Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 11 (15.3.1895)
- Date
- 1895-03-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 11. Dr. Bloch’s Jahrgang XII. Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudrnthums. -- Wien, 15. Därj 1895. -*«e~- Erscheint jeden Freitag. Man abonnirt bei allen pollanssalten des In- und Auslandes. K. tr. Postsparkallen-Amt Clearingverkehr Kr. 610.976. > ReLscNon und Administration:! Wien . Äranx Josrfs-Nusi Dr. 3. Telephon-Nr. 6535. -. U——— . Vezugsvrris für Oesterreich: Halbjährig 4 fl. — 8 Kr. Einzelexemplare 3L kr. lür's Ausland: halbjährig 8 fl. — 10 Kr. ganzjährig lO „ — 20 „ Anzeig en: Die 4mal gespaltene Pelitzeile 13 kr. ^..= -==-■-=* Inhalt: Leitartikel: Zur Judendebalte im deutschkn Reichstage. — „Nun also." — Enisl Bergani in antisemitischer Beleuchtung. — Rektor Laurenz Müllner über Sacher-Masoch. — Die Gelehrten des Schönerelblattes. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Das Gitterthor des Baron Rothschild. Adolph Fischhvf und Joh. Nep. Prix. Mayer-Koppenheier und Spitzer-Weimar. O diese Inden. „Die barmherzigen Brüder". Pistolenduell. Antisemitismus in der deurschen Armee. Ein verurtheilter antisemitischer Reichstagsabgeordneter. Juden und Katholiken in Amerika. Robert, Franz und Heinrich Heine. Zum Grazer Schcchlverbor. Sachsen ein christlicher Ztaat? Das Kaddischgebet. Elisa be nAbuja. — Eorrespond en zen: Wien, Baden, Brünn, Karlsbad, Prag, Trebitsch, Czernrwitz, Petersburg, — Vermischtes: Wien, Eöding, Brünn, Znaim, Brüx, Piesling, Krakau, Rom, Jerusalem. — Aus der Welt des Elends. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Zur Iudendrbatte im deutschen Reichstags. Man Ihut den preußischen Junkern zu viel Ehre an, wenn man sie für muthig hall; sie sind schneidig; aber Schneidigkeit ist nur der Schein des Muthes, ist oft nur ein herausforderndes Benehmen gegen die Untergebenen oder gegen diejenigen, die nichts nützen, nichts schaden können, was sich sehr wohl mit Kriecherei und Willenlosigkeit gegenüber den Mächtigen vertragt. Auch Caprivi, den man jetzt, nachdem er politisch todt ist, heilig spricht, hatte nicht den harten Stacken, gegenüber den Ansprüchen von oben festzubleiben; er war viel mehr der Diener als der Berather seines Herrn; wir haben keine Veranlassung, den Fürsten B i s m a r ck zn preisen, aber Graf Caprivi hatte seinem Rufe, seiner Ehre und seinem Könige einen schlechten Dienst erwiesen, als er jene sonderbare Depesche an den Fürsten 9t e n ß, den deutschen Botschafter in W i e n, gegen B i s m a r ck schrieb und in der kleinlichsten Weise seinen Vorgänger gesellschaftlich schädigen und stören wollte. Die Junker haben sich seit Jahrhunderten in Preußen nicht geändert, der König wurde mit ihnen jedesmal in den für das Land ruhmreichsten Zeiten nur fertig, wenn er ihnen aufs Haupt trat. Das weiß Kaiser Wilhelm, der in der Geschichte seines Landes sehr gut zn Hause ist, sehr genau. Friedrich Wilhelm III, sein Ahne, war wahrlich kein Umstürzler, dennoch entging er dem Schicksal nicht, da die Landjunker seinen erfolgreichsten Ministern den Titel Jaeobiner gaben; die nothleidenden Agrarier von damals wollten ihre Mitbürger nicht erst auf Umwegen plündern, sondern verlangten gradheraus, der König solle durch einen Machtbefehl die Klagen ihrer Gläubiger sistiren. Das ist viel einfacher und sicherer, als so ein Antrag K a n i tz, der wahrscheinlich, wenn er angenommen würde, die reichen Gutsherren noch reicher machen würde, aber den überschuldeten, denen kein Halm und kein Ziegel, sondern nur der Besitztitel gehört, doch nichts nützen würde. Schon damals war es der größte Trumpf, den der märkische Adel gegen Stein und Hardenberg ausspielte, sie wollten das alte B r a n d e n b u r g in einen n e u m od i s ch e u I u d e n st a at u m w ande ln. Was sich diese Ritter dabei dachten, haben sie in ihre Erbbegräbnisse mit hinabgenommen. Aber es ist lehrreich, daß gegen jene gewaltigen Erneuerer Preußens, die den bei Jena nahezu vernichteten Staat aus seinem tiefen Verfall wieder emporgehoben haben, ähnliche Borwürfe geschleudert wurden, wie sie jetzt unsere Liberalen treffen. Der Junker kann den Juden schon manchmal deswegen nicht leiden, weil er ihn nicht entbehren kann. So gönnten sich denn die Nachkommen jener Feinde S t e i u 's und H a r d e n b e r g 's im Reichstage den Carnevalsscherz einer Judendebatte und erhoben wie vor fünfuudachtzig Jahren zur Zeit Friedrich Wilhelm HI. ein Lamento, daß das alte Preußen in einen neumodischen Judenstaat umgewandelt werden solle. Solche Vergleiche mit der Vergangenheit thuen immer gut, denn sie beweisen, daß, wenn auch heute wie damals die adeligen Herren auf Jagden zuweilen das Ohr des Fürsten gewonnen, die Zeit dennoch vorwärts geht. Die Debatte hatte keinen ernsten Zweck; formell sollte der Antrag bezwecken, die Einwanderung der Juden aus dem Ausland zu verhindern. Aber dieser Antrag würde dann nur offene Thüren einstoßen oder vielmehr längst verschlossene Thüren noch einmal schließen. Denn die Regierung läßt in Preußen ohnedies keinen Juden hinein, den sie nicht kraft der internationalen Verträge hineinlassen muß; überhaupt beruht die eigentliche Stärke der Autisemitisch-Conservativen darin, daß die Regierung das Stecht der Juden als Staatsbürger nur eigentlich deeorativ gelten läßt, aber im Staatsdienst und in allen öffentlichen Maßnahmen fast regelmäßig zurückdrängt. Gibt es Juden in der Verwaltung, im Offieierseorps, in der Staatsanwaltschaft? Sticht einmal als Reserveofsiciere werden sie jetzt zugelassen, und das ist umso unangenehmer, als im offieiellen Preußen der Mensch eigentlich erst mit dem Reserveofficier beginnt. So lange Moltke allein den Geueralstab leitete, gab es wenigstens in der Reserve jüdische Offieiere in Menge, als Graf W a l d e r s e e, der Protectvr Stöcker 's, im Generalstabe zur Macht gelangte, wurden die Juden in Preußen plötzlich militärisch unfähig; stillschweigend richtet man sich in allen Ressorts nach dem Princip, den Juden keine Lieferungen zu übertragen, es mag einige