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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-03-15 · 11 (15.3.1895) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
11 (15.3.1895)
Date
1895-03-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 11 Veklerretchtllhe Wochenschrift Seite 193 In einem blendend ^geschriebenen Essay gelingt ihm der Versuch, bis zu den verborgensten Quellen, aus denen dieses eigenthümlichen Dichters Schöpferkraft gespeist wird, vorzndringen. Eine intime Kenntniß der Werke ist bei solchen: Unternehmen wohl stillschweigend vorauszusetzen. M ü l l n e r hat sich mit der Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit des deutschen Gelehrten in den Jdeenkreis des zu Schildernden eingesponnen und eingelebt. Selten ward einem Modernen die Ehre zu Theil, so genau gelesen und so gründlich verstanden zu werden. Gewöhnlich wird diese philologische Art des Eindringens blos für alte Griechen und Lateiner aufgespart. Dabei kam nicht die analytische Methode zur Anwendung, welche den: Kunstwerk sich feindlich gegenüberstellt, es als Leichnmn behandelt und darauf los secirt. Für den Botaniker, der den Blumenkelch zerpflückt, um die Staubfäden zu zählen, Hort die Rose auf, schön zu sein. M ü l l n e r wandelt nicht diese. Pfade. Er ist kein Zerstörer, sondern ein Ausbauer. Er zerlegt das Kunstwerk nicht in seine Bestandtheile, um uns das poetische Räderwerk und den ästhetischen Riech au ismuS zu weisen. Er läßt uns die Freude am holden Schein, er dreht das Gemälde nicht um, damit wir ersehen mögen, ob die Leinwand, auf die der Meister es geworfen, fein oder grobfaserig gewesen. Dieser ebenso scharfsinnige als tief mitempfindende Kritiker beschreitet den steilen Pfad der Synthesis. Er faßt nicht nur das einzelne Werk als organisches Ganze, sondern alle Werke als die Werke eines und desselben Geistes. Erlegt die geheimnißvollen Fäden bloß, welche sich von dem einen zu dem andern hinüberspinnen. Den großen Zusammenhang sucht und findet er,und beschreibt, um es in einem Worte zu sagen, nicht die Werke, sondern das Werk, — das Tagewerk des großen Künstlers im weitesten Sinne. Ni ü l l n e r bekundet hiebei ein außerordentlich entwickeltes und geschärftes Feingefühl für formale und rein technische Fragen in der Dichtkunst. Dieser, wie fast jeder Kunst, liegt ein Stück ehrsamen Handwerks zu Grunde, ein Erlernbares; wer das nicht beherrscht, der kommt auch darüber nicht hinaus. Die freie Regsamkeit des Geistes ist an das Physische eng geknüpft. Daß M ü l l n e r auch in all' diesen Dingen mit erstaunlicher Sicherheit Rath weiß und das nöthige Gewicht darauf legt, ist nur ein Beweis mehr dafür, daß er zum Wegweiser in Fragen des Geschmackes berufen erscheint. Wir können es uns nicht versagen, einige der bezeichnendsten Stellen im Wortlaute anzuführen, obwohl uns die Auswahl schwer wird und die Versuchung nahe liegt, den ganzen Aufsatz auszuschreiben: „Der Blick des Dichters ruht so voll und klar auf Menschen und Dingen und wird von einem bewunderungswürdigen psychologischen Tiefblicke und mächtiger Gestaltungskraft unterstützt. — Die deutsche Literatur der Gegenwart hat nur wenig hervorgebracht, was diesen zwei Novellen an Unmittelbarkeit und Macht der poetischen Intuition und Diclion auch nur an die Seite gestellt werden könnte. Die lebensvolle Charakteristik und der sprudelnde Humor im „Don Juan von Kolonien" und die Schilderung der galizischen Winterlandschaft im „Kapitulant" und der Mondnacht in der gleichnamigen Novelle sind geradezu unvergleichlich. Die größten Meister der Darstellung haben von jeher mit den unscheinbarsten Mitteln die nachhaltigsten Wirkungen zu erzielen verstanden. .S acher-Masoch übertvifft Stifter durch elementare Sprachgewalt, Plastik des Ausdruckes und echt epische Verschmelzung von Natur und Genußstimmung .. . Obgleich erst zur Halste vollendet, wird Sacher - Masoch 's „Vermächtnis Kains", selbst wenn es Torso bleiben sollte, zu den hervorragendsten dichterische". Schöpfungen der Gegenwart gezählt werden müssen.... Was seinen Novellen ihre eigentliche Bedeutung und ihren dauernde n, weil Kunstwerth verleiht, ist der frische Sprungguell echter Poesie, der sie durchfluthet. Alle seine Gestalten sind von dem wärmsten Lebensblute durchpulst, als wirklicher Dichter spricht er nie in Begriffen, sondern stets in Bildern, — nirgends die öden Gedankensteppen, welche bei den Modernen meist den völligen Mangel poetischer Intuition verdecken müssen." * q- Mcm hat einmal irgendwo die Inden das dankbarste Volk dieser Erde genannt. Sacher- M a s o ch hat für die bewunderungswürdige Bertheidigung, die er ihnen angedeihen ließ, nie einen anderen Dank geerntet, als den Hohn der Gegner. So wie die Antisemiten den edlen Rektor Ai ü l l n e r mit ihrem Geifer besudelten, genau so erging es auch ihm. Jüdisches Familienleben! Seinen innigen Reiz und Zauber hat keine andere Feder mit tieferer Empfindung und seelenvollerer Wahrheit beschrieben, wie die des Christen Sacher- M a s o ch! Eine Galerie jüdischer Männer und Frauen hat er in seinen Werken erstehen lassen: er hat ihnen keine Tugenden angeschminkt, welche sie nicht besaßen, sondern sie getreu nach dem Leben gezeichnet. Seine jüdischen Frauengestalten sind von keuschen: Liebreiz umflossen. Das sind keine Marionetten, keine Weib gewordenen abstracten Begriffe — nein, warmes Leben strömt durch ihre Adern, sie denken, fühlen und handeln von innen heraus, gleich lebenden Wesen, denn ein Dichter hat sie geschaffen. Und wo der Realist schlechte, schwache oder kleindenkende Juden zu zeichnen sich genöthigt sah, vergaß er nie hinzuzufügen, warum sie so geworden und daß sie nicht durch sich, sondern durch die von Außen her ai: sie herangetretenen Umstände also werden mußten. Sacher-Masoch hat nicht nur keine Reichthümer gesannnelt, sondern seine Gattin mit drei Kindern, von denen das jüngste erst sechs Jahre zählt, in den allerbedrüngtesten Vermögensumständen zurückgelassen. Ei:: kleines Capitälchen wird in Kürze aufgezehrt sein und dann steht die grinsende Fratze Hunger vor der Thür.' Wäre er kein deutscher Schriftsteller gewesen und hätte er nicht für die Inden gekämpft, er hätte sich bei seiner Rastlosigkeit, bei seinem Talent und seiner Erfindungsstärke Hunderttausende erschrieben. Und die Inden sind das dankbar st e Volk der Erde! All die anderen Völker müssen doch recht sehr undankbar sein. Die zum 60. Geburtstage des Dichters am 27. Jänner in Aussicht genommene Ehrengabe verlief kläglich im Sande. Diese letzte gescheiterte Hoffnung war die eigentliche Ursache, daß der' Geist des ohnehin schwer siechen Mannes sich vollständig umnachtete. Die Äerzte gaben keine Hoffnung mehr auf Wiedergenesung — und nun hat sich ihre trostlose Voraussage, rascher als sie selbst glaubten, erfüllt.Es liegt eine grauenvolle Ironie darin, daß er an Herz und an Hirn erkrankt war. Sein Herzblut hat er für die Bedrängten hingeopfert und sein reicher Geist hat in schier unerschöpflicher Fruchtbarkeit seine Schätze verschwendet. An sich und die Seinen zu denken, hat er im Drange des sich selbst auferlegten Berufes — verg e s s e n. Die „Qesterreichische Wochenschrift" hat die letzte Novelle, an welcher der Dichter noch in gesunden Tagen mit ungeschwächter Geistesfrische gearbeitet, erworben und wird mit dem Abdrucke derselben in der nächsten 'Rümmer schon beginnen. „Mein Freund Wodakowski" ist eine spannende Erzählung, welche reiche poetische Schönheiten answeist. Wir werden wieder in ein echt jüdisches, von patriarchalischem Geiste erfüllles Hauswesen eingeführt und eine jüdische Frau, in der Liebe so stark wie in der Entsagung, ist die Heldin. Die jüdischen Frauen und Männer werden an Sacher- Ai a s o ch's Familie denken, denn es ist unsere tiefste lieberzeugung, daß das jüdische Volk doch noch immer das dankbarste wäre — auch wenn die anderen Völker, namentlich das deutsche, für ihre führenden Geister ein besseres Gedüchtniß hätten, eines, das nicht erst der Inschrift aus den: Grabstein als mnemotechnischen Hilfsmittels bedürfte. — Wir vermeinen unseren Nachruf nicht schöner beschließen zu können, als mit den herrlichen Worten Laurenz M ü l l n e r's: „Wer immer aber einen Sinn sür die eigentliche Natur der Poesie als elementare und plastisch anschauliche Aussprache des innerlichst Charakteristischen der Dinge und Menschen hat, der wird trotz

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