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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-04-05 · 14 (5.4.1895) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
14 (5.4.1895)
Date
1895-04-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Dr. Bloches Orfirrreichifche Wochenschrift. Seite 251 Nr. 14 Aber gerade die Vorgänge der Natur sind ein Mahnruf, auch in den Geisteskämpfen nicht sogleich die ,Geduld zu verlieren, nicht sogleich zu verzagen und zu verzweifeln, wenn einmal mitten in alle Herrlichkeit des beginnenden Frühlings der Winter wieder hineinstürmt, wenn der zurückgedrängte Wahn einen Vorstoß wagt. Der Fortschritt der Weltgeschichte vollzieht sich nun einmal nicht so gradlinig, wie der Pfeil, der vom Bogen fliegt. Wenn wir nicht Geduld haben, so erhöhen wir nur die Beschwerden, die schon ohnedies dieser Rückfall in den Winter uns auferlegt und überdies könnm wir es nicht leugnen, daß unsere Freunde auch mit uns ein wenig Geduld haben müssen, daß nicht Alles, was wir thun und lassen, des unbedingten Beifalls sicher sein darf. Im Talmud ist zu lesen: R. Jose aus Galiläea kam einst nach Alexandrien, dort traf er einen Greis, der ihm in Egypten die Stätten zeigte, an denen die Egypter die Israeliten ins Meer gestoßen oder mit dem Schwerte getödtet oder durch Qualen bedrückt hatten und wegen dieser Unthaten der Egypter ist Mose bestraft worden, denn er konnte, da er dies sah, die Erregung seiner Seele nicht meistern und schleuderte gegen die göttliche Gerechtigkeit den Vorwurf: warum duldest du, daß diesem Volke so weh geschieht? Auch nachdem ich zu Pharao gekommen, um in deinem Namen zu reden, mißhandelt er dieses Volk und du hast es nicht gerettet. Gott aber sprach hierauf verweisend zu Mose: Wehe um diejenigen, die dahin sind und derengleichen nicht zu finden ist. Abraham hatte die Verheißung, daß das ganze Land ihm gehören werde, und als er ein Grab für seine Gattin brauchte, mußte er es um Geld erwerben, und er hat dennoch meinem Worte geglaubt und es begriffen, daß eine solche Verheißung nicht von heute aus morgen sich verwirklichen könne. Jsak vernahm die Kunde: Dir und deinen Sproßen werde ich alle diese Länder geben und hatte später kaum einen Brunnen, um seine Heerde zu tränken; aber er hat dennoch an der Wahrheit des göttlichen Wortes nicht gezweifelt. Jacob empfing, dieselbe frohe Botschaft und mußte später, um sich ein Zelt aufzurichten, Grund und Boden um hundert Münzen von den Insassen des Landes erwerben. Du aber hast kaum deine Sendung begonnen und erwartest schon einen Erfolg und zweifelst an dem Weltgericht, weil es dem Sünder Zeit läßt; so sollst du bestraft werden und zwar das Strafgericht an Pharao sehen, aber nicht die Israeliten in das Land der Verheißung sichren. An dieser Erzählung haben die Erklärer auszusetzen, daß ja die Schrift von einer Bestrafung des Mose bei diesem Anlaß nichts erwähnt, daß erst später aus einer ganz anderen Veranlassung, weil Mose allzuheftig gegen die dürstenden Israeliten in der Wüste aufsuhr, dem Mose das Urtheil wurde, in der Wüste zu sterben. Aber beidemal stammt der Fehler des Mose aus demselben Grunde, aus der Ungeduld, die in Egypten sich nicht darin finden kann, daß Gottes Mühlen langsam mahlen, die in der Wüste keine Nachsicht hat mit dem körperlichen Leid einer an strenge Selbstbeherrschung nicht gewöhnten Menge. In beiden Fällen entsprang der Fehler aus einer edlen Empfindung, in Egypten aus dem tiefen Gefühl für die unschuldig Leidenden, in der Wüste aus dem festen Gottvertrauen, kraft dessen er dasselbe Leid, weswegen das Volk smfzt, kaum verspürte. Immerhin bringt uns die Ungeduld nicht vorwärts, sondern eher zurück. Ein Mose mußte sich sagend daß es für die Israeliten in Egypten ein Segen war, langsam emporgehoben zu werden, sich an das Licht der Freiheit allmälig zu gewöhnen. Was wir von unseren Verfolgern erfahren, ist wohl geeignet, unseren Zorn, unsere Erbitterung zu erregen, wie Pharao's Uebermuth das Blut desMose in heftige Wallung brachte. Aber wenige Monate nach,dieser heftigen, Rede des Mose zogen die Heerschaaren Gottes als freie Männer aus Egypten und Pharao war tief gebeugt. So sollten wir nicht durch Ungeduld unser Leid steigern, unser Herz verbittern. Alle diese Verfolgungen find doch nur Winterstürme in der Frühlingszeit; über alle die Luftströmungen, die für eine kurze Zeit aus Erden das Wetter bestimmen, geht die Sonne hoheitsvoll ihren Weg und spendet das Licht und die Wärme. Einstmals stand in der Versammlung der Gelehrten, so berichtet der Talmud, ein Rabbi Jehuda ben Cutyra auf und behauptete, er sei ein directer Sprosse derer, die Hesekiel vom Tode habe auferstehen lassen und er zeigte die Tephillin, die jener durch den Propheten vom Tode erweckte Ahne angelegt hatte. Wir glauben das willig; warum sollte ein Prophet nicht einen erweckt haben, der für das Judenthum erstorben war; solche Erweckungen sind ja der Lebensberus des Propheten; und wie leicht war es, ihn dauernd wach zu halten, wenn die Tephillin ihn täglich mahnten, Denken und Thun zu heiligen. Solche Erweckung des Frühlings in unserer Seele wäre kein übler Versuch, draußen den Winter zu bannen, die Vorurtheile zu entwaffnen. Das wäre die rechte Ungeduld, wem: wir keine Gedul.> hätten mit unseren Schwächen, mit unseren Fehlern. Wir üben am Feste mannigfachen Brauch; .aber Rabbi Gamaliel sagt: Das Ueben des Brauches ist nicht das Wesen: Wer nur Pessach, Mazoh und Muror auf den Tisch bringt, wer sie nicht bespricht und erwägt, der hat seine Pflicht am Feste nicht erfüllt. Wer opfermuthig ist, wer auch bei kargem Brod und trotz aller Bitterniß am Feste sich ergötzt, der verzagt nicht, der wird nicht ungeduldig und bitter, wenn hie und da die Unduldsamkeit Triumphe feiert, der sieht über Wolken und Stürme:', die Frühlingssonne, die die Erlösnng bringt. B. R Bismarck und Antisemiten. Von den.dreizehn antisemitischen Abgeordneten des deutschen Reichstages fehlten in der Sitzung vom 23. März bei der Abstimmung über die Beglückwünschung des Fürsten Bismarck — sieben, nämlich ohne Entschuldigung: Ahlwardt, Böckel, Hirschel und Köhler, entschuldigt: Klemm und Lotze, beurlaubt war Bindewald. Letzterer hatte sich schon Tags zuvor eine seinem Geschmacke entsprechende Bismarckehrung geleistet. Er legte nämlich vor ^Beginn der Sitzung des Reichstags auf sämmtliche Plätze der Abgeordneten ein Fluglatt nieder, welches auf der Vorderseite ein Bild des Fürsten Bismarck trug, mit der Umschrift: „Warum darf der Reichstag und die Stadt Berlin ihren Ehrenbürger nicht feiern?" Das Flugblatt enthielt ein Paar antisemitische Aussprüche Bismarck» und eine lange Polemik gegen die Juden, welche in die Worte ausklang: „Kaust bei Christen!" Die Dimer des Hauses entfernten auf erfolgte Anweisung die Flugschrift, noch ehe die Sitzung begonnen hatte. Auch sonst haben die Antisemiten keine Ursache, sich an den Fürsten heranzudrängen, wie sie es von Neuem thun, denn er ist kaum mehr beschimpft worden, als von einzelnen ihrer Führer: 1. Carl Paasch sagt: „Sollte es möglich sein, daß Bismarck ein geheimer Jude ist?" Und er deutet sogar an, daß Fürst Bismarck ein Mitglied der jüdischen Vereinigung „Alliance israelite“ ist, über welchen Bund die Antisemiten die verlogensten Behauptungen aufgestellt haben. 2. Ahlwardt, der Mitverfasser der Broschüre „Die Wahrheit über Bismarck", hat darin behauptet, Bismarck sei Abkömmling von Juden und Krämern; seine ganze Politik, die Verstaatlichung der Eisenbahnen, der Friede mit Rom, das Bündniß mit den Conservativen, hätten nur in schmutzigen Geldgeschäften ihre Ursache. In der geheimnißvollen Weise, die auch aus anderen Ahlwardt'schen Schriften bekannt ist, werden Criminalverbrechen augedeutet. So heißt es in der Broschüre:

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