Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 12 (22.3.1895)
- Date
- 1895-03-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Leite 220 Dr. Bloch's Oesterreichifche Wochenschrift. Ne. l2 treter, Leopold Löw-Beer zum Cassier und B. Morgenstern zum Controlor gewählt wurden. - Baden bei Wien. (Der Badener Gemeinderath gegen den „Bote aus dem Wienerwald".) Wenn das Schimpfen über Juden nicht mehr zieht, so verdächtigt der Schriftleiter des genannten Anlisenntcnblattcs die Badener liberalen Gemeinderäthe. Endlich riß einem der tüchtigsten und muthigsten der Badener Gemeindevertreter die Geduld und in der letzten öffentlichen Sitzung vom 13. d. M. des Gemeindeausschuffes Der Stadt Baden interpellirte der hiestge Advocat und Gemeindeausschuß Dr. Carl Hora über einen Artikel des Antisemitenblattes und erklärte die Notiz, wonach er auf die Verpachtung des Curhauses Einfluß nehme, für eine leichtfertig verbreitete Unwahrheit; er erklärte ferner, der Schriftleiter Josef Herzog, der gleichzeitig Eigenthümer, Herausgeber rc. ist, habe nicht die Eignung, über ihn zu urtheilen und stellte an den Gemeinderath und Antisemrtenführer F oll er die Anfrage, ob derselbe in leitender Stellung zu dem „Boten aus drin Wienerwald" stehe, welcher die Gemeindeausfchüffe der Stadt Baden b e f l e g e l t. Herr Foller, in die Enge getrieben, erklärte, Josef Herzog fei Eigenthümer, Herausgeber, Schriftleiter ic., e r aber s u bventionire das Hetzblatt. Im Uebrigen hatte er den fraglichen Artikel vor dessen Erscheinen nicht gelesen, eine geradezu lächerliche Ausrede, die umso komischer wirkt, als die Spatzen auf den Dächern Foller als den Verfasser desselben bezeichnen. Bemerkenswertb ist die Erklärung des Antisemitenführers Foller. er werde in Zukunft Einfluß nehmen auf den Inhalt des Blattes, da doch stadtbekannt ist, daß Foller seit dem Bestände des „Waldbolen" die Seele desselben ist. Herr Foller fügte die Zusage bei, daß die nächste, am 17. d. M. erschienene Nummer des „Boten aus dem Wienerwald" eine Ehrenerklärung für Herrn Dr. Hora enthalten werde. Herr Foller hat sein Wort gebrochen, diese Erklärung ist in der erwähnten Nummer nicht erschienen. Gemeinderath Baumeister Franz Sch m i d t, der auch Obmann des deutsch-fortschrittlichen Vereines für Baden ist, stellte den Antrag auf gerichtliche Verfolgung des Redact e urs, was abgelehnt wurde. Jedenfalls haben die treffenden Worte des Gemeindeausschuffes Dr. Carl Hora, sowie der Antrag des Gemeinderothes Franz Schmidt über die Thätigkeit des „Boten aus dem Wienerwald" klares Licht verbreitet. Auch der Gemeindeauschuß in Traiskirchen hat sich in seiner öffentlichen Sitzung am 11. März d. I. mit den hiesigen Antisemiten Foller -Herzog insoferne befaßt, als die genannten Agitatoren für Sonntag den 17. d. M. eine antisemitische Versammlung mit Borträgen Dr. Lueger's in Traiskirchen einberufen haben und im „Boten aus dem Wienerwald" hiefürReclamemochten. Der Gemeindeausschuß Traiskirchen hat einstimmig beschlossen, sich von dieser Bersam in lungfern zuhalten. In Folge dessen h?.t der Gastwirth des Gemeindegasthauses Michael Schmidt das von den Badener Antisemiten bestellte Local wieder abgesagt, da ihm doch an seiner Gemeindevertretung mehr gelegen ist, als an dem Verdienste, den ihm die Antisemiten eingebracht hätten. Selbstverständlich war dies *ih" den Schriftleiter des Badener Hetzblatt eine solche Schreckensnach. richt, daß er vor Wuth schäumte und in seiner begreiflichen Aufregung droht er mit dem § 98 des Strafgesetzbuches! Wir sind aber überzeugt, daß der Gemeindevorstand von Traiskirchen die Paragraphe des Strafgesetzes viel weniger zu fürchten hat, als der Herausgeber. Eigenthümer und Schriftleiter des „Boten aus dem Wienerwald"! Graz. Professor Esch er ich von der medicinischen Facultät in Graz beabsichtigte, den jüdischen Arzt Dr. Z a pp ert in Wien, welcher durch seine hervorragenden, wissenschaftlichen Leistungen sich einen bedeutenden Namen gemacht hat, zu seinem Assistenten zu ernennen und sicherte ihm diese Ernennung auch in bestimmtester Form zu. Als jedoch die Absicht Professor Es ch er i ch 's in den Kreisen seiner Collegen und namentlich der studirenden — besser gesagt der immatriculirten — Jugend von Graz bekannt wurde, setzte man ihm mitDrohungen und Einschüchterungen derart zu, daß er sich veranlaßt sah, Herrn Dr. Zappert zu bitten, ihn des gegebenen Wortes zu entbinden. Er wies daraufhin, daß seine eigene Stellung gefährdet sei, daß der Friede an der Hochschule durch maßlose Scandale und Ausschreitungen gestört werden würde; er sei ein Mann der ruhigen, wissenschaftlichen Forschung, dem nichts peinlicher wäre, als in das politische Getriebe des Tages hineingezerrt zu werden. Er rechne auf das Entgegenkommen Dr. Zappert's, sei aber dennoch, wenn dieser es von ihm fordere, unter allen Umständen bereit, das einmal gegebene Manneswort zu halten und ihn zu seinem Assistenten zu machen? — Daraufhin erfolgte die Resignation des Dr. Z a p p e r t. Man ersieht hieraus, welche bedrohlichen Fortschritte der antisemitische Terrorismus in Oesterreich bereits gemacht hat. (Bon unserem Correspondenten aus Graz.) Prag. (Aus dem antisemitischen Lager.) Der hiesige antisemitische „BundderDeutscheninBöhmen" veranstaltete am 9. d. M. im Wintergarten des Grand Hotel ein sogenanntes „Wintertest", welches dadurch an Bedeutung gewinnt, wenn man die näheren Umstände ins Auge faßt, von denen es begleitet war. Es war dies nämlich die erste, größere öffentliche Veranstaltung dieser Art in Prag, und wirkten außer dem bereits als antisemitisch bekannten „Männerim nverein" auch noch „die Liedertafel der deutschen Studenten" mit, welche letztere hiedurch geradezu officiell ihren Uebergang in das antisemitische Lager documentirte. Die Besucher des „Winterfestes" bestanden zum weitaus größten Theile aus antisemitischen Studenten; außerdem sah man mehrere Angestellte des hiesigen bekannten Galanteriewaarenhauses „Zur Stadt Paris" (Firma A u a. G o ld s ch m i d S o h n), zu dessen Künden ein sehr großer Theil der Prager Israeliten gehört, und muß constatirt werden, daß diese Firma auch das Organ der Prager Antisemiten „Der deutsche Volksbote" durch ununterbrochenes ausgiebiges Jnseriren — in mancher Nummer 5 bis 6 Inserate — materiell sehr unterstützt; dasselbe gilt von der hiesigen Firma Carl Lüftner. Brody, 10. März 1895. Die Generalversammlung der Wiener „Chewra-Kadischa" hat einigen hervorragenden Mitgliedern derselben die Gelegenheit gegeben, über die gegenwärtige, wenig erfreuliche Lage der Juden in Oesterreich, über die Uebergrisse der unsauberen Sippe der Antisemiten und den Jndifferentismus der zum Schutze der Minoritäten berufenen und verpflichteten Regierung zu sprechen und ihrem gerechten Unmuth Luft zu machen. Diese in Form von Trinksprüchen erhobenen Reeriminationen wurden nicht blos von den Tafelgenossen acclamirt, sondern finden in der gesommten jüdischen Bevölkerung eine ungetheilte Zustimmung, denn es thut den gedrückten Gemüthern wohl, wenn Männer, die vermöge ihrer socialen Stellung oder ihrer geistigen Bedeutung berufen sind. Wacht zu halten über die Interessen und Rechte ihrer Brüder die Gelegenheit benützten, einen Schrei des Unwillens und der Entrüstung auszustoßen über die schmachvollen Vorgänge, welche gegenwärtig das österreichische Abgeordnetenhaus und den niederösterrerchischen Landtag schänden. Allein diese Reden sind platonischer Natur und verflüchtigen, nachdem man sie gehört oder gelesen, ohne eine greifbare Wirkung zurückzulassen. Während die Brandreden unserer Gegner den Schurken immer mehr Schurken zuführen, lassen die Reden unserer Leuchten den alten Jndifferentismus zurück, die Stagnation im Jndenthum dauert fort und keine Hand regt sich, um zu kräftiger Abwehr auszuholen. Träg und müssig sieht man zu, wie der Antisemitismus die gesunden Glieder des Volkes anfau.t, wie Beschuldigung auf Beschuldigung gehäuft, wie Unbilden auf Unbilden gethürmt und dem Leben und Streben der Juden Hindernisse und Fallen gestellt werden — als ob wir vogelfrei wären, als ob wir unter Ausnahmsgesetzen stünden, als ob man uns ungestraft stranguliren dürfte. Die bestehenden Gesetze bieten uns in Oesterreich genug Schutz, nur müssen dieselben angerufen und die Regierung, die froh ist, wenn ihre Intervention nicht gefordert wird, aufgerüttelt und auf die wachsende Gefahr des Antisemitismus, der übrigens über die Dämme des jüdischen Stromgebietes zu überfluthen und auch in andere Regionen hinüberzugreifen droht, aufmerksam gemacht werden. Es gibt Orte und Zeiten, wo aus der Hefe des Volkes Gefahren für die Besitzenden herouswcchsen und die localen Autoritäten denselben nicht entgegen zu treten vermögen — da uffociiren sich die anständigen, durch die gemeinsame Gefahr geeinten Elemente der Bevölkerung zur Abwehr; sie stellen Wachen aus, sie organisiren Streifpatrouillen und ergreifen solidarisch und einträchtig alle jene Maßnahmen, die die geplanten Angriffe der Gegner zurückscheuchen sollen. Unsere