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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-04-05 · 14 (5.4.1895) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
14 (5.4.1895)
Date
1895-04-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 14. Jahrgang XII. Dr. Bloch’s Centralorgsn für die gefammten Interessen des Iudenthums. R. ft. Postspsrkasten-Rmt Clearingverkehr Nr. 610.976. NrLarUon und Administration: f Wien Frsnr Ivfrfs-Nuai Dr. 3. Telephon - Nr. 6535. -— Wien, 5. April 1895. - «>» -H- —«$>-■- Erscheint jeden Freitag. ->a - ä Man abonniri bei allen Pollanllaltrn des In- und Auslandes. Vezugsvrris für Oesterreich: Halbjährig 4 fl. — 8 Ar. Einzelexemplare 3S Ir. Mr's Ausland: halbjährig S fi. — 10 Ar. ganzjährig 10 „ 30 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 Ir. Inhalt: Leitartikel: Was ist zu thun? — Winterstürme zur Frühlingszeit. — Bismarck und die Antisemiten. — Markgraf Cfaky-Pallavicini — Vom Jahrm arkt des Lebens: Freiherr von Hammerstein von der Redaction der „Kreuzzeitung". Tie Nordbahn und der Antisemitismus. Ein neues Heilmiitel. Tausschein und Assentiruug. Graf Schuwaiow. Würdige Antgemitenhüuptlinge. Aus judeureiner Zeit. Der russische Ackerbauwinister und die jüdischen Colonisten. Ein schönes Fest der Arbeit. — Stachelzaundraht. — E orr espo nd en zen: Wien, Ober-St. Veit, Baden, Prag, Leder, Car'sruhe, Paris, Petersburg, Bialystcck, Jerusalem, New-Aork. — Berm ischt e s: Wien, Floridsdorf, Znaim, Esset, Witlkowitz, Eger, Vukovui, Königsberg," Sniaiyn, Lemberg, Ztrakau, Grodek, Tarnopol. — Feuilleton : Mein Freund Wodakoski. — Literatur. — Briefkasten. Inserate. — Inha l t Der Beilage: Professor Sueß über den Antisemitismus. — Beitrag zur Geschichte der russischen Inden. — Jüdische Industriell. Was ist zu thun? | Wien, 2. April 1895. Gibt es nach den gestrigen Wahlen im zweiten Wahlkörper eine liberale Majorität im Wiener Gemeinderathe? Ziffermäßig wohl, aber thatfüchlich sind bereits die Antisemiten zur Herrschaft gelangt. Diese Behauptung stützt sich auf das eigene Zugeständniß des Bürgermeisters Dr. G r ü b l, welcher noch am Abend des Wahltages einem Interviewer erklärte, daß die liberale Partei eine Anzahl unzuverlässiger, den Antisemiten wahlverwandter Elemente in ihrer Mitte berge und daß bei dem geschlossenen Auftreten der antisemitischen Partei einerseits, bei der Lässigkeit der Fortschrittspartei anderseits, die noch vorhandene Majorität von 10 Stimmen soviel wie nichts bedeute. Es läßt sich nichts mehr beschönigen und vertuschen, man muß mit der brutalen Thatsache rechnen, daß die Antisemiten im Begriffe stehen, von der Macht im Rathhause Besitz zu ergreifen. An dieser Thatsache wäre allerdings nichts geändert worden, auch wenn die jüdischen Wähler des III. Wahlkörpers in der Leopoldstadt ihre Psticht gethan hätten. Trotzdem müssen wir diese einmalige Abstinenz unserer Glaubensgenossen rücksichtslos verurtheilen. Meuterei im offenem Felde, mitten in der Schlacht, bleibt unter allen Umständen ein Verbrechen, auch wenn Sieg oder Niederlage durch dieselbe nicht beeinflußt werden. Die jüdischen Wähler im III. Wahlkörper der Leopoldstadt haben in einem entscheidenden Augenblicke Muthlosigkeit in die Reihen der liberalen Partei getragen und die Führer derselben genöthigt, sich mit der Wiederherstellung der Ordnung im eigenen Lager beschäftigen zu müssen, während die Anspannung aller Kräfte zur Bekämpfung des äußeren Feindes erforderlich gewesen wäre. Sie haben nicht blos die Flinte ins Korn geworfen, sie habm die Flinte direct den Gegnern in die Hand gedrückt. Das war eine Pflichtvergessenheit, die öffentlich gerügt werden muß, wenn wir auch die Beweggründe derselben verstehen und zu würdigen wissen und wenn wir auch zugeben, daß an dem Gesammteffect der diesjährigen Gemeinderathswahlen nichts geändert worden wäre, wenn jeder Einzelne unserer Glaubensgenossen im II. Bezirke seinen Mann gestellt hätte. Der Gesammteffect aber ist, wie wir constatirt haben, die Vernichtung zwar nicht der ziffermäßigen, aber der thatsächlichen Majorität im Gemeinderathe. Nicht blos die Stoßkraft, sondern auch die Anziehungstaft der antisemitischen Partei ist mit den jüngsten Wahlerfolgen außerordentlich gewachsen. Jene Rücksichtslosigkeit in der Wahl der Mittel, jene Gewaltthätigkeit im öffenrlichen Auftreten, jene Rohheit und Schamlosigkeit in der Gesinnung, welche die Stärke dieser Partei bilden, werden sich nicht nur proportionell, sondern progressiv steigern und die schwankenden Elemente, die ängstlichen Gemüther und die gemeinen Naturen, die den Mantel immer nach dem Winde drehen, zu sich Herüberreißen. Auf der anderen Seite aber wird die liberale Partei nicht in der Lage sein, die Abwehr mit gleichen Waffen zu führen. Sowohl die sociale Stellung ihrer Mitglieder, als auch ihre höhere Bildung und ihre verfeinerte Empfindung schließt einen Kampf in Hemdärmeln aus. Zu der Höhe der Gemeinheit, welche die antisemitischen Wortführer erklommen haben, vermag sich eine Partei, deren Anhänger der gebildeten Classe angehören und denen die politische Ehrlichkeit noch etwas gilt, nicht aufzuschwingen. Die Folge dieser ungleichen Vertheilung der Kräfte aber wird die schrankenlose Beherrschung der Rathsstube durch die 64 Antisemiten sein. Dem Namen nach wird es noch eine liberale Majorität und einen liberalen Bürgermeister geben, in Wahrheit aber wird der Wille der antisemitischen Partei ausschlaggebend sein und Herr Lu eg er wird regieren. Dr. Lueger wird der eigentliche Bürgermeister und Dr. Grübl nur sein verantwortlicher Strohmann sein. Geschieht etwas Vernünftiges, so wird Dr. Lueger das Verdienst für sich in Anspruch nehmen : geschieht Nichts oder etwas Unvernünftiges, so wird er die Verantwortung auf Dr. Grübl überwälzen. Ein solcher Zustand ist unhaltbar, und man muß den Muth haben, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen. In dem Augenblicke, wo die liberale Partei über eine wirkliche Arbeitsmajorität im Gemeinderathe nicht mehr verfügt, ist es nicht nur zwecklos, sondern auch taktisch unklug, die Fiction einer Majorität noch länger aufrechtzuerhallen. Der Vicebürgermeister Dr. Richter hat es in der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" ausgesprochen: „In diesem Falle wäre es das Beste, wenn wir alle weggingen." Nun denn, dieser Fall ist eingetreten und wir vertreten dm Gedanken, welchem Dr. Richter Worte geliehm

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