, sich taufen zu lassen. Vermerken wir gleichfalls diese Nachricht, von der wir indessen nickt genau wissen, ob sie auch der Wahrheit entspricht. Das ist übrigens ganz gleichgiltig. An einem Juden, der, dank dem Zufall, nur dem Namen nach ein solcher ist. hat das Judenthum wohl nichts zu verlieren, wenn er auch den Glauben wechselt. Zugleich weiß man nun auch, wer der Okficier ist. von dessen Bekehrung zum Katholicksmus ebenfalls die Rede gewesen, ohne jedoch genannt worden zu sein, denn in einer Zuschrift an den „Figaro" bestreitet Herr Albin Balabrsgue auf eine charakteristische Weise das Gerücht von seinem Uebertritt zur orthodoxen Kirche. Er schreibt nämlich : „Ich habe die Religion nicht gewechselt, aus dem peremptorischen Grunde, weil ich leider keine hatte." Unterdessen treibt hier der Antisemitismus seine giftigen Blöthen weiter. Man klagte mir, daß ein examinirender Professor, übrigens eine Leuchte der Wissenschaft auf dem Gebiete der Heilkunde, dessen Namen nöthigenfalls genannt werden kann, sich folgender Niedrigkeit schuldig gemacht habe. Weil ein junger Mann die an ihn gerichtete Frage nickt beantworten konnte und zufällig den in Verruf gekommenen Namen Dr ey fus träat, fertigte ihn der geehrte Herr Professor mit: »Dreyfus, saljuif!« ab. Schabe, daß der freundliche Mann nickt Rector ist. sonst gäbe es auch hier einen Recteur de tous les Fran$ais ä l’Ahl* wardt.» Fälle, wo die rauhe Faust mit im Spiele war, gibt es auch. So ist es in der That äußerst interessant, das Gekreisch der „Libre parole", dieses bereits heiseren Keifweibes, zu verfolgen. Freilich hat sie bisher kein Mensch ernst genommen; jetzt aber fängt man geradezu an. sich über ihreDummdreistigkeit und lächerliche Albernheit lustig zu machen. Seit einiger Zeit erscheint nämlich im genannten Hetzblatte unter der Ueberschrift »Tout Isragl< ein Verzeichniß jüdischer Familiennamen, das nicht verfehlt, die Lachnerven vieler neugieriger Leser täglich von Neuem zu reizen. Diese fortgesetzten Tabellen haben den Zweck, die Leser der »Libre Parole« in den Stand zu setzen, sich in dem Wust von Namen zurecht- und diejenigen jüdischen Ursprunges sofort herauszufinden. Der scharfsinnige Etymologe offenbart dabei eine erstaunliche Gelehrsamkeit. Ueberzeugen Sie sich übrigens, bitte, selbst von dem antisemitischen Geistesreichthum. Dafür folgende Proben: Rappaport: Rapp -- Rad, a --- ha, Artikel, port Ausleger der heiligen Schrift. Oppenhen: O für ha, pen für ben, heim für cohen. Sulzbach: Sulz für Saul, bach für Baruch. Reinach: eine Corruption von Cohen. Müller eigentlich Moel Beschneider. Na, haben Sie schon einen Begriff, wie die Etymologie gehandhabt werden muß? — O großer Drumont. gegen die Dummheit ist doch nun einmal nicht anzukämpfen! Oscar H o r o w i tz. Paris, den 31. März 1895. (, Cyp ern. ein jüdisches Königreich.") Die Pariser Sensationsblätter melden, daß Herr Baron von H i r s ch sich mit der Absicht trage, England die Insel Cypern abzukaufen, um dort eine Heimat für seine aus Rußland und anderwärts vertriebenen Glaubensgenossen zu gründen. So sind im „Gaulois", der die Neuigkeit zuerst gebracht, die folgenden bemerkenswerthen Ausführungen zu lesen. „Es würde sich nicht", schreibt dieses Blatt, ..um die Wiederherstellung des Königreiches von Jerusalem bandeln, sondern.—dank einerfinanziellen Combination. die zum Beispiel darin bestehen würde, England zu entschädigen und einen Tribut an die Pforte zu zahlen. — um die Begründung eines israelitischen, unabhängigen, selbstständigen Staates, wo die Enterbten durch die Freigebigkeiten eines Mannes, der nickt aufhört, Proben von seiner glänzenden Menschenfreundlichkeit zu liefern, einen Erdwinkel und ein. Dock-gefunden hätten. Schon hat der Baron von Hirsch eine jüdische Colonisation in der argentinischen Republik anqestrebt; aber er möchte seinen Gedanken, den er nicht aufgegeben, noch praktischer und unmittelbarer bethätigen. Cypern würde, mit einem Worte, ein jüdischer Zussuchtsort geworden sein, tributpflichtig an die ottomanische Regierung und beschützt durch die Mäckte. Welche religiöse oder politische Meinung man nun auch haben mag. Niemand würde das Interessante,. Generöse und Nützliche eines Unternehmers verkennen können, das übrigens vielleicht nicht ohne Anwendung bleiben wird. Seine Verwirklichung würde gar mancher Macht Verlegenheit und Verdrießlichkeiten ersparen, die nicht mehr in unser Zeitalter passen." Ueberzeuat von der Richtigkeit seiner Angaben, gibt dos ..Journal" zuletzt seiner Ansicht in diesen Worten Ausdruck: .England, scheint, es, wird auf diesen Plan nicht mit ungünstigem Auge schauen. Jedenfalls weiß man. welch enge Beziehungen zwischen dem Prinz n von Wales und dem Baron von Hirsch bestehen." In ähnlicher Weise, ohne jede Parteilichkeit, äußern sich auch die übrigen Blätter, die diese Nachricht behandeln und nebenbei gesagt, gegen das Judentbum keine feindliche Gesinnnng hegen. Ganz anderen Anstrichs dagegen sind die Glossen, die zum Beispiel die „Libre Parole“ dieser Mittbeilung beifügen. Die reinste Herzensfreude kommt da ungeschminkt zum Ausdruck. Ja. es wünscht vielleicht Niemand lebhafter als Herr Drumont. daß die vermeintliche Absicht des Herrn Baron von Hirsch in Erfüllung gehe, denn er schreibt in seinen Leibblatie: „Wir wünschen dos Gelingen dieses Vorhabens von ganzem Herzen. Es ist unbestreitbar, daß die Uebersiedelnna aller Inden nach der Insel Cypern eine fühlbar" Erleichterung kür mehr als eine Macht sein würde, namentlich für nnser Land. Ohne Zweifel, es ist peinlich, dieses lnsinianiscke Königreich in ein weites Ghetto umwandeln zu sehen, diesen Schanvlatz der Heldenthaten der Kreuzzüge. der säst die Wieae des Cbristia.. uismus war; aber unsere christliche Liebe selbst macht es nns zur Pflicht, der Vorsichtsmaßregel des Baron von Hirsch beizustimmen. . . . In jüdischen Kreisen w»'rd diese Nachricht meistens mit lebhaftem Kopfschütteln ^ausgenommen. Man glaubt einfach nicht daran. O. H. Petersburg. Neuerdings sind wiederum zwei unserer Glaubensgenossen, hervorragende Mitglieder der St. Petersburger jüdischen Gemeinde, von Sr. Majestät dem Kaiser ausgezeichnet worden. Der persönliche Ehrenbürger Herr Wolf Fri"dlansky wurde zum erblichen Ehrenbürger ernannt, und dem Ebreninspector des von der Gesellschaft „Humanität" errichteten Gymnasiums, Herrn Hirsch W o l-