Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 10 (8.3.1895)
- Date
- 1895-03-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Jtt. 10 E»ek!LrrLHtzisÄrp WoltzrnlrtrrM Ereile 177 Bauraih Wilhelm Stiaßny, ist infolge Unwohlseins nicht in der Lage, hier zu erscheinen, und habe ich cs soeben übernommen, den ihm reservirten Toast zu sprechen. Em zweites Moment ist, daß unser hochverehrter Freund und Präses die Güte hatte, bei seinem Eingangstoaste, den er hier gesprochen, in überaus wohlwollender Weise auch meiner sehr geringen Thätigkeit zu gedenken, und das letzte aber auch wichtigste Moment, welches mich dazu zwingt, an Jh>e Güte und Nachsicht zu appelliren, sind die Worte, welche wir soeben gehört haben, die begeisternden Worte unseres hochverehrten Oberrabbiners Dr. Güdemann. Unser hochverehrter Herr Oberrabbiner hat Ihnen eine Geschichte aus seinem Leben, aus seiner Erfahrung erzählt, und als er Ihnen diese Geschichte erzählte, da kam mir eine andere Geschichte, auch aus seinem Leben, auch aus seiner Erfahrung in den Sinn, eine Geschichte, deren volle Wahrheit mir zu bestätigen er in der Lage und gewiß auch bereit sein wird. Unser hochverehrter Herr Oberrabbiner erwähnte oder vielmehr er erwähnte nicht der Thätigkeit des Cultusvorstandes gegenüber den Strömungen der Jetztzeit, unter welchen wir Alle zu leiden haben, und da möchte ich an ein Begebniß aus seiner eigenen Ersahrung, an Thatsachen erinnern, an welchen er selbst mit dem Vorstande der Cultusgemeinde mitgewirkt hat, als es sich nämlich darum handelte, eine durch die Geschichte aller Zeiten als sehr groß erwiesene Gefahr von uns abzuwenden, eine Gefahr, welche heute trotz alledem, so schmählich es auch zu sagen ist, noch immer nicht beseitigt ist. — Sie'wissen, unter allen Dingen, welche uns bedrohen, ist es eines, das, so unsinnig es zu sein scheint, schon Opfer gefordert hat, Opfer der Verfolgung, Opfer an Menschenleben, ist es jenes unglückselige, alberne Ritualmordnärchen. Und da erinnere ich den Herrn Oberrabbiner daran, wie er es gewesen, der mit dem Vorstände der Cultusgemeinde zu dem obersten Chef der österreichischen Justizverwaltung ging, um in energischer Weise — und ich bekenne gerne, daß gerade seine Worte die energischesten waren — dagegen Verwahrung einzulegen, daß mit Wort und Schrift und Bild dieses Märchen unter den Bolksmassen weitere Verbreitung finde. Und war das ein „Excusez“, welches wir damals als Antwort erhielten? Nicht einmal das war es. Wenn also von Seite des hochverehrten Herrn Oberrabbiners, dessen Worten ich ja inhaltlich, sachlich vollkommen beipflichte, auf das Vorgehen des Vorstandes der Cultusgemeinde hingewiesen wird, so kann gerade der jetzige Vorstand der Cultusgemeinde mit Recht von sich sogen, daß er in entscheidenden und wichtigen Momenten und zu wiederholten Malen an entscheidender Stelle das Wort ergriffen und geführt hat, wenn auch nicht immer mit jenem Erfolge, welcher der Sache zu wünschen gewesen wäre. Meine verehrten Herren! Wenn wir uns fragen, was wir zu vertheidigen. welchen Gegnern wir uns entgegenzustellen haben, so möchte ich diese Gegnerschaft in drei Gruppen eintheilen. Die eine Gruppe heißt der Neid, die Gehässigkeit, welche uns den ohnedies harten Kampf um's Dasein erschwert. Diesen Feinden zu begegnen, ist unsere natürliche Aufgabe; den Kampf um's Dasein müssen wir führen, wie alle Menschen, wie alle unsere Mitbürger, und das Eine, was wir uns dabei immer vor Augen halten sollen, ist, die Lauterkeit des Wettbewerbes stets zu wahren. Die zweite Gegnerschaft, die gegen uns in's Treffen geführt wird, ist, wenn ich sie mit dem allgemein üblichen Worte bezeichnen darf, der Rassen-Antisemitismus. Mit dieser Gegnerschaft ist es aber in Oesterreich nicht soweit her, als man gemeiniglich annimmt. Der Jude, der seinen Glauben verläßt — die Rasse kann er ja nicht verlassen, die ist ihm angeboren und da hilft ihm nichts — der Jude, der seinem Glauben abtrünnig wird, hat ein Prae vor allen Anderen; so ist es allezeit in Oesterreich gewesen und so ist es auch heute. Welche ist also die Gegnerschaft, die wir hauptsächlich zu bekämpfen Hw en? Es ist die Gegnerschaft, die sich gegen unsere Religion, gegen unser religiöses Bewußtsein, gegen unsere religiöse Zusammengehörigkeit, also gegen dasjenige richtet, was schon von Herrn Dr. Gü bemann klarerund lebendiger Weise hervorgehoben und zusammengefaßt wurde. Daß wir uns in diesem religiösen Bewußtsein zusammenschließen sollen und wollen, dafür gibt uns Zeugniß gerade das heutige Brudermahl, wo der Hauptaccent auf das Wort „Bruder" zu legen ist. Die religiöse Zusammengehörigkeit im Sinne des Gesetzes, dessen unser verehrter Präses in seinen Eingangsworten gedacht hat, liegt in der Cultusgemeinde. Daß wir in dieser Zusammenhalten wollen, wurde bereits ausgesprochen, und das ist auch der Gedanke, welcher unserer heutigen Zusammenkunft zu Grunde liegt. Und so erhebe ich denn mein Glas auf den Rspräfentanten dieser religiösen Vereinigung, aus den hochverdicnten Mann, welcher, an der Spitze unserer Cultusgcmunde stehend, diese nach Außen verlockt, auf den hochverehrten, hochverdienten Präses derselben; er lebe hock!" (Lebhafter Beifall.) Trinkspruch ans die L'creinsnntglieder der Chewra-Kadischa ,_tgesprvclen Vvn, Rabbiner Tr. Jonathan Wolf. Ter Sprecher leitet seinen Toc.st mit dem Hinweise auf P l a t r 's Dialog „Das Gastmahl" ein. der die ausschließliche Hingebung an eine Idee als das beste Mittel bezeichne!, um uns selbstbewußte Festigkeit und Entschiedenheit mitzntheilen und uns rer Grnndsatzlesigkeit und unedler Gesinnung zu bewahren. Auch das heutige Gastmahl feiere die volle Hingabe an eine Idee, welche uns in bewegter Zeit Kraft, Muth und Entschiedenheir einznflößen im Stande sei, an die Idee der Humanität. Eine grcße ethisch e G e seit s ch a s t. sicht b ar er nrd unsichtbarer Art, zur Ferdernng der Humanitär ist die Chewra-Kadischa. Tie Mitglieder des heiligsten aller Vereine sieht man heute in einem innigen Bunde fröhlich vereint. Aber man sieht ernst im Geiste die grcße Schaar der Heimgegangenen Vereinsgenessen, welche sich bestrebten, Bausteine herbeiznschafsen nir Begründung des Tempels der Humanität. Dieses Gastmabl sell im Sinne Plate's den wahren Eros, das beißt die rekle Liebe zum Himmlischen, zur Güte, Milde und Barmherzigkeit erzeugen, es ist ein Liebesma hl, und die Zwillingsschwester der Liebe, die Treue, sie setzt sich freundlich an den Tisch und will sich nimmer reu uns wenden. Dieses Gastmahl ist ein Missionär, um neue Genessen zu werben. Tie Missionsthütigkeit ist eine stille, geräuschlose rn d doch wirkungsvolle. Das Gastmahl bietet erlaubte Lockspeisen dar, und daß die Reden, die heute gehalten wurden, als Mifficnsprediglen zu betrachten sind, um zahlreiche Neilglieder zu gewinnen, wer merkte dies nicht und führte sich nicht zu Gemnthe, daß „Gott sehe n und dabei e s s e n und trink en" das edelste Mittel ist, aus die Menge wclllthätig zu wirken. Sv thaten die edlen Jünglinge in der Schrift «Cxod. 24, 11): dann ist das Gastmahl eine s’udath mizwah, ein religiöses Zweckessen, das eine heilige Mission erfüllt.'^.-. f Sprecher preist zum Schlüsse die Chewra-Kadischa zunächst als heilige Genosseuschast, heil i g g e s p r v ch e n durch die ganze Glanbensgemeinde Israel. Es ist ein Eultus der höchsten Idee, der Humanität und kein Cnltns der Personen. Er preist sie als eine zwar uralte Bereinigung frommer Männer aber zugleich als eine m o d ern e, social e Institution, das Elend theilweise zu bekämpfen und dem Gedanken der Gleichheit wenigstens auf beschränktem Raume Förderung angedeihen zu lassen. Er preist sie als eine erhabene, religiöse O r d c n s g e m e i n s ch a f t,. ausgebreitet über die ganze Erde, ein Bindemitrel der Gemeinden zur Befestigung der Einheit, zu deren Satzungen die Paragraphe des Schulchan-Arnch gehören: „Man pflege auch nichtjüdische Kranke, man bestatte auch nichtjüdische Todte, um den Frieden zu fördern!" Er preist sie endlich als gutes Mittel, um den Friedensfreunden viele Anhänger zu gewinnen. Das Leben ist ja ohnehin ein schwerer Kampf und wer die Leiden des Menschengeschlechtes, die Schrecken des Todes näher kennt, der wird gewiß ein Feind des blutigen Waffenspieles der Völker, ein Freund des Völkerfriedens werden! Das heutige Gastmahl fft ein sinniges Vorzeichen jenes großen, i nt ernationalen Festessens, das der große Prophet Jesaia (25, 6) in satten Farben als ein göttliches Mahl verherrlicht. Redner lädt die Versammlung ein, die Gläser zu erheben und ein stilles, freundliches Gedenken zu weihen der unsichtbaren Schaar der Heimgegangenen Vereinsgenoffen und" zu trinken auf das Heil, Wohlergehen und Glück der gegenwärtigen Mitglieder der ethischen Gesellschaft, der Chewra- Kadischa! Sie leben hoch!" (Lebhafter langanhaltender Beifall.)