Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 12 (22.3.1895)
- Date
- 1895-03-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 212 Dr. Blvch's Oestrrrerchische Wochenschrift. Scr 12 theidiger in preßproceßlichen Angelegenheiten, der vor Kurzem auch den wegen Majestätsbeleidigung angeklagten katholischen und antisemitischen Priester Lepsenyi, Redacteur eines clerical-antisemitischen Blattes vertrat. Man sieht also, daß unsere antisemitischen Leithammel ihre Theorien nur für die Dummen predigen, sie selbst richten sich nicht nach chren eigenen Lehren. Denn kaum geht chnen das Wasser bis an den Hals, so sind sie die ersten, die sich in die schützenden Arme eines jüdischen Vertheidigers werfen. So begreiflich übrigens auch diese Politik unserer judenfeindlichen Diplomaten ist, so unverständlich ist die Heerfolge, die der erwähnte jüdische Abgeordnete jener Partei der Unabhängigen leistet, welche chre reactionären Neigungen so oft documentirte. Uebrigens mag er dies mit seinem politischen und eonsessionellen Gewissen ausmachen. Jnvolvirt die oben angeführte Spaltung der bisher heftigsten Oppositionspartei schon an und für sich eine Kräftigung der herrschenden liberalen Partei, so steht dieser in nächster Zeit eine noch bedeutendere Erstarkung in Aussicht. Es ist nämlich zu erwarten, daß die sich seit Wochen hinziehenden Fusionsbestrebungen mit der unter Führung des Grasen Albert A p p o n y i stehenden Nationalpartei, die in ihrer Mitte viele Männer von anerkannt liberaler Gesinnung zählt, früher oder später denn doch sich verwirklichen werden: Die liberale Regierungspartei wird dann über eine compacte unerschütterliche Majorität im Abgeordnetenhause verfügen, welche hoffentlich das bedeutendste Bollwerk freisinniger und sreihheitlicher Institutionen aus dem Continente sein wird, an dem sich nicht nur die heimischen, sondern auch die freundnachbarlichen Sturmböcke der Reaction ihre Köpfe zerschellen werden. Inzwischen schreitet unsere Regierung in ihrer bewährten liberalen Richtung unentwegt fort. Nach fortgesetztem Kampfe mit dem finsteren Gefft der starren Intoleranz setzt sie es wieder durch, daß ein Glaubensgenosse, der hervorragende Historiker Dr. Heinrich M a r c z a l i, zum ordentlichen Professor an der Budapester Universität ernannt wurde, nachdem dieser Gelehrte schon vor Jahresfrist vom Universitätsrath für diesen Lehrstuhl vorgeschlagen wurde. Mit ihm wirken an unserer Universität gleichwie an der technischen Hochschule drei Professoren, die sich zum Judenthume bekennen. Die Recipirung der jüdischen Gelehrten als ordentliche Professoren an der Alma mater wäre nun endlich auch praktisch und de jure, durchgeführt; die Reception der jüdischen Religion schwebt noch immer nur noch als Gesetzentwurf vor den Hallen des Oberhauses, wo sie diese Woche zum dritten Male ihren Einzug hält. Ob sie dieses Mal endlich die Gnade unserer Pairs finden wird? Die Vorberathungscommission des Magnatenhauses hat diesen Gesetzentwurf vor einigen Tagen wieder sowohl im Allgemeinen, als auch im Einzelnen zur Annahme vorgeschlagen, sich aber den Antrag vorb eh allen, daß in die festzustellende Textirung des Gesetzentwurfes nach dem dritten Paragrchchen noch folgender Paragraph eingestellt werde: „Geistlicher und Kirchenvorsteher der israelitischen Consession kann nur ein solches Mitglied derselben werden, das ungarischer Staatsbürger ist und seine Qualification im Julande erlangt hat." Nun, wenn dieser Satz die conditio sine qua non sein soll, von der die Annahme dieses schicksalsreichen Gesetzvorschlages abhängt, so wird er gewiß bald von der Verdammniß seiner ewigen Wanderschaft von Oberzu Unterhaus und vice versa erlöst werden. Wir Juden werden dagegen sicherlich keine Einwendung erheben. Sie haben ja drüben in ihrem Gemeindegesetz dieselbe Clausel. B. M. Der König der Fälscher. „Fälschungen suche ich". Schneid er. Der Proeeß, welcher gegen Nuchem S ch a p i r a und Genossen vor einiger Zell zu Ende geführt wurde, kann in der antisemitischen Presse nicht zur Ruhe kommen. Er wlld immer wieder hervorgezerrt. Die bekannten Blätter schroten ihn in ihrer Weise aus und knüpfen ebenso kühne als grundfalsche Schlußfolgerungen daran. Während ein Theil derselben sich damit genügen läßt, die galizischen Juden als in den Grund ihrer Seele hinein moralisch verwahrlost und verkomnten darzustellen, geht eine andere Gruppe noch weiter und bezieht sämmtliche Juden dieses Planeten in ihr Verdammungsurtheil ein. Und wieder Anderen ist auch dies nicht genügend, sie brechen mll großartiger, pathetischer Geberde den Stab über alle Semiten, von denen die Juden bekanntlich nur einen kleinen Bruchtheil bildern Und dies alles wegen des einen Hallunken und seiner ihm ebenbürtigen Helfershelferschaft. Unsere liebenswürdigen Gegner scheinen ganz zu übersehen, daß diese Art der Tallik eine gründlich verfehlte ist. Wenn sie den Criminalfall eines jüdischen Spitzbuben in dieser Weise breitschlagen, gestehen sie ja indireet, aber deswegen nicht minder deutlich, die Seltenheit dieses Vorkommnisses ein. Wir jedoch wollen die Gelegenheit benützen, um eine Geschichte wieder zu erzählen, welche jetzt gerade fünfzig Jahre alt ist, und die einigen von den älteren unserer Leser, welche die Ereignisse der Vierziger-Jahre noch im Gedächtniß bewahren, bekannt klingen dürfte. Der Held derselben ist ein echter, unverfälschter Arier, in dessen Adern auch nicht ein einziger Trop'fen semitischen, Blutes rollte, mit Namen Peter Ritter von B o o r. Er war der König der Banknotenfälscher. Der Schauplatz der Erzählung ist unser liebes Wien. Im August 1845 erstattete die österreichische Nationalbank der Polizei die Anzeige, daß bei ihr falsche Noten zu 100 und zu 10 Gulden eingelaufen seien. Diese Falsifieate erwiesen sich als Meisterwerke ihrer Art. Sie waren von geradezu künstlerischer Vollendung und zeigten eine Gewandtheit in der Handhabung des Grabstichels, die an Vlltuosität grenzte. Der Fälscher wurde nach vielen erfolglosen Nachforschungen von der Behördeindem 74jährigen, auf einem Auge staarblinden Ritter von Boor ermlltelt, der in der Wiener Gesellschaft eine angesehene Stellung eingenommen und den selbst Kaiser Franz zuweilen seines vertrauteren Umganges gewürdigt hatte. Boor war Mitbegründer der Ersten österreichischen Sparkasse und sogar drei Jahre hindurch Curator derselben gewesen. Ferner war er Begründer der Donau- Dampfschifffahrts-Gesellschaft. Er' erfand eine neue Guillochirmaschine;- im Vereine mit dem bekannten Maler Peter Höst gab er das groß angelegte Prachtwerk „Oesterreichs Ehrentempel" heraus. Man sieht also aus dem bereits Angeführten, daß es den Anschein hatte, als ob er ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle, ein verdienstlicher Bürger von der echt biederen, alten Art gewesen wäre. Hiezu kam noch sein elegantes, weltmännisches Benehmen. Sein AeußeresIgab sich würdevoll und Ehrfurcht gebietend; ein hoher, schlanker Mann— glattrasirte, feine Züge— um den Mund besonnene Zurückhaltung — Stirn und Augen verriethen Herzensgüte und hervorragende Intelligenz. Am 8. Oetober 1845 nahm man ihn und seine Frau in Haft. Die umständliche und schwierige Untersuchung ergab, daß er das Verbrechen der Banknotenfälschung tatsächlich begangen hatte. Am 23. Mai 1846 wurde er und seine Frau, eine geborene Gräfin, nach dem damals geltenden Rechte zum Tode durch den Strang verurtheilt. Im Gnadenwege wurde dieses Urtheil für ihn in eine achtjährige, für seine Frau in eine zweijährige Kerkerstrafe umgewandelt. Seit 1841 tauchten Boor's falsche Zehnernoten auf. Sie waren so vorzüglich gearbeitet, daß die Nationalbank selbst 12.000 Stück davon einlöste. Ende Juli 1845 hatte er zwischen 16—17.000 Stück Hundert-Gulden-Noten erzeugt, die nicht minder gelungen waren, und zwar war er