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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-04-05 · 14 (5.4.1895) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
14 (5.4.1895)
Date
1895-04-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 250 Dr Bloches Orstrrrerchifchr Wochenschrift. Nr. 14 hat. Die Besitzergreifung der Macht durch die Antisemiten ist nur noch eine, Frage weniger Wochen. Mit dem Beginne des Sommers wird sie vollbracht sein. Die liberale Partei aber möge dieser unausweichlichen Eventualität durch einen freiwilligen Schritt zuvorkommen. S ä m m 1 li ch e f o r ts chritt lich en Gemeiuderathe mögen sofort üh/e Mandate nie der legen und damit die Verantwortung für 1 das Kommende der antisemitischen Partei überlassen. Damit wird eine klare, unzweideutige Situation geschaffen. Der allgemeine Mandatsverzicht wird die Ausschreibung von Neuwahlen für den ganzen Gemeiuderath zur -Folgehaben, bei welchen die Antisemiten zweifellos auch die ziffermäßige. Majorität erlangen werden. Damit fällt ihnen das^volle Gewicht der Verantwortung für die künftige Gestaltung der Dinge, für die Verwaltung der Stadt und für die Durchführmtg ihres Programmes zu. Sie haben ja ein Programm, sie sollen nun zeigen, was es taugt, sie sollen zeigen, ob sie all' die Versprechungen, mit denen sie jahrelang die Bevölkerung geködert haben, in die That umsetzen, können. Wir Juden haben dabei nichts mehr zu verlieren. Die liberale Partei kann heute noch mit Ehren abtreteu. Besitzt sie nicht diesen Muth der Entsagung, dann wird sie etwas langsamer zwar, dafür aber rühmlos verschwinden. Sie wird ihren erbitterten Gegnern bei der Einrichtung wichtige Dienste leisten, uni dann hinausgepeitscht zu werden. Dr. Lueger als Bürgermeister ist eine Verlegenheit nicht blos für die Regierung, welche allerlei Gründe hat, aber schwerlich den Muth, ihm die Bestätigung zu versagen, sondern auch für die Oppositionspartei selber, welche auf die Erfolge des Führers nicht neidlos blickt, und deren innerer Zusammenhalt und Festigkeit erst erprobt werden soll. Aber die Controle? so wird man uns fragen, wer übt die Controle? O, auch dafür wissen wir Rath! Gewiß, eine Controle soll sein und muß sein! Aber diese Controle soll aus Elementen bestehen, welche den Herren Antisemiten gewachsen sind! Die liberale Partei kann sich mit diesen Leuten nicht herumschlagen, es ist wider ihre Natur und man darf chr daraus keinen Vorwurf machen. Aber wir kennen eine Partei, die noch rücksichtsloser, noch impetuoser ist als dje antisemitische und ihr die Zähne weisen kann: Das sind die Socialdemokraten. Schicken wir die Socialdemokraten über die Antisemiten, das sind die richtigen Männer, um eme scharfe Controle zu üben und mit ihnen fertig zu werden. Geben wir uns keinen Illusionen mehr hin! Die liberale Partei hat in der Wiener Gemeindevertretung nichts mehr zu thun, sie wird das rollende Rad nicht mehr nach rückwärts schrauben. Die Arbeit, die fürderhin zu leisten ist, können nur noch die Socialdemokraten vollbringen, deren robuste Kraft den: Antisemitismus ftüher oder später den Garaus machen wird, deinen Gerechtigkeitssinn aber den Juden die Achtung ihrer staatsbürgerlichen Rechte verbürgt. Winterstürme zur Frühlingszeit. Eine Zeitbetrachlung zum Pafsahfcst. Der Winters wird denn Menschen auO'unheimlichsten und beschwerlichsten^in den Tagen, wo er mit dem Frühling kämpft und oft für" eme kurze Spanne Zeit die Herrschaft wieder gewinnt. Der junge Lenz war schon eingezogen, der milde Strahl hatte schon die Keime hervorgelockt und der Mensch selbst fühlte sich wie ueubelebt, da neues Leben rings um ihn sich regte; da war die Enttäuschung nur um so schmerzlicher, als der Winter, der schon ganz überwunden schien, doch wieder wie aus einem Hinterhalte hervorbrach und über die aüzukühnen Keime ein jähes Welken brachte. Zuweilen hat der Frühling selbst mitgewirkt an dem vorübergehenden Erfolge des Spätwinters. Dort oben im Norden hat die steigende Sonne einen gewaltigen Eisblock losgelöst, der dann aus den Regionen des ewigen Eises seinen Weg gefunden in mildere Zonen und dort, weithin die Landschaft erkältend, dem Frühlmg für eine-kurze Zeit das Sccpter entwindet. Solch eine Wiederkehr des Winters nach kurzen schönen Frühlingstagelr erfahren wir Israeliten tu diesen Zeiten; und wir sind auf den Winter gar nicht mehr eingerichtet; unsere Väter hatten es nicht besser, ja oft noch viel schlechter gehabt; aber sie waren an die Kälte, an das Elend gewöhnt; sie wußten, daß es im Winter nur int Hause behaglich ist und sie hatten sich dorthin zurückgezogen, sie mieden die Außenwelt, deren kalter böser Hauch ihnen so gefährlich war; in ihren vier Pfählen aber fi'chltett sie sich wie Könige und hocherhaben, über ihre Dränger, und hätte Einer unseren Vorfahren am Sedcrabende von der Gleichberechtigung gesprochen, nach der jetzt -unser Herz sich sehnt, sie Hütten ihn zurückgewiesen und geredet: wir wollen nichts gemeinsam haben mit jenen Argen, denen alles Menschliche fremd ist, die uns quälenhöhnen, plündern und die dabei so thun, als erfüllten sie eine religiöse Pflicht. Unsere Väter wußten, daß sie int Winter lebten und schützten sich dagegen. Wir aber hatten eine Zeit lang den seligen Glauben, daß es Frühling geworden sei, das Eis schien geschmolzen, wir sahen die jungen Blüthen der Freiheit, der Liebe, der Gerechtigkeit aufsprießen, wir waren glücklich, jenes erkältende Gefühl der Fremdheit los zu sein; das Frühlingsgefühl ist ungleich schöner als die Freude an der Natur in Hellen Sommertagen, denn der Schrecken. des Frostes der in unserer Erinnerung lebt, erhöht die Freude an der Gegenwart. Da haben die alten Vorurtheile wieder Macht gewonnen: ein Haß, der an Wahnsinn grenzt, führt tiberall das laute Wort und den Besten in unserer Mitte und unter unseren Freunden wird ganz bang tutd zag int Gemüthe gegenüber diesen winterlichen Stürmen. Unsere alten Weisen sagen: „Frechheit ist eine Herrschaft ohne Krone" und sie berufen sich dabei auf die Erzählung in der heiligen Schrift, nach welcher David, der König in Israel, der die Krone trug, seine Ohnmacht erklärte gegenüber Joab, jenent übermüthigen Raufbold, der ohne Scheu Gewaltthat übte. Solch mrerhörter Uebermuth wüthet gegen tms. Für ben Frechen gibt es fehle Widerlegung; eine Behauptung, die an unserem Glauben, die an unserer Ehre rührt, wird heute in ihrer Grundlosigkeit erwiesen nnb morgen wird sie tvieder keck verkündet, als sei gar nichts vorgefallen. Unsere Gegner haben offenbar das Princip, keine Lüge, die je von der Tollheit oder Bosheit gegen uns vvrgebracht worden ist, falleit zu lassen. Der Talmud räth tms, Schmähungen gegenüber dentüthig zu fein; es ist nicht leicht, Kränkungen gelassen zu tragen, und wie können wir demüthig schweigen, wenn unser Glaube gekränkt wird, wemt unserer Religion Grausamkeit gegen Mensch und Thier und dumpfer Aberglaube vorgeworfen wird! Der deutsche Dichter sagte einmal in seinem Unmuthe über die Herrschaft der Lüge: „Sagt, wie können wir das Wahre, denn es kömmt uns tmgelegen, ttiederwerfen attf die Bahre, daß es nie sich möchte regen? Solche Mühe wird nicht groß sein cultivirten deutschen Orten; wollt ihr es auf ewig los sein, so erstickt es nur mit Worten." Dies Recept wird nur zu genau befolgt. Und der Frühlmg selbst war es, der diese Winterschauer hat erzeugen helfen. Als die Israeliten in die allgemeine Cultur eintratett, da offenbarten sie eine so jugendliche Regsamkeit, da gewannen sie Siegespreise nicht nur auf dem Boden des materiellen Erwerbes sondern in allen Wettkämpfen der Künste und Wissenschaften, so daß sie sich sofort aller Welt ebenbürtig erwiesen. Da entstand der Neid; selbst Diejenigen, die anfattgs um der Gerechtigkeit willen mitgeholfen hatten, das Joch der Judenzzu brechen, ertrugen es unwillig, daß die Juden so gar keinen Spaß verstanden und allen Ernstes von den ihnetr eingeräumten Rechten den vollen Gebrauch machten.

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