Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 9 (1.3.1895)
- Date
- 1895-03-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 9 Vrprrreichlptzr VochenschrM Seile 167 sehr schlimm, die Leidenschaften waren entflammt — die aufgeregte Menge hätte mich sicherlich in Stücke gerissen, wenn mein wackerer Freund da mich nicht in seiner Behausung verborgen hätte, bis er mich dem Schutze der Behörde übergeben konnte, die mich unter Militärdeckung nach Szegedin hinüber in die Festungshaft überführte. Nach der Schlacht bei Szöregh dann wurde ich befreit, wieder ins Amt eingesetzt und von Sr. Majestät hoch über mein Verdienst mit diesem stolzen Ehrenzeichen beglückt." Wiederum trat eine lange Pause ein, während welcher der Erzherzog den Blick nicht abwendete von dem schlichten Judenpriester, der. das greise Haupt noch tiefer niedergebeugt, sich abwechselnd die hellen Schweißtropfen von der Stirne und die schweren Thränen aus den Augen wischte. Endlich unterbrach der hohe Herr das Schweigen, indem er dem Schwergebeugten leutselig aus die Schulter klopfte und sagte: „Trösten Sie sich, mein guter Alter! Gehen Sie ruhig nach Hause, Ihre Sache ruht nun in meiner Hand, es soll Ihnen kein Haar gekrümmt werden! Mein Wort daraus!" ' Dem Dechanten zunächst, dann jedem Einzelnen die Hand darreichend, fügte der Erzherzog die folgenden denkwürdigen Worte hinzu: „Ich danke Euch allen vom Herzen, die Ihr mir da ein erhebendes Bild religtöser Eintracht und Brüderlichkeit vor Augen geführt habt, das mir ini Innersten der Seele wohlthut! — Geht beruhigt heim, fahret fort in Eurem edlen Friedensstreben und lehret Euren Glaubensbrüdern Eurem Beispiele folgen, kündet ihnen, daß sie Gott im Himmel, sowie unserem Allergnädigsten Herrn hienieden auf diese Weise am besten dienen können. Ich danke Euch nochmals von ganzem Herzen! Ziehen Sie hin in Frieden!" * Es erübrigt uns nur wenig mehr hinzuzufügen. Die Audienz, welche wir soeben geschildert haben, hatte am Montag stattgefunden, und am Freitag Abends bereits hatte der Cultusvorstand der gegen ihren Seelsorger rebellischen Jsraelitengemeinde die behördliche Weisung erhalten, die gesammte Gemeinde zu dem Tags darauf folgenden Sabbath- Gottesdienste in die Synagoge einzuberufen, um eine vom Generalgouverneur herabgelangte wichtige Entscheidung cntgegenzunehmen. Diese Entscheidung, zu deren Promulgation der Stuhlrichter im Amtscostüm, zwei Gendarmen mit aufgepflanztem Bajonette hinter sich, persönlich im Tempel erschienen war, enthielt den strengen Befehl, den verabschiedeten Rabbiner wieder in sein Amt zurückzuberufen, in welches er für Lebenszeit kraft der Autorität des Landesgouverneurs installirt wurde. Es wurde ferner der Gemeinde anempfohlen, das ärmliche Gehalt von wöchentlich 10 fl. Wiener Währung, das der Rabbiner durch die 36 Jahre seiner Amtswirksamkeit bezogen hatte, fortan in Conventionsmünze auszubezahleu, ferner wurden die Gebühren, welche dem Rabbiner bis dahin, je nach dem Belieben der Partei bezahlt oder auch.nicht bezahlt wurden, genau fixirt und deren Abtragung dem Cultusvorstande von Amtswegen aufgetragen. Es wurde der Amts- und Rechtskreis des Rabbiners überhaupt in Allem und Jedem auf's Umständlichste festgestellt und der Kreisbehörde zur Pflicht gemacht, über die pünktliche Einhaltung des Normativs mit aller Strenge zu wachen. So geschehen, wie gesagt, in den Septembertagen des Jahres 1853. Die interessirten Hauptpersonen der Audienzseene sind vor 25—30 Jahren bereits der Reihe nach in's Grab gestiegen. Nun hat die göttliche Vorsehung auch den erlauchten und hochherzigen Audienzgeber zur ewigen Ruhe gebettet. Die Zeugen der im Obigen dargelegten Geschichte eines armen Dorfrabbiners befinden sich nicht mehr unter den Lebenden. Ihre Kinder, die zwischenher Großväter geworden sind, können für die Wahrheit der Geschichte eintreten, welche sie eben von ihren Vätern erzählen gehört haben. Wir unsererseits haben dieselbe so schlicht und schmucklos hier wiedergegebe.n, wie wir sie aus dem Munde des Sohnes jenes armen Rabbiners empfangen haben. Es sei in Kürze noch bemerkt, daß der Ort, wo jener Rabbiner gelebt, im Csongrader Comitate gelegen ist und Szentes heißt. Der damalige römisch-katholische Dechant, welcher sich des bedrängten jüdischen Seelsorgers in so edler, wahrhaft christlicher Menschenfreundlichkeit angenommen, hieß Mathias Leeb, der evangelische Pastor, der sich ihm im Werke; der Nächstenliebe helfend beigesellt, hieß Balint Kis, der bäuerliche Bürgermeister als Dritter im Bunde nannte sich Johannes Christo-Nagy. Die Nachkommen der beiden Letztgenannten leben heutzutage noch als hochangesehene Bürger der obenbezeichneten volkreichen Ortschaft und werden sich zweifellos des Falles noch erinnern, in welchem der hohe Sinnesadel des kaiserlichen Prinzen, den die treuen Völker Habsburgs heute allesammt schmerzgebeugt beweinen, in so strahlender Weise zur Offenbarung gelangt ist. Wir glauben der tiefsten Empfindung unserer patriotischen Leser zu entsprechen, indem wir dieses anspruchslose Gedenkblatt zu den unvergänglich grünen Lorberreisern hinzufügen, welche die dankbaren Völker Oesterreichs, welche Klio in ihrer unbestechlichen Gerechtigkeit dem Angedenken unseres großen Todten geweiht. Der Vorbeter von Cham. Erzählung aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges von S. K vhii, Verfasser von „Gabriel". (Fortsetzung.) „Der Jude," sprach der Herzog, der gestern von mir zum Tode durch Spießruthenlnufen verurteilt wurde, ist, wie ich aus den Mittheilungen des Herrn von Trenenberg erfahre, unschuldig. Lrrare humamm est.*) Er soll auf der Stelle freigegeben und ihm meine höflichen Exkusen gemacht werden. . . . Er kann mit Frau und Kind unbehelligt das Lager verlassen!" „Das freut mich herzlich!" rief Treuenberg bewegt. „Wie heißt der Jude Durchlaucht?" „Darum habe ich mich nicht gekümmert," erwiderte der Herzog. Der Adjutant, der, im Abgehen begriffen, schon an der Thür stand, wandte sich um und sprach: „Da kann ich gehorsamst dienen. Bei der Personalunrerjuchung, die ja bci;ednn Gefangenen vorgenommen wird, ergab sich aus seinen Schriften, daß er Tobias Kohen heiße, in Prag gebürlig, nach dort zuständig sei, und zuletzt als Vorderer in der Judengtmeirde in Cham fungirte. Er ist auf der Rückreise nach Prag begriffen." „Tobias Kohen durch meine rechtzeitige Ankunft vom Tode gerettet! Seiner Gattin den Gatten erhalten! — Das macht mich überglücklich!" rief Treuenberg. „Das sind zwei edle Menschen. Dieser Frau danke ich's, daß ich, ohne mir den Unwillen meines Großvaters zuzuziehen, noch meinem Herzen wühlen durfte, ihr danke ich mein Lebensglück!" Wallenstein war ein grausamer, egoistischer Mensch, aber neben feinen schlechten, egoistischen Eigenschaften war er im höchsten Grade freigebig. „Wenn die Sachen so stehen," meinte er und — was in seinem Leben nicht oft vorgekommen — seine Stimme klang scherzhaft, „dann soll dieser Borbeter von Cham nicht durch meine Exkusen allein contentirt werden, ich will ihn und seine. Familie für die Todesangst mehr als königlich, ich will ihn friedländisch entschädigen. Er soll von mir fünftausend Silbcrgulden erhalten. Aus der Reise würde ihm die große Summe nur Beschwerden verursachen und Sorgen bereiten, d'rum laß ich, Herr von Treuenberg, Euren Hi'rrn Vater, bitten, dem Tobias Kohen fünftausend Gulden für mich in Prag auszuzahlen und diese auf meine Rechnung zu stellen. Aber vorwärts, Rittmeister Reumann, es ist die höchste Zeit!" „Euer Durchlaucht gestatten wohl, daß ich höchst Euren Adjutanten in das Gefängniß begleite und den Verzweifelnden selbst die frohe Nachricht ihrer Rettung bringe?" Wallenstein nickte zustimmend und Treuenberg und Neumann verließen eiligst das Gemach. Sechstes Capitel. In dem Momente, in welchem sich Towije Kohen anschickte, sein Gefängniß zu verlassen, um einem marier vollen Tode entgegenzugehen, und der Gedanke an sein schutzloses, verlassenes Weib und seine Kinder ihm die letzte Stunde auch seelisch zur vollsten Unertragbarkeit verbitterte, in dem Momente, wo seine verzweifelte Gattin die letzte Hoffnung auf Rettung aufgab, ward die Thür der Kerkerzelle heftig aufgeriffen und in der Lichtung derselben ward die Hünengestalt Ascher von Treuenberg's sichtbar. *) Irren ist menschlich.