Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 13 (29.3.1895)
- Date
- 1895-03-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 230 Dr. Bloch's Oesterrrichische Wochenschrift. Nr. 13 und Idealen gezeitigt hat, das einst des Volkes heißestes Begehren war, um Platz zu machen niederen Instinkten der Hab such r, des Einheimsens auf Kosten der schwächeren Schichten des Volkes. Doch weg, hinweg mit diesen Bildern, die uns die krasse Wirklichkeit unserer kranken Zustände bietet! Es genügt, daß dem Urheber der Politik, die das hochbegabte deutsche Volk dahin geführt, gestern von der geordneten Vertretung dieses Volkes die Qu i tt mg ausgestellt worden ist! Ehre dem deutschen Reichstage, daß er z n rechter Zeit den rechte,! Entschluß gefaßt!" Es ist leider nicht wahr, daß die gewaltthätige Politik, welche Fürst Bismarck inaugurirt hatte, mit seiner Entlassung ihr Ende gefunden hat. Sie feiert ihre Wiederauferstehung in Kaiser Wilhelm IL, der dem ehemaligen Kanzler bei seinem Gratulationsbesuche in Friedrichsruhe ein Schwert mit goldenem Griffe überreichte und den Kitt von Blut und Eisen als dasjenige Mittel bezeichnete, welches nie versagt und in der Hand der Könige und Fürsten auch „den innern Zusammenhalt" sichert. Das sagt mehr als genug! Doppelt und dreifach bedeutsam aber erscheint das Urtheil, welches das deutsche Volk durch seine legale Vertretung über die Wirksamkeit des Fürsten Bismarck gefällt, für uns Juden. Als am vorigen Montag die Mitglieder des preußischen Herren- und Abgeordnetenhauses und ungefähr 100 Angehörige des deutschen Reichstages vor dem Fürsten Bismarck in Friedrichs ruh sich in Demuth neigten und dieser die Regierungen und Dynastien als die alleinigen Stützen des deutschen Reiches pries, da war es der antisemitische Abgeordnete Liebermau n v. Sonnenberg, welcher als Dolmetsch der Empfindungen dieser „Volks Vertreter" ein Hoch Ms den Fürsten ausbrachte,-in welches die Gratulanten sechsmal brausend einstimmten. Der Antisemitismus ist die ureigenste Schöpfung Bismarck % er hat durch ihn Leben und Bedeutung gewonnen, und es ist nur recht und billig, daß der achtzigste Geburtstag des ehemaligen Kanzlers eingäeitet wird mit dem Triumphgeschrei seiner Bekenner. An der Spitze derer, welche nach der Wiederausrichtung des Deutschen Reiches diesem eine freiheitliche Gestaltung geben und alle edlen Keime, welche in dieser herrlichen Natron schlummerten, $tr Entfaltung bringen wollten, standen die Juden L a s k e r und B a m b e r g e r. Sie hatten erkannt, daß der auf die Macht der Bajonnette gegründete Militärstaat gleichbedeutend war mit der Vernichtung der culturellen Bestrebungen des deutschen Volkes; in ihnen lebten noch die Ideale des Liberalismus, der die Entschlüsse der Versammlung in der Frankfurter Paulskirche geleitet hatte, und mit hinreißender, die Massen mächtig erregender Beredsamkeit kämpften sie gegen die erdrückende Persönlichkeit des Kanzlers für diese Ideale. Da schuf Fürst Bismarck die antisemitische Bewegung. O, mm: glMbe jä nicht, daß dieser Mann kein Verständniß hatte für die Regungen der Volksseele. Was Gemeines, Niedriges, Schmachvolles in ihr lag, was seiner brutalen Natur congenial war, das begriff er mit intuitiver Kraft; nur die edlen, vornehmen, hochstrebenden Empfindungen seines Volkes hat er nie begriffen. Er weckte die bestialischen Justincte des Mittelalters, er machte Stöcker zum verwendbaren Werkzeug seiner Pläne und es begann jene erbärmliche Hetze gegen die Juden, welche seither ihre Kreise über gMz Europa gezogen hat und in Oesterreich zur höchsten Blüthe gedieh. Als eine „Schmach des Jahrhunderts" hat der edle Kaiser Friedrich in. diese Bewegung gezeichnet, und ewig wird diese Schmach dem Namen und Andenken ihres Urhebers anhasten, dessen verdientes Schicksal es ist, daß ein L i e b e r m a n n von Sonnenberg das erste Hoch zu seinem achtzigsten Geburtstage ausbrachte. — Wie die Saat, so die Ernte! Die Reception der Juden im ungarischen Oberhause. Das ungarische MagnatenhMs hat in der Sitzung vom 23. März mit einer Majorität von sechs Stimmen den Gesetzentwurf über die Reception der Juden schroff abgelehnt und wir. vermuthen, daß dieser Gesetzentwurf wohl für einige Zeit damit begraben sein dürfte. Dieses Votum des Magnatenhauses ändert an der Stellung der Bürger israelitischer Confession wenig odergar nichts. Die freie Ausübung dieser Religion ist gesetzlich gewährleistet. Die Gleichheit der Staatsbürger vor dem Gesetz, unabhängig von der Confession, der sie angehören, ist^Gott sei Dank iit unserem Vaterlande in glücklicheren Zeiten errungen worden und ist von der Großmuth oder dein aufgeklärten Sinn der jetzigen Gesetzgeber unabhängig. Die politischen Rechte und die staatsrechtliche Lage der Juden leiden daher wenig Schaden in Folge des engherzigen Votums der Majorität der Magnaten. Ob es klug war, die Receptionsfrage in einer solchen Zeitepoche anzuregen und das Geschick herauszufordern, ist wohl fraglich. Die Regierung war gewiß von aufrichtigem Wohlwollen beseelt, als sie die Reception der Juden durch ein besonderes Gesetz anstrebte. Der gute Wille kann aber' oft ebenso schädlich wirken, wie der böse, wenn der Rathgeber des ersteren sich in den Mitteln zum Zwecke vergreift Es war aber auch durchaus iiberflüffig, diese Angelegenheit mit den kirchenpolitischen Fragen zu verquicken. Die abgesonderte Behandlung der Juden sollte — so interpretirte es die officiöse Presse — ein Act der Höflichkeit jener Glaubensgenossenschaft gegenüber sein, die viel gelitten hat, unaussprechlicher Unbill, Anfechtungen und Verunglimpfungen ausgesetzt war, die aber dennoch, wie dies Cultusminister Wlassics im Magnatenhause nachdrücklichst betonte, an Patriotismus und und opferbereiter Hingebung den Vergleich mit anderen glücklicheren Elementen der Bevölkerung wahrlich nicht zil scheuen hat. Dieser Act der Höflichkeit ist nun nicht besonders glücklich zur Ausführung gebracht worden. Da ergriff zunächst ein Markgraf Sigmund Csäky- Pallavicini das Wort, um als Einleitung zu seinem Speech zil erklären, daß er kein Redner sei. Diese Erklärung war ganz überflüssig, da man ihm dies auch ohne besondere Versicherung glaubte. Der Herr Markgraf sprach weder fließend, noch zusammenhängend, aber rüde und provocant, wie ein Wiener Vorstadt-Antisemit. Der Edlekamt sich einen Juden nicht ohne Hasenfell vorstellen, und darum, weil er den Knoblauchduft nicht ausstehen kann, will er die Juden nicht recipiren. Nachdeut er eine Fluth von Schmähworten gegen die jüdischen Staatsbürger hervorgesprudelt hatte, setzte er sich befriedigt nieder. Eine in einem solchen Tone gehaltene Rede ist in diesen vornehmen Räumen wohl noch nie gehört worden. Die Liberalen gaben ihrer Indignation über das Geschimpfe des inarkigen Markgrafen lauten Ausdruck. Zur Ehre der lueisten Mitglieder des antiliberalen Lagers sei es constatirt, daß auch sie von dem übelduftenden Rede-Blumenstrauße dieses Parteigenosserr unangenehm berührt waren. Präsident SzlLvy aber scheint über diese Redeleistnng so entsetzt gewesen zil sein, daß ihm darob die Stimme versagte und eres unterließ, die unparlamentarischen Ausdrücke und Ausfälle Csüky-Pallavicini's zu rügen, eine Erscheinung, die nachgerade ili alhen europäischen Parlamenten zutage tritt und den allgemeinen Verfall des Parlamentarismus charakterisirt. Diese Unterlassung des Präsidenteil wurde im Hause vielfach staunend imd nlißbilligend glossirt. Cultusininister Wlassics fertigte den Markgrafen kilrz und schlagend ab, während er die Vorlage selber als Postulat der Gerechtigkeit und Staatsraison zur Annahme enrpfahl. Aus der Rede des Cultusministers heben wir nachstehende Stellen heraus. Was den praktische» Gesichtspunkt betrifft, so gestehe, ich aufrichtig, daß ich nicht einsehe, warum Sie so sehr opponireu. Ist der christliche Glaube etwa von einer Gefahr in dieser Beziehung bedroht? Werden etwa sehr Viele die christliche Religion verlassen, um zur israelitischen Religion übertreten zu können? Vor Allem haben die Israeliten den unleugbaren Charakterzug, daß sie in der Religion keine Proselyten machen. (Bewegung rechts.) Das an sich ist ein Charakterzug, bei welchem es ganz überflüssig ist, sich auf jenen Standpunkt der Bedeutsamkeit und Eifersüchtelei zu stellen, als konnten Viele die christliche Religion der israelitischen zuliebe verlassen. Als im englischen Unterhause von der Emancipation der Israeliten die Rede war, war Ma-