Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 11 (15.3.1895)
- Date
- 1895-03-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 196 Vesterretrtzlfltzr Wmtzrnschrtfl Nr. 11 Unterzeichner dieses ersten Berichtes, der apostolische Protonoiar und Pfarrer in Groß-Grillowitz, Se. Hochwürden Max Ritter Mayer von Ahrdorf, möge dies auf seine Richtigkeit prüfen. Den jüdischen Spendern aber rnfe ich die eigenen Worte dieses hochwürdigen Herrn zu, mit welchen er seinen Bericht schließt: „Die Liebe ist geduldig, sie ist gütig; sie sucht nicht das Ihrige; sie duldet Alles, sie trägt- Alles!" Karlsbad . . . Gütig. „Die barmherzigen Brüder." Wien. Im Gebäude der Barmherzigen Brüder Taborstraße war ein Geschäft mit Lebensmitteln von einer Frau Danzer, die eine Christin ist, betrieben. Infolge Anordnung des Arztes mußte die Frau das Geschäft verkaufen, da ihre Lunge angegriffen war. Zum Kaufe waren wiederholt jüdische Geschäftsleute geneigt, und hätten den vereinbarten Preis von fl. 1800 erlegt. Der Kauf scheiterte jedoch jedesmal an dem Umstande, daß das besagte Gewölbe von der Verwaltung keinem Juden vermiethet wird, und die Christin Frau Danzer mußte, um sich und ihre 7 Kinder zu erhalten, das Geschäft für fl. 800 hergeben. Wenn ein anderer Klosterorden eine derartige Intoleranz üben würde, wäre es nicht so verwerflich wie gerade von den Barmherzigen Brüdern, die viele Tausende jüdisches Geld nehmen. Pistolenduell. Aus Berlin wird gemeldet: Wegen einer antisemitischen Beschimpfung forderte Oanä. jur. Rubinstein seinen Beleidiger 8tuä. xbii. Lehmann auf Pistolen. Das Duell hatte für den Beleidigten den Tod zur Folge. Rubinstein erlag am Mittwoch den schweren Verletzungen, die ihm sein Gegner zugefügt hatte. Ueber das Pistoleuduell berichtet das „Kl. Journal" noch, daß die beiden Duellanten 6anä. jnr. R u b i n st e i n und der Ltaä. Ml. Lehmann waren. Rubinstein ist bereits am Mittwoch seiner schweren Verletzung erlegen. In dem im Gebäude des CentralhStels gelegenen Central-Bazar entwickelte sich die Vorgeschichte des Duells. Dort befand sich am Abend des letzten Wintergarten-Balles Oauä. jvr. Ru bin st ein in Gesellschaft des Stiefsohnes von Josef Kainz, des Studiosus Hutzl er. Es entspann sich zwischen Lehmann und Rubinstein ein Wortwechsel, welcher einen antisemitischen Charakter hatte. Die Erbitterung der Gemüther steigerte sich sosehr, daß Leb mann dem Rubinstein ein paar Ohrfeigen gab. Darauf ließ Rubinstein seinen Gegner durch Herrn Hutzler fordern. Der Geohrfeigte hat den ihm angethanen Schimpf noch mit dem Leben büßen müffen. Und der Mensch, der diesen durch die Ehrbegriffe einer verfaulenden Kaste privilegirten Mord begangen, flanirt einige Zeit auf der Festung herum. Dann wirkt er als Ehrenmann und gesellschaftsrettende Stütze weiter, und kämpft für Ordnung. Religion und Sitte gegen die Mächte des Umsturzes, welche confequent den Duellmord wie jeden anderen mit Zuchthaus bestraft wissen wollen. Eine saubere Gesellschaft, diese Staatsstützen! Antisemitismus in der deutschen Armee. Der in Halberstadt erscheinende „General-Anzeiger" berichtet: Eine eigenartige Methode, den jungen Leuten gleich beider Aushebung die Liebe zum Soldatenstande beizubringen, wandte Ende der vorigen Woche hier Herr Stabsarzt Dr. R. aus Magdeburg, der die Untersuchung der Stellungspflichtigen leitete, ün. Dieser Herr brachte nämlich bei dieser Gelegenheit seine antisemitischen Neigungen in einer Weise zur Schau, die allgemeine Entrüstung nicht allein bei unserer jüdischen Bevölkerung bervorries. Als nämlich einer der jungen Leute sich zur mosaischen Religion bekannte, rief ihm der Herr Stabsarzt zu: „Also ein I u d e? p fu i, wie kann man wohl ein Jude sein!" Zu einem anderen sagte der antisemitische Herr: „Ihnen wird man die Juden st iefel schon auszieh en." Wieder einem anderen rief er zu: „Ein Jüd, ein Jüd. istDeiuBateraucheinJüd?" Und als ein junger Mann sagte, er sei kurzsichtig, heiße es: „Aber hebräisch können Sie doch lesen?" Einem anderen wurde klar gemacht^ daß ein Jude auch tief Athem holen müsse und wieder einer wurde mit den Worten empfangen: „Den brauchen wir nicht erst zu messen, beschnitten ist derKerlaber auch." Diese Vorgänge spielten sich in Gegenwart der Herren Oberbürgermeister Bödcher und Oberstlieutenant Schröder ab, und ist, wie wir hören, von dem Vorstände der hiesigen jüdischen Gemeinde bereits in dieser Sache eine Beschwerde an das Kriegsministerium unterwegs. Ein verurtheilter antisemitischer Reichstagsabgeordneter. H ann ov er, 9. März 1895. Das Schwurgericht hat den ehemaligen antisemitischen Reichstags abgeordnet en Leuß wegen Verleitung zum Meineid zu einer Zusatz strafe von vier Monaten Zuchthaus und Frau S ch m i d wegen Meineids zu neun Monaten Gefängniß verurtheilt. Juden und Katholiken in Amerika. Die reichen Juden in Amerika haben fast durchwegs der republikanischen Partei angehört. Auf die an sie ergangene Einladung hin, sich den antikatholischen Vereinen anzuschließen, sind sie sammt und sonders aus der republikanischen Partei ausgetreten; sie haben jene Einladung, jenen Appell an den Haß der Andersgläubigen durch den Beitritt zur demokratischen Partei beantwortet. Es ist leicht möglich, daß bei der nächsten Präsidentenwahl der von den Apaisten aufgestellte Candidat nicht die Mehrheit der Stimmen erhalte. In diesem Falle würde denn der Sieg der katholikenfreundlichen Partei zum großen Theile den Juden zu verdanken sein, denselben Semiten, die in Oesterreich von dem niederen Hetzclerus so rücksichtslos angefeindet werden. Heute nimmt der Episcopat gegen diese subversiven Elemente, die sich seiner Autorität nicht mehr fügen wollen, Stellung. Man erwägt in der Oeffentlichkeit die Hoffnungen, welche sich an die Mission des Cardinals Schönborn knüpfen dürften. In solchen Tagen ist es nicht unangemessen, zu erwähnen, daß derNew-Iorker Bankier Jesse Seligmann — ach! ein Name, der nicht für die Ohren eines Scheicher bestimmt ist — von seiner Heiligkeit, dem Papste, in einer Privataudienz empfangen wurde. Bei dieser Gelegenheit bekundete der Heilige Vater, daß ihm die katholikenfeindliche Strömung in Nordamerika wohl bekannt ist. und rühmend hob er die conciliante Gesinnung der Juden gegen Andersgläubige hervor. Er erklärte auch ausdrücklich, daß er die Gehässigkeit gegen die Juden auf das Lebhafteste bedauere und daß kein gläubiger Katholik den jüdischen Stamm, aus dem doch der erhabene Stifter der christlichen Religion hervorgegangen sei, verfolgen könne. Dieser Ausspruch läßt annehmen, daß der Papst die Thätigkeit der Christlich-Socialen nach Gebühr zu würdigen wissen werde. Robert Franz und Heinrich Heine. Bon dem am 24. October 1892 verstorbenen Lieder-Componisten liegt uns ein kürzlich erschienenes Buch vor: „R o b er t F r a n z; Gespräche aus z eh n Jah ren. Ve röffentl ich t v o n Dr. Wilhelm Waldmann (L e ipzig 1894, Bre i tkopf und Härtel)", das sehr wohl geeignet ist, den Meister als Künstler und Menschen dem Musikliebenden näher zu bringen, aber auch jedem Gebildeten zu zeigen, wie ein groß angelegter, bedeutender Mann mit seinen Augen die Welt ansieht, in seiner Art die Kunst erfaßt und gestaltet. Robert Franz verehrte unter den Dichtern am meisten Heinrich Heine. Und das ist einleuchtend, da dieser große Lyriker dem Tondichter am meisten zu sagen übrig läßt, immer eine Stimmung mehr anregt als ausführt, wodurch seine Lieder, wie Franz sagt, sich geradezu danach sehnen, in Musik gesetzt zu werden. „Seit Shakespeare hatte Niemand einen höheren Schwung der Phantasie als Heine, doch ich will meine Ueberzeugung Niemand aufdrängen." Er findet, daß Heine nichts weniger als ein Baterlandsverräther gewesen, „im Gegentheil, er wollte die Gegensätze zwischen Franzosen und Deutschen ausgleichen, das Beste von Beiden dem Anderen näher bringen, das ist jedenfalls größer, als die Völker auf einander loszuhetzen." Auch seine Prosa stellt er sehr hoch: „Sie schwebt über dem Boden und funkelt von lauter Diamanten; — wenn ich mich mal recht erfreuen will, nehme ich einen Band vor. Wie herrlich hat er über Kunst sich geäußert!" „-jetzt versetzt er uns nach Indien, der ganze Zauber einer indischen Nacht ruht über seinen Worten („Lotosblume"); jetzt führt er uns nach Spanien („In dem Dome zu Cordova"), sein Lebtag ist er nicht in Indien und nicht in Spanien gewesen. So muß auch die Musik zu dem Text sich verhalten, der Text muß in der Musik aufgehen." „Waldau (Pseudonym des Dichters Spiller von Hauenfchild) schrieb mir einmal, er halte Heine für den intenstvsten Dichter nach Shakespeare. Denn bei ihm ist Alles Poesie wohin man auch blickt, überall leuchtet's und funkelt's." Bon Franz' Musik kann man dasselbe sagen, da leuchtet's und funkelt's auch, Alles ist aus Poesie und Duft gewebt; darum mußten sich die beiden Poeten finden, deren Schaffen