Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 10 (8.3.1895)
- Date
- 1895-03-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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’Jtx. 10 WeAerrerrtzllrhe Moltzenkrtzrtft Sette 179 Liebe und Milde, sie kann nur zur höchsten Blüthe gelangen unter der erfrischenden Wärme, die dem wahren jüdischen Herzen entströmt. Biele Völker, bemerkte ein berühmter, jüdischer Kanzelredner, haben die Gepflogenheit, das Herz ihrer dahingeschiedenen großen Männer abgesondert vom Körper beizusetzen, zu demselben zu wallfahrten und es heilig zu halten. Wir Juden treiben keinen Todtencultus, wir verehren und halten hoch das lebendige, empfindende, von Menschenliebe durchglühte Herz, wir halten jene unvergänglichen Schätze für heilig, die aus dem tiefsten Grunde des Herzens emporgeyoden sind. Keine Spur deutet mehr auf die Grabstätte des Königs David. Aber seine herrlichen, unvergleichlichen Psalmen, die aus der allumfassenden Menschenliebe hervorgegangen, sie werden forttönen bis in diespätesteZukunft.dieHerzen erheben und begeistern, die Gemüther erfrischen, aufrichten und erst mit dem letzten Menschen verklingen. Kein Stein, kein Zeichen weist uns das Grab der Propheten. Allein ihre gewalttgen Reden, die Lehren, die sie mit feurigen Zungen und flammender Beredsamkeit verkündet, werden in den fernsten Jahrhunderten mit unwiderstehlicher Gewalt fortwirken, und vom größten Lehrer in Israel, von Moses, heißt es, daß Niemand bis zum heutigen Tage sein Grab kennt. Seine unendliche Liebe für sein Volk, die sich auch in den kleinsten Zügen seines so reichen Lebens äußert, bildet ein unvergängliches Denkmal seiner unerreichten Größe. „Auf den Schwingen des Adlers habe ich Euch zu mir emporgetragen", spricht Gott durch Moses. Auf zwei mächtigen Schwingen hat sich unser Volk stets erhoben über die Niederungen eines traurigen Daseins, über eine Welt voll Haß und Verfolgung zu den lichten Höhen der Hoffnungsfreudigkeit und Siegesgewißheit: Glaube und Menschenliebe. Jeder, der mitwirkt, daß diese Schwingen gestärkt, daß ihre Schwungkraft nie erlahmt, ist ein echter Jude, ein Priester im Reiche Gottes. Deshalb erfüllt es mich mit aufrichtiger Freude, daß es mir gegönnt ist, die neueingetretenen Mitglieder unseres Vereines im Namen des Vorstandes herzlichst zu begrüßen. Möge ihr Eintritt gesegnet sein, denn sie kommen im Namen Gottes. Möge das Band, das die Alten verknüpft, fich auch um die Jungen schlingen, mögen sie mit uns an der Erfüllung jener hehren, erhabenen Aufgabe auf dem Gebiete der Menschenliebe wirken, die ein Erbtheil unserer Väter ist. Mögen wir Stein an Stein herbeitragen, auf daß sich in unserer Mitte ein herrlicher T!mpel der Humanität erhebe, von welchem echte Gesittung und wahre Menschlichkeit hinausströme und uns jener heißersehnte Friede errungen werde, der ein Friede voll Ruhm, voll Ehre ist. Und so wie wir heute einig sind in dem Gedanken, unsere Ehrfurcht dem Vereine Chewra-Kadischa zu bezeigen, All^ beseelt von dem innigsten Wunsche, daß unser Verein wachse, blühe und gedeihe, so mögen wir auch im Leben einig zusammenwirken für die Ehre unseres Vereines, für die Ehre unserer schönen, großen Gemeinde, für die Ehre des Judenthums. Ich lade Sie sohin ein. mit mir das Glas zu erheben auf das Wohl der neueingetretenen Mitglieder. Sie leben hoch, hoch, hoch!!!" (Lebhafter Beifall.) Als fünfte Nummer des Programmes gab Herr Obe rcantor Singer eine von ihm verfaßte,launige Romanze über die gesellschaftliche Entwicklung der Chewra-Kadischa zum Besten, welche sehr beifällig ausgenommen wurde. Herr Architekt Donath Zifferer leerte sein Glas auf das Wohl des Cultus-Vorstandes, der unermüdlich im Dienste des Judenthums wirkt und schafft. Dr. Grüufeld besprach die Wirksamkeit jüdischer Wohlthätigkeitsvereine,welche die verschiedensten Gebiete humanitärer Leistungen betreffen, und hob insbesondere auch den i Umstand hervor, daß in vielen neuen Gemeinden Institutionen! für wohlthätige Zwecke oft noch früher creirt wurden als! S.,ulen und Bethäuser. In Wien speciell bestehen über 70 I humanitäre, jüdische Vereine. Es mögen stattliche Summen! sein, welche Mensch.mliebe und Herzensgüte widmen und hiel durch Glück und Segen stiften. Uebergehend auf die von der j Cultnsgemeinde geleiteten oder unter ihrer Aegide stehenden i Wohlthätigkeitsanstalten wird als Perle derselben das vor vier! Iihren ans Anlaß des 40jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers eröffnete neue Altersversorgungshaus geschildert, in welchem dermalen nahe an 100 Greise und Greisinnen unter» gebracht sind,und ohne Sorge und Kummer den Lebensabend, der ihnen noch beschieden ist. verbringen. Leider kann das Haus noch nicht ganz besetzt werden. Im 3. Stock, wo für 50 Pfleglinge noch Platz ist, fehlt noch die innere Ausstattung und fehlen dem Cultusvorstande die Mittel zur Erhaltung dieser erhöhten Anzahl. Nahe an 100 berücksichtigenswerthe Gesuche liegen unerledigt vor. Ferner wird auf die Nothwendigkeit der Errichtung eines Siechenhauses auf dem zur Verfügung stehenden Grunde hingewiesen und zu Spenden sowie zu Stiftungen an gefordert. Man ehrt das Andenken der verstorbenen Angehörigen nicht durch prunkvolle Monumente, hausgroße Mausoleen oder Kränze, sondern durch humanitäre Werke, welche Generationen überdauern. Redner leert sein Glas auf das Gedeihen der Wohlthätigkeitsvereine und der Wohlthätigkeitsanstalten der hiesigen jüdischen Gemeinde." (Lebhafter Beifall.) Trinkspruch des Herrn David Ritter v. Gntmann. „Meine Herren! Es gehört ein großer Muth dazu, nach so vielen glänzenden Reden und ausgezeichneten Rednern unvorbereitet das Wort zu ergreifen. Sie finden mich nicht auf der offieiellen Rednerliste, und wenn ich es dennoch wage, in dieser auserwühlten Gesellschaft zu sprechen, so geschieht es in der Ueberzeugung. daß Sie von mir keine jener rhetorischen Glanzleistungen erwarten werden, wie sie meine hochgeschützten Vorredner und insbesondere Herr Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n geboten haben. Meine Herren! Unser Fest geht zu Ende. Wir waren einige Stunden fröhlich beisammen, wir werden nun nach Hause gehen und die Fragen beantworten, welche unsere Frauen daheim an uns richten werden. Diese Fragen werden lauten: „Wie war die Gesellschaft? War sie zahlreich? War sie animirt? Wie war das Menu? Wie waren die Speisen? Wie wurde servirt.? Berichte mir über den Verlauf des Abends!" Und die Antwort wird lauten: „Den Arrangeuren, also dem Vorstande, alles Lob für das ausgezeichnete, gelungene Arrangement, auch dem Restaurateur müssen wir, da wir aus ihn angewiesen waren, volles Lob spenden; das. was er uns gereicht hat, hätte schlechter sein können. (Heiterkeit.) Aber das Interesse, welches unsere Frauen an diesem Festmahle bekunden, regt in uns unwillkürlich die Frage an: Beschäftigen wir allein uns mit der Krankenpflege, sind es nicht auch unsere Frauen, die sich dieser edlen Pflicht widmen? Und wenn auch sie in so aufopfernder Weise die Menschenliebe üben, warum dürfen sie an unseren Festlichkeiten nicht theilnehmen? Warum müssen sich unsere Frauen da oben auf der Galerie aufhalten? Wie ungleich anders wäre der Verlauf unseres Festes, wenn wir auch unsere Weiber in unserer Mitte hätten! (Beifall.) Die Gänge, die uns servirt wurden, werden wir, wie ich hoffe, ohne Biagenbeschwerden vertragen, aber an dem, was uns zwischen den Gängen servirt wurde, an der Schilderung der traurigen Verhältnisse, unter denen das Jndenthum heute zu leiden hat, werden wir noch lange zu tragen haben. Ich möchte da, ohne mich auf die Aetion, die wir einzuleiten haben werden, des Näheren einzulassen, mir eine Bitte gestatten, — und ich glaube, das Recht, eine solche Bitte aussprechen zu dürfen, schon aus dem Grunde in Anspruch nehmen zu können, als ich nicht mehr zu den Jüngeren, sondern zu den Alten zähle (Widerspruch) — ich möchte mir also gestalten, den Wunsch auszusprechen, daß wir in unserem Thun und Lassen nach Außen auf d a s B es ch e i d en st e auftreten, Einfachheit und Bescheidenheit, aber keine Aufdringlichkeit bei allen Gelegenheiten zeigen. Wir müssen uns ja nicht bei allen Belustigungen in. den Vordergrund stellen, wir können das Glück in unseren Familien suchen, und der Familiensinn ist es ja, der bei uns Juden von jeher die größte Rolle gespielt hat. Wir sehen, wie unsere Gegner uns Alle für jeden Einzelnen verantwortlich machen: da müssen wir, jeder Einzelne, uns von unserem