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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-03-15 · 11 (15.3.1895) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
11 (15.3.1895)
Date
1895-03-15
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Vtr. 11 L-eyrrretrtzisitze Wortzenfttzrist Seite 199 wird uns gemeldet, daß er dem verpönten Gelehrten eine freundlich theilnehmende Empfindung widmete. - Was hat aber Elija um das frühere, hohe Ansehen ge-! bracht? Wodurch hat er seinen einst so gefeierten Namen mit , einem solchen Makel behaftet, daß er im Kreise der Mischna-? lehrer nicht mehr genannt wurde? In der Mischna selbst findet! sich darunter nichts. La wird sein Name überhaupt nur ein eini ziges Mal in den Sprüchen der Väter e. 4, 35 genannt, und! zwar bei dem von ihm mttgetheilten Spruche: Was man in der Jugend lernt, gleicht einer Schrift, die mit Tinte auf gutes Papier geschrieben ist; was man aber im Alter lernt, gleicht einer Schrift, die mit Tinte auf verwischtes Papier geschrieben ist." Außerdem werden uns noch sechs Sprüche in der Spruchsammlung des Abo der. N. tradirt. An allen diesen Stellen wird der Autor nicht mit Acher, sondern mit seinem Namen Elisa ben Abuja bezeichnet. Sonst wird uns hier weder von ihm, noch über ihn etwas mitaetheilt. Die älteste von uns bereits erwähnte Notiz über seine Wandlung findet sich in der als Geschichtsquelle der Mischna ebenbürtigen Tosefta. Da heißt es in Chagiga II: „Vier sind in das Paradies eingezogen: Ben Azai, Ben Soma, Acher und R. Akiba. Ben Azai schaute und starb, Ben Soma schaute und sein Geist verirrte sich, Acher schaute und vernichtete die Pflanzung, R. Akiba aber zog in Frieden ein und aus". Das ist die einzige Stelle aus der Literatur des tanaitischen Zeitalters, in welcher die Bezeichnung „Acher" vorkommt und über Elisa's Wandlung berichtet wird. Alle sonstigen Nachrichten finden sich im Talmud und in Midraschim, also in Schriften, deren Redaction mehrere Jahrhunderte nach Elisa stattfand. Es schließt dies natürlich nicht aus, daß man auch hier alten und sicheren Nachrichten folgte; aber die Benützung von Quellen aus so später Zeit für Begebenheiten der viel älteren Zeit fordert jedenfalls eine ernste, kritische Prüfung und Sichtung. Darum halten wir uns auch zunächst an die ältere Quelle. Auch in dieser wird Elisa „Acher" genannt. Was bedeutet diese Bezeichnung? Grätz, der auch hier seiner bekannten Neigung zur Gestaltung schroffer Gegensätze folgt, schildert Elisa im Gegensatz zu Akiba und seinen Genossen als einen Ausbund aller Verworfenheit, aller Gemeinheit und alles Lasters. Grätz übersetzt „Acher" mit „Apostat, Abtrünniger". Im Talmud scheint myn aber nicht dieser Meinung gewesen zu sein. In Chagiga 15a heißt es in folgender Weise: „Als Elisa im Himmel war" — zu dieser Himmelsscene hat wohl der nicht mehr bildlich genommene Einzug ins Paradies den Anlaß gegeben — „da sah er den Engel Metatron, dem es zugetheilt wurde, zu sitzen und die Verdienste Israels einzuzeichnen. Da sprach Elisa verwundert: „Gilt doch bei uns die Ueberlieferung. daß es oben kein Sitzen, keinen Streit, keine Gestalt und kein Ermatten gibt. Vielleicht gibt es demnach zwei Gottheiten." Hierauf wurde Metatron hinausgeführt und mit 60 F.'uerjchlägen traktirt. Offenbar, um dadurch dem Elisa die untergeordnete Stelle des Metatron zu demonstriren. Hierauf ging eine Stimme, ein Bath-Kol aus: „Kehret zurück, ihr verirrten Kinder, Acher ausgenommen". Elisa sagte hierauf: „Nachdem ich von jener Welt ausgeschlossen bin, so will ich diese Welt genießen". Er begab sich zu einem verworfenen Weibe; dieses aber rief erstaunt: „Ist das nicht Elisa ben Abuja!" Da er aber in ihrer Gegenwart noch den Sabbat entweihte, so sprach sie: „Nein, das müffe ein Anderer (Acher) sein". Ich habe kaum nöthig nachzuweisen, daß in dieser Erzählung bis auf ein Körnchen historischer Wahrheit Alles Sage oder Allegorie sei. Aber diese Darstellung ist überaus lehrreich für die Geschichte der Entstehung und Wanderung von Sagen. Der Kern dieser Sage findet sich nämlich bereits im jerusalemischen Talmud. Dort ist aber weder von der Himmelsscene und dem Metatron, noch von der Begegnung mit dem verworfenen Weibe die Rede. Dort heißt es so: Elisa sei einst an einem Versöhnnngstage. der auf einem Sabbath fiel, auf einem Pferde reitend am Allerheiligsten (v'LNp 'Vip rra) vorbeigezogen. Da hörte er eine Stimme, ein Bath-Kol: „Kehret zurück, ihr verirrten Kinder, Elisa ben Abuja ausgenommen". Auch hier haben wir alle unhistorischen Merkmale der Sage. Zunächst zeigt sich dies in dem Anachronismus mit Bezug auf das Allerheiligste, das zu jener Zeit längst nicht mehr bestand, sodann auch in der Zeitlest immun g des Versöhnungstages, der aus einen Sabbath fällt, einer oft gebrauchten hyperbolischen Redeweise zur Bezeichnung von moralisch erschwerenden Umständen. Es ist nun von Jntereffe, zu sehen, wie diese Erzählung bei ihrer Wanderung von Palästina nach den Euphratländern und in die Gegend des herrschenden Parsismus die palästinensische Gewandung abstreift, um sich in eine der anderen Localität mehr entsprechenden zu hüllen. Hier denkt man weniger an das Allerheiligste, und deshalb ist auch weder davon, noch von dem Borbeireiten an demselben am doppelt heiligen Tage die Rede. Der in den persischen Ländern herrschenden Vorstellung entspricht mehr die Himmelsscene und die Begegnung mit Metatron, welcher bekanntlich dem parsischen Milhro seine Entstehung verdankt. An die Stelle der Entweihung des doppelten Sabbaths tritt hier der sündhafte Zweifel und die Hinneigung zu dem Bekenntniß der Persischen Zweigottheit. So bleibt in beiden Darstellungen nur das Bath-Kol dasselbe. Und das ist auch der geschichtliche Kern in denselben. Freilich ist dieses Bath-Kol keine Himmelsstimme, wie man sonst meint. Denn darin wird Jeder, der die Sätze über die unbedingt heilsame Kraft der Buße im Talmud kennt, mit mir übereinstimmen, daß der Ruf: „Kehret zurück, Ihr verirrten Kinder, Acher ausgenommen" vom talmudischen Standpunkte nicht der göttlichen Barmherzigkeit entspricht, die den Zurückkehrenden ohne Ausnahme Thür und Arme öffnet. Dieses Bath-Kol', das auch sonst bei Schulstreitigkeiten in Jabne vernommen wurde, ist nur als vox populi vox dei eine Himmelsstimme, sonst bedeutet es das Verdict der Genossen und des Lehrhauses, wodurch Elisa für immer vom Lehrhause ausgeschlossen wurde. Ferner können wir aus der Darstellung im babylonischen Talmud auch das als historisch annehmen, daß man unter „Acher" nicht einen Apostaten und Abtrünnigen, sondern nur einen Anderen zu verstehen hat. Doch nach dieser nothwendigen Abschweifung kehren wir wieder zu unserer älteren Quelle, zur Tosefta zurück. Da wird als die Schuld Elisa's angegeben nach der einen Lesart, daß er die Pflanzungen vernichtet hat n« pap), und nach der anderen Lesart, daß er Einiges von den Pflanzungen vernichtet hat (WM2 pxp). Diese Ausdrucksweise ist nach der richtigen Erklärung Raschis nur eine Fortsetzung des Bildes von dem Garten, dem Paradiese. Der Sinn ist aber jedenfalls, daß Elisa seine eigenen früheren Pflanzungen ganz oder theilweise zerstört habe, indem er durch seine neuen Lehren sich seinen früheren in Widerspruch gesetzt hat. Daraus weist auch der hier auf Elisa angewandte Spruch aus Kohelet 5, 5: „Gestatte Deinem Munde nicht, Deinen Leib in Schuld zu bringen." ('T ’Wö nx banrc). Näheres über die Schuld Elisa's enthält aber die Tosefta nicht. Im Midrasch zum Hohenlieds c. 1,4, findet sich dagegen im Anfchluffe an dieses Citat unserer Tosefta folgende Ergänzung: „Auf welche Weise hat Elisa Einiges von den Pflanzungen zerstört? So oft er in die Synaaogen und Lehrhäuser kam und sah, daß die Kinder günstige Fortschritte in der Lehre machten, so sprach er zu ihnen Worte, die sie verwirrten." Das wird nun im jerusalemischen Talmud Chagiga II, 1, noch dahin ergänzt, daß Elisa die studirende Jugend dem Studium der Thora entriß, indem er ihnen die Wahl eines praktischen Berufes anrieth. Er ging nämlich in die Lehrhäuser und sagte zu dem Einen: „Du werde lieber Baumeister", zu dem Zweiien: „Du werde lieber Schneider" und zu dem Dritten: „Du werde Hansirer" u. s. w. Eine andere vereinzelte Nachricht, die vielleicht in dem mißverstandenen Ausdrucke der Pslanzenv ern i ch tu ng ihre Stütze hatte, stempelt Elisa zum Mörder. Er habe Diejenigen, die sich mit der Thora erfolgreich beschäftigten, getödtet. Nach derselben Quelle wird er auch als ein gefährlicher und nichtswürdiger Denunciant gebrandmarkt. Elisa habe in der Zeit religiöser Verfolgung die Aufpaffer aus die besonderen Auskunftsmittel, aufmerksam gemacht, zu denen die armen Verfolgten, welche zum Lasttragen am Sabbath gezwungen wurden, als Halachakundige in ihrer Gewiffenspein gegriffen haben, um sich bei der erzwungenen Sabbathentweihung die schwere Sünde zu erleichtern. Mit diesem Bilde eines Mörders, eines elenden Denuncianten und eines fanatischen Verfolgers seiner Glaubensgenossen steht aber in einem unlösbaren Widerspruch die sich oft wiederholende und in ihrem Kerne unzweifelhaft authentische Nachricht über den innigen Verkehr Elisa's mit seinem edlen Schüler

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