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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-03-15 · 11 (15.3.1895) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
11 (15.3.1895)
Date
1895-03-15
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 11 Drstervetchlptze Wochrnschrifl Seite 305 schwingt sich auf die Schulter seiner Frau, die Frau wirft, wie ein Spielball das Kind, das sie geboren und gesäugt, dem Manne zu. In senkrechter Stellung übereinander Weib. Mann und Kind, und schon hüpft das zweite Kind heran, die Mutier j greift darnach. Ich wende mich weg, ich kann es nicht sehen. Ein schauderhaftes Bild. Dazu klatscht man die Hände. Welche Gemüthsverwilderung! Die Production ist vorüber, das Weib geht in der Akrobatentracht mit einem Teller von Tisch zu Tisch, von Gast zu Gast absammeln. Ich höre Worte fallen: Der Eine bewundert die Formen des Weibes, der Andere den Glanz ihrer Augen, der Dritte den kleinen Fuß, ein Vierter umschlingt sie sogar mit seinen Armen. Und dieses muthwillige Spiel mit einer unglücklichen Menschenfamilie nennt man Spaß, Scherz. Das Weib kommt auch an meinen Tisch und ich habe sie um ihren Namen und um ihre Adresse gefragt. In der Brigittenau hat eine aus Rußland ausgewiesene Familie eine Wohnung sich genommen. Der Mann war Geschäftsführerdort in einem Fabrikshause und mußte alsAusländer ohne Bedenkzeit das Land verlassen; er hat nichts als Weib und sechs Kinder mitgebracht. Ein Philantrop hat dieser Familie für einen Monat den Zins bezahlt. Bei dieser Familie wohnt noch eine arme Familie und das Cabinet hat eine Akrobatenfamilie gemiethet. Hier tobt die Noth, hier muß die Verzweiflung selbst verzweifeln. Ich habe nicht Muth, zu fragen. Doch wie ganz anders sieht das Weib ans als Mutter in dieser engen, kleinen Behausung? Das eine Kin an der Brust, das zweite sitzt am Boden zu ihren Füßen. „Wie konnten Sie einen solchen Beruf wählen?" frage ich sie. „Herr, die Kinder weinen um Brod — der Mann ein gelernter Buchbinder findet keine Arbeit — und ich —" sie weint-„wollte Steine klopfen, wenn ich die vier Kinder nicht hätte —" „Wo ist Ihr Mann?" t „Theils sucht er Arbeit oder sonst welche Beschäftigung — die Sorge, Brot für die Kinder herbeizuschaffen, beraubt ihn der Besinnung — er ist verwirrt — verstört — ich fürchte das Aeußerste. Wir dürfen uns auch nicht produciren, weil wir die sechzehn Gulden für die Licenz nicht haben. Wie tief sind wir gesunken, wenn wir die Schamröthe um ein Blutgeld verkaufen müssen?" „Ich habe genug gehört — „Wie tief sind wir gesunken, wenn wir die Schamröthe um ein Blutgeld verkaufen müssen —" sagte sie. „Und wie tief sind wir gesunken, wir. die wir uns Culturvölker nennen, wenn wir Schamröthe um ein Blutgeld uns erkaufen — In der entwickelten Schaulust entartet das Gefühl und die Phantasie in der Sucht nach dem Kitzel, die Schaulust zu befriedigen. Die Akrobatenfamilie hat das schöne Bild des großen Meisters aus meiner Phantasie nicht verbann). Mein Auge hält es fest und der Gefühlsstrom circulirt immer und erscheint immer wieder in geklärter Form. Jüdische Rüche. Zur Erbauung antisemitischer Feinschmecker. Die Küche bildet einen wichtigen Abschnitt in der Cuiturgeschichte der Völker. . . Sv würde ich beginnen, wenn ich eine Kritik des Familienherdes in engerem Sinne schreiben wollte, welcher Herd nicht nur der Wärme- und Lichtspender unserer menschlichen Ahnen war, sondern auch das Rohe gar machte, das Weiche zu knisternder, das Zähe zu mürber Herrlichkeit verwandelte. Ich habe die Küche gar vieler Völker verkostet; in deren eigenem Lande, so weit die Mittel reichten, oder auf Weltausstellungen, wo sie sich in ihrer Eigenart präsentirten. Bei der l878er Pariser Ausstellung war ich Gast meines Freundes Ling-Hao-Cseng. Ling-Hao-Cseng trieb die Kunst der Seidenstickerei und wie zu einem Wunder wallfahrteten hieher die europäischen Damen, aber auch die französischen Gobelinweber, die nicht müde wurden, den zeichnerischen Geschmack des Mannes aus dem Himmlischen Reiche, die Schnelligkeit und Sicherheit seiner dünnen Nadel, die Anmuth seiner Farbengebung zu bewundern. Der junge Mann malte allabendlich auf einen gen Seidenpapierstreifen, mit seinem in Tusch getauchten Pinsel auch einen Liebesbrief au MiLi-Mi, seine in Lün-Pao daheim gebliebene Ehehälfte. Blumen, Vögel, Fische, Trüffel, magyarische Brunneuschmengel, dreitheilige Federmesser, Flügel. Paraplui-Skelele und anderes wunderliches Zeug dicht unter einander setzend, woraus daun das zum Strohwitthum v ruitheilre Mandschu-Frauchen mit Hilfe des gelehrten Oheim-Mandarins sehnsüchtige Reime zusammenstellen konnte, die ihr die Trene und das Sehnen des Gatten kündeten. Eine kleine Gefälligkeit, die ich ihm erweisen konnte, wandte mir Ling-Hao-Cseng's dankbares heidnisches Herz zu, so sehr, daß er mich in sein neben der Werkstatt errichtetes luftiges Wohnzelt zum Essen lud. Zu einem guten kleinen Diner — „von petit diner ä la chinoise," wie er sagte. (Er pariixte ziemlich geläufig französisch, nur das r konnte er nicht aussprechen, welchen Consonanten die chinesische Sprache nicht kennt. „Mus autlss (autre) chinois, nous sommes tvns tin peu altistes (artistes) eil cmsine.") Es war ein curioses kleines Essen, das ich dort verspeiste: etwa zehn Gänge. Es begann mit kernweich gebraienem Käse, die Fortsetzung bildete Ferkel-Ragout mit Honig zubereitet. An Stelle des Brodes gab es Reis, ohne Salz, Pfeffer oder Buiter. Während des Essens zählten wir alle uns bekannten Kocharten auf. Laut schmatzend meinte mein chinesischer Freund, es sei schade, vor dem Rattenfleisch sich gar so zu entsetzen. Freilich, die Pariser Natten (rats --- rata d’ögout) seien nicht werth, gegessen zu werden. Auch sie müssen gezogen werden und gemästet. Er habe mit einigen Versuche angestellt, sie scheiterten aber. Die dritte Generation erst wird sich vielleicht als genießbar erwei en. Ich hatte genug. Es bedurfte nur noch dieser Erörterungen, damit ich, mich schüttelnd, das „gute kleine Diner" abbreche. Uebrig-ns ist da der Ekel nicht am Platze. Die Noth ist ein großer Meister. Um wie viel herrlicher ist denn der von Würmern sich nährende, grünliche schlammige Krebs? Oder die sulzige, zitternde Auster? Die feuchte, klebrige Schnecke? Und all diese Speisen, die das Elend erfunden, der Zwang groß gezogen, heute sind sie der Schmuck des Menus. Wer weiß, ob auch die Ratte . . . Zumindest klagte mir nach dem Sturm auf Paris Madame Dupille. in deren prächtigem kleinen Restaurant ich regelmäßig dinirte: „Delle, qne vous me voyez monsieur — j’ai mange du rat." Und ich aß von der Graspastete derJndianer, von dem entsetzlichen Elknthier-Schinken der Lappländer und von den Speisen noch anderer gelber, rother und schwarzer Rassen. Mag übrigens sein, daß auch wir, anfangs dem Muß gehorchend, später aus Ucberzeugung all diese curiosen Speisen gut finden könnten. Ich erwähne nur, daß, als McFerlane dem im Sund von Tromsö' auf unser Schiff gerathenen kleinen Finnmarkener Lappländer reifen Käse anbot, von dem er selbst mit vortrefflichem Appetit aß, unser kleiner Gast sich die Nase zuhielt und alle Zeichen des Ekels verrieth. Womit er auch vollkommen Recht hatte, denn wenn ich Untersuchungsrichter wäre, würde ich mit dieser nach Ziegen riechenden Eapronsäure selbst dem verstocktesten Missethärer das Geskändniß aller Verbrechen entlocken, die er jemals begangen. Oder jene Trappe, die man auf fünf Tage in der Erde vergräbt, um wie viel ist sie delicater, als der Pferdeschenkel, der sechs Tage lang an dem Brunnenmastbaum der Zigeuner geschmort? O, die Noth! Und der Knopf der den Beruf hat, das Auseinanderstrebende zusammenzuhalten: führt er jetzt nicht in dichten Reihen ein nutzloses, herausforderndes Dasein an solchen Theilen unserer Bekleidung, die mit dem Knopf absolut nichts zu schaffen haben? Und damit bin ich bei der jüdischen Küche angelangt, deren schmackhafteste Nummern: das Scholet und der Osterknödel gleichfalls durch die furchtbare Noth auf den Tisch des rechtgläubigen Juden gelang: sind. Jawohl: aus der Bedrängniß sproß die Scholetherrlichkeit hervor. Ihr Erzeuger ist das Verbot, welches das Braten und Kochen bei loderndem Feuer nicht gestattet, zumal vor grauen Zeiten das Feuerbereiten keineswegs solch ein Kinderspiel wie heute, sondern mit schweißtreibender Arbeit verbunden war: lang mußte Holz an Holz gerieben werden, bis der Funke daraus sprang und die Flamme daraus hervorloderte. „Am siebenten Tage aber sollst Du ruhen!" So ging denn die jüdische Frau an's Werk, goß Freitag Nachmittag Bohnen in den Tops, füllte diesen bis an den Rand mit Wasser, zwängte ein Stück fetten geräucherten Ochsenfleisches dazwischen, streute Paprika, schnitt Zwiebel hinein, barg darin einige Eier, blies eine eichte Mehlwolke über das Ganze, schob es dann unter die große Feuerstatt in den Backofen, wo die Stengel und der Torf (in waldigen Gegenden das Holz) nur mehr glomm: den Deckel aber verklebte sie luftdicht mit flüssigem Lehm, den die Magd erst am nächsten Mittag wieder entfernte. Also begann es selig zu brodeln und solcher Art und währendso langer Zeit kochte, briet, dünstete oder reifte das Scholet. Duft zu malen, Geschmack in Noten zu setzen, in Linien zu fassen, das gelang bisher weder dem Maler, noch dem Musiker oder Bildhauer. Auch der Dichter konnte ihn nur preisen; das Geheimniß seines wohlthuenden Wesens aber aus dem Kern herausschälen, das vermöchte auch er nicht. Auch dies ist dem neuen Jahrtausend Vorbehalten, der Zeit, wo es — wie ich in einem der Romane des kommenden Jahrhunderts gelesen — Duft-Künstler und Geschmack-Virtuosen geben wird, welche Duft-Concerte geben und Aroma-Phantasien spielen werden auf dem Odorophon, welches in der Mitte des Concertfaales eines in der Luit erbauten prächtigen Hotels steht. Der Athem der Rosen, die

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