Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 13 (29.3.1895)
- Date
- 1895-03-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 336 Dr Bloch's Orfirrrrrchrfchr Wochrnfchrrfl. ^r. 13 verstohlen — denn deutsche Bücher waren besonders vom chassidischen Standpunkte aus verpönt — in Kammern und aus Dachböden aufbewahrt und gelesen, allerdings war Schiller mit seiner blumenreichen Sprache und seinem Mysticismus der Beliebteste, wenn auch die „Sendung Mosis" über seine Stellung zu den Juden zu denken gibt. Nach ihm kamen die Romantiker; Heine und Börne wurden auf Händen getragen, wie begreiflich schon aus Stammesrücksichten und Geistesverwandtschaft, deutsche Romane, namentlich die Werke eines Gutzkow, Auerbach und Spielhagen gingen von Haus zu Haus, man borgte die Exemplare und in jedem aufgeklärten Hause stnden wir damals deutsche Lectüre, deutsche Aufklärung. Allerdings ging parallel damit, gleichfalls durch den Geist Mendelssohn's geweckt, eine innere Reformbestrebung, nämlich bezüglich der jüdischen Wiffenschaft selbst. Die Namen, die ich als Vorläufer des Größten nennen möchte, stnd ja bekannt; es sind das Josef Perl, Nachmann Krochmal ' und Herter; das sind Vorläufer des großen Rappaport, der ein Genosse von Zunz war, sie alle bekämpften den Chassidismus und wiesen den galizischen Glaubensbrüdern den Weg, den sie zu gehen hatten. Die erste Volksschule wurde von Perl in Tarnopol gegründet — es ist das der Stellung und der sie umgebenden Athmosphäre nach nicht eine Volksschule im heutigen Sinne, sondern beinahe eine höhere Schule — um sie gruppirten sich Aufklärung und Wissen. Es kamen dann die Schulen in Lemberg und Brody und in der jüngsten Zeit ist durch den großen Wohlthäter und Philantropen aus Paris ein Netz von Schulen über das Land gebreitet. Daran schloffen sich Handwerkerschulen. Die geistige Wiedergeburt der jüdischen Wissenschaft wurde durch die angeführten Männer angebahnt und durch Rappaport vollzogen; er hat den Talmud gewissermaßen wieder zur Ehre gebracht, die jüdische Wiffenschaft vom * Standpunkte der bamal§ herrschenden historischen Schule aufgefaßt und sie rein zur Geltung kommen laffen. An diese geistige Richtung reihten sich die Männer der That, welche für den Fortschritt und die Aufklärung wirkten. In dieser Beziehung geht seit dem 4. Decennium dieses Jahrhunderts die Lemberger hauptstädtische Cultusgemeiude rüstig voran. Der Gottesdienst wird modernisirt, ein geschulter Prediger und Rabbiner berufen, doch leider fällt der erste (Dr. Kohn) einem meuchlerischen Giftmorde seiner finsteren Glaubensgenoffen zum Opfer, doch die Institution des fortschrittlichen Rabbiners bleibt und findet in anderen Städten des Landes Nachahmung. Das Programm der jüdischen Fortschrittspartei in Galizien wird auf dem Gemeindetage vom Jahre 1878 formulirt und steht noch heute wegweisend. Das sind die inneren und äußeren Reformbestrebungen. Die Culturarbeit ist gewiß eine schwierige, aber sie dringt langsam und entschieden vorwärts. Wie sehr haben sich die Verhältnisse in unserem Lande geändert! Allerdings ist noch viel Schatten, unendlich viel Pauperismus da; namentlich in den kleinen entlegenen Städten finden Sie blinden Chassidismus und Wundermänner, aber lmrgs der großen Berkehrsstraßen und in den größeren Städten dämmert es allmälig auf. Ich bin Ihnen aber noch einige Bemerkungen schuldig. Sie wissen, daß sich das politische System geändert hat; die Schulen wurden polonisirt und dos Land ist heute thatsächlich ein Polnisches, wenn auch unter österreichischer Herrschaft. Die Tausende jüdischer Jünglinge, die die Mittelschulen absolviren, die Hunderte, die die Hockschulen besucht haben, kommen nicht mehr mit dem reichen Schatze deutscher Bildung, wie sich ihn die Zöglinge früherer Schulen erwarben. Sie haben bereits den Unterricht in der polnischen Sprache genommen,und die Stellen Schiller's und Goethe's füllen Mieckiewicz und Slowacki in der Bibliothek und Literatur aus. Das Deutsche ist zurückgetreten und Sie finden heute mehr und mehr. Annäherung an Polen. Damit hängt auck die Assimilation in politischer Beziehung zusammen, die ich für dieses Land und für alle Länder als die allein berechtigte politische Richtung anerkennen kann (Beifall). Der lebendige Strom der nationalen Zusammengehörigkeit konnte Wohl durch die Unterdrückung zur Zeit von Polens Niedergang und durch die österreichische Germanisationsepoche in Galizien eine Unterbrechung erfahren, mußte aber mit dem Aufleben der Freiheit naturgemäß wieder wach werden. Doch auch während dieser Unterbrechung sehen wir glanzende Beispiele von polnischem Patriotismus bei den Juden. Die Freiheitskriege unter Kosciusko, die Barricaden von 1848 und der Aufstand von 1863 sehen jüdische Kämpfer und Märtyrer in den polnischen Reihen. In der letzten Zeit ist, und es/ist das begreiflich, in nationaler Richtung eine Gegenbewegung entstanden, die der Zionisten. Die jungen Leute handeln ja insofern edel, als ihre Motive edle sind, 'man kann sie ja psychologisch verstehen; sie sind eben voll des Schmerzes über die Verhältnisse der letzten Zeit, glauben, die Affimilation führe zu nichts, und wollen sich darum in ihrem Urjudenthum einschließen.und auch politisch und social nichts als Juden sein. Aber es ist das eine edle jugendliche Verirrung. Uns bleibt keine andere Wahl in der Mitte der Völker und Länder. Wenn wir gleichberechtigte Bürger sein wollen, haben wir uns, denke ich, zu dem Bürgerthume des Landes zu bekennen. (Lebhafter Beifall.) Es bleibt den Juden nichts Anderes übrig, als zu den Völkern zu stehen, unter denen wir leben. Bedenken Sie wohl, welche Fülle von neuen Gründen gegen uns entsteht, wenn wir uns selbst als nationale Fremde bekennen. (Beifall.) Wenn sie unser Land jetzt besuchen und durchwandern. Sie würden finden, daß es in Vielem besser ist, als es Sie sich vorstellen. Ich habe das oft gehört, namentlich bei der letzten Ausstellung, man sagte, alle Erwartungen seien übertroffen worden, und wenn sie die Zeit des Niederganges, der Versumpfung, des finsteren Chassidismus vom Ende des vorigen Jahrhunderts mit den heutigen Zuständen vergleichen, so finden Sie eine stattliche Anzahl von jüdischen Gutsbesitzern, von Gutspächtern, auch kleinen Ackerbautreibenden, wenn auch der Ackerbau leider für die Juden der schwierigste Erwerb ist, weil sie an städtische Verhältnisse und städtischen Erwerb gewöhnt sind. Sie finden alle Berufsclassen, auch Beamte, wenn auch in jener geringen Zahl, wie es die Art der Handhabung der Staatsgrundgesetze gestattet. Sie finden Fabrikanten, Tausende und Abertausende Handwerker. In den Gemeindevertretungen sitzen Juden, ebenso im Landtage, im Reichsrathe. Ueberall füllen sie ihren Posten aus,' v rtheidigen sie die Rechte der Glaubensgenossen auch anderer Länder. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) ° Wenn wir uns also die Dinge vom historischen Standpunkte aus ansehen, so haben wir eigentlich keinen Grund zu jener Verzweiflung, die sich allerdings, mitunter unser bemächtigt. Es ist wahr, es ist nicht Alles so, wie es sein sollte, aber um wie vieles besser, als früher. Ich begreife Ihre Gefühle, die Sie in der.stolzen und herrlichen Kaiserstadt wohnen, ich sehe, was hier vorgeht. Aber blicken Sie zurück! Fragen Sie, wie es in Wien unter der großen Kaiserin Maria Theresia war, wie vor einem Jahrhunderte! Der gelbe Fleck, die beschränkte Anzahl der in Wien domcilberechtigten Juden, das Kopfgeld. Verhöhnungen, Verspottungen. (Ruf: Noch besser als jetzt! Lebhafte Protestrufe.) Diesen Zwischenruf schreibe ich blos dem Mißmuth über die Gegenwart zu, welche drückt, weil wir nur das empfinden, was uns jetzt bedrückt. Aber es ist dock nicht unrichtig, 'daß es damals viel schlimmer war.. Vieles bleibt noch zu erreichen, aber Vieles ist schon erreicht, und wer daran glaubt, daß dem Menschengeschlechte der Fortschritt beschieden ist, daß die Cultur vorwärts geht, wird sagen müssen: Es wird besser werden. Das Buch der Leiden der Juden ist wahrhaft schon übervoll, jedes Blatt dieser Geschichte ist von Blut und Thränen getränkt und wenn wir nicht verzweifeln und an den guten Stern der Menschheit glauben wollen, müssen wir sagen: Es wird besser werden und es wird eine Zeit kommen, wo auch von den Rechten die Rede sein wird, „die mit uns geboren sind". (Lebhafter anhaltender Beifall und Händeklatschen.) -i- * * Herr Brod tadelt die von unberufener Seite entfaltete Agitation gegen die Wiederwahl des Gemeinderathes Lang, die umso schärfer verurtheilt werden müsse, als sich selbe gegen die Confession dieses Candidaten richtet. Gemeinderath Lang sei eine jener Persönlichkeiten, die von der antisemitischen Partei am meisten gehaßt werden und dieses Argument allein spreche für ein energisches Eintreten für die Wiederwahl desselben, zumal Gemeinderath Lang im Gemeinderathe stets seine Pflicht nach jeder Richtung hin erfüllt habe. Herr Julius Frankl stellte sich der Versammlung als Candidat für den I. Wahlkörper der Innern Stadt vor.