Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 11 (15.3.1895)
- Date
- 1895-03-15
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 204 Vestrrrrichtfthe WochenschrM Nr. 11 Göding, im März. Die israelitischen Cultusgemeinden haben es in ihrer Macht, Verdienste ihrer Angestellten in würdiger Weise zu belohnen. So beschloß jüngst der Vorstand und Ausschuß der hiesigen Gemeinde einstimmig, dem Religionslehrer Herrn M. Ullmann in Anerkennung seines langjährigen, ersprießlichen Wirkens das Definitivum zu verleihen. Brünn. (Neuer Sachverständiger.) Der hiesige protokollirte Kaufmann Herr Heinrich Spitzer wurde von dem k. k. Landesals Handelsgerichte mittelst Decrets vom 22. Februar l. I. als Sachverständiger für Manufactur-, Schnitt- und Teppichwaaren ernannt und wird morgen 10 Uhr Bormittags, in dieser Eigenschaft beeidigt. Znaim. Samstag den 9. d. M. arrangirten die hiesigen jungen Herren ein Purimkränzchen, welches viel besucht und sehr animirt war. Cultusvorsteher Herr Hermann Steiner übernahm das Protectorat und erschien um 8 Uhr mit seiner liebenswürdigen Gemahlin und seiner anmuthigen Tochter Fräulein Anna, welche am Arme des Herrn Friedrich Arnstein, Cassier des Comitäs, den Ball eröffnete. Das Reinerträgniß kam der Chewra-Kadischa und dem hiesigen Fcauen-Wohlthätigkeitsvereine zugute. Es ist hervorzuheben, daß auch die nichterschienenen Herren: Alex Weiß aus I a i s p i tz, Rudolf W o z i l k a. Dr. R o s e n f e l d, Dr. Ullmann, Albert Weiß und Josef Glaser aus Znaim bedeutende Beiträge leisteten, so daß der Ueberschuß eine ansehnliche Summe betrug. Die Musik besorgte die Militärcapelle des Hausregiments Nr. 99. R. M. Brüx. Alljährlich wenn unsere jüdischen, wohlthätigen Vereine, der Frauenverein und die Beerdigungsbrüderschaft, ihre Jahresversammlungen abhalten, ist in unserer Gemeinde ein Festtag. Der den Versammlungen vorangehende Gottesdienst, der sowohl durch die herzerquickende Predigt unseres Rabbiners und die ergreifende Todtenfeier für die verstorbenen Mitglieder, sowie nicht minder durch den vom Herrn Obercantor Lamm und dem Chorvereine besorgten gesanglichen Theil wahre Andacht hervorruft, bildet den Beginn und der Tempel kanndie Zahl der Besucher kaum fasten. So war es auch Heuer am 7. Adar und Kops an Kopf stand die andächtige Beterschaär und schöpfte Trost für erlittenes Unglück und betete mit für das Seelenheil der verschiedenen k. k. Hoheit des Herrn Erzherzogs Albrecht. Und nach dem Gottesdienste drängten die Frauen in den Versammlungssaal und lauschten dem vorgetragenen Rechenschaftsberichte. Eine solche Fülle der Wohlthaten ist nur das jüdische Frauenherz im Stande zu üben. Bei solchen Erfolgen war es nur selbstverständlich, daß die bisherige Präsidentin Frau Friederike Spitz und die bisherigen Ausschüsse fast mit Einstimmigkeit, und das will in einer so zahlreichen Damenversammlung viel heißen, wiedergewählt wurden. Nicht minder einträchtig verlief es in der noch zahlreicher besuchten Versammlung der „Chewra-Kadischa" und wurde der vom Obmanne vorgetragene Jahresbericht mit Beifall zur Kenntniß genommen und dem Ausschüsse seitens des Herrn Cultusvorstehers Dank und Anerkennung ausgesprochen. Herr Dr. Biach hielt einen Vortrag über Rabbi Akiba als Lehrer der Humanität und erzielte großen Erfolg. Auch bei der „Chewra" ergab die Neuwahl die einstimmige Wiederwahl des Obmannes Herrn Ludwig Black, sowie die des Gesammtausschustes. Piesling Am 28. Februar 1895 starb in N e u st i f t, unweit Piesling, Herr S. Färber, ehem. Kaufmann und Brennereiöesitzer in dem hohen Alter von 97 Jahren. Der Verewigte erfreute sich infolge seines biederen und anspruchslosen Lebenswandels großer Beliebtheit, welche in der außerordentlichen Betheiligung seitens der jüdischen, als auch der christlichen Bevölkerung beider genannter Orte bei dem am 2. März stattgehabten Leichenbegängnisse, ihren beredtesten Ausdruck fand. Für die besondere Achtung die der Verstorbene genoß, spricht es deutlich, daß auch der Pfarrer des Ortes demselben das letzte Geleite gab. An der Bahre hielt unser hochgeschätzter Bezirks-Rabbiner Dr. Frankl in bekannter trefflicher Weise einen warm empfundenen Nachruf, indem er vor Allem die Einfachheit und Rechtlichkeit des Verewigten hervorhob. Krakau. Dienstag am 26. März, 12 Uhr Mittags, findet im israelitischen Tempel die Trauung von Fräulein Olga H o r o w i tz, Tochter des Cultuspräsidenten Dr. Leon Horowitz, mit Herrn Sigismund Wachtel statt. Rom, 25. Februar. Brigade-General Ottolenghi ist zum D i v is i o n s-G e n er a l und Commandanten von Turin befördert worden. Jerusalem. In Bezug auf unsere in der letzten Nummer der „Oest. Wochenschrift" publicirte Meldung''von der Ernennung des Herrn Theodor Jppen zum österr.-ungar. Generalconsul in Jerusalem geht uns von vertrauter Seite die Mittheilung zu, daß der Ernannte vor Jahren zum Christenthum übergetreten ist. Unsere Mittheilung war englischen Blättern entnommen, wir glaubten hier einen Act des Liberalismus von Seiten des Grafen Kalnoky vor uns zu haben. Leider waren wir im Jrrthum. _ Aus der Welt des Elends. Von Oscar Waldeck. Ich erinnere mich so gerne an ein Bild, das ich in Piatigorsk im Kaukasus bei einer sehr reichen Familie gesehen. — Mein Wirth war ein Kunstkenner, der Kunstwerke aller Art gesammelt hat. Eines dieser Kunstwerke, es war ein einfaches Bauernhaus inmitten einer Landschaft, konnte stundenlang mich fesseln. Ein Anderer, selbst mein Wirth, ging an diesem Bilde kalt und gleichgiltig vorüber. „Was gefällt Ihnen an diesem Bild?" pflegte er mich zu fragen. „Meine Gefühle kann ich Ihnen nicht geben," war meine Antwort. „Es ist ein Bild, an dem mein Auge hängt, von welchem es sich nicht trennen kann. Ich kann Gedankenreihen unterbrechen — ihre Verbindungen durch einen neuen Gedanken lösen, aber Gefühle sind miteinander verwachsen, unzertrennlich wie die Muskel- und Nervenfasern, die im Organismus sich ergänzen. Das durchgeistigte Wesen hat ein Gefühlssystem. Wäre ich ein Maler, ich hätte vielleicht dieses Bild gemalt. Hier das Saatfeld, jeder Knoten am Stengel so naturgetreu, jedes Blatt, wie wenn die Natur selbst es gemalt, gemalt als Entwurf für das Erscheinungsgebiet, dann der schattige Hain, die rissige Rinde jedes einzelnen Stammes, die Zweige, jeder Blattstiel ist ein Kunstwerk, und doch sehen wir den Zellenbau nicht, in welchem die Säfte auf- und niedersteigen. Hier trennt der Bach den,Hain vom Obstgarten am anderen Ufer. Wie da die Wellen durch eine Spalte niederrauschen und das Mühlrad drehen. Dort schäumt die freigewordene Fluth. Und hier vor dem Bauernhaus steht der Müller.-" Dieses Bild hat durch das Auge einen Gefühlsstrom geweckt — dort saß ich ei st im Schatten jenes Baumes mit meinem Vater — dort haben wir vor dem Bad uns niedergelassen. Dort ergoß sich in sanft fächelnden Lüften die Natur in mein Herz, dort hat die Natur meine Innenwelt mir offenbart. Dieser Gefühlsstrom, den dieses Bild in mir geweckt, umrahmt die Erinnerung, ist ein Bild, ein Lebensmoment. Die Kraft, die diese Gefühle festhält, nennen wir Phantasie, und das Verwandtschaftsgefühl der Gedanken, die das Bild umrahmen, nennen wir Vernunft. Ich habe meine Freude daran, das Volk aus dem Jammerthal des Elends an schönen Sonntagen Nachmittags in die Sommerfrischen zu begleiten. — Das Jammerthal des Elends in der freien, himmlischen Natur! Welch ein Contrast! Die große wunderbare Welt und die erbärmlich kleine Welt! Müde habe ich in der „Wildgrube" am Abhang des Kahlenberges Halt gemacht. Ick ließ mich im Freien nieder. Die Zwerge, die Kinder der großen Bergriesen, die mit ihren Eiskuppeln in den Himmel ragen, sie sind schön! Da keuchen herauf unsere armen Handwerker, Mann, Weib und Kinder, und machen Rast bei einem Glas Abzugbier, hinter ihnen erscheint die junge Generation, vacirende Commis mit Fobriksmädchen, Soldaten mit Köchinnen, Erzieher aller Art mit Stubenmädchen und Gouvernanten u. f. w. Für die bessere Welt ist die Zahnradbahn gebaut. Ein milder, von ambrosischen Düsten gesättigter Hauch fächelt, die Sonne senkt sich und Alles athmet auf. Ich bin daran, dieses wunderbare Panorama zu verlassen, da erscheint eine Akrobatenfamilie, Mann, Weib und zwei Kinder. Der Mann spricht einige Worte mit dem Wirth; er hat um Erlaubniß gebeten, sich prpduciren zu dürfen. Bald erscheint die Familie in Akrobatentracht vor den Gästen. Der Mann