Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 11 (15.3.1895)
- Date
- 1895-03-15
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 11 Vrstrrrrlchiptzr WochrnptzrM Seite 203 Czernowitz. (Antisemitismus in der Bukowina.) Es ist wohleine unleugbare Thalsache, daß insbesondere auf dem flachenLande die Geistlichkeit den hervorragendsten Antheil an der Erziehung des Volkes nimmt. Im Dorfe ist der Seelsorger Alles; er ist nicht nur Priester und Verkünder des Gotteswortes, er ist auch Bolksbildner. Mit der von der Kirche ihm verliehenen Autorität, mit dem verhältnißmäßig größeren Maße von Wissen und Bildung übt er einen beherrschenden Einfluß auf unsere Dorfbewohner aus. Für den edeldenkenden Geistlichen ein schöner, herrlicher Beruf. Die Volksseele ist in seiner Hand; er kann aus den urwüchsigen, unverdorbenen Naturkindern Alles machen, was er will. Er kann sie zu Menschen erziehen, die, unbeirrt von den Verführungen der Großstadt, den schönen, hochherzigen Lehren der Religion ein aufmerksames Ohr leihen, um diesen getreu auch ihr Leben entsprechend einzurichten. Wie anders aber ist es, wenn dieses schöne, geistliche Amt ein engherziger Pope inne hat, der mit einer kaum nennenswerthen Bildung eine Unsumme von Einbildung und Thorheit vereinigt, der als Priester einer „Religion der Liebe" nur Haß und Verachtung gegen Andersgläubige predigt, der in falscher Auffassung seines eigentlichen Berufes seine Autorität dazu ausnützt, um gegen staatsgrundgesetzlich gleichgestellte, gleichberechtigte Mitbürger das Landvolk aufzuhetzen. Wir haben schon vielmals auf sene Strömung im Süden der Bukowina hingewiesen, zu der die wahnwitzigen Träumereien des sogenannten Schnapspropheten den ersten Anlaß geboten. Wir wollen ja nicht verkennen, daß die Propaganda gegen den Schnaps ihre volle Berechtigung hat. So tief traurig auch diese Thatsache der Bolksverhetzung wirken muß, entbehrt sie auch nicht der Komik. Nach der Predigt ließ uäm- ‘ lich der Pope die ganze Versammlung einen feierlichen Eid leisten, daß sie seinen Worten getreu: „Kauft nicht bei Juden" handeln werde. Hierauf verkündeten dröhnende Pöllerschüsse der Welt das Ereigniß, daß das berüchtigte „Kauft nicht bei Juden" auch in unsere friedlichen Dörfer eingezvgen, um den ohnehin armen, nothleidenden Theil der jüdischen Bevölkerung gänzlich zu ruiniren. Petersburg. Am 20. Februar hielt in dem hiesigen „Verein zur Förderung der hebräischen Literatur" der hier aus Sitomir (Wolynien) weilende, begabte Schriftsteller Doctor med. Salomon Skomarowsky einen höchst interessanten Vortrag in russischer Sprache über: „L. Gordon und die culturelle Bedeutung seiner poetischen Werke". Die kritische Beleuchtung der poetischen Werke des würdigen Schülers des R. Jehuda Halevi, wie ihn der geehrte Referent nennt, die reiche Blumensprache und der elegante und gedieaene Styl des Vortrages fesselten die Zuhörer, welche ihren Dank für den ihnendargebotenen Genuß durch anhaltenden Applauskundgaben. Diejüdischen Studirenden derrussischen Universitäten haben auch am Schlüsse dieses Semesters unverhältnißmäßig viele Auszeich- . nungen erhalten, und zwar in St. Petersburg die Herren Nachum PerepherkoWitz die goldene Medaille der historisch-philologischen Facultät und Herr Baron D. Günzburg ein Ehrendiplom von der juristischen Facultät; in Moskau Herr Moses Lunz eine aoldene Medaille, Herr M. Gerschensohn den Posikow'schen Preis; in Iuriew (vormals Dorpat) Herr Hermann Jselsohn die goldene Medaille der medicinischen und der Studiosus derMedicinB. ChoronsitzkidiesilberneMedaille der th e o l o g isch en Facultät und zwar letzterer für eine Abhandlung über „Das alttestamentliche Köniasbuch in Bezug auf Entstehnng. bistorischen Inhalt und Chronologie". Am glänzendsten gestaltete sich das Ergebniß der Preisvertheilung für die jüdischen Studirenden in Charkow. Die medicinische Facultät hatte Hierselbst vier goldene Medaillen zu vergeben, welche sämmtlich iüdischen Studirenden zufielen, und zwar den Herren Hirsch B o n i n s k y, Alerander H a l p e r i n, Pinchas K u d i s ch und Behr Kittermann; von den drei silbernen Medaillen derselben Facultät erhielt eine der jüdische Studirende Ben-Zion Geiler. Die juristische Facultät batte nur eine einzige silberne Medaille ansgesetzt und dieselbe erhielt ein jüdischer Student Hermann Gritzfeld; an der historischphilologischen Facultät erhielt der jüdische Student Boris Resnik eine silberne Medaille. Sämmtliche Facultäten dieser Universität vertheilten insgesammt 7 goldene und 5 silberne Medaillen, und hiervon entfielen, wie wir gesehen. 4 goldene und 3 silberne auf unsere Glaubensgenoffen. Hierbei darf nicht vergeffen werden, daß an dieser, wie auch an den anderen ruffischen Universitäten die Zahl der jüdischen Studirenden nur fünf Percent der Gesammtzabl beträgt. Angesichts eines solchen ehrenden Ergebniffes wird die jüdische und auch der bessere Theil der nichtjüdischen Studentenschaft Rußlands^den kürzlich in einem Dorpater Blatte erschienenen und von mehreren Riga'schen Blättern reproducirten Schmähartikel gegen die jüdischen Studirenden nicht sehr tragisch nehmen. Es wird dem ehrenwerthen Verfasser jenes Artikels auch nichts nutzen, daß er sich für seine Ansicht über die „Jnferiorität der jüdischen Studenten" auf die Autorität des Hofpredigers a. D. Stöcker beruft; in den Augen jedes vernünftig urtheilenden Menschen, zumal eines mit den Verhältnissen speciell der Dorpater Universität vertrauten Commilitonen verfällt er dem Fluche der Lächerlichkeit. VernnMes. Wien. (Oe st erreichisch-Israelitische Union, i e n, I. Schotten ring 23.) Mittwoch den 20. März 1895, Abends Vs8 Uhr, findet im Restaurant Kh uner, I, Schottenring 19, eine Bereinsversammlung statt. Tagesordnung: 1. Mitthellungen des Vorstandes, 2. Vortrag des Herrn Reichsrathsabgeordneten Dr. Emil Byk: „Culturarbeit im Osten", 3. Anträge und Interpellationen. Wien. (Verlobung.) Herr Dr. Sigmund Pollitzer hat sich mit Fräulein Martha S t e i n b e r g e r, der Tochter des Bezirksarztes Herrn Dr. Steinberger, verlobt. Wien. (Trauung.) Dienstag den 2. April findet im israelitischen Tempel in der Seitenstetten gaffe die Trauung von Fräul. Serafine Frankl, Tochter des Polizeiraihes Frankl, mit Herrn Adam Weinberger statt. Wien. (Gabriele von Przibram.) Heute ist hier Fräulein Gabriele P r z i b r a m. eine Dame aus einer angesehenen Prager Familie, im 47. Lebensjahre in ihrer Wohnung, Parkring 18, gestorben. Beseelt von dem milden Geiste echter Menschenliebe und Wohlthätigkeit, that sie im Stillen sehr viel für Arme und Nothleidende. Selbst seit Jahren schwer leidend, suchte sie nach Möglichkeit Noth und Elend zu lindern, und keine Bitte um Hilfe und Unterstützung wurde vergebens an sie gerichtet. Wie sehr sie bemüht war, das Los Unglücklicher zu verbessern, beweist das letzte Werk ihres Lebens, an dessen Vollendung sie sich aber nicht mehr erfreuen konnte. Fräulein Gabriele Przibram hat in Hütteldorf ein Asyl für verwaiste oder verlassene blinde Mädchen ohne Unterschied der Confession gegründet, welches in einigen Tagen eröffnet werden wird. Aus Pietät für ihre verstorbene Mutter hat die Gründerin bestimmt, daß das Asyl den Namen „Marie Przibram'sches Blinden-Mädchenheim" führe. E. B. Wien. (Antisemitische Schädlinge.) Der Großindustrielle Herr Sigmund Mandl hat in Folge der Nothlage. in welche die Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft gerathen ist. derselben spontan die gewiß bochherzige Spende von Tausend Gulden zur Verfügung gestellt. Dafür wird Herr Mandl in unfläthigster Weise angegriffen und kann dies nur dazu führen, daß in Hinkunft Abstand genommen werden wird, die öffentliche Mildthätigkeit persönlich zu fördern und durch Initiative zum guten Beispiel anzuspornen. Wien. (Ernennung.) Seine Majestät der Kaiser hat den Director des Triangulirunas- und Ealcülbureaus Abraham Broch zum Evidenzhaltungs-Director in der VIEL Rangsclaffe ernannt. Wien. („I üdische akademische Les hall e.") Der erste Discussions-Abend der Lesehalle wurde auf den 23 d. M. verlegt. Abbs a. D. (Trauergottesdienst für Erzherzog A l b r e ch t.) Am 4. d. M. fand im hiesigen Tempel ein Trauergottesdienst für Erzherzog Albrecht statt. Ter Herr Rabbiner Adolf Löwy verrichtete das Gebet für das Seelenheil des hohen Verstorbenen und hielr eine ergreifende Gedächtnißrede. Wien. (Todesfall.) Am 7. März verschied Frau Henriette Glück, geborene Wolf, nach kurzem, schwerem Leiden im 73. Lebensjahre. Dem Wunsche der Verblichenen entsprechend, wurde sie in W e i ß k i r ch e n in Mähren zur ewigen Ruhe gebettet. Frau Henriette Glück war eine wegen ihrer edlen Denkweise und Herzensgute hochgeschätzte und verehrte Dame. Ihr Heimgang wird allgemein betrauert. Wien. Am 15. März feiert Herr Cantor Schiller mit seiner Gattin, geborene Blüml. das Fest der silbernen Hochzeit und gleichzeitig sein 40jähriges Amtsjubiläum. Mit 9 Jahren wurde Herr Cantor Schiller in die cantoralen Functionen eingeführt. Am 18. August 1865 wurde er Cantor in Ko jetein, am 5. September 1880 Cantor in Wien. Seine Gattin ist eine Tochter des verstorbenen Vorstehers in T obi ts ch au (Mähren).