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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-03-22 · 12 (22.3.1895) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
12 (22.3.1895)
Date
1895-03-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 516 Dr. Bloch's Oestrrrrichifchr Wochenschrift. Nr. 12 lastungszeugen mitgetheilten Thatsachen nicht leugnen; er gab zu, daß er an ärmere Leute Bedarfsartikel, seltener Geld leihe, allein er thue dies, wie er hinzufügte, nicht geschäftsmäßig, begehre nie ein Pfand und Zinsen, sondern nehme blos ein ihm angebotenes (!) Pfand oder freiwillig (!) gewährte Vergütung an. Nach Schluß des Beweisverfahrens zog sich der Gerichtshof zur Berathung der Schuldfragen zurück. Allein nach Wiedereröffnung der Verhandlung erklärte der Vertreter des Privatklägers, die Anklage zurückzuziehen, worauf die Freisprechung Adolf S w o b o d a's erfolgte. Der Fall Stojalowski. In Teschen wurde nach mehrtägiger Verhandlung vor dem Schwurgerichte der christlichsociale Reformer P. Stojalowski, dem es kürzlich gelungen war, den päpstlichen Segen für eines seiner Hetzblättchen zu erschleichen, wegen Vergehen gegen die öffentliche Ruhe und Ordnung sowie gegen die Sicherheit der Ehre zu vier Monaten Arrest verurtheilt. Im Laufe der schwurgerichtlichen Verhandlung brachte einer der Zeugen, P. K o z i a r, die zarten Beziehungen Stojalowki's zur Frau eines Arbeiters, Marie G a w r o n, zur Sprache, die Letzterer auf einer von ihm veranstalteten Pilgerfahrt nach Palästina näher kennen gelernt hatte. Die genannte Frau hat in einer Anwandlung von Reue beim Teschener Generalvicariate um Verhängung von Kirchenstrafen wegen ihres Verkehres mit P. Stojalowski angesucht und in dem betreffenden Schreiben erklärt, daß zwei Kinder die Folge ihres sträflichen Verhältnisses seien. Später hat sie allerdings dieses Schreiben widerrufen. P. Stojalowski protestirte gegen die „gesetzwidrige Hineinziehung von intimen Familienangelegenheiten" in die Verhandlung. Der Vorsitzende meinte zwar, P. Stojalowski gehöre nicht zur Familie G a w r o n, ließ aber eine weitläufige Erörterung dieser dem Angeklagten begreiflicherweise sehr peinlichen Dinge nicht zu. Es wurde nur noch bei der Vernehmung der Mutter der Marie G a w r o n, der Hegersfrau Eva Karus, dieses heikle Thema wieder berührt. Der Bertheidiger Stojalowski's hatte bemerkt, Marie Gawron wäre zeitweilig geistesgestört gewesen und hätte in einem solchen Zustande ihren Brief an das Generalvicariat geschrieben. Auf Befragen eines Votanten erklärte dagegen die Zeugin Eva Karus. ihre Tochter sei stets geistig gesund gewesen, und wenn Jemand das Gegentheil gesagt, so habe er eine Fabel vorgebracht. P. Stojalowski, der im vorigen Jahre im Wiener christlich socialen Vereine Borträge hielt, wird dies wahrscheinlich auch in Zukunft thun; als berufener Moralist dürfte er über die — Sittenlosigkeit der Juden sprechen. Ei« Geiftlicher Antisemit. Aus Lemberg schreibt man: Während eines furchtbaren Schneesturmes bei ISgradigem Frost fuhr in seinem Schlitten der griechisch-katholische Pfarrer Forys aus Wola Gowgürska und traf unterwegs einen armen Juden, der in höchster Noth zu ihm seine erstarrten Hände erhob mit der Bitte, ihn auf den Schlitten zu nehmen, da er sonst erfriere. Der Pfarrer wies den Flehenden barsch ab, und trotz der Fürsprache seines Fuhrmannes ließ er ihn auf der Landstraße stehen. Nachdem der Pfarrer in dem Dorfe anaekommen, benachrichtigte sein Fuhrmann die jüdischen Insassen des Dorfes davon, daß unterwegs ein armer Jude im Schneesturm auf der Straße geblieben sei. Die Juden machten sich sofort auf den Weg und fanden wirklich den armen Wanderer. welcher schon zu einer im Frost erstarrten Leiche geworden! Die Leiche wurde in das Dorf überführt. — Ob dieser christliche Priester wohl auch die Geschichte vom „barmherzigen Samartitan" kennt und ob er etwas davon weiß, daß in Oesterreich gewisse jüdische Wohlthäter alljährlich mit immensen Geldsummen auch christlichen Nothleidenden, Kranken und Frierenden zu Hilfe eilen? Antisemitenführer Städtke. Die antisemitische „Säule"' der Postsecretär Städtke aus Spandau, der bekanntlich ein Geldfaß mit 10.700 Mark gestohlen und dabei immer feste auf die Juden als „Spitzbuben" geschimpft hatte, ist wegen des Diebstahls und wegen des schmählichen Vertrauensbruches gegenüber der Postbehörde zu drei Jahren Gefängniß verurtheilt worden. Antisemitische Jugend. In Neulerchenfeld verwundete am 15. März 1895 ein dreizehnjähriger Schulknabe einen gleichalterigen Kameraden durch einen Messerstich in den Arm, und die blutige That ist, abgesehen davon, daß sie von einem Kinde verübt worden ist, besonders durch das Motiv, auf das sie zurückzusühren ist, sehr geeignet, Aufsehen zu erregen. Vor ungefähr zwei Monaten heiratete die siebzehnjährige Handarbeiterin Leopoldine Ziegler, welche bei ihren Eltern, Liebhardtgasse Nr. 45 wohnte, den Agenturgeschäftsbesitzer Moriz Weiß. Das Mädchen trat, um ihren Geliebten heiraten zu können, zum jüdischen Glauben über, worauf das junge Ehepaar nach B u d a p e st übersiedelte, woselbst sich Herr Weiß ansässig machte. Seit dieser Zeit nun wird Frau Ziegler sammt ihrem 13jährigen, in die Grundsteingasse in Neulerchenfeld in die Bürgerschule gehenden Sohn Rudolf von zahlreichen Nachbarn wegen des Glauben sw echsels ihrer Tochter ununterbrochen verhöhnt und besonders die Schulkameraden des Knaben quälten denselben täglich mit Spottreden. Gestern nun gerieth Rudolf Ziegler aus diesem Grunde mit dem 13jährigen Alois R e i n i ch e r in Streit und plötzlich zog der Letztere ein Taschenmesser und versetzte d m Ziegler einen Stich in den rechten Arm. Wie groß ist Gott? Was bisher Niemand wußte, wird nunmehr durch ein Protokoll der Basilika-Dombau-Commission des Budapester Magistrates Gemeingut der gebildeten Welt. Im Protokolle der unter dem Vorsitze des Budapester Sladtrathes Julius Rozsavölgyi abgehaltenen letzten Sitzung steht nämlich schwarz auf weiß Folgendes zu lesen: „Von den Fresken der Kuppel sind bereits mehrere fertiggestellt. Auch die große Gestalt Gottvaters ist vom Maler Carl Lotz in Drittelgröße fertiggemalt. Das Protokoll ist auch vom Stadtpfarrer Leonhard Lollok unterfertigt, also gewiß authentisch. Wer also wissen will, wie groß Gott ist, der braucht künftighin nur nach Budapest zu reisen und in der Basilika nachzusehen. Nach Leuß — von Boß Die „Ztg. für Pommern" schreibt: ..Gegen den Bürgermeister und Hauptmann,a. D. v. Boß in Bubtitz, deffeu Handeln bei der letzten Reichstagswahl es zu verdanken ist, daß die Wahl des Landraths v. G e r l a ch im Wahlkreise Kolberg-Körlin für u ngiltig erklärt wurde, ist seitens des Ersten Staatsanwalts in Köslin Anklage wegen Verbrechens imAmte (Meineid in der Angelegenheit mit dem Amtsvorsteherund Amisanwalt Kiesler in Bublitz) erhoben worden. Wenn die Beschlußstrafkammer des Landgerichts in Köslin das Hauplverfahren in diesem Umfange eröffnet, so wird die Sache die nächste Schwurgerichtssitzung, welche am 1. April in Köslin beginnt, beschäftigen. Das Schulwesen in Rußland. Gewerbeschulen! Gewerbeschulen! Das ist der Ruf, der hauptsächlich aus den polnischen Gouvernements mit eindringlicher Mahnung erschallt. Die litthauischen und südrussischen Juden rufen verzweiflungsvoll: „Land! Land! Gebt uns die Möglichkeit, unser Brot mühsam aber redlich durch Ackerbau zu verdienen!" Die polnischen Inden dagegen, die in einem Industrie-Rayon leben und deren Elend trotzdem nicht minder ist, als das ihrer nord- und südwestlichen Brüder, sehen ihr Heil in Gewerbeschulen. In Warschau soll ein Verein gegründet werden „zur Verbreitung von professionellen Kenntnissen unter den polnischen Juden", — und, ach, welch ein enormes Tätigkeitsgebiet sich diesem humanen Verein eröffnen würde!... Der bekannte jüdische Philantrop, Herr I. Posnansky, Großindustrieller in Lodz, der vor einiger Zeit eine Muster- Gewerbeschule für jüdische Knaben, in Warschau errichtet hat, hat ein höchst interessantes Project „zur Organisation jüdischer Blldungsanstalten und Gewerbeschulen, in dem polnisch-jüdischen Blatt „Jzraelita" veröffentlicht. Wir müssen — sagt der geehrte Autor in der Einleitung zu seinem weitumfassenden Project — wir müssen unter den Juden einen Handwerkerstand schaffen, dessen geistige Entwicklung und professionelle Ausblldung den modernen Ansprüchen Genüge leisten, und dieses Ziel kann nur erreicht werden durch Gründung von Gewerbeschulen, Muster-Werkstätten u. s. w. Diese Anstalten müssen natürlich einen philantropischen Charakter haben, da sie speciell für die Kinder der ärmsten' Classen bestimmt sind; deswegen muß der Unterricht unentgeltlich sein, und den Zöglingen muß Kost und Kleidung gegeben werden u. s. w. Uebrigens beginnt dieses Project sich, theilweise zu verwirklichen. In gar vielen Städten existiren'-schon solcheWewerbe-Classen bei den Talmud-Thora- Schulen, und^ jüngst wurde eine Gewerbeschule bei der Tal-

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