Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 13 (29.3.1895)
- Date
- 1895-03-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021061-3021075--04415-3028600- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 13 Dr. Bloches Orfierreichischr Wochenfchrifi. Seite 231 caulay gleichfalls in der Lage, daß er mehrere Mitglieder capacitiren mutzte, Damit sie die Freiheit des Uebertrittes gestatten. Damals sagte Macaulay, „thun Sie es doch, denn glauben Sie mir, das wird so selten Vorkommen, wie die volle Sonnenfinsterniß". Er sagte, er habe von einem Falle Kenntniß, in welchem die Israeliten Lord Gordon, welcher übergetreten war, nicht nach jüdischem Ritus begraben wollten, so wenig betrachteten sie ihn als den Ihrigen, obgleich er zilr israelitischen Religion übergetreten war. Ich habe dies offen und aufrichtig vorgebracht, weil die praktischeil Gesichtspunkte, welche wahrscheinsich den Hintergrund dieses geheimnißvollen Standpunktes bilden, schlechterdings nicht solche sind, daß sie Berechtigung besitzen könnten. Ich wünsche nicht von diesem, wohl aber von entschieden principiellem Gesichtspunkte, vom Gesichtspunkte der Gerechtigkeit und Gleichberechtigung die Aufrechthaltung des Uebertrittes. Der geehrte Herr Borredner sagt, ich wisse nichts von den Israeliten, ich wisse gar nicht, wen ich recipiren werde und er sprach von einem Knoblauchgeruch und sagte auch, meine Handlungen hätten einen Knoblauchgeruch u. s. w. Eine solche Stimme Paßt kaum zu den Berathungen des Magnatenhauses (So ist's! So ist's! links), denn Derartiges ist nicht duftend; eine Rede, wie wir sie jetzt gehört haben, besitzt einen ganz anderen Geruch. (Lebhafter Beiiall und Zustimmung links.) Ich kann dem edlen Grafen sagen, daß die Israeliten in Ungarn organisirt sind, anderswo, wo die Reception erfolgte, gibt es gar keine so große allgemeine Organisation. Es sind die auf. der Congreßbasis Stehenden organisirt und dies; stehen auf der von Sr. k. u. k. Majestät im Jahre 1869 erfolgten Regelung; solche Gemeinden, wenn Sie neugierig sind, ob ich es weiß, gibt es im Lande ungefähr 200. Dann haben wir die orthodoxe Organisation, welche auf der Verordnung Zahl 2695/1871 beruht; solche Gemeinden gibt es 250. Die dritte Kategorie ist die derjenigen, die auf der Basis des Status guo stehen, ungefähr 50 Gemeinden; diese haben keine solche weitere Organisation. Gegenüber 450 eine Organisation hesitzenden Gemeinden stehen 50 Gemeinden, und auch diese können sich ohne die Bewilligung, also ohne Jngerenz des Culrusministers, nicht coustituiren. Auch daß es so viele neue Religionen bei den Israeliten gibt, ist ein riesiger Jrrthum des geehrten Herrn Grafen; denn selbst diese anf verschiedenen Grundlagen organisirten Kategorien sind einander gleich und weichen nur im Ritus von einanver vb; sie stellen die Rabbiner wechselseitig an, schließen Ehen mit einander, es gibt also zwischen Ihnen keinen Religions-Unterschied, sondern nur einen rituellen Unterschied. Noch eine Einwendung gibt es. Mair sagt, warum wir die Israeliten,, wenn einmal von ihrer Reception die Rede ist, nicht zur Verlegung ihrer Glaubensartikel verpflichten. Sie leben ja seit Jahrhunderten unter uns, der Staat steht in fortwährendem Connex mit ihnen, er hat sie mit allen Rechten bekleidet, ausgenommen das Recht der Gegenseitigkeit. Daß wir sie unter solchen Umständen zur Vorlage ihrer Glaubensartikel verhallen sollen, dafür sinde ich keine gehörige Billigkeitsbasis, es ist aber auch nicht nothwendig. Betrachtet ja der christliche Glaube selbst die jüdische Religion für eine geoffenbarte. Ist ja die jüdische Religion die erste, welche das Princip des Monotheismus in seiner erhabenen Form aufstellt. Die zehn Gebote sind uns Allen bekannt; im Alten Testament ist die Gesammtheit der Dogmen des christlichen Glaubens niedergelegt. Es ist also durchaus unnöthig, daß sie ihre Glaubensartikel vorlegen. Es ist auch bei einer anderen Reception schon geschehen, daß eine Confession recipirt wurde, ohne daß sie ihre Dogmen, Glaubensartikel, hätte vorlegen müssen. Diese waren ungefähr die Einwendungen, welche gegen die Vorlage vorgebracht wurden. Ich glaube, keine einzige ist so stark und gewichtig, daß es werth wäre, uns ihretwegen dem hier erörterten Standpunkte anzuschließen. Davon will ich gar nicht sprechen, daß unsere israelitischen Mitbürger zu den nützlichsten Bürgern des Landes gehören, daß sie einen der bedeutendsten Faktoren der ungarischen Cultur, Industrie und des Handels (Zustimmung links), ja des ganzen, intellektuellen Lebens bilden. Daß sie gute und treue Patrioten sind, haben sie oft gezeigt. Es wäre eine Engherzigkeit, ihnen das zu verweigern, was sie selbst wünschen, ihnen den Segen der Reciprocität auf Grund der Rechtsgleichheit nicht zutheil werden zu lassen. Die 1867er Schöpfung, betreffend die Emancipation der Israeliten, ist nur ein Torso, der ausgestaltet werden maß. Ueberdies erfordert es in diesem Lande ein großes staatliches Interesse, daß wir das Zusammenhalten, die Verschmelzung mit institutlven Garantien umgeben. Wenn es ein Land gibt, wo das Gefühl der Zusammengehörigkeit nothwendig ist, so ist das Ungarn. Die Israeliten sind gute Ungarn, gute Patrioten, sie halten fest'zum Baterlande. Wenn wir sie noch enger an uns knüpfen, werden sie noch fester zu dem Lande halten, dem sie auch heute treu sind. Dieses Land ist ebenso ihr Vaterland, wie dessen, der sagt, seine Ahnen seien im Pantherfell und mit dem Stceitkolben ins Land gekommen. (Markgraf Sigmund Csäky-Pallavicini: Das gibt's nicht!) Ja wohl, sie sind ebenso gute Patrioten (So ist's! Wahr ist's! links) tlnd sie erfüllen ihre Pflicht ebenso; wir können es daher von ihnen erwarten, daß sie sie ebenso erfüllen werden, denn den Rechten entsprechen die Pflichten. Ich erblicke in dieser Vorlage eine institutive Garantie, deshalb empfehle ich sie auch im Namen der Regierung dem hohen Hause zur Annahme. (Lebhafte Zustimmung links.) Sodann präsentirte sich der junge Baron Stephan A mb r o z y als bekehrter Gegner der Reception, welche er aus patriotischem Pflichtgefühl anzunehmen erklärte. Von rein dogmatisch-clericalem Standpunkte bekämpfte Graf Ferdinand Z i ch Y den Gesetzentwurf, während der verdienstvolle parlamentarische Veteran Geheimrath Paul Szontagh in einer schwungvollen Rede die Vorzüge und Verdienste der Juden hervorhob. Er sagte wörtlich: Die jüdische Rasse ist eine ausgezeichnete Rasse. Dieselbe konnte, wie Disraeli gesagt hat, weder durch Nero's Brandstiftungen, noch durch die Scheiterhaufen des Mittelalters von der Erdoberfläche vertilgt werden. Aber auch die antisemitischen Hetzen der neueren Zeit haben dies nicht zuwege gebracht. Ich halte diese Rasse sür eine edle, hervorragende. Um von Beispielen aus Ungarn zu schweigen, sehen wir von Vertretern dieser Rasse einen Baron R o th sch i l d im englischen Oberhause; eine Tochter desselben nahm Lord Rosebery zur Ehegattin. Würde er dies gethan haben, wenn die jüdische Raffe wirklich eine so schlechte wäre? Spanien hat seinen Mendisabal als Finanzminister gehabt. Lord Beaconsfield selbst, der ebenfalls Jude gewesen, hat England mit großem Erfolge nach den Princi'pien des Liberalismus regiert und hat nicht die Disunion des Staates verursacht. Die jüdische Confeffion hatte noch viele andere große Männer. Im Heere Napoleon's diente ein General, der Jude war; ich erinnere mich jetzt seines Namens nicht. In Ungarn kenne ich einen einfachen Journalisten, der große Stiftungen gemacht hat, nicht aus konfessionellem Gesichtspunkte, sondern gemeinnützige Stiftungen für literarische Preise. Ich will ihn nicht nennen; wer sich mit Literatur beschäftigt, kennt ihn ja. Er hat solche Stiftungen gemacht, daß man von sehr vermögenden Männern zwei und drei neben einander stellen muß, bis sie solche Fundationen machen. Unter allgemeiner Spanmmg folgte endlich die namentliche Abstimmung. Man verfolgte die Phasen derselben mit größtem Interesse. Alles notirte, die Mmister, die Prälaten, die Magnaten, die vielen Abgeordneten, die aristokratischen Damen auf der Galerie. Einzelne Stimmen wurden mit Beifall oder mit Ausrufen des Staunens ausgenommen. Die Bischöfe stimmten geschlossen gegen die Vorlage, so auch die meisten Grafen. Die protestantischen Würdenträger stimmten durchwegs mit Ja, auch Bischof B a l t i k, der gestern gefehlt. hatte. Dagegen absentirte sich der evangelische Generalinspector Baron Desider P r o n a y. Die neuernannten Bannerherren Oberstmundschenk Graf Tassilo Festetics und Oberstkämmerer Graf Aladar Andrassy machten der Opposition Freude. Der Erstere stimmte gegen die Vorlage, der Letztere enthielt sich der Abstimmung. Tavernikus Graf Franz Zich y, welcher sonst mit den Clericalen stimmte, gab sein Votum für die Vorlage ab. Von den Fürsten stimmten Edmund Batthyany-Strattmann und Julius Odescalchi mit der Regierung, dagegen Nicolaus P alffy mit der Opposition. Alle Grafen Dessewffy, Mailath, Szapary, Wenckheim und die meisten Zichys stimmten gegen die Vorlage. Mit Eljens nahm die Opposition das ablehnende Votum des jungen Freiherrn Leopold von Edelsheim-Gyulai auf, der bisher immer mit der Regierung gestimmt hatte. Von den Gewählten und Ernannten votirten gegen die Reception Graf Elemer Batth y a n y, Fürst Paul E st e r h a z y, dem ein darob freudig erregter Graf ein lautes „Bravo" zurief, der pensionirte Postdirector Michael G e r v a y, der in den letzten Tagen gefehlt hatte und zum Danke für sein heutiges Erscheinen oppositionelle Eljens erhielt, Fürst ^Arthur Odescalchi, Baron Joseph Rudnyanßky und Graf Emerich Szech e n y i jun., Markgraf Eduard Pallavicini absentirte sich. Die Verlesung der Liste war noch nicht zu Ende, als die Eingeweihten schon wußten, daß die Vorlage gefallen sei. Und so war es auch. Kurz darauf erklärte der Präsident Szlavy, daß die Vorlage mit sechs Stimmen Majorität ab gelehnt sei. Die Opposition verhehlte nicht ihre Befriedigung über diesen neuen Sieg. Unter allgemeiner Erregung wurde daun die Sitzung geschlossen.