Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 10 (8.3.1895)
- Date
- 1895-03-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Wt- 10 Vrstrrrrichtptzr WmtzrnptzrW Me Generalverssinmlung und das Brudermshl der Wiener Chrwrs- Kadischn. ( Am Sonntag, den 3. März, fand in den Blumensälen der Gartenbaügesellschaft dieGeneralversammlnng der „Chewra- Kadischa" statt, welche aus diesem Anlaß nach altjüdischer Sitte ein Brudermahl veranstaltete. Nahezu an 200 Mitglieder, die Elite der Wiener Judenschaft, darunter alle Vorsteher der nun mit der alten Wiener Cultusgemeinde vereinigten neuen Vorortegemeinden, sowie der türkischen Gemeinde, Vertreter der Kunst und Wissenschaft, der Industrie und Finanzwelt, Schriftsteller, Professoren, Abgeordnete, Stadträthe, Gemeinderäthe u. s. w. waren zugegen. Der greise Vereins-Präsident Herr Jacob Branders eröffnete die Versammlung mit einer herzlichen Ansprache: „Ich fühle mich geehrt, eine solch' hochansehnliche Versammlung begrüßen zu dürfen. Ich heiße Sie vom Herzen willkommen und danke Ihnen für das zahlreiche Erscheinen. Sie haben damit Ihre innige Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft vor aller Welt bekunden wollen, daß Sie die alten Sitten und Bräuche hoch halten und hoch achten und die menschenfreundlichen Ziele unseres Vereines in ihrer vollen Bedeutung würdigen. Vor aller Welt wollen Sie die brüderliche Gesinnung beweisen, welche die Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft gegen einander beseelt und die sie im Leben üben sollen. (Lebhafter Beifall.) Indem ich Ihnen dafür nochmals den Dank ausspreche, eröffne ich die General-Versammlung und ertheile das Wort dem Cassa-Berwalter Herrn Moritz K a r p e l e s." Der Cultus-Vertreter Herr Moritz Karpeles erstattet hierauf den Rechenschaftsbericht und die von ihm vorgeführten interessanten Ziffern fanden beifällige Aufnahme. Zum Schluffe erinnert der Redner, daß er bei der letzten Generalversammlung sich genöthigt gesehen hatte, an die Vereinsgeuossen zu appelliren, sie mögen für die Ausbreitung des Vereines, für die Vermehrung der Mitgliederzahl ihren Einfluß einsetzen. Mit hohem Danke betont der Redner, daß sein damaliger Appell nicht ohne Wirkung war. Seitdem sind 3 Jahre im Strome der Zeit dahingerauscht. Der Verein viele Mitglieder durch Ableben verloren, und so sehe er sich denn nochmals veranlaßt, an jeden Einzelnen der Generalversammlung die Bitte zu richten, aus dem Kreise der Freunde und Bekannten neue Mitglieder dem Vereine zu werben. Nach Genehmigung des Rechenschaftsberichtes durch die Generalversammlung begann das Festessen, eingeleitet durch den vom Obercantor Singer vorgetragenen Segensspruch. Das ausgezeichnete Menu war von dem wohlrenommirteu Hotelier M. Winternitz (Hotel de l'Europe, ll., Asperngasse 2) beigestellt und fand allgemeine Anerkennung. Den Reigen der Tischreden eröffnete der Präses der isr. Cultusgemeinde, Herr Gemeinderath Gustav Simon mit einem Trinkspruch auf Se. Majestät Franz Josef I. Trinkspruch auf Se. Majestät Kaiser Franz Joses I., gesprochen von dem Präses der israelitischen Cultusgemeinde Gemeiuderath Gustav Simon: „Das mit der Generalversammlung der Chewra-Kadischa verbundene Brudermahl zählt zu den schönsten und sinnigsten der von unseren Vätern übernommenen Sitten und Bräuche, die uns heute, mehr als sonst, nicht blos lieb und werth, sondern auch nothwendig und dringlich geworden sind. In einer Zeit, wo Feinde von allen Seiten auf uns losstürmen, müssen wir einander näher rücken, inniger uns aneinander anschließen, muß ein brüderlicher Sinn in unsere Herzen einziehen und die Erkenntniß in uns lebendig werden, daß wir zu einander gehören und aufeinander angewiesen sind." (Lebhafter Beifall.) Seite 175 „Ein Zeitraum von 3 Jahren scheidet uns von der letzten Generalversammlung der Chewra-Kadischa. Im Leben der Wiener israelitischen Cultus-Gemeinde zählen diese drei Jahre zu den wichtigsten und bedeutsamsten. Das Gesetz zur Regulirung der äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgenossenschaft ist inzwischen ins Leben getreten, die alte Wiener isr. Cultusgemeinde hat aufgehört zu functioniren, aufgelöst sind die Cultusgemeinden der Vororte und an deren Stelle trat eine einzige große, israelitische Cultusgemeinde der mit den Vororten vereinigten Stadt Wien. Unser altes Statut trat MßerGeltungundunsereAufgabe war es,im Vereine mit einer Anzahl hervorragender Experten und von der Regierung ernannter Delegirten ein neues Statut auszuarbeiten, welches nunmehr dem hohen Ministerium zur Prüfung und Genehmigung vorliegt." Redner erwähnt die Verdienste des Gemeinderathes Dr. Alfred Stern um die glückliche Lösung dieser Aufgabe. „Es gehörte dazu viele Arbeit, ein großer Aufwand an Zeit, dabei aber auch viel Tact und gegenseitige Versöhnlichkeit. Sobald das Statut die hohe Genehmigung erlangt, wird an die Mitglieder der israelitischen Cultusgemeinde die Aufgabe herantreten, einen neuen Vorstand zu wählen, in die Leitung der Gemeinde neue Männer zu entsenden. Wir Alten wollen uns dann gerne zurückziehen. (Lebhafter Widerspruch.) Der abgelaufene Zeitabschnitt war leider reich an trüben und düsteren Momenten. Böse Menschen haben es unternommen, die von Natur aus gutmüthige Wiener Bevölkerung durch Lügen und Verleumdungen gegen uns aufzureizen, unsere friedliche Culturarbeit zu stören. Dieser Haß von Außen sei uns ein Mahnruf zur Eintracht und zur Brüderlichkeit, zu gegenseitiger Hilfsbereitschaft. (Lebhafter Beifall.) Halten wir zusammen in dieser Zeit der Noth, sie wird und muß vorübergehen. Schließen wir uns an an die große Gemeinde, fördern und unterstützen wir ihreWohlthätigkeits- Jnstitute." Redner dankt einem hochherzigen Wohlthiter, welcher wiederholt anonym bedeutende Summen dem Armeninstitut zur Verfügung gestellt, zeichnet in scharfen Zügen die hohen humanen Aufgaben der Chewra-Kadischa, die sich von Jahr zu Jahr mächtiger entwickelt und ausbreitet unter dem mächtigen Schutze unseres allgeliebten Monarchen Sr. Majestät Franz Josef I. Bei allen Werken der Menschenliebe, bei allen Aufgaben edlen Wohlthuns ist er das vornehmste Muster und Vorbild. „Indem wir die Kranken pflegen, die Armen unterstützen, die Noth lindern, folgen wir seinem erhabenen Beispiele, dessen väterliches Herz eine Scheidewand unter den Confeffionen nicht kennt, dem alle Bürger des Vaterlandes mit treuer Liebe anhangen. Möge die Vorsehung ihn noch lange Jahre seinem hohen Berufe und seinen Völkern erhalten, jugendfrisch und geisteskräftig zum Heile des Vaterlandes. Se. Majestät Franz Josef I. lebe hoch, hoch, hoch!" (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) Die beiden Obercantoren der Wiener israelitischen Cultusgemeinde intonirten die österreichische Volkshymne, welche die ganze Versammlung stehend begeistert mitsang. Trinkspruch des Oberrabbiners Dr. Güdemann: „Das Festmahl, bei welchem wir versammelt sind, übt auf uns alle eine Wirkung aus, die wir unmöglich dem Essen und Trinken an sich, selbst nicht dem Champagner zuschreiben können. Diese Wirkung äußert sich in einer freudig bewegten, aber zugleich feierlichen und gehobenen Stimmung. Woher kommt sie? Wie ist sie entstanden? Ein Ausspruch unserer Weisen kann darüber Aufschluß geben. „Es liegt etwas Großes in einem Mundvoll, der in Gesellschaft genossen wird, er bringt die Herzen einander nahe." Also nicht das Mahl, sondern das in Gemeinschaft genossene Mahl übt die Wirkung aus, die wir in wohlthuender Weise empfinden. Durch die Gemeinschaftlichkeit des Mahles wird dieses über seine blos vegetative oder kulinarische Bedeutung hrnausgehoben zu einem Festmahle, bei welchem das Fest die Hauptsache und das Mahl Nebensache