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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-03-22 · 12 (22.3.1895) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
12 (22.3.1895)
Date
1895-03-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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juajllw. ’sms&zmmsMi&i Seite 114 Dr. Bloch's Orsterreichifche Wochrnschrist. Nr. 12 Mittel zum Wohlleben, zur Heranziehung eines starken Nachwuchses und nicht zuletzt zur Unter st ützung specifisch jüdischer, die christlich e Lehre und die ch r i st l i ch en Pri ncip ie n bekämpfender Institutionen. Im Schulchan Aruch findet sich eine Stelle, worin den Juden verboten wird, Cultusgegenstände von Nichtjuden zu kaufen. (Wo?)Für unS Christen mag allerdings ein ähnliches, geschriebenes Verbot nicht existiren; das darf uns aber nicht abhallen, ja dies soll uns vielmehr nur anspornen, derlei Artikel nur beiChristen zu kaufen. Ja wir muffen und können sogar noch weiter gehen und dahin wirken, daß man alle jene, hauptsächlich an Wallfahrtsorten sich befindenden Zwischenhändler, welche sich nicht darüber ausweksen können, daß sie ihre Maaren nur von christlichen Firmen kaufen, wir wollen nicht sagen boycottirt, aber doch nach Möglichkeit meidet. In dieser Richtung kann sehr viel geleistet werden, durch Einwirkung des Clerus in den Wallfahrtsorten auf die Händler und der Proreffionsführer auf die Wallfahrer. Herr Spitzer-Weimar wünscht also nicht, daß boycottrrt werde. Nichts liegt chm ferner! Er verlangt nur, daß man die Firmen — nach Möglichkeit meide. Der Unterschied zwischen „boycottiren" und „nach Möglichkeit meiden" rst zwar chm nur allein klar, aber das thut nichts. Der Lesepöbel der „Reichspost" ist bereits derart verblödet, daß er so subtile Unterscheidungen nicht macht. Vielleicht ist es dm Herrm nicht ganz uninteressant, zu erfahren, daß eine gar nicht zu unterschätzende Gruppe von ck/ristlichen Fabrikanten und Händlern den Gerathen des" israelitischen Cultus chre Thätigkeit gewidmet hat. Goldgestickte' Bundeslade-Vorhänge- Thoramäntel, all die zahlreichen Gegenstände aus Bronze und edlem Metall, welche zur äußeren Verherrlichung unseres Gottesdienstes geeignet sind, werden von Christen geliefert, ohne daß wir daran jemals den geringsten Anstoß genommen hätten. Die famose Schmähpost hat uns erst auf diesen feinen Unterschied aufmerksam gemacht und es wäre leicht möglich, daß wir die Reciprocität in ernstliche Erwägung zögen. Bei der Herstellung jüdischer Gotteshäuser in den letztm Jahren waren christliche Firmen aller Branchen beschäftigt und es gibt sogar jüdische Gebetbücher, welche in arischen Druckereien hergestellt wurden. In London existirt eine ganze Industrie, die sich mit der Herstellung von buddhistischen Götzenbildern recht erfolgreich befaßt. Das sind ausnahmslos fromme Christen. . Wenn die Clericalen sich chr Leibblatt von einem Juden schreiben lassen, so können sie auch ganz getrost ab und zu rituelle Gegenstände von einem Juden beziehen! Fürst Bismarck über den Antisemitismus. Bei einem Familiendiner Anfangs November 1880, zu welchem auch der Kaufmann Behrend aus Köslin geladen war, kam unter Anderem auch das Gespräch auf die Judenfrage und auf Bismarcks Stellung zu ihr: «Ich mißbillige, sagte der Fürst, ganz entschieden diesen Kampf gegen die Juden, sei es, daß er sich auf konfessioneller oder gar auf der Grundlage der Abstammung bewege. Mit gleichem Rechte könnte man eines Tages über Deutsche von polnischer ober französischer Abstammung herfallen wollen und sagen, es seien keine Deutschen. Daß die Inden mit Vorliebe sich mit Handelsgeschäften besoffen, das ist Geschmackssache; durch ihre frühere Ausschließung von anderen Berufsarten mag das wohl begründet lein. Aber sicherlich berechtigt es nicht, über ihre größere Wohlhabenheit jene aufreizenden Aeußerungen zu thun, die ich durchaus verwerflich finde, weil sie den Neid und die Mißgunst der Menge erregen. Ich werde niemals darauf eingchen, daß den Juden die ihnen verfassungsmäßig zustehenden Rechte in irgend einer Weise verkümmert werden. Die geistige Organisation der Juden im Allgemeinen macht sie zur Kritik geneigt, und so findet man sie wohl vorzugsweise in der Opposition; aber ich mache keinen Unterschied zwischen christlichen und jüdischen Gegnern meiner Wrthschaftspolitik, die ich nach meiner Ueberzeugung als ersprießlich kür das Land verfechte. Wenn ich zustimmende Adressen und Telegramme beantwortet habe, so erfüllte ich damit eine Pflicht der Höflichkeit, wie ich dies schon Richter erwiderte : Ich würde mit Vergnügen ebenso höfliche Antworten auf Zustimmungsworte der Fortschriltspartei gegeben haben, ich habe aber keine erhalten." Also zu lesen bei Poschinger „Fürst Bismarck, neue Tischgespräche und Interviews" auf Seite 118. Die Herren Aüitisemiten lieben es bekanntlich, bei jeder Gelegenheit auf die bekannte Bismarck-Rede gegen die Jndenemancipation i« vereinigten Landtage 1847 hinzuweisen, um den Redner für sich zu reclamiren. Jetzt mögen sie aus diesen Worten des Kanzlers und Fürsten Bismarck ersehen, daß er nichts, aber auch rein nichts mit ihnen gemein haben mag. Am Ende werden die sauberen Herren den Fürsten Bismarck auch noch für einen Judengenossen erklären! Aus dem Knnstlerhaufe. Die Ausstattung der Räume unseres Künstlerhauses gelegentlich des alljährlich stattfindenden Cosiümfestes hat als „Gschnas" längst eine Berühmtheit erlangt; sie ist eine Specialität, die, der Schönheit nicht direct dienend, dem Humor und der Satyre ein weites. Feld eröffnet. Allzu streng kann man mit dem Schalk nicht rechten, der sein Privilegium auf Carricatur von Gottes Gnaden besitzt, dessen Blitze zünden, ohne zu versengen, dessen Pfeile meist nur die Lachmuskeln reizen. Wir Juden haben auch heuer Vieles des Gebotenen belacht, aber wir haben etwas über Gebühr zum Materiale beitragen müssen. Daß Nuchem S ch a p i r a nicht fehlen werde, war vorauszusehen, er wurde da nur allzu milde behandelt; daß unter den Bewohnern der Polarländer die „Samojuden" obenan aufgezählt wurden, war nicht nöthig, aber geradezu provocirend wirkte die Brunnengruppe im Centrum des Bestibules, an einer Stelle also, wo sie sich wie ein Programm für das sonst Gebotene präsentirte. Sie stellt einen grob und häßlich carrikirten polnischen Juden vor, der offenbar Schankwirth sein soll und aus einer Schnapsflasche den angeheiterten Bauer, der ihm das leere Glas entgegenhält, in continuirlichemStrahl' — den Bauch begießt. Das ebenso geist- und witzlos als künstlerisch unsäglich rohe Machwerk ist von Ernst Tuch, dem Mitarbeirer des antisemitischen „Figaro", hergestellt. Diese widerliche Scene begrüßte also Heuer Alle, die da kamen, sich an künstlerischem Witze zu ergötzen und dessen bedeutungsvolle Symbole auszulegen. Sie schien dos Motto deS Festes zu besagen: Ihr kommt, noch geistigem Gennsse dürstend, aber der Wirth besudelt euch. Degenerivurig der Rassen. Berlin, 12. März. Am vorigen Mittwoch hielt Dr.med. A. Damm aus Wiesbaden einen überaus zahlreich besuchten Borirag über das Thema: „Die Entartung der C il lt u r m e n s ch h e i t und ihre alleinige Ursach e". Die Ausführungen gipfelten in derTbes?, daß olle Nationen sich in einem Stadium der Entartung befänden, welche sie rettungslos dem Untergänge entaegentreibt. In der Diskussion, welche sich an den Vortrag anschloß, warf ein Mediciner die Frage aus, wieso es komme, daß die Juden nicht durch Degeneration ausstürben. Hierauf erwiderte (nach dem Berichte der „Post") Herr Dr. Damm, „daß die orthodoxen Juden, die an sehr strenge Gesetze gebunden wären, allerdings von der Degeneration ausgeschlossen seien, daß aber Diejenigen, die sich mit den Culturnationon amalgamiren, ebenso der Degeneration verfielen, wie diese". Arische Arbeitslöhne. (Die arme Näherin.) Da ist den 15. März 1895 die ergreifende Leidensgeschichte eines armen, armen Mädchens durch die Blätter gegangen. Eine Weißnäherin, Paula Christ, muß von ihrem kargen Verdienste sich und die armen Ellern ernähren. Es langt nicht, sie muß Schulden machen, die wachsen ihr schließlich über den Kopf. Verzweiflung bemächtigt sich der Unglücklichen, und in ihrem Jammer irrt sie ab vom Pfade des Rechten, sie begeht eine Veruntreuung. Dem Gesetze mußte Genüge geschehen. Paula C b r i st ist zu einer Kerkerstrafe verurtheilt worden. Freilich hat der humane Sinn ihrer Richter darauf Bedacht genommen, die Strafe möglichst gelinde ausfallen zu lassen. Und das Mitleid der Oessentlichkeit ist wachgerufen, edeldenkende Menschen wollen sich des armen Mädchens annehmen. An der Wiener Börse wurde gestern eine Sammlung eingeleitet, die ein beträchtliches Resultat ergab. Auch nicht Einer, an den herangetreten wurde, hat beizusteuern sich geweigert. Es scheint an der Börse denn doch nicht Egoismus und Äusbeutungssncht allein zu dominiren. Paula Christ arbeitete für die arische Firma Soudek und Wetzler und erhielt per Dutzend Hemden 60 kr. Arbeitslohn. Prinz Li ech te nst e i n. Dr. Lueger aber schweigen. Die Arbeiterin bekommt für ein Dutzend Hemden 60 kr., 12 Stunden muß sie ohne Unterbrechung in Aufregung und Hast arbeiten, damit sie bis zur bestimmten Stunde fertig wird. Ist selbe die Arbeitnehmerin, wie in diesem Falle, so obliegt ihr noch die Pflicht des Zusammenlegens, um handgerecht zu liefern. Hat sie diese Arbeit auch besorgt, muß sie an die Reinigung ihrer Maschine gehen, nm für den nächsten Tag zur flotten Arbeit bereit zu sein. Dann muß sie entweder noch spot in der Nacht oder zeitlich Morgens dieses Dutzend Hemden znschneiden, so daß bi<fr oitne Näherin, ehe die wickliche Näharbeit ansängt, noch gut l1/* Stunden mit

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