Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 11 (15.3.1895)
- Date
- 1895-03-15
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 206 Vesterretchifche Wochrnfchrifl Str. 11 -.;-z - ■* ■*-;i k . ' »'r •i r te K Seufzer der Maiglöckchen, die Seele von Reseden nnd Veilchen fließt unter den flinken Händen des ausgezeichneten Künstlers zu einer ernwiegenden Duft-Symphonie zusammen, während eine schöne Südamerikanerin mit den nasenblendenden Variarionen des Nelken-Motivs das in der hohen Luftbad-Station übersominernde vornehme Publicum zur Begeisterung hinreitzt. Der Künstler paraphrasirt als Zugabe in einem humoristischen Impromptu des Menu des Mahles: „Schlägl einen kräftigen Bratenduft an", flicht um dessen Orgelpunkt den duftigen Kranz einer reichen Speisenreihe, worauf allesammt mit heiterer Miene sich in's Speisezimmer begeben. Die Würze und den Geschmack des Sbolet kann nur der volle Mund Preisen. Und gleichwie jedem reichen Genüsse, folgt auch diesem schwere Ermattung. Unter seiner Bleilast zusammenknickend sinkt der Körper hin aufls Sopha und läßt die sich hinstreckenden Extremiläten kraftlos aus den Teppich herabhängen. Denn wenig esien vom Sch vier kann man nicht. Das halbtoot pfauchende Freudenopftr hat in diesem Augenblick mit der Welt abgerechnet und würde sich nicht rühren, selbst wenn man ihm eine Pistole an die Brust setzte. Wer einmal auf den Geschmack des Scholet gekommen, ist ewig dessen Sclave, gleichwie der Haschischesser der Sclave des Haschisch ist. Er besitzt nicht nur erobernde, sondern auch bekehrende Kraft. Man pflegt es auch mit Gerstenbrei zu mischen. Aber das ist eine Verfälschung des reinen Bohnen-Styls. Kein geringerer Geselle als Heinrich Heine hat das Scholet auf die Flügel der Unsterblichkeit gehoben in der reizenden, leider Fragment gebliebenen Erzählung „Der Rabbi von Bacharach". Und es fand sich auch ein anderer Dichter — seinen Namen zu verrathen verbietet die Bescheidenheit — der in seiner Wiener Studentenzeit dieser herrlichen Speise unter dem Titel „Das hohe Lied vom Scholet" ein hochragendes Denkmal errichtet. Mir dem Bohnen-Scholet wetteifert das Erbsen-Scholet. Auch dieses hat Anhänger und so viel steht fest, daß es die Valeurs des eingelegten Rauchfleisches kräftiger auslöst als jenes. Allein es ist dennoch nur neben Moses der Aron, der gleichfalls Prophet war, aber geringer als sein glanzumstrahlter Bruder. Es gibt gottlose Neologen, welche betheuern, mit Schweinefüßen, -Rüsseln und -Speck sei das Scholet noch viel köstlicher. Aus dieser Behauptung spricht aber frivole Gcistreichelei, die sich im Spiele mit pikanten Gegensätzen gefällt. Es ist nicht wahr! Schweinefleisch paßt nicht hinein. Es lenkt den Geschmack dem Kraut zu und unter dieser Suggestion stehend, glaubt der Mensch, er esse saures Scholet; der bloße Gedanke ist schrecklich. Verträgt das Scholet doch selbst das Ganssleisch kaum. Geräucherte Rindsdrust gehört hinein, die auch das Fett dazu liefert. Wie das kleine Kind aus dem Mutterschoße, also lächelt uns vom Grunde des Topfes das Scholet-Ei entgegen. Wer da weiß, um wie viel besser der gebratene Kukuruz, der gebratene Krebs, die gebratene Kastanie schmecken, als gesotten: der wird auch die Oberhoheit des gebratenen Eies gegenüber dem gekochten begreifen. Wie in der geschmorten Bohne: so entwickelt sich auch in diesem gebratenen Ei daS ätherische Oel kräftiger, sich vermischend mit jenem wohlriechende,: Mißduft, der uns aus jedem frischen Ei entgegenschlägt und der auch dem Parader Wasser so viel Verehrer erworben. Die gebratene Speise ist schmackhafter und auch leichter zu verdauen, als die gesottene. Das ruhige, stete Kohlenseuer erzeugt jenes gewisse Dextrin, das seinen Namen daher gewann, daß es sich auf der Polarisationsebene nach rechts wendet. Was übrigens meine freundlichen Hausftauen-Leserinnen nicht weiter kümmern soll, auch wenn sie das höhere Mädchen-Gymnasium absolvirt und aus der „Kuchen-Chemie" einen „Einser" bekommen haben. Der Ungher, Beregher und Marmaroser Jude — sofern seine Mittel es erlauben — schält, dem Beispiele seiner galizischen Blutsverwandten folgend, das Scholet-Ei, schneidet es klein, vermengt es mit Fett, Pfeffer und gehackten Zwiebeln und macht eine Art von Brei daraus, an den man sich erfl gewöhnen muß, wenn man ihn lieb gewinnen soll. Am besten ist es einfach in Scheiben zerschnitten mit Salz und Paprika. Die nach Scholetart bereitete Mehlspeise liebe ich zwar nicht sonderlich, allein darum schickt es sich doch, ihrer zu gedenken. Es ist dies die „K u g e l", welche gleichfalls Freitag in den Topf gelangt, um zu samstägiger Pracht zu erwachen. Eine „koschere" Agnes Zilahy Würde dies wie folgt erklären: „Wir sieden, in breite Streifen ge schnitten, tüchtig geknetete Mehlspeise, rollen sie dann zur Kugelform, nachdem wir sie entweder mit Rosinen, Mandeln und Zimmt bestreut — dies ist die süße Kugel; oder aber gepfeffert und reichlich mit Ganssett versetzt haben — dies ist die P f e f s e r k u g e l. Es gibt auch eine sogenannte Mehlkugel und eine G a n e f genannte Abart; ihre Bereitungsweise ist nur eine unbedeutende Variation der früheren. Es ist nur natürlich, daß die rituelle Küche auch von der anisraelitischen — der christlichen Kochkunst befruchtet wurde, allein nur durch Motive. Die herabgeschälte Haut des Gänsehalses zum Beispiel ist ebenso nur eine Hülse wie die Wurst. Mit zu Brei zerhacktem und reich gewürztem Fleisch gefüllt, bräunt sich im Topfe als koschere Herrlichkeit: das Hälfe!. Der jüdische Selcher fabrizirt aus Rindfleisch solche Schinken, Würste, Salami und Speckarten, die mit den Werken der „ungarischen" Selcher wetteifern. Zu diesem Ende wird fteilich auch das reiche Hintere des Schlachtochsen verarbeitet, welches sonst unter Verbot steht und nur nach Reirrigungs-Operation seitens eines fachkundigen Schächters verwendet wird. Die strenge Speisevrdnung Mosis gestattet nämlich nur das „Vordere" des Säugethieres, auch dies mit der Beschränkung, . daß jenes Säugethier gespaltene Klauen habe und Wiederkäuer sei. Und der Hirsch, das Reh, welche gleichfalls gespaltene Klauen haben und Wiederkäuer sind, fehlen gleichwohl aus dem jüdischen Menu. Die Ursache dessen ist, daß man diese Thiere jagt und so tödtet. Essen darf man aber nur vom geschlachteten Thiere, wenn es auch den übrigen Bedingungen entspricht. Das vom Blei niedergestreckte Thier kann noch lange leiden, bis es verendet, und so könnte der Genuß des krankgewordenen Fleisches der Gesundheit Schaden bringen. Es ist noch gar nicht so lange her, daß irgend eine größere deutsche Gemeinde — wenn ich mich recht entsinne, war es eine Stadt der „freien" Schweiz — unter dem Vorwände der Thierquälerei, in Wahrheit aber aus Antis.mitismus, dem Schächten den Krieg erklärte. Ansehnliche Fachgelehrte ergriffen sodann die Partei der protestirenden JudenschaU, beweisend, daß das Schächten unter allen Tödtungsarten am wenigsten schmerzhaft sei, weil das Durchschneiden der veva jngularis augenblicklichen Herzschlag verursacht, und daß es wünschenswerth wäre, wenn auch die auf den Schlachtbrücken zum Schlagen vereittehenden Fleischergesellen durch eine Verordnung der Sanitätsbehörde zu der gleiche,! Tödtungsmethode genöthrgt würden. Und dennoch, den Tisch des wohlhabenderen, frommen Juden chmückt nicht selten der Hirsch- und Rehrücken. Der Hebräer ist schlau und macht auch da einen Weg ausfindig. Vor einigen Jahren übersommerle der Frankfurter Rothschild nächst Marienbad im Bade Königswart, welcher reizende Curort Eigenthmn des Fürsten Metternich ist. Während die schöne Tochter des Barons mit der vornehmen Jagdgesellschaft zusammen auf Hirsche und Rehe in dem aus Meilen sich erstreckenden Wildparke putschte, zeichnete der Milliardär, fern vom Schüsse, den gelben Sonnenschirm nach sich ziehend, Schlangenlinien in den Sand des thalwärts sinkenden Weges. Der leichtfertige Wind, der vom Eichenwald her dem Baron und Bankier entgegenwehte, wehte dessen werthvolles Manupropria sehr falsch wieder auseinander. Wie nun der alte Herr so vor sich hinschreitet, sieht er ein zweirädriges Wägelchen, von zwei Männern gezogen. Das kleine Geführte war von Eichen- und Fichtenlaub umgeben, damit ein lebendes, schlankes Reh, welches in dieses ambulante Gefängnih gesteckt war, nicht entfliehen könne. — Das bringen Sie sicherlich der kleinen Prinzessin in's'Schloß? fragte Rothschild und streichelte das scheu zurückweichende Thierchen. — Aber nein, erwiderte der eine Arbeiter, wir führen cs in die Stadt (Königswart) hinunter zum jüdischen Schächter, damit er es für den Frankfurter Baron schlachte. Fürstin Paul Metternich (eine Ungarin, geb. Gräfin Melanie Z r ch y) erwies diese Aufmerksamkeit dem orthodoxen Vater ihrer Jagdgenossin, der solcherart zu koscherem Wildpret gelangte. Das Geheimniß des Bratens der Gans leb er ist gleichfalls der jüdischen Küche überkommen. Diese schmackhafte Drüse muß vorher „abgeschreckt" werden. Noch in ungesalzenem Zustande, auf schneeweißem Papier, wird sie auf die heiße Platte des Sparherdes gelegt, der man sie, sobald sie sich zu bräunen beginnt, sofort entreißt. Erst jetzt wird sie gesalzen und in zugedecktem Topfe, damit sie nicht zerfalle, am langsamen Feuer gebraten. Das ist natürlich eitle Empirie; um die technischen Ursachen kümmert sich Niemand. Und gleichwie der Dichter auch heute nicht im Reinen darüber ist, ob der Abend- oder Morgenstern schöner leuchte — zumal er ein schlechter Astronom ist, der nicht weiß, daß dies eigentlich ein und derselbe Stern ist —ebenso vermag auch der Gourmand nicht zu entscheiden, ob die Gansleber kalt oder warm genossen besser sei, zumal er wieder ein ausgezeichneter Gastronom ist. Die Ostern bringen dem Juden jeden Frühling die Mazzothe Die Strenge der allgemeinen Speisenordnung wird noch verschärft durch das CH o nr ezv er b o t. Die Mazzoth aber werden zum Andenken an jene Verfolgung gebacken, da das auserwählte Volk Gottes vor der Grausamkeit des Pharao in die Wüste flüchtete. Es blieb ihm nicht einmal so viel Zeit, daß es den ungegohrenen Teig zu Brod hätte backen können. So wurde er denn auk den glühenden Sand der Wüste gelegt, wo die heiße Sonne ihn dörrte, aber nicht buk. Daher stammt denn auch das große Knabbern in Israel während der langen acht Tage. Die Neodoxen glauben zwar, daß eine Handbreit Mazoth, nicht größer als eine Oblate, genügen würde, um die Wende jenes traurigen Ereignisses zu feiern, nmso mehr, als dieses ungesäuerte Brod den physischen Organismus nicht wenig hernimmt, denn man kann es bis zum Abend essen, ohne daß man satt würde und der Mansch wird somit genöthigt, mit vollem Magen zu hungern. Die Orthodoxen geben jedoch nicht nach. Sie, die während des Langen Tages vierundzwanzig Stunden ohne Speise und Trank überstehen, lächeln überlegen, wenn von den Leiden während des brodlosen Passah gesprochen wird. Und cs wären auch klägliche acht „Lange Tage", wenn nicht die findige und kluge Jsraelitenfrau mit dem Zauberstab, ihrem Kochlöffel, während dieser Zeit Wunder schaffen würde. Sie beginnt damit, daß sie jene aus Mehl gebackenen dünnen Glasscherben zerstampft und neuerdings zu Mehl vermahlt. Auf einen Wink ihres Zanberstabes taucht in voller Glorie aus dem Bauche des Kessels der Osterknödel empor; theils für die Suppe, IheilS als