Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 12 (22.3.1895)
- Date
- 1895-03-22
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 12 Seite 221 Dr. Bloch's Oefirrrrichischr Wochenschrift. Aufgabe ist eine gleiche: Alle Juden müssen sich eng aneinander schließen, sie müssen ihre Kräfte vereint ihrem Volke und Stamme weihen, sie müssen Sonderinteressen und Sondergefühle dem allgemeinen Interesse unterordnen und in geschlossener Phalanx dem gemeinsamen Feinde entgegentreten. Die Zeit der Wahlen naht: Gemeinderaths-, Landtags- und zuletzt Reichsrathswahlen. Wir müssen streitbare, unerschrockene, wortbewehrte Juden wählen, die sich von den hohlen Phrasen und lügnerischen Anklagen des Äntisemitenpacks ni ht einschüchtern lassen sollen; Männer der schärfsten Tonart, die zu den groben Klötzen grobe Keile mitbringen. Es gibt wohl unter uns, nur mit dem Unterschiede größerer Mhtbarkeit, Leute, die es mit Luegers, Schneiders und Gregorigs aufnehmen und ihre Sottisen in ihrer Manier beantworten können. Solche brauchen wir und nicht zahme Naturen, die vornehm bei Seite stehen, wenn die gemeinsten Jnvectiven gegen unser Volk , geschleudert werden. Mit Protesten in Privatversammlungen werden wir unsere Sache nicht besser machen und nicht unsere Feinde besiegen, die auf den Mistbeeten des Antisemitismus wuchern. Es müssen Central- und Localcomitßs in allen Ländern organisirt werden, um Candidaten aufzusuchen und zu unterstützen, die ein warmes Herz für die jüdische Sache und eine scharfe Zunge für die Gegner haben. Äug' um Aug', Zahn um Zahn. Die Regierung wird alsdann solchen Scharmützeln gegenüber, aus ihrem laisssr faire hinaustreten müssen und dann gewiß nicht auf die Seite der mittelalterlichen Unduldsamkeit und der parlamentarischen Wegelagerer stehen. Mit sieben Slovenen wird im Abgeordnetenhause gerechnet — warum nicht mit eben so viel und noch mehr jüdischen Reichsrathsabgeordneten, die keine nationalen Sonderinteressen verfolgen, keine Begünstigungen anstreben, nach keinen Vorrechten geizen und blos den Schild bilden gegen die vergifteten Geschoße die von verruchten Händen gegen ihr Volk gezielt werden? Keine sanftmüthigen Abgeordneten — geharnischte, kampfbereite, stählerne Männer entsenden wir in die parlamentarische Arena, zur Währung unserer Rech e und zur Wiederaufrichtung unseres durch fortwährende Angriffe, im Volke geschädigten Ansehens! Keo Herzberg-Fränkl. Mainz, 24. Februar. Dr. Aron Mayer, einst ein hier vielbeschäftigter Arzt und scharfsinniger Philosoph, ist im 82. Lebensjahre gestorben. Er zählte auch Schopenhauer zu seinen Freunden. In der „Lehre von der Erkenntniß. Vom physiologischen Standpunkt allgemein verständlich dargestellt", erwähnt Mayer wiederholt seinen berühmten Freund. Daß der Dahingeschiedene auch auf medicinischem Gebiete eine Autorität war, beweist feine Schrift „Die Lehre von der Spinalirritation", womit er. wie ein Fachmann meinte, eine Irrlehre beseitigte, die damals viel Unheil anrichtete. Für Mayer kennzeichnend ist folgender Abschnitt ans seinem Testament: „Wenn ich erliege zur Zeit, wo ich noch kurz vorher prakticirt habe, so will ich nicht, daß meinen Clienten Rechnungen nach meinen hinterlaffenen Notizen zugestellt werden, sondern eine Anzeige in einem verbreiteten Blatte soll bekannt machen, daß Reichere so viel den Armen spenden mögen, als sie mir schuldig zu sein glauben. Den weniger Bemittelten soll es freistehen, sich selbst zu den Armen zu rechnen. Das Schuldbuch und alle darauf sich beziehenden Bemerkungen und Papiere sollen einer gänzlichen Vernichtung durch Feuer preisgegeben werden." Da Mayer durchaus freigeistig war, hat sein Begräbniß ohne religiöse Ceremonien stattgefunden. Paris im März 1895. sJ u d e n t h u m und Antisemitismus in Frankreich.) Die antisemitische See stürmt und tobt gegenwärtig in Paris mit wilder Gewalt, daß es jedem — Hasengemüth ganz angst und bange werden kann. Und das hat Drumont bewirkt! Die jetzige Lage der Juden in Frankreich wird mit jedem Tage nach vielen Beziehungen hin ernster. In allen Kreisen und Schickten der Bevölkerung taucht unheimlich die „Judenfrage" auf. Ein bekannter Pariser Journalist christlichen Glaubens, L ep e l le t i er mit Namen, wendet der Sache seine volle Aufmerksamkeit zu. Darum ließ er in dieser Beziehung im „Echo de Paris", einem wegen seiner berühmten Mitarbeiter mit Vorliebe gelesenen Blatte, einen sehr interessanten Artikel erscheinen, der nicht verfehlte, allgemeines Aufsehen zu erregen. In demselben gibt er seinen Ansichten über Bekehrungen im Allgemeinen und Judentaufen insbesondere kräftigen Ausdruck. Anlaß zu seinem wuchtigen Aufsaye gaben ihm die neulichen Uebertritte zweier, wegen ihrer | amtlichen Stellung angesehenen Inden zum katholischen Christenthume. Bon den beiden Wiedertäufern wird nur einer genannt, Herr Roger Marx, Jnspector der schönen Künste zu Nancy; der Name des anderen, eines höheren Officiers dortselbst, wird, wie es scheint, mit Absicht verschwiegen. Die vielen theils berechtigten, ziemlich herben Borwürfe, die Herr Lepelletier bei dieser Gelegenheit den französischen Juden macht, werden ihre Wirkung sicherlich nicht verfehlen. Man kann jedoch nicht in allen Punkten seiner Ausführungen mit dem geschätzten Publicisten einer Meinung sein. Seine Auslassungen sind in mancher Hinsicht nicht frei von Einseitigkeiten und Borurtheilen. Die Hauptgedanken, die er bezüglich der Judentaufen äußert, verdienen indessen zur weiteren Kenntniß im Judenthume gebracht zu werden, denn im Grunde genommen sind sie ja nichts Anderes als der Wiederhall der französischen öffentlichen Meinung über die Fragen .Judenthum un. Antisemitismus". Herr Lepelletier hat sich blos zum Stimmträger derselben gemacht. Auf diese Weise erfährt man am besten, wie die selbstständigen Geister, die unabhängigen Gebildeten in Frankreich über die Neubekehrten denken und welche Stellung sie dabei dem Antisemitismus gegenüber einnehmen. Aus dem ganzen Artikel geht klar hervor, daß die Juden nicht etwa deshalb zum Christenthume übertreten, weil sie erkannt hätten, daß der Glaube, in welchem sie geboren, erzogen und großgewachsen sind, nicht der richtige, ja der falsche lei, sondern sie bekehren sich einfach darum, weil sie in diesem Schritt instinctmäßig einen großen Bortheil erkennen. „Die intelligenten Juden, und sie sind es fast alle, haben eingesehen, daß es für sie nur noch Hoffnung gibt durch den Schutz von Leuten, die. wenn sie auch nicht den Glauben,?o doch den religiösen Respect besitzen." Bei der Taufe habe der Jude nur ein schnelleres Vorrücken in Amt und Würden im Auge. Man kann diese Aeußerungen unterschreiben; denn sie treffen nur die Abfälligen. Dagegen wird aber Niemand, der gereckt ist und redlich denkt, der Erklärung beistimmen, daß der große Antheil der Juden auch auf den Gebieten der Wissenschaften und der Künste, der Industrie und des Handels den Aussichten auf Gewinn allein zuzuschreiben sei. Und es klingt wirklich unendlich lächerlich, wenn der sonst so geistreiche Schriftsteller sich zu der ungemein grotesken Behauptung versteigt: „Es war vorauszusehen, daß am Tage, da ihnen eine öffentliche Religion als die vortheilhafteste erscheinen würde, sie ihrem Schoße Zuströmen würden. Die gegenwärtige Schwenkung nach dem Katholicismus zu. dem officiellen, gern gesehenen Cultus, ist also folgerichtig, und man muß sich nur wundern, daß sie nicht schon früher in die Erscheinung getreten ist." Es ist sonnenklar, der gelehrte Franzose kennt die jüdische Geschichte nicht. Ja. zu seinen Gunsten kann man sogar annehmen, daß er sie blos vergessen babe. Denn Herr Lepelletier steckt durchaus nicht im Sumpfe des Antisemitismus. Er vergißt sich nur im Uebereifer für die gute Sache und gebraucht abgedroschene Gemeinvlätze oder stellt falsche Prämissen hin und zieht untrüglich falsche Schlüffe. Daß er in der That kein Antisemit ist, das haben seine Artikel vollauf bewiesen, die er zur Zeit des traurigen Falls Dreyfus geschrieben. Während damals fast alle Blattschreiber den „Juden" verdammten, ohne noch den Richtersvrnch abgewartet zu haben, trat er allein muthig in die Schranken der Bertheidigung, um mit wahrer Entrüsümg jede zu frühe Berurtheilung zurückzuweisen. Aber dieselbe Gesinnung zeigt auch der Schluß des diesmaligen Artikels in klarster Weise. „Unserer Achtung werden sich immer, trotz der Niedertracht eines Dreyfus und der Declamationen eines D r u m o n t, nur die einfachen und festen Söhne Israels erfreuen, die den Glauben ihrer Väter bewahren werden ungeachtet der Verfolgungen und Schmähungen, vielleicht eben trotz dieser schlechten Behandlungen und der ungerechten Ausstoßung selbst. So denken die meisten gebildeten Franzosen, abgesehen natürlich von den Geschäftsantisemiten aller Sorten, deren es auch in Frankreich gibt. Die wankelmüthigen Juden fallen daher in der That nur dem Fluche der Lächerlichkeit, außer der Schande feiger Fahnenflucht, anheim, wenn sie sich taufen lasten. Sie mögen beherzigen. daß „diese Bekehrungen, die keine Spur aufweisen von heißem Glauben, von Anerkennung eines langgehegten Jrrthums, von Wahrnehmung moralischer und dogmatischer Wahrheiten, die unsichtbar geblieben waren, von Umgestaltung des Gehirns, das sich neuen Klarheiten öffnet, mit Nichten in uns ein Gefühl der Bewunderung würden erregen können." Oscar H o r o w i tz.