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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-03-08 · 10 (8.3.1895) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
10 (8.3.1895)
Date
1895-03-08
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 10 Wrsterrrtcht5chr Wochenschrift Sette 183 GorresMnäenLen. Wien. (Trauerandachten für Erzherzog A l b r e ch t.) Im Nachtrag zu unseren Meldungen in der letzten Nummer unseres Blattes erwähnen wir noch, daß in sämmtlichen Synagogen der Wiener israelitischen Eultusgemeinde Trauerandachten für denErzherzogAlbrecht abgehalten wurden. Die Prediger verrichteten Gebete für das Seelenheil des Hingeschiedenen Marschalls. In Horazdowitz fand ein Trauergottesdienst statt, in Anwesenheit sämmtlicher Cultusmitglieder und der gesammten Schuljugend. In N eub y d s ch o w hat der Vorstand eine Deputation, bestehend aus dem Rabbiner Dr. K a n t e r, den Vorstehern L u r j e und Neu mann, zu dem Bezirkshauptmann entsendet, um das Beileid der Gemeinde beim Trauerfall im allerhöchsten Kaiserhause auszusprechen. In Prag haben Trauergottesdienste in sämmtlichen jüdischen Gotteshäusern stattgefuuden. In der Klaus-Synagoge sprach Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld. Im neuen Tempel und in der Meisel-Synagoge die Rabbinen Dr. K a m i n k a und Dr. Kisch. Beim Jugendgottesdienst die Rabbinen Tauber, Grün, Knöpfelmacher und Stark. In Svetla hat Herr Josef Singer, Religionslehrer die Trauerrede bei der Andacht in böhmischer Sprache gehalten. In Soborten fand am 2. März der Trauergottesdienst statt. Herr Rabbiner Galandauer hielt die Gedächtnißrede. In Pohrlitz fand auf Veranlassung des Bürgermeisters W. Schnabl am 3. März ein feierlicher Trauergottesdienst statt. Herr Rabbiner I. Weiß hielt die Gedächtnißrede und schloß mit einem Gebete für das allerhöchste Kaiserhaus. In Olmütz fand die Trauerandacht am 26. Febrnar statt. Die Rede hielt Herr Rabbiner Dr. Oppenheim. Wien. (Jüdische akademische Lesehalle.) Der in diesen Blättern mehrfach erwähnte Commers der jüdischen akademischen Lesehalle hat Mittwoch den 27. Februar im Ballsaal Ronacher unter großer Betheiligung Wiener Bürgerkreise und Studenten stattgesunden und bildet mit seinem glänzenden Erfolge einen Wendepunkt in der Geschichte der Universität. Wir, die wir' die Entwicklung unserer jüdischen Studentenschaft mit dem größten Interesse verfolgen, freuen uns, daß die Oeffentlichkeit bei diesem Feste ein würdiges, echt jüdisches, echt liberales Programm als das unserer jungen Generation kennen gelernt hat; ein Programm, demgemäß das vernünftige und anständige Publicum aller Confessionen die jüdische Studentenschaft hoch erhaben über ihre deutsch-nationalen College« stellen und anerkennen muß. daß im jüdischen Lager heutzutage jene Gesinnungen anzuireffen sind, die den Werth der Universität für das öffentliche Leben bestimmen. Das sind die echten Vertreter und Vertheidiger des über alle Tagespolitik erhabenen Universitätscharakters; als Juden treue Söhne ihres Volkes, voll Mitgefühl für die Unterdrückten ihrer Glaubensgenossen; voll Interesse an inner-jüdischen Fragen. Das politische Programm der Lesehalle sichert ihr die Unterstützung aller echtliberalen Elemente unserer Bertretungskörper; ihr jüdisches Ideal die thatkräftige Förderung von Seiten der jüdischen Bürgerschaft. Der Staat darf sich solcher künftiger Bürger, die Judenschaft Oesterreichs dieser Zukunftsgeneration freuen. Wir lassen nunmehr den Bericht folgen. Nach Begrüßung der Gäste hielt der Präses Drä. weck. Vierer die Einleitungsrede. Er schilderte darin eingehend die Verhältnisse an der Wiener Universität und gab eine Uebersicht und Entwicklungsgeschichte der antisemitischen Bewegung an derselben. Redner stellte es als Notwendigkeit hin. daß die jüdische Studentenschaft sich einige und selbst helfe. Wir dürfen es nicht dem Bürgermeister nachmachen, der bei der Meldung eines Brandes gemüthlich sein Pfeifchen rauchte und meinte: „Es hat ja noch nicht geblasen!" Lauter Beifall folgte diesen kräftigen Worten. Darauf entwickelte Herr stud. philos. Bernhard Fuchs das Programm der Lesehalle. Er unterschied drei Arten von Angriffen auf die jüdischen Studenten: solche, die sich gegen ihre persönliche Freiheit und Ehre, solche, die sich gegen ihr Recht der ungestörten Theilnahme am Studium, endlich solche, die sich gegen das materielle Recht des jüdischen Studenten richten, in den Unterstützungsvereinen gleich den andern berücksichtigt zu werden. Gegenüber allen diesen Angriffen empfahl Redner, sich auf den Rechtsstandpunkt zu stellen. Gegen die Einschränkung der persönlichen Freiheit hilft die Stärkung des persönlichen Selbstbewußtseins, der Oeffentlichkeit gegenüber; „der Hinweis auf das unverletzliche Recht der Menschenwürde." Der Lernfreiheit droht Gefahr dadurch, daß die Univerfität sich in den politischen Kampf einmischt; auf der Univerfität aber muß es heißen: ob einer dieser oder jener Religion, Nation oder Parteirichtuug angehört, für die Universität ist er vor Allem ein Student, ein Jünger der Wissenschaft, die erhaben ist über alle Politik, für den jüdischen Studenten ist aber das Fachstudium zugleich ein theueres Gut, aus dem er den moralischen Rechtstitel für seine vom Gesetz gleichsam bedingungs- ~ los gewährte Gleichstellung schöpft. Dieses Recht der ungestörten Arbeit muß daher vor Allem und mit allen Mitteln behauptet werden. Gegen Ungerechtigkeit in den Unterstützungs- Vereinen muß sich die jüdische Studentenschaft durch die Wahl tüchtiger Vertreter in dieselben helfen. Die Lesehalle stellt sich somit auf den wahrhaft liberalen und zugleich jüdischen Standpunkt: sie macht die hartnäckige, doch rechtmäßige Durchsetzung des Gesetzes zu ihrem Programm. Da aber der Einzelne hier nichts ausrichten kann, so sucht sie die Organisirung Aller für Alle. Um aber möglichst Viele im Lager des Rechts zu vereinigen, entwickelt sie ihr Programm auf der b r eitesten Basis und treibt mit Uebergehung aller Sonderanschauungen, sowohl nationaler als confessioneller Natur, eine Transcendental-Politik des Friedens." — Lauter Beifall folgte der formvollendeten Rede, die wieder einmal bewies, daß man nicht Deutschnationaler sein müffe, um gut deutsch zu sprechen. Hierauf betrat, von rauschendem Beifall begrüßt, Reichsrathsabgeordneter Dr. Kronawetter die Tribüne und gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß die echten Studentenideale heutzutage im jüdischen Lager ihre Heimstätte gefunden. Herr Reichsrathsabgeordneter Constantin No ske versprach dem Vereine seine eifrige Mitwirkung für alle Fälle, wo die Lesehalle sich für das Recht der jüdischen Studenten einsetzen werde. Nach einer Rede des Vertreters der „Kadimah", Herrn S ch a l i t, welcher die Berechtigung der nationalen Idee scharf betonte, richtete Reichsrathsabgeordneter Dr. Bloch» lebhaft acclamirt, einen warmen Appell an die Bersammli'ng, zu Gunsten der Einheit und Einigkeit der jüdischen Studenten auf dem Programme der Lesehalle zu beharren. Endlich wollen wir noch das von einem freundlichen Anonymus gewidmete Bundeslied, den trefflichen Damentoast des Herrn Med. Hammerschlag und last uat least — den von allen Anwesenden nach dem Commando des Präses executirten Kaise-salamander, der den Höhepunkt des Festes bildete, erwähnen. Ein animirtes Tanzkränzchen, eröffnet vom Präses Herrn Vierer mit Frau Marie Bettel heim, schloß die schöne Feier in früher Morgenstunde. Zum Schluffe heben wir hervor, daß unter den Anwesenden die Herren Docenten Grünfeld und Mayerhofer, Rabbiner Dr. Taglicht, Advocat Doctor Steger u. A. bemerkt wurden. Badenb.Wien. („Ein gezüchtigter Stänkerer".) Die Wahrheitsliebe der antisemitischen Hetzpreffe ist bekannt. Auch wir in Baden haben seit einigen Jahren solch' ein Organ der reinsten unbestechlichsten Wahrheitsliebe, den „Boten aus dem Wienerwald", welches in der gemeinsten und verlogensten Weise die Aufreizung nicht nur gegen die hiesigen Juden, sondern auch gegen die jüdischen Curgäste betreibt, von denen Baden geradezu lebt. Da werden die niederträchtigsten Lügen aufgetischt und die ehrenhaftesten Männer in schamlosester Weise beschimpft und verleumdet. Wenn aber einmal der antisemitischen Sippe selbst etwas Unangenehmes paffirt, so wird das nach Bergani'schem Muster gründlich verschwiegen. Ein charakteristisches Beispiel hiefür ist folgender Vorfall: Der Sohn des Billenbesitzers Herrn Frannzl, der Student der Medicin ist, wurde vor mehreren Monaten von einem hiesigen Antisemiten Karl Schmidt, der lange Zeit bei dem nunmehr abaekrachten Wiener Zimmermeister Hermann O t te als Architekt beschäftigt war. im Cafe Kerschbaum mit einer Hundspeitsche geschlagen und hatte durch seinen Onkel, den Reichsrathsabgeordneten Dr. F o r e g g er, den rohen Gesellen geklagt. Vom Badener Bezirksgerichte, vor dem sich Schmidt durch Dr. Bincenz v. Berger vertreten ließ, wurde er zu fl. 200 und Frannzl zu fl. 10 Geldstrafe verurtheilt. Das war vor wenigen Monaten. Damals schrieb der „Bote aus dem Wienerwald" einen langen Bericht mit der Ueberschrift: „Ein gezüchtigter Stänkerer", womit natürlich Frannzl gemeint war.

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