Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 12 (22.3.1895)
- Date
- 1895-03-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 12 Sette 217 Dr. Bloch's Oesterrrichische Wochenfl^ist. mud-Thora-Schule zu Plock eröffnet. Außerhalb Polens existiren ca. 15 jüdische.Gewerbeschulen, aber nur ein kleiner Theil von ihnen hat den von Herrn P o s n a n s k i gewünschten „philantropischen Charakter"; einige erhalten bedeutende Subsidien von dem „Petersburger Hilfsverein für jüdische Handwerker und Ackerbauer". Aus M e l i 1 o p o l wird gemeldet, daß mehrere jüdische Soldaten, die nach dem alten Modus ihre Wehrpflicht abgeleistet haben (sogenannte „Nieolai"-Soldaten), höheren Orts petitionirt hatten, daß man ihnen Landparcellen aus den Kuonländereien zum Bebauen anweisen möchte. Ihre Bitte wurde nun gewährt, und es wurde ihnen je 7 Deßjätin Kronland für jede männliche Seele zuertheilt. Das Directorium der Volksschulen im Gouvernement G r o d n o, hat circulariter bekannt gemacht, daß der Religionsunterricht in jüdischen Privatschulen nicht von sogenannten „Melamdim", sondern nur von Lehrern, die einen bestimmten Bildungscensus besitzcn, ertheilt werden darf. Leider sind bei uns gar wenig Lehrer da, die jüdische und profane Kenntnisse in sich vereinigen, und infolge dessen muß jetzt in vielen jüdischen Schulen der hebräische Unterricht ganz eingestellt werden. Vor Kurzem entbrannte in der russischen Presse ein heftiger Streit wegen folgenden Vorfall: In B r j a n s k (Gouvernement O r e l) wurden im vorigen Jahre populär-wissenschaftliche Vorlesungen für das Volk eingerichtet. Die genannte Stadt liegt außerhalb des jüdischen Ansiedelungsrayons und besteht deren Bevölkerung fast ausschließlich aus Russen. Doch sind dort einige intelligente Juden ansäßig> die sich in hervorragender Weise an den genannten Vorlesungen activ betheiligten und durch ihre ausgezeichneten Vorträge die Vorlesungen bei allen Elasten der dortigen Gesellschaft ganz besonders beliebt machten. Nun passirte es, daß am Ende des vorigen Jahres, die Erzählung eines russischen Classikers vorgetragen wurde, wo die bedeutsame Stelle vorkommt, „mau muß alle Juden aufhängen". Einer der Zuhörer, Schüler einer technischen Schule, fand besonderes Gefallen an diesen: schönen Passus und rief enthnsiasmirt: „Die Brjansker Juden muß man auch aufhängen!" Natürlich konnten sich die jüdischen Mitgliederder Vortrags-Commission solch eine Beleidigung nicht gefallen lassen und forderten bei der nächsten Sitzung, daß die anstößige Erzählung aus dem Vortrags-Cyclus ausgeschlossen werde. Die christliche Majorität aber willigte darin nicht ein — und so traten die Juden in corpore aus dem Verein aus, und in Folge dessen droht diesem Volksbildungs-Verein ein jähes Ende, da die Juden dort die besten Vortragenden sind. Die antisemitische Presse sieht darin natürlich nur „übertriebene jüdische Empfindlichkeit" und „freche semitische Anmaßung". Der besonnene Theil der Presse aber bedauert sehr den traurigen Vorfall und gibt unverhohlen den Juden Recht. Ego. Das Kaddischgebet nach seiner ethischen Bedeutung. Es sei mir gestattet, die von Herrn Rabbiner Dr. Biach-Brüx in der letzten Nummer dieser Zeitung gebrachte schätzens- und lesenswerthe Notiz dahin zu ergänzen, daß vor ihm und auch vor Dr. Adolf I e l l i n e k dieses wunderbare Gebet in seiner ethischen Bedeutung von einem der ältesten Kanzelredner j e n s e i 1 s d e s O c e a n s gewürdigt und dargestellt worden ist, und da es, wie es sich nun zeigt, nur Wenigen bekannt zu sein scheint, so erlaube ich mir diese stelle aus der Schlußrede des Herrn Dr. Liebmann Adle r, gehalten bei der Gedüchtnißfeier für den seligen Dr. Samuel Hirsch in C h i c a g o am 19. Mai 1889, für die Leser der „Österreichischen Wochenschrift" hier zu reproduciren. „Indem wir diese hehre Trauerfeier mit dem Kaddischgebet schließen, liegt uns dabei der Gedanke fern, damit das Seelenheil des edlen Verblichenen im Jenseits zu fördern. Das hat der Ehrenmann im Leben schon selbst bestens besorgt, eingedenk des Spruches: Im en ani li, ml 11? — Wenn ich mich nicht selbst versorge, Keiner sonst kann es. Indessen, wie das Herz eine Befriedigung darin findet, auf dem Grabe, unter welchem die Asche Hingeschiedener Lieben gebettet liegt, den schönsten Blumenflor zu pflegen, und wenn der Verstand fragt: Wozu thust Du das? ihm die Antwort wird: Stille! das verstehst Du nicht, das ist Herzenssache! so findet das pietüterfüllte Herz der Kinder eine Befriedigung in dem Hause, das der Seelenpflege geheiligt ist, den Seelen der Hingeschiedenen Eltern die Blume der Andacht zu widmen. Ich nenne das Kaddisch Blume der Synagcgen- Andacht: 1. Wegen seiner mustergiltigen Kürze. 2. Wegen seiner Reinheit von jedem Egoismus, indem darin kein Lamentiren ist uni Brot, Kleid, Gesundheit, Leben, langes Leben, noch weniger von Ehre und Reichthum. Um was das Kaddisch betet, ist das Gebet aller gwe.: Menschen: Jisgaddai wejiskadrtasch sck’meh rabba — Möchte Gottes Größe und Heiligkeit immer mehr wachsen in der Erkenntniß der Menschheit und immer und immer weitere Kreise gewinnen. Wejamlich malclmsset1. — Uebersetzen wir es mit dem bekannten Zu uns komme Dein Reich. Gottesreich heißt nichts anderes als das Reich der Tugend, den Weisheit, der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der Nächstenliebe. Gottesreich ist keine fromme Redefloskel, ein Phantom, das erst hinter unseren Gräbern dämmert: es steht jeder darin sowohl fördernd als verzögernd in seinem Leben und Streben. Bechajeehon uwejomechon. — So lange die Tage und das Leben noch Euer sind, fördert das Reich Gottes, und was dem Einzelnen zu schwer ist zu fördern, da werde von Gemeinden und Vereinen das Reich Gottes zu erweitern vollbracht — uwechaje dechol bes jisraei. Endlich bietet das Kaddisch ein durchgreifendes Trostwort für alles unverschuldete Leiden: Beolmoh di wero Chi’reu>eh. — Die Welt und ihre Ordnung hat Gott nach Seinem Willen geschafien, nicht nach unserem. Und so leben und sterben wir, wird uns das Dasein schwer und leicht, zum Genuß und zum Verdruß nach seinem weisen Rathschluß. Weihen wir diese Blume der Andacht dem Andenken des Mannes, dessen ganzes Leben ein Kaddisch war, ein ernstes, opferreiches Streben, das Reich Gottes nach seiner Auffassung zu verbreiten mit Mund, Feder und Beispiel rc." Ph. Lederer. Me Pflege der hebräischen Sprache in der Gegenwart. i. Vor etwa zwei Jahren habe ich an dieser Stelle einige Artikel über das obenbezeichnete Thema veröffentlicht und hatte die Absicht, von Zeit zu Zeit kritische Referate über die neuesten Publicationen auf dem Gebiete der neuhebräischen Literatur zu liefern, um so die Licht- und Schattenseiten dieses eigenartigen Schriftthums einem Leserkreise vorzuführen, dem das genannte Gebiet zum großen Theile vielleicht eine terra iucognita ist. Es sei mir mm gestattet, diese Referate, die durch anderweitige Berufsarbeiten unterbrochen wurden, wieder aufzunehmen und einen Cyclus von Artikeln zu eröffnen, die — das ist wenigstens der gute Wille des Autors — ein ziemlich klares Bild von der literarischen Thätigkeit der zahlreichen, größtenteils russischen, Hebraisten der Jetztzeit entrollen und die Möglichkeit gewähren sollen, das Leben und Wachsthum der alten ewig jungen Sprache des alten ewig jungen Volkes in ihrem gegenwärtigen Entwicklungsstadium beobachten und verfolgen zu können. Daß diese