Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 14 (5.4.1895)
- Date
- 1895-04-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 14 Dr. Blvch's Orsterrrichifchr Wochenschrift. Seite 253 Nation, die immer gerecht und edeldenkend war, repräsentiren, j die ungarische Judenheit weiß sehr wohl, daß die nüchtern denkende, anständige, ungarische Nation nicht solidarisch ist mit den Heldenthaten des Markgrafen Sigmund C sLk y- Pallavicini, und wenn .17 Millionen Menschen rufen: Vorwärts, dann schreiet eine handvoll Menschen —und seien sie auch Magnaten — vergeblich, daß man mit dem Rücken in's Mittelalter zurückweiche. Adolf Grosz. „Pesti Naplo" brachte in seiner Morgennummer vom 28. März folgenden offenen Brief, dessen getreue Uebersetzung hier folgt: Sr. HochwohlgeborendemHerrnMarkgrafen Sigmund CsLky-Pallavicini. Hochwohlgebvren Herr Markgraf! Bor zehn Jahren, als ich Lehrer der israelitischen Schule zu Szendrö war, zeichneten Sie, hochwohlgeborener Herr, mich damit aus, daß Sie mit mir den Freundschaftsbecher zu leeren und mein Dn-Kamerad zu werden geruhten. Ich gestehe, Herr Markgraf, diese Auszeichnung machte mich im ersten Moment unendlich stolz — ja ich möchte sagen — glücklich; als ich aber später fast jeden Tag Gelegenheit hatte, Ihre scandalöse Lebensweise kennen zu lernen, machte ich von dieser Auszeichnung keinen Gebrauch mehr, nicht nur, daß ich mich dieser Auszeichnung nicht rühmte, sondern ich war sogar bemüssigt, dies in meinem eigenen Interesse zu verschweigen, damit ich mir durch diese Auszeichnung nicht den Stempel eines unsittlichen Betragens, aufdrücke. Behufs Wahrung meines wohlversta-denen Interesses hütete ich mich auch, während meines weiteren Szendröer Aufenthaltes mit Euer Hochwohlgeboren zusammenzukommen. Zwar kam ich mit Ihnen später doch noch einmal in Berührung, allein nicht kameradschaftliches Gefühl brachte mich damals mit Ihnen zusammen, sondern menschenfreundliche Pflicht, als ich Sie nämlich auf dem nach Sz all on a führenden Weg in einem mit Koch und Wasser gefüllten Straßengraben, wohl nicht mit einem Pantherfell, sondern mit einem Kanonenrausch in bewußtlosem Zustande liegend fand, ans dem ich Sie mit Hilfe eines Szendröer Bauers herauszog und Sie erst weit abseits vom Graben verließ. Wenn nun Laster und Schlamm das Lebenselement Euer Hochwohlgeboren ist, so ginge mich das eigentlich gar nichts an, denn das sind für mich längst geschehene Dinge. Wenn aber Sie, Herr Markgraf, dessen Sittenrichter das allerletzte Hasenfell-Judenjüngelchen sein könnte, sich vor die Laute erswk meines Vaterlandes, vor die Magnaten Ungarns hinstellen, um mvine Religion so anzugreisen, wie dies einzig und allein nur Euer Hochwohlgeboren thaten, so thut dies nicht nur den Juden, sondern auch dem guten Patrioten wehe, und deshalb will ich Ihnen mit diesen Zeilen nur das zur Kenntniß bringen, daß es am allerwenigsten dem Herrn Grafen zusteht, über die Juden sich so zu äußern, wie Sie es thaten, besten Leben eine eine Kette von Lastern, dessen Dasein ein Fleck für den großen Namen ruhmvoller Ahnen, ein Fleck für die edlen Zeitgenossen und für das Vaterland ist. Harte Worte sind dies, Herr Markgraf, aber sie sind wahr, und wenn Euer Hochwohlgeboren in der Ehre Hunderttansender von anständigen und ehrlichen Staatsbürgern Herumwalen können, warum sollte ich nicht mit gegenwärtigen Zeilen den wahren Spiegel Euer Hochwohlgeboren vorführen dürfen? Indem ich die mir vor zehn Jahren dargebotene Rechte mit einem unnennbaren Gefühle zurückweise, verbleibe ich mit Achtung vor Ihrem Adelswappen Julius Gabel, Budapest, 27. März 1895. Communal-Lehrer. Noch eine Geschichte vom Markgrafen Pallavieini. Geehrter Herr Redacteur! Ein Mitglied des Magnatenhauses hat gelegentlich der Verhandlung des Gesetzentwurfes über die Reception der Juden in einer Rede von bisher unbekanntem Gerüche hervorgehoben, daß seine Ahnen im Pantherfell in dieses Land gekommen sind und daß er, Redner, ein echter Ungar ist. Gleichzeitig bestritt er aber dies von dreiviertel Millionen Bürger des Vaterlandes, weil deren Ahnen, leinen Aufzeichnungen nach, mit Hasenfellen eingewandert seien. Es ist nicht meine Aufgabe, mich mit dieser von geradezu fürchterlichem Eindrücke begleiteten Rede zu befassen, dieselbe wurde ihrem Werthe nach von der gesummten Tagespresse schon gewürdigt. Ich erlaube mir nur das Wort zu ergreifen, um den Herrn gräflichen Redner der Mitwelt auch ohne Pantherfell zu repräsentiren. Gelegentlich der ersten Niederstimmung des Gesetzentwurfes über die Civilehe beehrte der Herr Graf in seinem Siegesräusche die Nachtkaffeehäuser mit seinem Besuche und unterhielt sich damals auf Kosten der armen „jüdischen Hasenfell"-Kellner. In jener Nacht kehrte der Herr Graf nach Mitternacht in Begleitung der be—rühmten „Turf-Karöline" auch in das „Cast Metropole" ein. „S i e Kellne r Zahlen Sie meinen Fiaker! Dies war die erste Ordre, welche der hochedle Herr Graf dem Kellner ertheilte und dieser Ordre folgten noch viele andere nach, so daß seine Zechschuld sich gar bald auf 150 fl. belief! Als es nun zum „Zahlen" kam, da reichte der Herr Graf dem Kellner statt des Geldes gnädig st seine elegante Visitkarte hin. Selbstverständlich konnte es der Kellner hiebei nicht bewenden lassen. Sein Mißtrauen gegen den Herrn Grafen wurde noch durch den Umstand genährt, daß während der diesbezüglichen Unterhandlungen auch der Oberkellner des benachbarten „Cafe Oper" erschien und von dem Herrn Grafen mit lauter Stimme dieBegleichungseiner Zeche ford erte, welche der Herr Graf, als er sich aus jenem Kasteehause entfernte — zu berichtigen vergaß. Gar balo sah der Herr Graf, daß er sich, ohne bezahlen, nicht aus dieser Situation befreien könne, und so rief er dem Kellner zu: „Kommen Sie mit mir i n's HotelPannonia, dort werde ich Sie bezahlen!" Der Zählkellner setzte sich nun mit dem Pantherfell-Grafen in den Fiaker und sie fuhren in's Hotel Pannonia. Dort angelangt, läutete der Herr Gras dem Zimmerkellner und ersuchte diesen, für seine, des Grafen, Rechnung, dem mitgekommenen Kellner den Betrag von 150 fl. auszuzahlen. Der Zimmerkellner erfaßte sofort die Situation, zuckle die Achseln und sagte: „Bedauere sehr, aber ich zahle nicht!" Nun blieb dem Grafen nichts übrig, als zu erklären, daß er momentan seine Zechschuld nicht bezahlen könne, doch gab erbeut armen, jüdischen Kellner sein Ehren wort als Graf, daß er anderen Tages die Schuld bezahlen werde, der Kellner möge sich nur zu ihm bemühen. Der Kellner mußte sich mit dem bescheiden. Als derselbe aber anderen Tages im Hotel Pannonia erschien, da war die Pantherhöhle leer, der Herr Graf — war abgereist. Gar viele Expreßbriese und Depeschen wurden nun dem gnädigen Herrn Grafen nachgesendet — allein vergebens. Der Herr Graf konnte Wochen hindurch nicht seinen Siegesr au sch aus schlafen und ließ nichts von sich hören. Endlich ließ der arme Kellner den Herrn Grafen durch den hauptstädtischen Advocaten Polatschek einklagen, welcher, nachdem das summarische Verfahren gegen ihn durchgeführt war, endlich seine Zechschuld in zwei Raten zu bezahlen geruhte. Dergestalt rettete Graf Sigmund Csaky-Pallavicini das von seinen Ahnen ererbte Pantherfell — aber nicht sein Ehrenwort. Dies verblieb bei dem armen jüdischen Hasenfell-Kellner. Und nun möge das große Publicum den Werth der „duftigen" Rede des Herrn Grafen nach ihrem wahren Werthe beurtheilen. Ihr aber, meine nach „Knoblauch" duftenden Mitbrüder, könnt vollkommen beruhigt sein. Budapest, den 28. März 1895. Emil Schnabl, Operngasse 2. Vom Jahrmarkt des Lebens. Freiherr von Hammersteiu von der Redaction der „Krenzzeitnng." Berlin. Ein großer politischer S c a nd a l ist hier zum Ausbruche gekommen, nachdem die Thatsacheu schon seit vielen Wochen in intimeren Kreisen bekannt waren. Wie erinnerlich, sollte der Führer der Conservativen und Antisemiten Freiherr v. H a m m e r st e i n von der Chef-Redaction der „Kreuzzeitung" am 1. April zurücktreten. Man munkelte allerlei über die Gründe. Nun meldet die im Verlage der „Frankfurter Zeitung" erscheinende „Kleine P r e s s e", der Grund des Rücktrittes sei in der Geldgebahrung Hamrnerstem's zn suchen. Es fehlen über 400.000 Mark. Außerdem habe Hammerstein noch Schulden für die „Kreuzzeitung" gemacht, die in den Verhältnissen und Bedürfnissen der „Kreuzzeitung" keine Begründung finden. Auch sonst, schreibt das Blatt, seien ihm T h a ts a ch e n bekannt, die es dem Freiherrn zuliebe verschweige, die aber, wenn sie bekannt würden, unter das v o u de u Conservativen so heiß ersehnte Unsittlich keitsgesetz fallen würden. Der Penstonsfonds des Blattes ist verschwunden. Der Papierlieferant des Blattes bekam 40 Pfennige für das Kilo, während er andererseits dem Freiherrn von