Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 13 (29.3.1895)
- Date
- 1895-03-29
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 13 Dr. Bloch's Orsterreichische Wochenschrift. Seite 243 die die Anschauungen der kritischen Philosophie Kant's in sich ausgenommen hat? Im Reiche des Geistes ist der Glaube an die Auferstehung der Todten eine von Jedem zugegebene Thatsache, da so oft todtgeglaubte Anschauungen und Ideen zum neuen Leben wieder auferstehen. Die leibliche Auferstehung jedoch ist eine Frage, die mit dem noch nicht gelösten Problem: was die Zeit an sich sei, innig zusammenhängt. Für den Vortragenden, der in seinem Werke „Der Monismus" das Vergehen des einmal Entstandenen bestreitet und lehrt, was einmal ist, besteht für immer, lösen sich dadurch die Fragen, daß er noch über den Glauben an die leibliche Auferstehung hinausgeht. Nicht nur werden die Todten auferstehen, sie bleiben für alle Zeit in Gott bestehen, denn alle Erscheinungen haben eine ewige Dauer in Gott. Interessant ist es auch, daß Bellamy das Problem der Vergänglichkeit in einer seiner jüngsten Erzählungen behandelt. Dies in gedrängter Kürze der Gedankengang des über die alltägliche Plattheit sich hocherhebenden Vortrag! s. Dr. M. L. Stern, Rabbiner in Triesch. und Dr. Rülf, Rabbiner in Memel, sind heute die einzigen Rabbiner, die sich mit Philosophie ernstlich beschäftigen und Tüchtiges auf diesem Gebiete leisten. Stern trat auch in einem Büchlein „Die Lösung der socialen Frage" dem gesellschaftlichen Problem näher. Es ist immerhin merkwürdig, daß beide Philosophen Rabbiner mindergroßer Gemeinden sind und ein zukünftiger Historiker der Juden wird einst Gründe für diese Tbatsache construiren, uns Zeitgenossen bleibt jeder Grund dafür vergeh orn. B. A. Suezawa. Kaum einige Monate sind verstrichen, seitdem Se. Hockwürden Herr Dr. Abr. L ö w y zum Oberrabbiner unserer Stadt gewählt wurde. Wir wollen nur eine der Leistungen Sr. Ehrwürden Dr. Löwy in unserer Gemeinde hervorheben. Der Religionsunterricht am hiesigen gr.-or. Obergymnasium wurde hier nach und nach in den Hintergrund verdrängt und verschwand seit einigen Jahren gänzlich vom Schauplätze, da sich keine Person darbot, der die Erziehung der jüdischen Jugend an. dieser Stätte mit gutem Gewissen anverlraut werden konnte. Die verwahrloste, irreligiöse Erziehung der jüdiscken Gvmnasialjugend verursachte, daß diese Sprößlinge in Jndifferentismus verfielen. Diesem Nebel konnte nur durch einen gewissenhaften Religionsunterricht abgeholfen werden. — Nun können wir berichten, daß unser neugewählter Rabbiner Doctor Löwy unseren Erwartungen vollkommen entsprach. Durch strenge Discivlin, gewissenhaften Unterricht gelang es dem Rabbiner in Kurzem die jüdischen Kinder ernst an ihre Religion und ihre Abstammung denken zu lassen; er weiht sie durch seine gediegenen Vorträge in die jüdische Geschickte ein und mackt sie mit den Satzungen bekannt. Ebenso glänzend sind die Erfolge in den Volksschulen und in der höheren Töchterschule, in welch letzterer Se. Ehrwürden selbst den Unterricht leitet. All dies berechtigt uns zu hoffen, daß die Sprößlinge. denen Herr Doctor Abr. Löwy das Wort Gottes beibringt, treue Anhänger ihres Volkes bleiben werden. Unter den Tagesneuigkeiten haben wir leider einen Todesfall zu verzeichnen, der tiefe Trauer zurückließ. Am 12. d. M. verschied hier Abraham Aron W e i n st o ck in der Blüthe seiner Jugend. In Jagielnica, Galizien geboren, wurde er von seinen armen, biederen Eltern in seiner frühesten Jugend zum Talmudstudium bestimmt. Er warf sich hierauf auf die profanen Wissenschaften. Seit Mai vorigen Jahres setzte der Verblichene hier in den dürftigsten Verhältniffen unermüdlich und mit seltener Ausdauer sein Studium fort. Durch die allzugroße Anstrengung aber zog er sich eine gefährliche Krankheit zu, und nach dreiwöchentlichem Leiden ereilte ihn der Tod in seinem 19. Lebensjahre. Am 13. d. M. um 2 Uhr Nachmittags wurde die irdische Hülle des Verstorbenen in die Synagoge überfübrt, wo die Seelenandacht für den Todten abgehalten wurde. Die Trauerrede, die Herr Dr. Löwy hielt, machte tiefen Eindruck. Redner beklagte den Tod dieses hochherzigen Jünglings, der eine Zierde seines Volkes hätte werden können, als Verlust des Judenthums. Der Schreiber dieses hielt dem Dahingeschiedenen nach der Trauerrede einen Nachruf in hebräischer Sprache, worauf die irdischen Reste zur ewigen Ruhe geführt wurden. Ch. K l ü g e r. Tabor, im März 1895. Anknüpfend cm die in diesen geschälten Blättern gebrachten Berichte über das leider zu frühe Hinicheidcu des Großhändlers und Cousnls Herrn Bernhard M e n d l in Braila, dürften folgende Zeilen für viele ihrer Herren Leser von Jnlerrsse fein : Herr Bernhard Mendt ist in Tabor geboren, entstamint einer sehr achtbaren Familie, welche jedoch mit vielen Glücksgüteru nicht gesegnet war. Der Großvater des Verblichenen mütterlicherseits war Herr Rabbiner Anselm Schwarz s. A. Der Verewigte kam vor ungefähr 50 Jahren zn seinem Bruder Herrn Louis M e n d l nach Galatz, wo er unter seiner vorzüglichen Leitung und auch seiner eigenen Thätigkeil und Intelligenz es zu der Stufe brachte, welche Ihre Berichte aus Braila wahrheitsgemäß bestätigen. Der Verewigte Herr Bernhard M e n d l unterließ es nie oder selten, wenn er nach Oesterreich kam, die Gräber seiner hier beerdigten Eltern zu besuchen und pietätsvoll seiner Vaterstadt zu gedenken. Bor 10 Jahren, als die hiesige Cnltusgemernde eine neue Synagoge baute, zeichnete er sich mir seinen Brüdern, Herrn Consul und Großhändler Louis Men dl in Galatz und Herrn Ferdinand M e n d l, Großhändler in London, derartig aus, indem diese drei Herren ein prachtvolles Paroches und zwei in selbem Style aiigefertigte Thorarollenmäntelchen ans der Kunststickerei Giani in Wien, ferner.einen prachtvollen silbernen Thoraschmuck („H6-koäe8clr"), ferner einen prachtvollen Lu>'er und und drei gleich g r o ß e Geldbeträge spendeten, indem sie damit die Symvathie für ihre Vaterstadt und Cnltusgemeinde documentirten. Die Theilnahme der hiesigen Cnltusgemeinde über das Hinscheiden des Herrn Bernhard Men dl war eine aufrichtige und allgemeine, und möge seiner geehrten Familie es zum Tröste gereichen," daß er hier unvergeßlich bleiben wird. Ebenso ist es der aufrichtige Wunsch der hiesigen israelitischen Gemeinde, daß die oben benannten Herren Brüder noch viele Jahre zum Woble Ihrer Familien und der von ihnen so sehr bedachten humanitären Anstalten weiter wirken und zur Ehre des Judenthums unserer Cnltusgemeinde als unsere Landsleute zur Zierde gereichen. Schließlich sei noch erwähnt, baf? ein vor mehreren Jahren verstorbener Bruder Herr MUDr. Emanuel M e i, d l in Melnik in Böhmen praktischer Arzt war, dessen Sohn Herr Gustav Men dl königlich rumänischer Generalconsul in Antwerpen ist, derselbe besitzt ebenfalls viele hohe Orden. Protznitz. Am 24. d. M. wurde das Brudermahl der Chewra-Kadischa abgehalten, an welchem sich mehr als 80 Personen — die Elite der Proßnitzer Gemeinde — betheiligten. Das Fest übte einen erhebenden Eindruck auf alle Theilnehmer. Das treffliche Menu hat die renommirte Restauration Schreiber beigestellt und die Tischreden, welche bei dieser Gelegenheit gehalten wurden, wiederfpiegelten eine ideale Gesinnung im Dienste humaner Ideen und ermahnten zur Zusammengehörigkeit, zum innigen gegenseitigen Anschluß in Zeiten der Roth und Bedränaniß. Und wie bei ähnlichen Anläffeu, so wurde auch diesmal, aus Anlaß des 50jäbrigen Kaiser-Jubiläums, zur Verbesserung der Lage unserer Armen eine Anregung gegeben und der Bau eines neuen Altersversorgungshauses für Männer und Frauen zum Beschluffe erhoben. Vereins-Präsident M. Brüll begrüßte die Versammlung mit einer herzlichen Ansprache, worauf Herr Dr. Zweig in Abwesenheit des Bürgermeisters ein Hoch auf Se. Majestät den Kaiser ausbrachte, in welches die Versammlung begeistert einstimmte. Hieran reihten sich schwungvolle Toaste, welche die Herzen zur Beaeisterung entflammten. Es sprachen nacheinander Gem.-Rath, S cb w a r z. Cultus-Vorsteber Jos. Singer. Vorsteher M. Neumann, Dr. Brüll. Dr. Hirsch. Dr. Hamburger, Moritz Hamburger, Heinrich Glas. F. Winter. Oberlehrer Weiner. Lehrer Blitz. Sig. Zweig. Adolf P o l l a k. S. Bill, G l a s e r, H i r s ck. B e r t a u e r u. m. A. Ferner wurden von der Ferne Brüse und Telegramme vorgelesen, unter Anderem von den Herren Ed. Beer, Moritz Hirsch. Ludwig Zweig. Sigmund Mandl u. m. A. Berlin, 17. März. Wie sich die antisemitischen Gesellen vergnügen, wie sie mit der Wahrheit umgehen und mit dem Gesetz Spott treiben, dafür lieferte ein gestern vor der 141. Abtbeilnng des Amtsgerichts I. verhandelter Proceß typische Beispiele. Ter Schneider Soult besitzt Schützensiraße 18/19 eine Werkstatt, in der mehrere „Platzgesellen", d. h. Leute, die selbstständig arbeiten, tbätig sind. Diese Anbänger Ah lwardt's pflegen zu ihrer Ausbildung durch irgend einen jungen Menschen einen jüdiichen Handelsmann in die Werkstatt holen zu lassen, der dann auch in der Hofsnung aus ein Geschäft nicht lange ans sich warten läßt. Zunächst beginnt dann nach allen Regeln der Kunst das Feilschen um alte Kleider. Seitens der Schneider wird der Handelsmann endlich dazu gedrängt, drei Maik anzuzabl n. Run schlägt die Stimmung um. die Gesellen werdin sich ihrer antisemitischen Gesinnung bewußt, und nachdem der Handelsmann mit einer Fluth von Kosenamen nach dem Herzen der Führer im Kampfe überschüttet worden, wird er gewaltsam vor die Thür gesetzt. Damit ist die Sache aber keineswegs erledigt. sondern nun erfolgt eist die Hauptsache, denn der tüchtige Herr Soult erstattet dann noch geg n den Hinausgeworsenen die Anzeige, weil düser, ohne hierzu anigesordert zu sein, seine Werkstätte betreten habe, um nach alten Kleidern zu fragen.. Ein solches Opfer dcS tapferen Soult und feiner Hcersckiaar hatte sich in der Person des Handelsmanns Moses Bäcker gestern gegcn die Anklage der