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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-03-22 · 12 (22.3.1895) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
12 (22.3.1895)
Date
1895-03-22
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr 12 Dr. Blvch's Orstrrrrichifchr Wochrnfchrifk Gerte SS7 weiters einen billigeren Preis, doch auch dieser überstieg meine finanziellen Kräfte. „Geben Sie mir also, was Sie gerade bei sich haben", sagte der Alte endlich mit einem gutmüthig schelmischen Lächeln. Ich zählte mein ganzes Vermögen auf den Tisch und bekam das ersehnte Bild, nachdem Beer den Staub oon demselben weggeblasen und das Glas mit dem Aermel seines langen, talarähnlichen Rockes gereinigt hatte. Seitdem kam ich öfter in das kleine Gewölbe, in dessen halbdunk^en, mit Bücherstößen angefüllten Raum mich eine Faustische Stimmung überkam. Beer ließ mich, obwohl ich schließlich meist nur ein paar Bände kaufte, oft stundenlang in seinen Schätzen wühlen und ich befand mich in der nach Staub und Moder riechenden Luft, unter schwirrenden Motten wohler, als draußen im Sonnenschein beim Gezwitscher der Singvögel Eines Abends bot sich mir in dem Gewölbe Beer Gottesmann's ein lebendig gewordenes, niederländisches Genrebild, eines Hondhorst oder van Schalken nicht unwürdig. Der kleine verschrumpfte Beer, in langem, schwarzem Talar, saß auf einem Polsterstuhl mit hoher Lehne vor einem kleinen Tische, aus dem eine kleine Oellampe mit grünem Schirm brannte, vor ihm auf einem Bücherballen zu seinen Füßen ein junges, schlankes Mädchen. Die Lampe warf ihr gelbes Licht in das mit Runzeln bedeckte dunkle Gesicht des gelehrten Beer, der, ein Sammtkäppchen auf dem ergrauten Haar, die eine Hand im dichten Barte, in einem großen Foliobande las und dabei die welken Lippen bewegte, und beschien zugleich das schöne, keusche Gesicht des Mädchens, dessen dunkle Augen von den langen Wimpern beschattet waren. Eine ihrer schwarzen Flechten war losgegangen und auf die Schulter hinabgesunken; sie merkte es nicht, so sehr war sie in den kleinen Goldschnittband vertieft, den ihre kleinen, bleichen Hände hielten. Es war Gella, welche ich an diesem Abend kennen lernte. Das kleine Buch, in dem sie las, waren Lenau's Gedichte. Dieselben boten uns beiden einen Anknüpfungspunkt, der mir über die erste Beklemmung hinweghalf, denn sie war weder scheu, noch keck, sondern eine jener seltenen, sicheren, zugleich warmen und verständigen weiblichen Naturen, welche uns vielleicht nicht auf den ersten Blick interesfiren, uns nicht leidenschaftlich aufregen, aber jederzeit wohlthun. Wir befreundeten uns bald und ich führte jetzt nach und nach alle meine Freunde und Collegen bei Beer Gottesmann ein, so daß die schöne Gella bald einen großen Hofstaat, einen ganzen Kreis echter Toggenburger um sich vereinigt sah. Nur jener unter meinen Freunden, der mir der liebste war, vielleicht nur deshalb, weil er gleich mir aus Galizien stammte, Jan Wodakoski, wollte niemals mitgehen, und doch lag mir gerade an ihm sehr viel, denn er war ein unsteter, schwankender, leidenschaftlicher Mensch und ich versprach mir von dem ruhigen, milden, verständigen Wesen Gellas einen wohlthätigen Einfluß auf ihn. Wodakoski war der Aelteste unter uns und spielte sich bereits auf den erfahrenen Weltmann und Frauenkenner hinaus. Wir hatten gerade in dieser Beziehung am wenigsten Respect vor ihm. Wenn er ein Frauenkenner gewesen wäre, hätte er nicht in dem Netz der schönen Josepha v. Odenheim gezappelt. Sie war die Tochter eines Hauptmannes, der bereits seit einiger Zeit zur himmlischen Armee einberufen worden war, und bewohnte mit ihrer Mutter ein kleines Haus in der Vorstadt am Fuße des Vischehrad, das von einem verwilderten Garten umgeben war. Ich hatte ihn mehr als einmal begleitet, wenn er zu Josepha ging, aber jedesmal, wenn sich ein Helles Gewand zwischen den grünen Ranken, oder ein Kopf mit goldschimmerndem Haar am Fenster zeigte, mit klopfendem Herzen die Flucht ergriffen, denn Josepha war in unseren Augen eine Art Teufelin, wie Frau Venus in Heine's Tannhäuser-Gedicht, oder die rothhaarige Lillith. von der uns Beer Gottesmann so schauerliche Dinge zu erzählen wußte. Ich erschrack deshalb nicht wenig, als Wodakoski, den ich wieder einmal drängte, mit mir zu Beer GoUesmann zu gehen, mir zur Antwort gab: „Gut, wenn Du mit mir zu Josepha gehst, dann will ich meinetwegen auch Deiner Jüdin meine Aufwartung mächen." Als ich zögerte, rief Jan: „Du wirst -Dich doch nicht vor einem Paar schöner Augen und einem blonden Zopf fürchten?" „Nein, gewiß nicht." „Dann will ich Dich heute Abend bei ihr eirpühren." * Als wir uns dem kleinen Hause näherten, vor dem die kahlen Baume dicht beschneit, gleich Hofherren des vorigen Jahrhunderts, mit weißgepuderten Köpfen dastanden, hörten wir eine tiefe schöne Altstimme das Lied aus Egmont fingen: „Die Trommel gerühret, Das Pfeifchen gespielt, Mein Liebster gewaffnet Dem Haufen befiehlt." Wir stiegen eine halbdunkle Treppe e.npoc und Wodakoski klopfte an eine niedere Thüre. Ein energisches „Herein" ertönte. In einer kleinen bescheiden, aber hübsch und wohnlich eingerichteten Stube, die mit Blumenduft erfüllt war und in dem ein Kanarienvogel zwitscherte, stand ein mittelgroßes Mädchen mit vollen, fast zu üppigen Formen, mit einem Pikanten Soubrettengesicht und reichem goldblonden Haar und wickelte auf ein Stück Papier Garn auf, das sie über die Lehnen zweier gegenübergestellter Stühle gelegt hatte. Ihre blauen Augen lächelten uns beide gleich vertraulich an. „Wen bringen Sie denn da?" fragte sie mit ihrer tiefen Stimme, die etwas Magisches an sich hatte. Wodakoski stellte mich vor. Josepha machte keinerlei Umstände mit uns, sie war eine jener Naturen, die sich spielend alle Welt dienstbar zu machen verstehen. Schon nach wenigen Minuten hatten wir beide unsere Anstellung erhallen. Ich mußte ihr das Garn halten und Wodakoski war die Aufgabe zugefallen, nach einer von ihr entworfenen Zeichnung ein Tortenpapier auszuschneiden. Sie führte das Wort und verstand es, allerliebst zu plaudern. Sie warf mit originellen, nicht selten geistvollen Bemerkungen um sich, wie mit Schlingen, man mußte sich in Acht nehmen, wenn man nicht gefangen werden wollte, und dabei wurde jedes ihrer Worte mit einem Lächeln, mit Blicken und Bewegungen begleitet, die wahrhaft verführerisch waren. Und wie gut verstand sie es, zu gleicher Zeit mit Wodakoski und mir zu kokettiren, vor Allen mit mir, offenbar in der Absicht, ihren Anbeter zu quälen und zu reizen. Als das Garn aufgewickelt war, nahm sie eine Guitarre von der Wand und sang Heine's „Auf Flügeln des Gesanges". Ich hatte damals, nachdem ich jahrelang für Schiller geschwärmt hatte, die Bekanntschaft Goethe's gemacht, dem ich seither treu geblieben bin. Ich verschlang seine Werke und fand überall lebendige Illustrationen derselben. So erschien mir auch Josepha bald als die reizende, leichtfertige Philine des Wilhelm Meister, bald als die Heldin der römischen Elegien, bis ich endlich bei der Adelheid des Götz von Berlichingen stehen blieb. Ja, das war das schöne, blonde Weib, das dem Bischof von Bamberg Schach bietet, die liebenswürdige Verführerin voll Schlangenklugheit, kalter Leidenschaft und herzloser Selbstsucht. Ich machte eine Anspielung darauf, welche sie mir durchaus nicht übel nahm, im Gegentheil sie schien durch dieselbe geschmeichelt, denn sie erwiderte, daß ein Maler die Absicht habe, sie als Adelheid zu malen, nur schwankte er noch zwischen der Scene am Schachbrett und jener im Schlafgemache, wo der von Adelheid verführte Franz als willenloser Sclave, bereit, seinem Herrn auf ihr Geheiß Gift zu reichen, zu ihren Füßen liegt. „Kommen Sie," rief sie mit einem muthwilligen Blick auf Wodakoski, „wir wollen einmal versuchen, ob wir die richtige Stellung für diese Scene finden." Schon hatte sie sich auf dem Divan ausgestreckt und schob mir mit dem Fuße einen niederen Schemel hin, und als ich vor ihr kniete, legte sie die vollen weißen Arme um meinen Nacken und sah mich mit einem Blicke an, der meine Pulse fliegen machte. „Ist es so recht", fragte sie Wodakoski. Dieser biß die Zähne zusammen und nickte, die Worte erstarken auf seinen Lippen, während sie sich lachend in die Kiffen zurückwarf. — Auf dem Wege zu Beer Gottesmann schwieg Wodakoski beharrlich oder antwortete mir nur mit Ja und Nein. Gella war nicht im Gewölbe, als wir eintraten. Beer, dessen Wißbegierde unter Umständen den Charakter einer liebenswürdigen, fast kindlichen Neugierde annahm, fragte Wodakoski nach allen seinen Verhältnissen aus. „Und was wollen sie werden?" fragte er endlich.

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