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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-03-08 · 10 (8.3.1895) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
10 (8.3.1895)
Date
1895-03-08
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 178 WrrwrrevtzMtzk »ochrnptzrM ttx. 10 Trmkspruch des Laudesschulrathes Dr. Gustav Kahn. Geehrte Fe st genossen! Bier- oder fünfmal hatte ich schon das Vergnügen, an der verehrten Generalversammlung unserer „Chewra-Kadischa" theilzunehmen, an oer Generalversammlung, welche sich vor anderen Generalversammlungen aller Art vortheilhaft auszeichnet, nicht bloß dadurch, daß in derselben weder unbequeme Interpellationen, noch Wortgefechte, Streitfragen oder gar Wahlkämpfe stattfinden, sondern insbesondere dadurch, daß diese Generalversammlung einzig in ihrer Ärt, nach alter Vätersitte nur als Einleitung eines Festessens dient, eines Festeffens, welches sich durch oie Bezeichnung „Chewra-Suda" oder „Brudermahl", wie schon unser verehrter Herr Oberrabbiner heute ausgeführt, als ein frommes Zweckten repräfentirt und durch diese illustre Bezeichnung als ein Essen eu kamille, allerdings unberufen in großer Familie, erscheint. Regelmäßig habe ich bei diesem Familieneffen das Wort ergriffen und immer dasselbe Thema, den Vorstand unserer „Che vra-Kadischa", zum Gegenstände rneiner Ausführungen gemacht. — Auch heute bleibe ich mir treu, ohne Furcht, in den Ras zu kommen, daß ich ein obstinater Mensch bin oder gar auf Entdeckungsreisen ausgehe, um zu erforschen, wie und wo den Vorstandsmitgliedern auf die Finger geklopft werden kann, ohne diese Furcht schon deshalb, weil abgesehen davon, daß doch in der diesem Festessen als Einleitung vorausgegangeuen Generalversammlung der Rechenschaftsbericht widerspruchslos einhellig genehmigt, das Absolutorium dem Vorstande ertheilt, und sohin demselben ein glänzendes Vertrauensvotum gegeben wurde, bekanntlich gut Essen und Trinken nicht boshaft stcmmt und nur Böswilligkeit diesem Vorstände etwas Anderes als das Beste nachsagen könnte. Wohlthun, sich der Armen und Kranken annehmen, Unglückliche trösten. Witwen und Waisen unterstützen, Hilflosen mit Rath und Thal beispringen, pietätsvoll die Todten ehren — war immer das schönste Erbgut der Juden; Organisation fanden diese in unserer heiligen Bibel, dem Buche der Bücher, niedergelegten Lehr- und Grundsätze in den frommen Bruderschaften. in den „Chewra-Kadischas". Deshalb sehen wir, überall dort, wo auch nur einige Juden sich vereinigt niederlassen, als erste Institution fromme Bruderschaften entstehen, deshalb werden überall seit altersher nur Männer aus der Mitte der Besten und Würdigsten an deren Spitze berufen. Und eine Bethätigung dieser Uedung. der Berufung aus der Mitte der Besten und Würdigsten, zeigt uns auch die Zusammensetzung des Vorstandes unserer „Chewra-Kadischa". Einige von Ihnen, meine Herren, erinnern sich vielleicht noch, wie ich in der letzten, vor drei Jahren stattgehabten Festversam nluug es versuchte, die mnzelnen Vorstandsmitglieder zu charakterisiren; heute begnüge ich mich mit wahrem Vergnügen nur hervorzuheben und darauf hinzuweisen, wie es die Alten verstanden, Schule zu machen, die richtigen Jungen heranzuziehen und heranzubilden, und wenn ich einmal den alten Satz, „jedes Volk hat die Regierung, die es verdient", dahin variirtr, „jeder Verein hat.den Vorstand, den er verdient", so kann ich mit Fug und Recht diese Variante dahin erweitern, „und jeder Vorstand hat das Präsidium, das er verdient." An der obersten Spitze, Allen voran, steht unser Jacob Brand eis. ein Mrnn und Jude von echtem Schrott und Korn, voll frommer Werkthätigkeit, von seltener Liebenswürdigkeit, nachahmenswerter Bescheidenheit, ein Mann, dessen Name mit der Entwicklung und der Geschichte unserer altehrwürdigen Gemeinde, wie auch unserer frommen Bruderschaft eng verwachsen ist, an seiner Seite unser alter vielbewunderter strammer Gustav Simon, den mein geehrter Freund und College Dr. Alfred Stern vor mir würdig gefeiert hat — um Beide schaaren sich wetteifernd im Streben, ihres edlen Amtes zu walten, opferwillig und opferfreudig, keine Mühe scheuend, ihnen wieder voran unser stets hilfsbereiter, bei guten Werken nie fehlender, wackerer Moritz Karpeles, die alten und jungen Vorstandsmitglieder, durchwegs Prächtige Menschen. ^Von Jahr zu Jahr mehren sich leider Noth und Elend, von Jahr zu Jahr steigen die Ansprüche, die an unsere Chewra- Kadischa gestellt werden, von Jahr zu Jahr erhöht sich die Zahlder hilfs- und Unterstützungsbedürftigen, leider auch jene der Hilfs- und Unterstützungswürdigen; leider nicht aber in auch demselben Maße, vielmehr nur in sehr geringem Maße die Zahl der Bereinsmitglieder; leider aber nicht auch in demselben Maße, vielmehr in sehr geringem Maße die Summen der Vereinsbeiträge und Spenden; leider muß abcr auch einbekannt werden, daß der ererbte, jüdische Wohlthätigkeitssinn nicht gerade mit der Zunahme des Reichthums Einzelner unter uns gewachsen ist und daß die Wohlthätigkeitsanstalten, so auch unsere Chewra-Kadischa, in aller erster Reihe auf die Opferwilligkcit des breiten, schwer arbeitenden Mittelstandes angewiesen ist. Um so größer und schwieriger werden von Jahr zu Jahr die Aufgaben unserer Chewra-Kadischa und ihres Vorstandes, umsomehr verdient dieser Vorstand, dessen Kräfte und Leistungen mit der Schwierigkeit seiner Aufgabe zu wachsen scheint, unseren Dank, unsere Liebe. Und deshalb, geehrte Herren, feiere ich mit Liebe auch heute diesen Vorstand wieder, und deshalb will ich auch iu folgenden Versammlungen, an denen theilzunehmen mir Gott die Kraft schenkt, ihn aber und aber feiern, nur dem aufrichtigen Wunsche Ausdruck gebend, er bleibe, wie er ist, uns noch recht, recht lange erhalten. Und in diesem Sinne, geehrte Festgenoffen, lade ich Sie ein, das Glas zu erheben und mit mir einzustimmen in den Ruf: der Vorstand der Chewra-Kadischa und sein Präsident Jacob Br and eis, sie leben hoch, hoch, dreimal hoch! (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) Trinkspruch des Vereinsvorstehers Herrn Phil, und Jur. Dr. Markus Spitzer. Unser Volksstamm erfreut sich einer Reihe von Einrichtungen, Sitten und Bräuchen, welche in so treuer Weise dessen Geistes- und Gemüthsrichtungen wiederspiegeln, daß unsere Alten sich zum Ausspruch veranlaßt gesehen haben, daß diese Sitten und Bräuche den Lehren selbst gleichwerthig sind. Die schönste dieser Sitten ist die Bereinigung der Mitglieder der Chewra-Kadischa am 7. des Monats Adar, am Todestage Moses, zu einem gemeinsamen Festmahle, das bestimmt ist, das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu beleben, das Stammesbewußtsein zu kräftigen; manche Anregung ist von hier ausgegangen, welche draußen im Leben zu den herrlichsten Gebilden sich verwirklichte und mancher zündende Gedanke ist hierausgesprochen worden, der zur Thal anspornte. Die Redner, die zur Ehre des Abends das Wort ergreifen, verkünden den Preis und das Lob der Humanität und Menschenfreundlichkeit, welche im Wirken unseres Vereines den reinsten, abgeklärtesten Ausdruck findet, dort wo Alles in Schweigen sich hüllt vor der Majestät des Todes, dort wo die tiefste Ruhe nur durch den Schmerzenslaut des Kranken unterbrochen wird. Als der Prophet Eliahu, um dessen Person die Legende ihren schönsten Sagenkcanz gewoben, der Israel auf feinen Wanderungen durch die Geschichte begleitet, der in jedes Haus tritt, in dem ein freudiges Ereigniß gefeiert wird, dem die hohe Mission obliegt, die Vergangenheit und Gegenwart in harmonischen Einklang zu bringen, müde des Kampfes für die Ehre Gottes in der Wüste erschien, da zog der Ewige an ihm vorüber. Und es erhob sich ein gewaltiger Sturm, Berge zerstörend, Felsen zertrümmernd. „Nicht im Sturme war der Ewige." Die Erde erzitterte durch ein Erdbeben. „Nicht im Erdbeben war der Ewige." Eine Feuersäule wurde sichtbar. „Nicht im Feuer war der Ewige". Endlich vernahm er ein leises Säuseln, da verhüllte Eliahu sein Antlitz, denn die Nähe Gottes ward ihm offenbar. Nicht in jenen Ereignissen, die dem Sturm gleich daherbrausen, den Bolksverstand untergraben, die Fnedenssaaten vernichten, die Errungenschaften der Cultur bedrohen, nicht in jenen Bestrebungen, die die Gesellschaft in ihren Tiefen aufwühlen und die Geister des Haffes und der Zwietracht entfesseln. nicht in jenem Feuer verzehrender Leidenschaften, die das klare Denken verwirren, das Urtheil trüben, Unduldsamkeit verbreiten und altehrwürdige Institutionen herabsetzen, offenbart sich das wahre Wesen Gottes, sondern in jenem milden, sanften Hauche der Liebe und Barmherzigkeit, die über Alles einen verklärenden Schimmer breitet, in jenem Feuer edler Begeisterung für das Schöne und Erhabene, in jenem Wirken der Humanität und Menschenliebe, die Alles versöhnt und die Völker auf die Bahn des wahren Fortschrittes lenket. Kein anderes Volk der Erde besitzt einen Verein, der unserem an Höhe der Anschauung und Idealismus gleichkäme. DieChewra- Kadischa ist eine gar seltene kostbare Pflanze. Sie wurzelt mit allen ihren Fasern tief im Boden des Judenthums, aus dem sie ihre besten Kräfte zieht.. Sie kann nur gedeihen unter den belebenden Strahlen jüdischen Geistes, das ist des Geistes der

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