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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-03-08 · 10 (8.3.1895) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
10 (8.3.1895)
Date
1895-03-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Sette 176 Vekberretchtschr Mochrnptzry Nr. 10 ist, wenn auch für eine Nebensache das Couvert ein bischen zu th ener ist. Wenn aber die BÄeutung dieses Festmahles in der Gemeinsamkeit und Zusammengchörigkeit liegt, die dadurch gÄräftigt werden, so ist es nur natürlich, daß wir uns an dieser Tafel lebhafter denn sonst als Kinder eurer und derselben Gemeinde fahlen, und diese Wirkung allein sollte alle Mitglieder der Gemeinde zur Theilnahme an diesem Festmahle bestimmen. Denn niemals ist die Belebung und Erstarkung des Bewußtseins der Zusammengehörigkeit, niemals ist der enge Anschluß an die Gesammtheit nothweüdiger gewesen, als heutzutage, wo so viele Versucher und Versuchungen zur Lossagung von der Gesammtheit an den Einzelnen herantreten. Gegen solche centrifugale Einflüsse bieten Festmahle wie das heutige eine nicht zu verachtende Schutzwehr. Zwar dienen auch mrsere Tempel und unsere Predigten diesem Zwecke. Aber wie die Menschen nun einmal sind, finden sich an einer gut besetzten Tafel eher andächtige Zugreifer beisammen, als im Tempel solche Zuhörer, und heitere Tischreden tragen mehr zur Erweckung des Gemeindebewußtseins bei, als ernste Predigten, zumal wenn diese nicht angchört, oder mit leerem Magen angehört werderr.' Vielleicht., würde es sich deshalb empfehlen, statt große Summen für den Bau eines Tempels auszugeben, der das ganze Jahr leer stcht, nach Art der Spartaner häufige Syffitien, d. h. gememschaftliche Mahlzeiten zu veranstalten, bei denen alsdann der Magen Erbauung fände. Herz und Geist würden dann auch chre Rechnung finden. Indessen dürfen wir uns glücklich schätzen, einer Gemeinde anzugehören, die auch ohne Veranstaltung von Festmahlen alle centrifugalen und separatistischen Einflüsse bisher siegreich überwunden hat. Sie stcht in dieser Beziehung vielleicht einzig unter den großen Gemeinden da und wir dürfen sie ohne Mchmredigkeit und Überschätzung selbst unserem, vom Nationalitätenhader heimgesuchten Vaterlande zur Nachahmung empfehlen. Dieses ist in Cisleithanien und Transleithanien geschieden und der Bindestrich zwischen den Worten „Oesterreichisch-Ungarische Monarchie" ist eigentlich ein Trennungsstrich. Wie die Ungarn, möchten auch die Polen am liebsten für sich sein und ebenso die übrigen Nationalitäten der Monarchie. Wenn man sich diese als eine große Tischgenossenschaft vorstellt, so kann man sehen, wie. ein Theilnehmer dem anderen den Bissen vom Munde wegnimmt, wie jeder nach dem größten Stück Braten langt, wobei für uns Juden nur die Knochen übrig bleiben. Da sieht es doch in unserer Gemeinde friedlicher aus. Cis und Trans bedeuten hier keine Trennung, sondern sie reichen sich einträchtig die Hände. Unsere Polen beten zwar für sich, aber sie essen und halten es auch sonst mit uns, unsere Türken haben die orientalische Frage ihres Verhältnisses zu unserer Gemeinde in eurer so friedlichenWeisegelöst, daß die Welt froh sein könnte, wenn die große orientalische Frage die gleiche ftiedliche Lösung fände, und wenn unsere Ungarn theilweise auch einer strengeren Observanz huldigen, so haben sie doch einträchtig mit uns das Gememdestatut berathen, und ich bedaure nur wiederum, daß bei den damaligen Berathungen der grüne Tisch des Gemeindchauses nicht mit leckeren Gerichten und guten Weinen, statt mit trockenen Paragraphen besetzt war, es wäre weniger geredet worden, und wir würden eher fertig geworden sein, wenigstens mit dem Essen, wenn auch nicht mit der Berathung. Wie dem immerhin sein mag, unsere Gemeinde ist das friedlichste Gemeindewesev der Welt. Fast möchte ich sagen: sie ist zu friedlich. Weniger wäre mehr. Wir werden ja täglich und stündlich zum Kampfe förmlich herausgefordert. Die schimpfliche Behandlung, die wir Juden in den Parlamenten und in den öffentlichen Blättern erfahren, unsere allseitige Zuriicksetzung, unsere systematische, wenn auch nicht eingestandene Entrechtung müssen nachgerade den Stillsten unter uns das Blut in Wallung bringen. Wer wäre da mehr berufen, der Juden und des Judenthums sich anznnehmen, als die große jüdische Gemeinde Wien. Und diese große, jüdische Gemeinde läßt sich in einemfort, ohne zu reagiren, von beut ersten besten Lueger beschimpfen! Wir sind so zahlreich wie ein Armeecorps. Und eben soviel Juden lassen sich von einem Provinziallandtag, ja von einem Bruchtheil dieses Landtages jeden Schimpf ruhig gefallen! Ist das erhört? Ist das würdig? (Lebhafter langanhaltender Beifall.) Ich habe einmal als jünger Mann auf offener Straße eine kleine Scene erlebt, die aber lehrreich ist. Es ist ein Midrasch aus dem Leben, aus meinem Leben, den ich Ihnen hier mittheile. Da hatte ein städtisch gekleideter Mann einen neben ihm stehenden Bauer aus Versehen auf den Fuß getreten, und sich dann mit einem höflichen „Excusez“ zu entschuldigen versackst. Aber der Bauer verstand keinen Spaß und entgegnete in derbem Plattdeutsch: Ach was Excusez, ich trete Sie wieder". Meine Herren, ich will Ihnen diesen Bauer und sein Verhalten nicht unter allen Umständen zur Nachahmung empfehlen, aber daß man zuweilen wieder treten muß, wenn man getreten worden ist, das wird kein Mann von Ehre bestreiten. Wir aber lassen uns jeden Fußtritt gefallen, und man excusirt sich bei uns nicht einmal. Da sind wir nichts Besseres werth. (Lebhafter Beifall.) Gegenwärtig sollen nach Zeitungsberichten im Vatican große Dinge Vorgehen. Der Papst soll gegen eine Bewegung eingenommen werden, die denen, die sie anfangs geschürt haben, weil sie gegen die Juden gerichtet war, über den Kopf gewachsen ist. So weit es sich um uns dabei handelt, so kam: und wird uns von daher keine Hilfe konnnen. In Rom hat das Ghetto am längsten gedauert, und wäre nicht jene Umwälzung erfolgt, welche die ganze politische Configuration Europas geändert hat, so hätten die Juden in Rom während des eben abgelausenen Carnevals. gerade so mit. den Pferden um die Wette laufen müssen, wie dies früher der Fall war. Dieses schmachvolle Wettrennen hat aber doch etwas Gutes für uns gehabt. Der Sport hat uns trainirt. Wir sind mit Päpsten, Kaisern, Königen und Völkern um die Wette gelaufen und sind nicht niedergebrochen, und wer weiß, wer zuerst an dem Pfosten anlangen wird, der die Rennbahn oder die religiöse Entwicklung der Menschheit abschließt. Wir wenigstens leben der Ueberzeugung, daß an diesem Pfosten die Inschrift glänzen wird: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott ist ein einig — einziges Wesen". Wollen wir aber nicht zurückbleiben, dann lassen wir uns auch nicht zurückdrängen. Fragen wir nicht, was opportun ist, sondern thun wir, was Pflicht und Ehre erheischen. Moses hat nicht geftagt, als er für die Ehre seiner Brüder den Kamps ausnahm, David hat nicht geftagt, als er gegen Goliath auftrat, Mathias hat auch nicht gefragt, als er sich gegen die Syrer auflehnte. Wer viel fragt, kriegt viel Antwort. Und was für eine Antwort? Im besten Falle: „Excusez“. Mehr haben auch von der Coalitionsregierung noch nicht zu hören bekommen. Deshalb wünschte ich, daß unsere so ftiedliche, so stille Gemeinde sich doch ein bischen gegen unsere Feinde regte. Seien wir einig, aber auch darin einig, daß wir uns die bisherige Behandlung der Juden nicht länger gefallen' lassen. In diesem Sinne bitte ich Sie, mit mir anzustoßen aus das Wohl unserer Gemeinde. Sie lebe hoch!" (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Trinkspruch des Gemeinderath es und Cultusvorsteh ers Dr. Alfred ^Stern. „Meine Herren! Es war mir nicht bestimmt, heute das Wort zu ergreifen. Auf diesem rothen Programme finden Sie meinen Namen nicht. Wenn ich mir nun nichtsdestoweniger erlaube, das Wort an Sie zu richten, so sind es drei Momente, welche mich dazu veranlassen.. Unser verehrter College, Herr

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