Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 13 (29.3.1895)
- Date
- 1895-03-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Ne. 13 ... '. s Seite 234 Dr. Blvch's Orsterreichifche Wochenschrift. sondern von schärferem Wesen sind, kurz, in das Land meiner Heimat, nach Polen. ES ist das ein Land, dessen Geschichte ebenso merkwürdig ist, als eS die Begebenheiten und die Schicksale unserer Glaubensgenoffen in Polen sind. Ich möchte Ihnen ein Culturbild geben, eine Federzeichnung der Culturbestrebungen eines Jahrhunderts. Ich muß daher mit der Zeit vor einem Jahrhundert anfangen, mit den Zeiten des Niederganges Polens und des schwersten Niederganges der Juden in Polen. Bevor ich aber das thue, gestatten Sie mir eine historische Reminiscenz zu bringen, weiter auszugreifen, um das Berständniß des Folgenden zu ermöglichen. Sie wissen, daß das 14., 15. und 16. Jahrhundert, diese Jahrhunderte des finsteren Mittelalters, vielleicht die traurigste Zeit für unseren Stamm in Europa bedeuten, Sie wissen, daß gerade im Herzen Europas, im deutschen Reiche, die Verhältnisse für die Juden unendlich traurige und schwierige waren. Sie wissen, daß die Juden gehetzt und verfolgt wurden, daß sie Haus und Hof verlassen mußten, daß sie um das Theuerste, den ererbten Glauben und die Sitten der Väter, zu retten, von dannen zogen, die Gräber der Ihrigen, die Erinnerung und die Vergangenheit zurückließen. Sie wandten sich nach jenem Lande, von welchem ich spreche, und weit waren ihnen Polens gastliche Tbore geöffnet. In Polen herrschte Kasimir der Große, dessen Namen auch Ihnen gewiß' bekannt ist. Er ging von dem Wunsche aus, Polen einen Bürgerstand zu verschaffen, der ihm fehlte, nnd nahm mit offenen Armen die Juden auf, und kaum ein Jahrhundert später, als die ursprüngliche Privilegiumsurkunde durch Brand verloren ging und man die Herstellung einer neuen verlangte, ging einer seiner Nachfolger. Kasimir IV.. weiter, und damit wurde die Magna Charta der Juden, die Grundlage für ihre Existenz in Polen, errichtet. Es waren darin Freiheiten verzeichnet, wie sie die Juden damals in keinem europäischen Lande besaßen. Es war darin garantirt die Freiheit des Glaubens und der Verbindung der Gemeinden, die sich später zur höheren Verbindung, der Synode des ganzen Landes, oder, wie es offieiell hieß, der vier Länder, herausbildete. Sie bestellte das Rabbinatsgericht für Streitigkeiten der Juden untereinander und mit den Christen, nicht etwa ein gewöhnliches Gericht, sondern ein Gericht höherer Ordnung, ein Palatinsgericht, wie es der Adel hatte. Ferner war zugesichert, daß die Juden in ihrem Erwerbe nicht beeinträchtigt werden, es war verheißen, daß die Juden nicht von der „Belästigung der Geistlichkeit" leiden werden, daß ihnen keine Blutbeschul' digung gemachtwerden dürfe, es sei denn, daß inländische glaubwürdige Juden und vier gleiche Christen eine solche Beschuldigung wiederholen würden. Im Grunde dieser Freiheiten strömten weit vom Neckar und Rhein, vom Main und der Elbe die Juden nach Polen und sie machten sich an der Weichsel und am Dniepr ansäßig und es ging ihnen auch gut. Die Geschichtsschreiber erzählen aus jener Zeit — und die Blntperiode dauerte bis zum Beginne des 16. Jahrhunderts — daß es den Juden thatsächlich gut ging. So verzcichnete ein Historiker jener Zeit,, daß auf 500 christliche Großhändler 3200 jüdische in Polen kamen. Man schätzte die Juden bei dieser ersten Zählung nur auf 20.00V. Die größte Gemeinde war Posen mit 3000. dann kam Krakau mit 3000 und Lublin. Man muß hervorheben, daß Handwerk, Goldschmiedekunst und die Silberarbeiten blühten — die Tradition hat sich bis in unsere Zeit erhalten und auf der vorjährigen Landesausstellung wurden solche Werke von Kennern bewundert. Man hebt weiters hervor Schmiede und Weber. Man findet die Juden als Aerzte, man anerkennt, daß sie eine Stellung hatten, wie sie damals kurze Zeit nur unter der Pforte und sonst nirgends zu finden war. Als man aber dann das städtische Element in Polen starken wollte und deutsche Bürger und Handwerker dahin berief, brachten sie leider die Erinnerungen an deutsche Verhältnisse, das Zunft- und Zopfwesen mit, und dieses Element war es, das zuerst und systematisch die Juden in Polen befehdete. Die politischen Verhältnisse waren jedoch solche, daß der Adel, wenn auch nur aus Gründen des nationalen Gegensatzes, die Juden beschützte und es damals nicht dazu kommen ließ, wohin man le'der später kam. So schildern denn die Historiker übereinstimmend die Zeit bis um die Mitte des 17. Jahrhunderts. namentlich aber jene des 15. und 16. Jahrhunderts, als eine solche, von der man sagen konnte: Polen ist ein Asyl, für die Bedrängten. Es war auch die Zeit, in welcher das Geschecht der Jagellonen auf dem polnischen Königsthrone saß. Als es ausstarb und sich verschiedene Häuser um die polnische Königskrone bewarben, und als namentlich ein Kandidat aus dem Hause Anjou auftrat, da war es kein Anderer als der Jude Salomon As ken a sy, welcher die Wahl Heinrich HI. von Frankreich zum Könige von Polen mitentschied, und als die Königin Bona aus Italien in der Mitte des 16. Jahrhunderts jüdische Aerzte mitbrachte, waren sie über die erfreulichen Verhältnisse erstaunt; sie constatirten in ihren Tagebüchern, daß sie nicht solche Berhältniffe in Polen erwarteten und auch nicht erwarten konnten; sie nennen die Zeit eine Blütheperiode für die Juden. Bald kam jedoch, wie überhaupt die menschlichen Dinge dem Wandel unterworfen sind, die Periode des Verfalles, der Niedergang begann um die Mitte des 17. Jahrhunderts, als die Geistlichkeit und namentlich die nach Polen eingewanderten Jesuiten immer mehr an Einfluß gewannen, was zum Schaden des Königthums, zum Schaden der freiheitlichen Einrichtungen ausschlug und sich leider zum Nachthelle der Juden fühlbar machte, die äußeren Verhältnisse waren auch nicht günstige. Die Großmachtstellung Polens begann zu sinken; es kam damals ungefähr, in der Periode der deutschen Bauernkriege und des 30jährigen Krieges die Zeit der Polen verheerenden Schwedenkriege; wilde Kosakenhorden plünderten und raubten; Sieger und Besiegte wechselten zwar; aber jeder gab, wie es schon heißt: der Jude wird verbrannt, den Juden die Schuld an den Niederlagen. Die Juden wurden geplündert und beraubt, und Aufzeichnungen aus jener Zeit, — die jüdische Bevölkerung war inzwischen gewachsen — schätzen denn übertriebenerweise den Verlust an Juden auf 500.000; aber selbst gewissenhafte Geschichtsschreiber, darunter Grätz, beziffern die Zahl der Juden, die während der sogenannten Schwedenkriege umkamen, aut 250.000, dazu kam die sich stets erhöhende Kopfsteuer; jeder Reichstag brachte Anträge auf Erhöhung der jüdischen Kopfsteuer, die finanzielle Noth Polens hatte ja damals ihre Anfänge; die Kopfsteuer wuchs auf 250.000 fl. und später auf 2 Millionen Gulden. Die Bedrückung der Juden wurde immer größer, die Gesetzgebung immer ungünstiger. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war V5 der Städte von Juden entvölkert; sie gingen in ärmere Gegenden, in die Ukraine, um sich dort anzusiedeln. Aber sie wurden überall bedrückt; es kamen Gesetze, auf Grund welcher den Juden nicht aller Erwerb gestattet war und sie mußten bei den Städten und ihren Bürgern das Recht auf einzelne Erwerbszweige erkaufen. Im Jahre 1740 finden wir im Reichstage schon eine Stimme für die Vertreibung der Juden aus Polen, und ein Mitglied des Reichstages begründet sein ablehnendes Votum damit, daß die Juden — zu viel Geld schuldig wären. Die jüdischen Gemeinden hatten nämlich, da sie für die Aufbringung der Kopfsteuer haftbar waren, ihre Genossen aber nicht ruiniren wollten, behufs Bezahlung der Steuer Darlehen ausgenommen, und die Gemeindeschulden spielen ja auch noch später eine Rolle. Sie bildeten eben für ein Mitglied des Reichsrathes (Miroslawski) das einzige Motiv dafür, daß man die Juden nicht aus Polen vertreibe. Es bestieg dann König Stanislaus August Poniatowski den Thron, ein schwacher Regent, der bereits unter dem Einflüsse Rußlands stand, das beutegierig auf seinen Antheil an Polen lauerte. Er ließ sich verleiten, die Gesetzgebung zu ändern, und zwar auch zum Nachtheile der Juden. Er hob ihre Synodalverfassuna auf, das Recht nämlich, daß die Rabbiner und Gemeindevorsteher aller 4 Länder zusammenkommen. um eine gewisse gesetzgebende Gewalt auszuüben; ging doch die Besugniß der Rabbinatsgerichte so weit, — es ist das eine Auffassung, die den modernen Anschauungen über das Verhältniß des Staates zur Kirche widerspricht — daß sie die peinliche Gerichtsbarkeit, ja sogar das Reckt über Leben und Tod hatten. Aber die Synodalverfassung wurde beseitigt und das war ein harter Schlag für die Juden in Polen, denn nur die Autorität der Synode bewahrte Polen vor dem verderblichen Sectirerwesen Nun konnte sich dasselbe breilmachen und man kann von dieser Zeit an die Epoche der Finsterniß constatiren, jene der Verwerfung der reinen jüdischen Lehre, den Beginn des starren Formenwesens; es entstanden die Wundermänner und sie sind leider rrrfi lrnte da. wcnn auch mit geringerem Einflüsse. Die rückläufige Bewegung in der Gesetzgebung wurde fortgesetzt. Die Chen wurden besteuert, den jüdischen Aerzten wurde nutcrsogt, an Christen Arzru>n