Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 14 (5.4.1895)
- Date
- 1895-04-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021061-3021076--04442-3028628- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 14 Dr. Bloches Orsterrrichifche Wochenschrift. Seite 257 Die zum XIII. Wiener Gemeindebezirk gehörige ehemalige Ortschaft Ob er-St. Veit hat ungefähr 300 Wähler; von diesen wählten gestern circa 30 liberal und circa 240 antisemitisch, circa 30 wählten nicht. Die abgegebenen 30 liberalen Stimmen waren nur durch unfern Einfluß erzielt worden, sonst hätten auch von diesen Wählern die meisten im antisemitischen Sinne gewählt. Die Gesinnung der Bewohner Ob er-St. Veits ist damit genügend charakterisirt. Nun ist aber das Interessante, daß die O b e r - S t. Bester größtentheils von Juden leben, und zwar sind es in erster Linie die Sommer- Parteien, welche für sämmtliche Geschäftsleute in Ober - St. Veit die Ausbeutungsquelle bilden Gerade die verbissensten Antisemiten sind es, welche das meiste Einkommen durch die Juden haben. Auf Wunsch wäre ich im Stande, unter persönlicher Garantie die Namen der Hauptjudenfresser zu nennen. Der Zweck meiner Zuschrift ist, -ine löbliche Redaction zu bitten, durch entsprechende Verbreitung dieser Thatsache die diversen jüdischen Familien, welche Sommerwohnungen nehmen wollen, daraus aufmerksam zu machen, d a ß O b e r - S t. V e i 1 durchaus a n t i s e m it i s ch ist uno daß es denn doch nicht angeht, daß man bei Leuten wohnt und kaust, welche sich in der unfläthigsten Weise über die Juden äußern. Baden. Vor mehreren Monaten sollte ein Badener Kaufmann einen hiesigen Antisomiten, von dem er ein Jahr vorher ein Haus gekauft hatte, eine Rate von 509 fl bezahlen, was ihm aber, schlechter Verhältnisse halber, nicht gleich möglich war. Obwohl der Antisemit schon fünftausend Gulden beim Ankäufe des Hauses baar erhalten hatte, und dieser Restbetrag g r un d b ü ch er l i ch s i ch e r g e st e l l 1 war, hat der Antisemit, ohne daß es nothwen'dig gewesen wäre, weil ja für ihn gar keine Gefahr existirte, den Kaufmann sofort klagen und so schnell als es nur möglich war, pfänden lassen, hat dann die executive Feilbietung der Geschäflseinrichtung erwirkt und hat bei der Feilbietung die Einrichtung, die circa sechshundert Gulden gekostet hat, um 66 fl. 75 kr. gekauft und sie nach einigen Wochen mit kleinem bürgerlichen Gewinn um zweihundertsiebzig Gulden weiterverkauft. Aber damit noch nicht zufrieden, erfuhr der Antisemit, daß die junge Frau des Kaufmannes ihre Ausstattungswäsche und ihr Braulkleid zu - einer Freundin, um wenigstens das zu retten, in Aufbewahrung gab; flugs ließ der Antisemit selbst die letzte Habe der Frau, in der Wohnung ihrer Freundin pfänden, die F ilbietung erwirken und kaufte das Brautkleid, das circa hundert Gulden gekostet hat, um acht Gulden und die theuere Ausstattungswäsche fiel dem Antisemiten um einen Pappenstiel in die Hände. Auf diese Weise haben der Kaufmann und dessen Gattin in einem Jahre fünftausend Gulden, die ganze werthvolle Geschäftseinrichtung und die Ausstattungswäsche sammt Brautkleid, Alles verloren und der Antisemit hätte gar nicht nothwendig gehabt, pfänden und feilbieten zu lassen, da die Schuld grundbücherlich sichergestellt war und schließlich nach dem Verkaufe des Hauses noch hundertsechzig Guldenübrig geblieben sind, also mehr als der Antisemit für die Geschäftseinrichtung und für d i e Au s st a tt u u g s w ä s ch e im Feilbietungswege gegeben hat. — Seither ist der Kaufmann wieder Commis in einem Wiener Kaufmannshaufe und seine Gattin ist Verkäuferin in einem Wiener Coufectionsgeschäfte; sie sind froh, daß sie ein Cabinet bewohnen können und ihr Vermögen hat der Antisemit. Prag. (Die Altstä d ter deutsche Schule.) Bei Der Verhandlung über verschiedene Schulangelegen, heilen hat in der letzten Prager Stadtrathssitzung Herr Stadtrath Jnwald an den Vorsitzenden Bürgermeister-Stellvertreter Herrn Dr. Po dlipn y eine Interpellation gerichtet, ob es ihm bekannt sei, daß an der Altstädter deutschen Schule die Schulleiterstelle schon durch zehn Jahre stets provisorisch besetzt ist und daß an die definitive Ernennung noch immer nicht gedacht wird, und ob ihm auch die Gründe bekannt seien, wegen welcher der deutsche Bezirksschulrath dieses Provisorium schon durch zehn Jahre aufrecht erhalte. Der Vorsitzende Bürgermeister-Stellvertreter erwiderte, daß ihm die Sache bekannt ist und die Ursachen davon auch in der letzten Landtagssession zur Sprache gebracht wurden. Nach dem, was öffentlich angeführt wurde, scheine es, daß der Hauptgrund dieses Provisoriums das Glaübensbekenntniß sei, welches der Schulleiter Nachweisen müßte; er müßte nämlich Israelit sein, weil die Majorität der Schüler mosaischen Glaubens ist. Der Stadtrath kenne genau diesen gesetzwidrigen Zustand und bemühe sich vergeblich schon durch zehn Jahre, daß die Angelegenheit geregelt werde.. Das Stadtrathsmitglied Herr Jnwald ersuchte daraus, seine Interpellation möge ins Protokoll ausgenommen werden. Ledee. Joses Liebl, Schneider in Rost Haupt, preist marktschreierisch seine Maare an. Das ist am Ende sein Recht. Daß er jedoch seine Reclame mit antisemitischen Phrasen verbrämt, verdient bekannt zu werden. Er beginnt: „Durch eigene Schuld dem Abgrunde nahe ist das christliche Volk! Die unbegreifliche Gleichgiltigkeit gegen die von gewiffer Seite drohenden wirthsch östlichen Gefahren, die verderbenbringende Lauheit und Lässigkeit, ja meist die grenzenlos.- Gutmüthigkeit der Christen ist die Schuld daran, daß dieselben immer mehr und mehr zurückgedrängt, ruinirt und zu Bettlern gemacht werden. Durch wen? Durch eine gewisse Sippe von Preisverderbern, Poselwaaren-Berschleuderern, Concurs- und Pleitemachern, Speculanten, Wucherern. Lebensmittel-Verfälschern u. s. w.. gegen die sich ernstlich zu wehren das gute, christliche Volk leider noch immer — zu bequem ist. Die christlichen Völker scheinen nicht zu ahnen, welche ungeheure, elementare, Alles mit sich reißende Kraft sie besitzen, sobald sie u. s. w." Karlsruhe, 21. März. Die „Israelitische Landessynode", welche am 18. d. M. zusammentrat, hat gestern ihre Berathungen beendet. Rach einer gottesdienstlichen Feier, bei welcher Herr Rabbiner Dr. Sondheimer -Heidelberg die Festrede hielt, versammelten sich die Deputirten in dem großen Saale der II. badischen Kammer, wo -er Vorsitzende des Oberrathes, Geheimer Oberregierungsrath B e ch e r e r, Namens der Regierung die Synode begrüßte und ihren Berathungen segensreichen Erfolg wünschte. Hieraus übernahm als Alterspräsident Herr Rabbiner Dr. Fürst- Mannheim den Vorsitz mit einer kurzen Ansprache, welche in ein Hoch aus Se. Königl. Hoheit en Großherzog ausklang. Nach der Wahl der Commissionen wurde das Bureau constituirt, das sich folgendermaßen zusammensetzte: Landgerichtsrath Dr. Stein- Karlsruhe I., Rabbiner Dr. Eschelbach er-Bruchsal II. Vorsitzender, Kaufmann Rothschil d-Konstanz I., Rechtsanwalt Dr. Spiegel-Tauberbischofsheim ll. Schriftführer. Auf Anregung des Vorsitzenden wurde eine aus den Herren Doctor Friedberg, Dr. Fürst, Hamburger, Kahn und Rothschild bestehende Commiffion ernannt zur Entwerfung einer Adreffe, in welcher dem Großherzog der Dank der badischen Judenheit für die Gewährung der Synode ausgesprochen wird. Hieraus wurde die Sitzung vertagt; nach ihrer Wieder- ,aufnahme verlas Herr Dr. Friedberg den Adreßentwurf, welcher folgendermaßen lautet: „Durchlauchtigster Großherzog! Gnädigster Fürst und^Herr! Zum erstenmale ist in Eurer königlichen Hoheit Residenz eine Synode der israelitischen Religionsgemeinschaft des Großherzogthums zusamuiengetreteu: zum erstenmale in Deutschland eine unter staatlicher Autorität gewählte Vertretung für die religiösen Gesammtinteressen der Israeliten eines deutschen Landes. Deshalb ist es uns Herzensbedürsniß, ehe wir unsere Verhandlungen beginnen, vor den Thron Eurer Königichen Hoheit hinzutreten und in unterkhänigster Verehrung den Gefühlen des Dankes r>cüüc Ausdruck zu geben, daß durch Euer König, lichen Hoheit landesväterliche Fürsorge unsere Religionsgemeinschaft im Großherzogthum sich nunmehr einer so hochbedeutsamen Einrichtung erfreut die, so Gott seinen Segen gibt, den wahren Jnteresien der Religion, der Sittlichkeit und des Friedens, damit aber auch der allgemeinen Wohlfahrt in unserem Lande sich dienstbar erweisen soll. Mögen Eure Königliche Hoheit mit unserem Danke allergnädigst das Versprechen entgegennehmen, daß wir mit Treue und Eifer, mit Liebe und Duldsamkeit an unsere Aufgaben herantreten wollen. Das Grundgesetz für die Organisation unserer Religionsgemeinschaft, welches dieselbe Großherzog Karl Friedrich's hoher Weisheit verdankt, ist noch heute, nach bald hundertjährigem Bestand, der feste Boden, auf dem die Verwaltung sowohl der israelitischen Gemein, en und Bezirksverbände, als der Landessynagoge sich vollzieht. Immerhin macht sich im Einzelnen das Bedürfniß nach Verbesserungen geltend, wie wir solche namentl'ch an der Hand der in den letzten Jahren erlassenen Gesetze über die Besteuerung für örtliche und für allgemeine kirchliche Bedürfnisse zu erreichen hoffen. Auf dem eigentlich religiösen Gebiete betrachten wir es als unsere erste und vornehmste Pflicht, durch die Arbeiten, die uns jetzt und in Zukunft obliegen werden, in den Angehörigen unserer Religionsgemeinschaft die religiösen Empfindungen den unerschütterlichen, in Gottesfurcht und Goüvertrauen sich äußernden Glauben an eine überirdische Vorsehung fort und fort zu pfiegen und zu immer kräftigerer Entfaltung zu bringen. Wir fühlen uns Einsen dieser Aufgabe mit den Organen der übrigen Religionsbekenntniffe, und wir wollen gern und freudig das Unsrige dazu thun, daß, unbeschadet und unter Achtung jeder confessionellen Eigenart, der uns Allen gemeinsame Gottesgedanke immer mebr die verbindende Grundlage unserer Hoffnung auf oic Zllkunst und unseres Lebens in Ui Gegenwart werde. Der religiösen und sittlichen Erziehung der Jugend