Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 11 (15.3.1895)
- Date
- 1895-03-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 11 Vrstrrrelchlschr vortzrnptzrM Seite 1-1 tischt. „Die Juden", sagt Herr D e ck e r t weiter, „haben es verstanden, unserem Staate das Wesen ihres Geistes aufzudrücken, sie sind zu einer bedrohlichen Macht geworden." Wer zweifelt daran? Wer weiß es nicht, daß alle Officiersstellen in der Armee, alle Beamtenstellen in der politischen Verwaltung, bei Gericht, bei den Eisenbahnen, alle Lehrstellen rc. rc. ausschließlich von Juden besetzt sind und daß bei Concurs-Ausschreibungen der Nachweis * des jüdischen Bekenntnisses gefordert wird? Wer weiß es nicht, daß die Regierung alle jüdischen Hausirer, alle jüdischen Gewerbetreibenden und Kaufleute auffallend protegirt? Der Complice Paulus M e y e r's identificirt Liberalismus und Judenthum, er sagt: „Wenn wir im Kampfe gegen den ausbeuterischen Judenliberalismus die Spitze gegen die Juden richten, so gehen wir nicht irre, sie selbst haben sich zu wiederholten Malen als die Repräsentanten des Judenliberalismus hingestellt!" Der Erfinder der Luftvilla, dessen Bruder so interessante Lebensschicksale erfahren und dessen Geschäftsfreunde von ihm mancherlei zu erzählen wissen, ist ein Ehrenmann. Herr Pfarrer D e ck e r t weiß, wen er vor sich hat. L a s s a l l e und Marx waren Juden, der Begründer der österreichischen Demokratie, Adolf Fischhof, war Jude, der Führer der österreichischen Socialdemokratie, Dr. Victor Adler, ist Jude —trotzdem schwört der Währinger Mob darauf, daß alle Juden Repräsentanten des ,Judenliberalismus" sind. Pfarrer D e ck er t schloß seine Ausführungen mit der Erklärung, daß sich „die Juden vollständig von uns Ariern unterscheiden. Sie haben Eigenschaften, die durch die Taufe gar nicht weggewaschen werden können, Eigenschaften, die uns Ariern ganz und gar unsympathisch sind." Und das sagt der Compagnon eines Paulus Meyer! Das sagt der Client des Dr. L ö w, der Freund des Präsidenten Dr. Schwarz! Er hat übrigens Recht. Solche Schurken, wie das Arierthum, kann das Judenthum gar nicht Hervorbringen, und die Glaubenstreue, der Familiensinn, die Rechtschaffenheit, die Nüchternheit und geistige Strebsamkeit und Regsamkeit der Juden werden den Stammesgenossen des Pfarrers Deckert immer unsympathisch sein und können durch die Taufe nicht weggewaschen werden! Herr Deckert beendigte seine Rede mit dem Zuruf: „Haß Und Antipathie ist nicht viel von eineinander entfernt. Nun also!" Der Regierungsvertreter schwieg auch zu diesem „Nun also!" Cardinal Schönborn aber weilt in Rom, um die Hilfe des Papstes gegen die bösen Antisemiten anzurufen. Ernst Vergani in antisemitischer Beleuchtung. Die „Ostdeutsche Rundschau" vom 12. März 1895 bringt eine eingehende Charakteristik der Thätigkeit Ernst Bergan i's, des Herausgebers des „Deutschen Volksblatt", in seiner Eigenschaft als Bürgermeister und Ehrenbürger der Gemeinde Mühldorf in den Jahren 1882—1890. Die angeführten Daten kamen bei einer genauen Prüfung der Kassenausweise und Vermögensbestände der Gemeinde Mühldorf in den letzten Monaten zu Tage und zeigen, daß die Herren Schönerer und K. H. W o l f die Wirksamkeit V e rg a n i's durch die Aufdeckung seiner „literarischen" Diebstähle nicht im vollen Maße wiedergeben. Wir lassen nachstehend mit der „Ostdeutschen Rundschau" die Thatsachen sprechen: Vergani ist der armen Gemeinde Mühldorf aus früheren Jahren heute noch 215 Gulden Gemeindeumlagen schuldig. Nach ehrlichen Begriffen sollte ein Ehrenbürger ehrenhalber seiner Gemeinde, besonders einer bedürftigen Gemeinde, die Steuer doch pünktlich bezahlen. In der Redatcionsstube V e r g a n i's scheinen aber andere Begriffe zu herrschen. Im Jahre 1883 war der Mühldorfer Inwohner Josef Möhr zu Vergani gekommen und hatte diesem vier Stück 100 fl.-Rente mit Februar-August- Coupons mit der Bedingniß eingehändigt, daß ihm hiefür die Gemeinde Wohnung, Pflege im Krankheitsfalle nnd 2 st. monatlich verspreche. Zwei Jahre darauf, im Jänner 1885, erlegte Josef Möhr seine restlichen drei Stück 100 fl.-Rente mit Februar-August- Coupons zu Händen des Gemeindevorstehers Vergani mit der Bedingniß, daß ihm nunmehr 4 fl. monatlich baar versprochen werden. Der Bürgermeister Vergani hatte also von Möhr im Ganzen 7 Stück Rente ä 100 st. durchwegs mit Fe - b r u a r - A u g u ft - C o u p o n s und nnt dem vitalitium behaftet, übergeben erhalten. Vergani ließ diese Ob- ■ lig ationen nicht vinculiren. Schon im Jahre 1883 ist eine von diesen Renten um 72 fl. 92 kr. v e rk au f t worden. Der Erlös hiefür ist eingestellt und soll daher nicht weiter davon gesprochen werden. Es blieben daher noch sechs Renten übrig, oder vielmehr — f oüten übrig b leiben! Doch davon später! Zunächst sei die merkwürdige Thatsache festgestellt, daß sich unter Vergani's zaubergewaltiger Bürgermeisterei die Obliga tio nen v om I a hr e 1885 bis zum Jahre 1888 aus F eb r uar- A ug ust - in M ai- November-Renten v e r w a n d e l t haben. Daraus folgt, daß dieses mit dem vitalitium behaftete Armenvermögen versilbert und bei gegebener Gelegenheit wieder ersetzt worden i st. Geradeso, wie die von Vergani in Spitz verpfändeten Loospapiere des Mühldorfer Loosvereines, sind auch die Obligationen des Pfründners Josef Möhr ausschließlich in Vergani's Verwahrung gewesen. Es ist gesagt worden, daß unter Vergani's Bürgermeisterschaft die noch vorhandenen sechs Obligationen des Josef Möhr „verwandelt" worden sind. Bei dieser „Verwandlung" ist eine Obligation spurlos verschwurt d e n. Im Gemeinde-Jnventarium pro 1888 (eigenhändig geschrieben und unterschrieben von „ErnstVergani, Bürgermeister") kommen nämlich auf einmal nur mehr fünf Obligationen des Josef Möhr vor, es ist kein Verkauf eines solchen Papieres ausgewiesen, kein Verkaufserlös in Empfang gestellt. Das Fehlen dieser Obligation wurde erst jetzt unter der neuen Gemeindevertretung entdeckt. Am 9. December 1894 konnte Gemeindeausschuß Pfarrer Rupertsberger in seinem Referate dem Landesausschuffe mit voller Bestimmtheit berichten, daß sowohl in der G emeinde cas s e, als auchimArmenfonde Geld A fehlen, deren Abgang bis in die Zeit der Bürgermeisterschaft Vergani's zurückreiche. Vergani erfuhr von dieser Mittheilung und klagte den Pfarrer Rupertsberger beim Bezirksgerichte Spitz auf Ehrenbeleidigung. Zur Verhandlung erschien Vergani mit seinem Zeugen, dem Uhrmacher Mang, der . eidlich aussagte, er habe gesehen, daß Möhr dem Vergani nur sechs Obligationen einhändigte. Infolge dieser Aussage gab der Geklagte eine Erklärung ab, in welcher er jede beleidigende Absicht gegen Vergani in Abrede stellte, die Thatsache aber, daß in der Gemeinde M'ühldorf ein Abgang bestehe, nicht widerrief. Hatte Vergani in Gesellschaft seiner Anhänger W u r z e r und I e d e k schon vor der Verhandlung nnt dem so „werthvollen" Zeugen Johann Mang angelegentlichst verkehrt, so wurde nun nach dem „glücklichen" Ausgange von Vergani und Anhang ein Siegesfest gefeiert, u. zw. zuerst in Spitz beim I e d e k, dann beim W u r z e r und endlich auch noch vor den Fenstern des Mühldorfer Pfarrers. Es gab da viel Wein und viele Toaste; der Zeuge des Herrn Vergani, Johann Mang, erhob das Glas und