Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 13 (29.3.1895)
- Date
- 1895-03-29
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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)lx. 13 Dr. Bloch's Oesterreichifche Wochenschrift. Sette 347 „Du bist also eifersüchtig?" spottete Josepha. „Ja denn!" murmelte er, „wahnsinnig vor Eifersucht. Ich könnte Dich erwürgen, wie der Moor von Venedig bie Desdemona." „Die wohl gemerkt, unschuldig war." sagte Josepha. „Du aber bist es nicht," ries Wodakoski. „Und deshalb, weil Du mich für treulos hälft, weil Du glaubst, daß ich mein Spiel mit Dir treibe, bist Du um so rasender in mich verliebt. Wie komisch doch die Männer sind!" Sie lachte laut aus. In diesem Augenblick erst entdeckte Wodakoski die Pelzjacke der Adelheid von rothem Sammt mit Hermelin besetzt und gefüttert, welche auf der Lehne .des Divans lag. Er sprang auf und stand jetzt vor Josepba die Fäuste geballt. „Diese Jacke ist wohl ein Geschenk des Malers?" fragte er wüthend. „Gewiß", erwiderte Josepha ruhig, „Du weißt sehr gut, daß wir nicht reich sind. Sollte ich vielleicht für nichts und wieder nichts mein Lärvchen zu einem Bilde hergeben? Anderseits konnte mir der Maler doch nicht Geld anbieten und so legte er mir pflichtschuldigst diese Pelzjacke zu Füßen. Sie ist geradezu fürstlich, nicht wahr? Du sollst sehen wie gut sie mir steht." Sie schlüpfte mit zwei reizenden Bewegungen in das weiche, duftige Pelzwerk und schloß den obersten Haken. Wodakoski rang nach Athem, er hatte Josepha bei den Handgelenken erfaßt, brachte jedoch kein Wort hervor, sie aber machte sich plötzlich mit einer raschen, katzenhaft geschmeidigen Bewegung los, gab ihm einen Schlag in's Gesicht und flüchtete in die Ecke, wo sie von Neuem zu lachen begann. „Lache nur," stieß Wodakoski mühsam hervor „Schlange! — ich kenne Dich jetzt. — Du selbst hast den Zauber gebrochen, mit dem Du mich umstrickt hattest. Ebenso sehr ich Dich angebetet habe, ebenso sehr verachte ich Dich jetzt." Nach diesen Worten verließ er die Stube und ich folgte ihm. Noch unten vor dem Hause hörten wir Josepha's spöttisches Lachen. Sie war offenbar froh, den unbequemen Schwärmer losgeworden zu sein. -i- * * Eine Woche lang sah ich Wodakoski nur im Collegium stets bleich und wortkarg, dann kam er unerwartet eines Nachmittags zu mir, auffallend heiter und gesprächig. „Was hast Du?" begann ich. „Bist vielleicht mit Josepha ausgesöhnt?" „Ich denke nicht daran, es ist besser so. Es war eine schmerzliche Cur, aber sie hat mich gesund gemacht. Ich fühle mich wieder frei und wohl, wie schon lange nicht. Komm', wir wollen zu unser'm jüdischen Antiquar gehen." Ich sah meinen Freund etwas bedenklich an. „Sag'lieber zu Gella." „Also zu der schönen Jüdin," sagte Wodakoski lächelnd, „sofern Du nichts dagegen hast." „Ich wiederhole Dir, daß ich ihr nicht den Hof mache, möchte Dir aber nochmals bemerken, daß Du es mit einem achtbaren und streng sittsamen Mädchen zu thun hast". „Das ist es ja eben, was mir so gut an ihr gefällt," gab er zur Antwort. Als wir in das Gewölbe des Antiquars traten, war Gella allein da. Sie blickte von ihrer Stickerei auf und wurde roth, als sie Wodakoski bemerkte. Seit diesem Nachmittag ging Wadakoski häufiger mit mir zu Beer Gottesmann; ja, er war es, der mich jetzt fast regelmäßig abholte und jedesmal einen Besuch bei der schönen Gella vorschlug. Eines Abends ging ich bei Beer Gottesmann . vorüber, blieb stehen und blickte durch die trüben Glasfeuster der Gewölbthüre. Ich war nicht wenig überrascht und betreten, als ich Gella mit Wodakoski allein sah. Er saß vor dem kleinen Tisch, auf dem die Lampe stand, und las aus einem kleinen Buche vor, in das sie, die Arme auf die Lehne des Stuhls .gestützt, über seine Schulter hinweg hineinblickte. Als ich eintrat, schien er mir ein wenig verlegen, während sie ihre gewöhnliche Ruhe zeigte. Nachdem wir uns begrüßt hatten, fuhr er fort, Gedichte von Heine vorzulesen. Die Art, wie er las, der Klang seiner Stimme, die Andacht, mit . der Gella lauschte, die Blicke, welche die Beiden wechselten, verriethen nur zu deutlich, daß Wodakoski in Gella verliebt war und sie in ihn. Was sollte daraus werden? Ich begann für das Mädchen mit dem reinen Herzen zu fürchten und zu gleicher Zeit wurde ich mir der Verantwortung bewußt, welche ich in aller Unschuld auf mich geladen hatte. Ich war wie erlöst, als endlich Beer Gottesmann von einem Geschäftsgänge zurückkam. Nachdem er uns wieder einige hinreichende Legenden des Talmuds zum Besten gegeben hatte, brach Wodakoski auf. Ich begleitete ihn. Auf dem Altstädter Ring in der Nähe des alten Brunnens blieb er stehen und sah mich forschend an. „Ich muß Dir gestehen," begann er zögernd, „daß mir Gella außerordentlich gefüllt, der Umgang mit ihr wirkt heilend auf meine kranke Seele." „Das glaube ich gerne." entgegnete ich. „aber ich fürchte, Du wirst Deine Gesundheit um einen allzu hohen Preis wieder erlangen." „Und dieser wäre?" „Kannst Du es verantworten, Jan. wenn dieses reine, herrliche Geschöpf Dir sein Herz hingibt?" „Sie denkt nicht daran." „Ich müßte mich sehr irren, oder sie liebt Dich jetzt schon. Mach' der Sache ein Ende, so lange es noch Zeit ist. Trotz Deines Leichtsinnes und Deines heißen Blutes bist Du doch gut und edel im Grunde. Opfere Dich; es ist besser, Du leidest kurze Zeit, als Du vergiftest das reine Leben dieses Mädchens für immer." „Was Du Dir Alles wieder einbildest." „Ich sehe hier leider ebenso klar, wie ich bei Josepha immer schärfer gesehen habe als Du, und wie ich Dich bei dieser blonden Hexe gewarnt habe um Deinetwillen, so warne ich Dich hier um des Mädchens willen." „Willst Du mir etwa verbieten, zu ihr zu gehen?" „Ich möchte Dir nur klar machen, daß Du auf dem besten Wege bist, Gella unglücklich zu machen." „Laß mich in Ruh'," rief Wodakoski. „Du hast wieder einmal zu tief in Deinen „Faust" hineingeguckt." Damit brach er das Gespräch ab und entfernte sich mit raschen Schritten. Ich hatte ihm gegenüber meine Pflicht erfüllt, Gella zu warnen, hatte ich kein Recht. Somit blieb mir unter diesen Umständen nichts übrig, als meine Besuche bei Beer Gottesmann einzustellen. Wie ich das kleine Gewölbe des Antiquars, so mied auch Wodakoski mich seit jenem Abend, ja er wich im Collegium sogar meinem Blicke aus. (Fortsetzung folgt.) Literatur. „Ansche Schem. Biographien und Leichensteinittschriften von Raboinen, Lehrhaus Vorstehern, Religionsweisern, Rabbinatsassessoren und Gemeindevorstehern, die während eines Zeitraumes von vierhundert Jahren (1500—1890) inLemberg lehrten und wirkten.." Bon S a l o m o u B u b e r, Krakau, Selbstverlag 1895. Werke, wie das vorliegende, bilden die Bausteine zur künstigen Geschichte der jüdischen Cultureinflüsse in den letzten Jahrhunderten, die bis nun noch nicht geschrieben ist und auch nicht geschrieben werden konnte, aus dem einfachen Grande, weil eben das ungeheuere Material noch lange nicht in jener erwünschten Totalitär vorliegt, die dem kritischen Auge des Historikers einen freien Ueberblick verstauet. Nicht znm geringsten Theile schlummert jenes Material in den sogenannten „Memorbnchern" der älteren jüdischen Großgemeinden, der kundigen Hand harrend, um in Cours gesetzt zu werden. Wer da aber meint, daß man in jenen vergilbten Memorbüchern nnr zu blättern braucht, um sie zu culturhistorischen Zwecken zu verwerthen, der irrt gewaltig. Die Daten jener Bücher müssen vielmehr auch wenn sie von dem nagenden Zahn der Zeit unberührt blieben, mit dem sichtenden Forscherauge sorgfältig geprüft werden, um sie mit Erfolg verwenden zu können. Daß nun Herr S a l o m o n B u b e r mit einem solchen Forscherauge ausgerüstet ist, hat er bereits durch seine früheren Publicationen dargethan und den Beweis geliefert, daß er bei seiner schriftstellerischen Thätigkeit jederzeit von dem Streben nach wissenschaftlicher Gründlichkeit geleitet ist. Bereits vor Jahrhunderten hat die Lemberger Judengemeinde in ihrem rühmlichen Eifer für das Talmud-Studium großes Gewicht darauf gelegt, Rabbinen von klangvollem Namen an ihre Spitze zu berufen, welcher Umstand nicht verfehlte, die Lemberger Gemeinde zu einer tonangebenden Mustergemeinde zu erheben. Und diese Mustergiltigkeit*erstreckt sich auch aus ihre administrative Gebahrung und auf ihre Gedentbücher, in denen die Verfügungen des Rabbinats, die Beschlüsse des Vorstandes, procesiualische Urkunden und privanechtliche Vereinbarungen ihren Platz fanden und die unsere heutigen Sitzungsprotokolle vollkommen ersetzt haben. Nachdem nun das ältere