Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 12 (22.3.1895)
- Date
- 1895-03-22
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 222 Dr. Bloch's Oesterrrrchifche Wochenschrift. Jit. 12 Rotterdam. (Ein jüdischer Gelehrter.) David Hirsch, der Director der Taubstummenschule in Rotterdam, einer der um das Unterrichtswesen der Taubstummen hochverdientesten Männer, ist vor Kurzem gestorben. Die „Köln. Ztg." schreibt am 13. Februar über ihn: „Hirsch wurde 1813 in Müntz (Rheinpreußen) geboren, in Köln zu seinem Beruf herangebildet, leitete dann eine Taubstummenschule in Aachen und kam 1847 nach Holland, wo ihm die Erziehung der taubstummen Kinder des Profeffors P o l a n o übertragen wurde. Ihm ist die Einführung der Sprachmethode beim Taubstummenunterricht hierzulande zu danken, und da die Zahl seiner Schüler sich fortwährend vermehrte, so wurde Dank dem Einstuß und der Verwendung einiger angesehener Männer am 23. Mai 1853 eine Anstalt in Rotterdam gegründet, an deren Spitze Hirsch bis zum Jahre 1887 stand, in welchem Jahre er aus Gesundheitsrücksichten zurücktrat. Bald genoß die Rotterdam'sche Anstalt auch im Ausland einen hervorragenden Ruf, auswärtige Fachleute, welche dieselbe besuchten, sprachen unverhohlen ihre Bewunderung über die glänzenden Ergebnisse der daselbst von Hirsch eingeführten Lehrmethode aus, und jedes Jahr, wenn die öffentliche Prüfung der Zöglinge in der lutherischen Kirche stattfand, drängten sich Hunderte von Neugierigen vor dem Kirchenportal, um sich mit eigenen Augen zu überzeugen, wie diese von der Natur so stiefmütterlich behandelten Geschöpfe Donk der auf sie verwandten Pflege und Sorgfalt in verhältnißmäßig kurzer Zeit in den Stand gesetzt wurden, in dem einen oder andern geeigneten Lebensberuf für ihr Fortkommen selbst zu sorgen. An äußeren Ehrungen hat es David Hirsch nicht gefehlt; er trug zwei niederländische Orden, war Officier der Akademie und gehörte verschiedenen gelehrten Gesellschaften als Ehrenmitglied an." Cincinnati, 3. März 1895. Geehrter Herr Redacteur! Folgender Vorfall wird wegen seiner charakteristischen Züge die geschätzten Leser besonders interessiren. Ein gewisser Slattery, ein ehemaliger katholischer Priester aus Irland, und dessen Frau, eine ehemalige Nonne, reisen seit einigen Jahren im Interesse einer antikatholischen Propaganda überall im Lande umher. Beide halten Vorträge, in welchen sie die katholische Religion auf das Heftigste angreifen. Ich kann dieselben mit S ch n e i d e r's oder L u e g e r's Reden oder mit Rohling's Pamphleten auf eine Linie setzen und selbst der verdünnteste Auszug aus demselben würde Ihrer Redactionsscheere oder dem Staatsanwalt zum Opfer fallen. Der genannte Slattery kam auf seiner Vorlesungstour nach Savannah. Georgia und sein Erscheinen gab das Signal zu einem förmlichen Aufruhr unter der katholischen Bevölkerung der Stadt. Die Katholiken appellirten an den Mayor, damit er die Vorlesung untersage. Derselbe, Herr Henry Meyer, ist — Ironie des Schicksals — ein Jude. Herr Meyer drückte sein Bedauern über die Rohheit von Slattery's Auftreten aus, konnte aber, da der Stadtanwalt sein Gutachten dahin abgab, daß das Staatsgesetz zum Verbote keine Handhabe biete, weiter nichts thun. Hingegen zog die Aoung Men's Hebrew Association (Verein jüdischer junger Leute), welche ihr Vereinslocal an Slattery abgetreten hatte, die Erlaubniß zurück. Nur um die Geschichtr vollständig zu machen, füge ich hinzu, daß Slattery ein anderes Local erhielt, daß die Katholiken dasselbe mit Steinen und Dynamitpatronen bombardirten und daß der jüdische Mayor durch das Aufgebot der Polizei und Miliz den Frieden zwischen christlichen Religionsparteien aufrechterhalten mußte. In Folge dieses Aufruhrs ist eine Anzahl von Katholiken im Gefängniß und in Savannah hat sich ein Zweig der über das ganze Gebiet der Vereinigten Staaten verbreiteten American Protective Association gebildet, deren Zweck es ist, dafür zu sorgen, dass kein Katholik ein öffentliches Amt bekleide. Der tatsächliche Erfolg hat sich bei den Wahlen im letzten Herbst gezeigt, bei welchen die demokratische Partei unterlag, weil sie von den Katholiken unterstützt wurde. Vielleicht sehen unsere christlichen Landsleute daraus, daß Paulus Mayer auch ins Katholische übersetzt werden kann und vielleicht lernen unsere jüdischen Landsleute einsehen. daß Strafproceßparagraphe und staatlicher Schutz den Geist der Intoleranz nicht bannen können. Wir müssen den Geist der gegenseitigen Duldung im Bürger erziehen und in dem Bekenner jeder Religion die Ueberzeugung,stärken, daßMott sowie Baal sich selber helfen müssen. In Ungarn habe» die Liberalen einen mächtigen Schritt vorwärts gethan. Die Talmi-Liberalen westlich von der Leitha hoffen immer noch auf den Hexenmeister, der den Pelz waschen kann, ohne ihn naß zu machen. Mit der Versicherung vorzüglichster Hochachtung Ihr ergebener Dr. G. Deutsch, Professor am Hebrew Union College. VermiMles. D U. Wien. (Jubiläumsfeier.) Der erste Disponent der Großindustriellen-Firma M. u. I. Mandl in Wien, Herr Philipp W a s s e r v o g l, feiert am 24. März sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum als Beamter der genannten Firma, bei welcher der Jubilar wegen seines Pflichteifers und seiner Treue in hohem Ansehen steht und dafür der gebührenden Werthschätzung begegnet. Allein auch bei seinen Collegen, die im Wetteifer mit den Herren Chefs bestrebt sind, das Jubelfest so solenn als möglich zu gestalten, erfreut sich Herr Wafferv o g l größter Sympathien, die auch alle Diejenigen theilen, welche mit ihm geschäftlich verkehren. Wien. Sonntag, den 31. März findet im isr. Tempel des IX. Bezirkes, Müllnergasse, die Trauung von Fräulein Guscia Bober, Tochter des Herrn Jacob Bober aus Krakau, mit Herrn Otto Groß mann statt. Wien. (Verlobung.) Der Chef der Firma I. Feilbogen, Herr Isidor Feilbogen, ein Sobn des Rabbiners Dr. B. Feilbogen, hat sich mit Fräulein Rosa König, Tochter des früheren Cultusvorstandes in Holleschau Herrn Jac. König, verlobt. Fräulein Sophie Blatt, Tochter des Herrn Cantors Blatt, hat sich mit Herrn Hermann Schneider verlobt. Wien. (Eine Wohlthäterin.) Am 24. März vollendet Frau Julie Schlesinger, Ehrenpräsidentin des Vorstandes des Allgemeinen österreichischen israelitischen Taubstummen-Jnstituts. ihr 80. Lebensjahr. Frau Schlesinger, eine hochbegabte, feinsinnige Dame, hat ihr ganzes Leben nur Werken der Menschenliebe gewidmet, und ihre Thäiigkeit, in welcher sie echt weibliche Milde mit stets zielbewußter Energie verband, hat ersprießlichsten Einfluß in verschiedenen Wirkungszweigen der Humanitären Institutionen unserer Stadt geübt. Besonders rühmlich ist die achtundzwauzigjährige Thätigkeit der Frau Schlesinger in der Verwaltung des israelitischen Taubstummen-Jnstituts hervorzuheben, wo ihre edlen Bestrebungen eine Richtschnur für die Administration dieser Erziehungsstätte geworden sind. Kein Zweifel daß zahlreiche Verehrer und Freunde der Dame sich am Festtage mit Glückwünschen und Ovationen für die greise Jubilarin einstellen werden. Wien. (Todesfall.) Das Leichenbegängniß des Fräulein Gabriele von Przibram hat am 13. d. M. unter zahlreicher Betheiligung der vornehmsten Kreise der Residenz stattgefunden. Unter den Anwesenden befanden sich die Herren: Präsident der Akademie der Wissenschaften, Ritter von Arneth, FZM. Baron Tiller, Hofrath Professor Beer. Hosrath Baron Winterstein und Gemahlin, Oberst von I o e l s o n und Gemahlin, Baronin U n g e r, Professor Brentano. R. von Lieben. Unter den zahlreichen Kranzspenden befanden sich jene der Gräfin Eleonore E s ch e n b a ch, der Vereine „Charitas", „Zukunft" und des Volksbildungs- Vereines. Oberrabbiner Dr. Güdemann hielt der Dahingeschiedenen folgenden Nachruf: „Ein Frauenleben von seltenem Reichthum ist hier abgeschlossen, und wenn der Herr in dem diesmaligen Wochenabschnitte den Festwallfahrern zuruft: „Mein Angesicht soll nicht mit le-ren Händen angeschaut werden", so kann man von der Heimgegangenen! sagen, sie beschließt heute die mühselige Wallfahrt ihres Lebens und erscheint vor dem Aagesichte Gottes mit den köstlichsten Gaben,Mit einer kindlich . reinen^Seele und einem kindlich reinen Herzen. Diese ihre kindliche J Natur, sdie^' sieEzeitlebens sich zu bewahren wußte, war der lautere Quell, aus welchem sie die Kraft schöpfte, zu leben, sich zu verjüngen, zufrieden und heiter zu sein, und ein Martyrium, das tausend Andere gebrochen haben würden, mit einem bewunderungswürdigen Heldenmuthe, ja man kann sagen, mit frohem Muthe zu ertragen. Wenn Leben eine Kunst ist, so ist sie eine der größten Lebenskünstlerinnen gewesen, und wenn man, um glücklich zu sein, sich seine Welt erbauen muß, so war ihr dieses Geheimniß, wie Wenigen, erschlossen. Eigentlich hat sie Alles entbehrt, was gewöhnlich als die unerläßliche Bor-