Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 11 (15.3.1895)
- Date
- 1895-03-15
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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mmmmmmmsrn KPBHSHBR!5RPÄlHBIIiS33? Seite 200 Weverretürtsrtze Wortzenschvift Nr. 11 R. Meir. Darnach geschah es oft, daß Elisa an dem Lehrhause > R. Meir's vorüberzog. Einst geschah dies am Sabbath, da Elisa auf seinem Pferde ritt. Als man dies dem R. Meir meldete, so unterbrach er seinen Vortrag, um seinem geliebten Lehrer zu folgen und sich von ihm über Manches belehren zu lassen. Als sie aber auf diesem Wege zu dem von der Vorschrift bestimmten Sabbathgrenze kamen, da machte Elisa seinen Schüler darauf aufmerksam, damit dieser nicht durch das verbotene Ueberschreiten dieser Grenze sein Gewissen belaste, (ds. b. Chagiga 15a. Midr. Ruth zu e. 3. v. 13 und Kohelet zu e. 7 v. 8). Damit ist der vorhin erwähnte Zug fanatischer Intoleranz gewiß nicht vereinbar. Ferner heißt es (jerus. ds.): Als man R. Meir fragte, wen er im Jenseits zuerst begrüßen möchte, seinen Vater oder seinen Lehrer Elisa? so erwiderte R. Meir freimüthig: meinen Lehrer. Fürwahr! ein Mann, dem ein R. Meir eine solche Liebe und Verehrung bewahrt und mit dem er in solcher Weise verkehrt, ohne von seinen Genossen deshalb geächtet zu werden, ein solcher Mann kann unmöglich ein Mörder, ein gemeiner Denunciant, ei» lasterhafter Wicht, oder ein Apostat gewesen sein. Denn das Reiten am Sabbath und das Ueberschreiten der Sabbathgrenze stempelt ihn wohl zu einem Sünder, aber noch keineswegs zu einem Abtrünnigen, zumal diese Verbote, obwohl sehr alt, doch nicht als biblisch (Krrnttn), sondern als rabbinisch (pa^n) anzusehen sind. Daraus wäre nur bewiesen, daß Elisa die rabbinischen Verbote nicht beachtete, aber daraus wäre noch nicht mit Nothwendigkeit zu schließen, daß er auch den Standpunkt der Verbindlichkeit selbst der mündlichen Ueberlieferung verlassen habe. Nach der Richtung der Verbindlichkeit rabbinischer Verordnungen, beziehungsweise der Beschlüsse und Anordnungen der Majorität des Synedriums dürften wir die principiellen Gegensätze zwischen Elisa und seinen Zeitgenossen und besonders seinem größeren Collegen Rabbi Akiba suchen. Ich bemerke nur noch, daß an dem bekannten Tage zu Jabnah auch die Sabbathgrenze einen Gegenstand der Schulstreitigkeiten bildete und daß man auch in dieser Frage einen besonderen Gegensatz zwischen Elisa und R. Akiba vermuthen darf, weil es dieser gewesen, der das Verbot der Sabbathgrenze mit einer biblischen Stelle zu stützen suchte (Sota 27 b). Eine andere Quelle sagt: „Was war mit Achcr? Er führte stets griechische Gesänge in seinem Munde und oft fielen Schriften von Irrenden aus seinem Schooße, während er im Lehrhause lehrte." Auch diese Nachricht können wir als authentisch ansehen, da sie einerseits nichts Sogenhostes enthält und anderseits mit dem alten Bericht der Tosefta in liebereinstimmung ist. da die dort bezeugte Beschäftigung Elisas mit den gnostischen Spekulationen eine Bekanntschaft desselben mit der hellenischen Literatur erwarten läßt. Andere Angaben (im jerus. Talmud das. u. a. a. O.) über den Grund seiner Wandlung können wir als solche, die sich theils als eine subjective Meinung selbst charakterisiren, theils im Widerspruche mit dem in der Tosefta angegebenen Grund erscheinen, für unseren historischen Zweck als belanglos übergehen. Um uns nun in diesem Gewirre von Nachrichten zurecht zu finden, und um uns ein einigermaßen richngts Bild von Elisa zu machen, müssen wir noch seine eigenen Sprüche, soweit sie uns erhalten sind, prüfen. In der von R. Juda Hannaßi um das Jahr 200 chr. Zeitr. redigirten Mischna findet sich von Elisa nur ein einziger Spruch, und zwar der von uns bereits angeführte, Ahat e. 4, 25: „Was man in der Jugend lernt, gleicht einer Schrift, die mit Tinte auf neues Papier geschrieben ist; was man aber im Alter lernt, gleicht einer Schrift, die mit Tinte auf verwischtes Papier geschrieben ist." Denselben Inhalt hat auch ein Spruch Elisas in Abot des R. Nathan o. 24, welcher lautet: „Die Thora, die man in der Jugend lernt, geht ins Blut über und kommt dann klar aus dem Munde; die Thora aber, die man im Alter lernt, geht nicht ins Blut über und kommt nicht klar aus dem Munde." So sagt auch das Sprichwort: „Was Du in Deiner Jugend nicht angestrebt hast, wie willst Du es im Alter erreichen". In diesen Sätzen hat bereits Weiß, Dor dor ■wedorschow II. p. 141 mit Hinweis auf Haschachar eine Polemische Spitze gegen R. Akiba, der bekanntlich erst in reiferen Jahren sich dem Studium der Thora gewidmet hat, mit Recht gefunden. Aber auch in den anderen Sprüchen Elisas glaube ich, wenn auch nicht einen persönlichen Angriff auf R. Akiba, so doch einen zu dem seinigen gegnerischen Standpunkt zu finden. In drei Sentenzen betont nämlich Elisa die Bedeutung der guten That im Verhältniß zur Lehre. „Wer gute Thaten hat", so heißt es in Ab. des r. Sft., „und Thora lernt, gleicht einem Menschen, der das Fundament seines Baues mit festen Steinen legt und den Oberbau aus Ziegeln errichtet. Ein solches Gebäude leistet allen Fluthen Widerstand. Wer aber Thora lernt, ohne gute Werke zu haben, gleicht einem Manne, der das Fundament aus Ziegel und den Oberbau aus Gestein aufführt. Sein Haus kommt schon bei einem schwachen Andrang der Gewässer zum Einsturz". Dasselbe Thema wird in den anderen Sprüchen mit gleicher Tendenz, nur mit anderen Bildern variirt. So schlicht und so harmlos sich diese schönen Sätze geben, so erhalten sie doch eine für die damalige Zeit besonders actuelle Bedeutung, wenn man erwägt, daß die Frage, was als größer zu erachten sei, das Studium der Thora oder die praktische That, ein Gegenstand ernster Diskussionen in den Schulen jener Zeit gebildet hat. Daß diese Frage nicht als eine rein theoretische, sondern als eine Zeitfrage von eminent praktischer Bedeutung anzusehen ist, beweist, daß man es für nöthig fand, darüber eine förmliche Abstimmung zu veranstalten. Bei dieser Abstimmung dringt R. Akiba mit seiner Sentenz durch: Größer ist das Studium der Thora, denn das führt auch zur guten That. Diese Schülfrage und ihre ernste und officielle Behandlung weist jedenfalls auf eine starke gegnerische Strömung hin, welche gegen das allzugroße Gewicht, das auf das ausschließliche Thorafiudium gelegt wurde, oder gegen den allzugroßen Andrang der Jugend zu demselben seil dem Tage der Absetzung des Patriarchen R. Gambiel (s. Berachat p. 28a) sich richtete. Als den Führer dieser Opposition haben wir uns Elisa zu denken, da er seinen gegnerischen Standpunkt zu der bei der Abstimmung angenommenen Meinung Akiba's nicht nur in seinen von uns angeführten Sentenzen documentirt. sondern auch in der gleichfalls von uns bereits erwähnten Nachricht, daß Elisa die Jugend von dem Thorastudium zu praktischen Berufsarien abzulenken suchte. Bedenken wir nun, daß in den wenigen Trümmern. die uns von dem Leben und Ansichten Elisa's noch erhalten sind, sich schon so viele Spuren zeigen, die urs auf einen Dn-egonismus Elisa's mit R. Akiba, der vornehmsten Persönlichkeit jener Zeit, führen, so gewinnen wir auch schon so manche helleren Züge für eine Charakteristik Elisa's. Elisa war b^r ausgesprochene Gegensatz zu Akiba. Er war die Seele der Opposition. Bis zu welchem Umfange der principielle Gegensatz Elisa's besonders nach seinem Eingehen in den Garten der Gnosis sich allmählich ausweitete, können wir heute nicht mehr klar erkennen. Ob Elisa die Verbindlichkeit rabbinischer Vorschriften im Allgemeinen ablehnte, ob er in seiner Negation noch weiten ging, wer will es heute bestimmen. Für das Elftere wären wohl die Belege zu finden, für das Letztere nicht. Als feststehend kann man behaupten, daß Elisa sich der Abstimmung des Synhedriums nicht fügte und daß er der im Synekrium äugenommenen Lehrmeinung R. Akiba's nicht nur theoretisch auch noch fernerwidersprach, sondern auch thatsächlich dagegen agitirte, indem er die zu den Lehrhäusern sich heraudrängende Jugend zu praktischen Berufsartcn hinüberleiten wollte. Und dadurch wurde er nicht allein durch die Gnosis, sondern auch durch die Richtung und Stimmung der Zeit mitveranlaßt. Denn so wenig wir leider über die dem Aufstande des Bar-Kochba vorangegangene Zeit wissen, so ist es doch unzweifelhaft, daß sie eine mächtig bewegte gewesen. Nach den gewaltigen Kämpfen außerhalb und der Erregung innerhalb Palästinas zur Zeit Trojan's begann mit dem Regierungsantritt Hadrion's die Zeit eines großen nationalen Aufschwunges und der überschwänglichsten Träume. Man erwartete den Wiederaufbau des Tempels und damit auch den Beginn eines nationalen Lebens. Eine solche Zeit entfesselt die Geister, treibt in neue Bohnen und schafft neue Ideen und neue Ideale. Dieser Wirkung konnten sich auch die in stiller Abgeschlossenheit wirkenden Lehrhäuser nicht entziehen. Wurde doch selbst Rabbi Akiba von der Zeitströmung zu Vielem hingerissen, wie sollte die den neuen Idealen stets so leicht zugängliche Jugend denselben widerstehen können! Eine Reminiscenz dlssen, daß selbst im Lehrhause Akiba's zur Zeit nicht eitel Friede und Eintracht herrschte, findet sich noch in der Angabe, daß Tausende von seinen Schülern den Tod gefunden hätten als Strafe dafür, daß sie uneinig und mißgünstig gegen einander gewesen wären. (Jebamot 62b u. a. b.)