Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 11 (15.3.1895)
- Date
- 1895-03-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 190 Vrklrrretchtlchr WochrnptzrM Nr. 11 Ausnahmen geben, aber wer die Zustände vor zwanzig Jahren mit den gegenwärtigen in dieser Beziehung vergleicht, der wird den Unterschied frappant finden, obgleich die jüdischen Lieferanten in Krieg und Frieden chre Schuldigkeit thaten, und wird keinen Zweifel hegen, daß hier kein Zufall, sondern eine ^Vorschrift waltet, wobei es allerdings möglich ist, daß die Vorschrift nicht ausgeschrieben ist. Die Regierung ist nur genirt durch die Rücksicht auf den öffentlichen Anstand, auf die große Stellung Deutschlands im Weltgetriebe, aber die Stärke der Antisemiten beruht aus diesem füllen Einvernehmen mit den maßgebenden Kreisen. Die letzte Debatte war sachlich von Seiten der Antisemiten durchweg unbedeutend, aber es zeigte sich, daß diejenigen, welche den feinen Ton der guten Gesellschaft in Pacht zu haben beanspruchen, zuwellen Manieren haben, welche an die Vorliebe der Herren für dm Stall erinnern. Recht pfiffig war das Vorschieben A h lw ar dt's. Ahlwardt ist jetzt selbst bei den Anüsemiten im Parlament unmöglich geworden, nicht etwa, daß den konservativen Edelleuten, die einst im Tivoli sich für chn begeistert haben, ein neues Licht über chn aufgegangen wäre; o nein, sie wußtenschon damals, was er für ein Gentleman war; aber diese hochgeborenen Judenfeinde fanden es so nett, daß Jemand chre Geschäfte besorgte, chrem Hasse ftöhnte, ohne daß sie sich zu compromittiren brauchten. Inzwischen haben doch mancherlei Ereignisse diese Edelsten gezwungen, Ahlwardt vorder Welt zu verleugnen. Und dieser Mann, der am allermeisten Anlaß gegeben hat, über das Sinken des Tones der parlamentarischer Debatte im deutschen Reichstage Klage zu führen, der die sonderbarste Species eines Volksvertreters in ganz Europa darstellt, wird absichtlich vom Präsidenten, dem streng conservativen Herrn v. Levetzow, hervorgesucht, um eine ebenso alberne, als alles sittliche Gefühl empörende Rede gegen die Juden vom Stapel zu lassen. Ja der Präsident, der sonst die geringste injuriöse Bemerkung ahndet, läßt die rohesten Jnvectiven gegen die Juden ohneweiters passiren, und die plumpe und feigeBosheit der Conservativen, die, ohne sich selbst hervorzuwagen, doch die Juden mit dem widerlichsten Schmutz bewerfen lassen wollten, wäre gelungen, wenn nicht Eugen Richter, unbekümmert um die Zwirnsfäden formalen Geschäftsordnungsrechtes, den Präsidenten auf seine Pflichtwidrigkeit hingewiesen hätte. Was nützt es Herrn v. Levetzow, daß er sich brüsk und schneidig auf sein formales Recht berief, was nützte es den Conservativen, daß sie johlten und tobten? „Ich nehme das sittliche Recht zu diesem Urthell in Anspruch vor der gesammten Nation", so schloß Richter die Debatte, und das stolze Pathos wirkte umso stärker Mch im Lande nach, als es sonst nicht die Gewohnhell R i ch t e r 's ist, pathetisch zu sprechen. In der darausfolgenden Sitzung erklärte denn Herr v. Levetzow, daß er Ahlwardt nachträglich zur Ordnung rufe, aber er thue es Ms eigener Erwägung, beileibe nicht, well Herr Richter es verlMgt habe. Wer es glaubt, bezcchlt einen Dhaler. Der MMN macht einen kläglichen Eindruck. MM sicht auch hier wieder den Unterschied zwischen Schneid und Muth. Herr v. Levetzow, der an den ekelhaften Reden A h l w ar d t 's ein Wohlgefallen fand, das für seine BlldMg und seinen Charakter bezeichnend ist, hat durch Ahlwardt eine Niederlage erlitten, die er nicht überwinden wird. B. R. „Nun also!" Ist es wahr, daß der Mission desCardinals. Schönborn nach Rom nicht blos ein Antrieb von Seite des Episcopats, sondern Mch ein solcher von Sette der österreichischen Regierung zu Grunde liegt? Das Gerücht behauptet es, aber die Thatsachen widerstreiten täglich dieser Behauptung. Da liegt, vor uns eine neuerliche Hetzrede, welche der Weinhauser Pfarrer Dr. Josef Deckert, der Complice Paulus M e y e r's, nicht etwa in der Kttche, wohin ja bei uns der Arm der weltlichen Behörden nicht reicht, sondern in einer Wirthshaus-Versammlung gehalten hat, ohne daß der landesfürstliche Commissär auch nur gegen ein Wort in diesem aufreizenden Vortrage Einsprache erhoben hätte. Es wäre lächerlich, anzunehmen, daß das Ministerium Windischgrätz durch den Mund des Cardinals Schönborn die Hilfe des Papstes gegen die christlich-sociale Agitation anriefe, während es gleichzeitig auf die gesetzlichen Machtmittel gegen solche Brandreden, wie jene des Pfarrers Deckert, verzichtet. Der hochwürdige Genosse Paulus Meye r's sprach zunächst von der Ausbeutung und Auswucherung der Arbeit, die er zumeist dem Liberalismus in die Schuhe schob. „Der Liberalismus", sagte er, „hat die alte christlich-germanische Gesellschaft und Staatsform umgestürzt und nichts Besseres dafür geschaffen — die Gesellschaft wurde atomisirt". Die Geschichtskenntnisse der Währinger Antisemiten sind ziemlich dürftiger Natur und Herr Pfarrer Deckert weiß, daß er daraufhin sündigen kann. Was meint der hochwürdige Herr unter der alten, christlich-germanischen Gesellschaft und Staatsform? Der Begriff des Liberalismus besteht erst seit der französischen Revolution. Was vor dieser Zeit war, muß als das Ideal des Pfarrers Deckert gelten. Schwärmt er für die Zeit des Faustrechtes, in welcher der adelige Buschklepper den Städter überfiel und seiner Habe beraubte? Schwärmt er für die Zeit der Kreuzfahrer und Flagellanten? Schwärmt er für die Zeit des dreißigjährigen Krieges, in welcher die Lanzknechte in deutschen Landen wie wilde Besüen hausten? Schwärmt er für die Zeit der Güter- Confiscationen und Säcularisirungen nach dem westphälischen Frieden? Die Gesellschafts- und Staatsform jener Epochen würden wtt den Herren Antisemiten gerne gönnen—sie würden sehr bald zur Erkenntniß kommen, welche „Knechtschaft" das Volk härter bedrückte, jene des Liberalismus oder jene der damaligen „Gesellschaft". Herr Pfarrer Deckert sagt weiter, „der Liberalismus hat den ausbeuterischen Capitalismus gebracht". Abgesehen davon, daß Herr Pfarrer D eckert wiederholt in sehr industriöser Weisebemüht war, sich diesen „ausbeuterischen Capitalismus" dienstbar zu machen — wir erinnern an seine Luftvilla und an seine Waggonkuppelungen — müssen wir doch bitten, den Begriff des Capitalismus näher zu präcisiren. Es gibt ein mobiles und immobiles Capital. Welches meint Se. Hochwürden? Da wir ihn als einen speculativen Freund des ersteren kennen gelernt haben, meint er zweifellos das immobile Capital, das sich in Formungeheurer Latifundien in den Händen der Schwarzenberg, Liechtenstein, Lobkowitz rc. und im Besitze der Kirchen und Klöster angehäuft hat. Es ist daher offenbar nur ein 1ap8U8 linguae, wenn er hinzufügte, daß sich das Capital „zum großen Theile in den Händen der Großjuden angesammelt" hat. Wie Herr Deckert diese Behauptung begründet, ist charakteristisch für die Wahrheitsliebe dieses Musterpriesters. Der Jude Reitzes, sagt er, besitzt „angeblich" 200 Millionen Gulden. Erstens ist R eitz es kein Jude, sondern ein Glaubensgenosse des Pfarrers Deckert, und zweitens sind die „angeblichen" 200 Millionen eine — Angeberei. Königswarte r, sagt Herr Deckert weiter, starb mit einem Vermögen von 100 Millionen. Er hat keine 25 hinterlassen, wie alle Welt weiß. Das Vermögen des deutschen Volkes beziffert Herr Deckert auf 450 Milliarden Mark und davon rechnet er 270 Milliarden, also 60°/o, auf die Juden. „Ueber die Verhältnisse in Oesterreich", fügt der hochwürdige Herr hinzu, „kann ich keine genauen Daten führen, aber viel besser als in Deutschland wird es nicht sein". Daß selbst in dem capitalreichsten Lande das immobtte Nationalvermögen das mobile um mindestens das Dreifache übersteigt, weiß jedes Kind. Die Währinger aber horchen gläubig auf, wenn ihnen dieser Lügner im geistlichen Gewände einen solchen pyramidalen Unsinn auf-