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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-03-01 · 9 (1.3.1895) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
9 (1.3.1895)
Date
1895-03-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 162 Drstrrrelchifchr Wochenschrift Nr. 9 semitismus kenne, leider nur allzutief wurzelt. Als es dem edlen Baron Hirsch nach eingehendem Studium der Lebensverhältniste und Bedürfnisse der galizischen Juden, allen Kämpfen und Anfeindungen zum Trotz und unbeirrt durch verschiedene widersprechende Meinungen gelungen, seine galizische Stiftung zu creiren, da konnte man wenigstens hoffen, daß nun eine entschiedene Wendung im traurigen Loose der in cultureller und wirthschaftlicher Beziehung so arg vernachlässigten jüdischen Masten eintreten werde. Das Programm der Baron Hi rsch'schen Stiftung ist bekanntlich ein doppeltes: Verbreitung von Elementar-Bildung und Verbreitung der Erwerbsfähigkeit, also Volksschulunterricht und Handwerk oder Ackerbau. Obgleich auch der erste Theil dieses Programmes im Anfänge, wie leicht vorauszusehen war, aus bedeutende Schwierigkeiten stieß, so ist dennoch in dieser Richtung ein erfreulicher Fortschritt und eine gedeihliche Entwicklung wahrzunehmen. Ungemein schwierig ist aber die Durchführung des zweiten und wichtigeren Theiles des Stiftungsprogrammes. Schon die bloße Gewährung des Bolksschulunterrichtes ist zwar von eminenter und nicht hoch genug anzuschlagender Bedeutung; allein von viel größerer Bedeutung noch ist es, den durch die Volksschule erzogenen und in derselben mit Liebe zur veredelnden Arbeit erfüllten Kindern auch die Möglichkeit zn bieten, ein Handwerk zu lernen und erwerbsfähig zu werden. Hier gab es zwei Wege, entweder die Kinder bei praktischen Meistern als Lehrlinge unterzubringen, oder dieselben in eigenen Anstalten ein nützliches Handwerk erlernen zu lassen. Beides wurde versucht und nach beiden Richtungen hin sind große Hinderniste zu bewältigen gewesen. Der Mangel an tüchtigen Meistern einerseits und die unabänderlichen Schwierigkeiten der Unterbringung bei christlichen Meistern andererseits legten es nahe, daß durch die Errichtung entsprechender Handwerksanstalten bessere Resultate zu erhoffen seien. Allein hier galt es. den Widerstand der Zünfte zu brechen, die sich mit oller Macht dagegen sträubten, daß auch Juden zu tüchtigen Arbeitern herangebildet werden. In Krakau wurde eine Handwerkerschule mit großen Opfern errichtet — die Erhaltungskost« n betrugen 24.000 fl. jährlich — und nach vierjährigem Bestände mußte sie aufgelöst werden, da die Aüfdingung der Zöglinge bei der Genossenschaft nicht durchzusetzen war. Denn, wenn auch die Anlage der Krakauer Fachschule manche Mängel in der Organisation zeigte und sich als zu kostspielig erwies, so wäre sie dennoch wohl keineswegs vom Curatorium der Stiftung ausgelassen worden, wenn sie nur in der Möglichkeit, die Zöglinge nach vollendeter Lehrzeit zu Gesellen freizusprechen, den Keim derLebenssähigkeiten gehabt hätte. Doch dies war nicht zu erreichen, obgleich ein in Krakau etablirter, sehr renommirter, christlicher Meister den Fachunterricht in der Schlosserei ertheilte, und ebenso die Tischlerei von einem tüchtigen, christlichen Fack manne geleitet wurde; denn Juden zu tüchtigen Handwerkern heranzubilden, das kann man doch nicht zulasten. Derselbe Fall erneuerte sich in unserer Stadt. Vor circa 3 Jahren wurde auch hier von der Baron Hirsch-Stiftung eine Schlosterwerkstätte errichtet und auf Grund der in Krakau gemachten Erfahrungen aller überflüssiger Aufwand und alle kostspieligen Anlagen vermieden. In derselben stehen 11 Knaben in der Lehre und ein von Wien delegirter Fachmann, der auf diesem Gebiete eineAutorität ist. erklärte sich mit den Leistungen der Zöglinge höchst zufrieden und meinte, daß manche von ihnen schon jetzt mit gutem Gewissen zu Gesellen freigesprochen werden können. Die hiesige Schlostergenossenschaft aber, die es nicht zugeben will, daß auch Juden zu tüchtigen Schlossern herangebildet werden, denkt anders. Denn, ohne Antisemiten zu sein — dieses Wort ist ja hierzulande verpönt, wird ja der Antisemitismus bei allen unmöglichen offlciellen und inosficicllen Anlässen verleugnet, können es die Herren Zunftgewaltigen doch nicht über's Herz bringen, daß es auch Juden möglich wird, als tüchtige, ehrliche Handwerker ihr Brot zu verdienen. Sie weigern sich daher, obgleich der Fachunterricht von einem ortsansässigen, christlichen Meister geleitet wird, die Knaben auch nur auszudingen, und trotzdem sie mit ihrer Weigerung in drei Instanzen sachfällig geworden und ihnen alle möglichen Concessionen gemacht werden, so unterlassen sie es nicht, selbst bis zum Berwaltungsgerichtshofe zu gehen, um den ^uden ja nur aus Schritt und Tritt jede Möglichkeit eines ehrlichen Erwerbes abzuschneiden. Der arme Jude muß verhungern, das ist das beste Mittel, ihn los zu werden. Der Jude, heißt es dann natürlich, scheut die anstrengende Arbeit und sucht nur leichten Erwerb; doch will er ein Handwerk erlernen, dann wird Zeter und Mordio geschrien, er macht ja Concurrenz. Was helfen die schönsten Institutionen, wenn sie an Fanatismus und an Brotneid zerschellen. Wir fragen nun, welche Mittel und Wege sollen ausgesucht werden, um unsere Kinder zu Handwerkern heranzubilden? Hier wäre der Punkt gegeben, wo unsere maßgebenden Persönlichkeiten, Corporationen und Hilfscomites den Hebel einzusetzen hätten. Wir können es gar nicht fassen, daß solchen ganz trostlosen Zuständen gegenüber nicht ein Schrei der Entrüstung durch unsere galizische Judenschoft geht. Wir können es nicht fassen, daß die leitenden Personen in Krakau, anstatt den hingeworfenen Handschuh auszuheben und den Kampf auszusechten, um die verderbende jüdische Jugend dem Handwerk zuführen zu können, die Flinte ins Korn warfen und die Dinge gehen ließen, wie sie nicht schlimmer vor Jahrhunderten gegangen sind. Wir können es nicht fassen, daß man in Lemberg, wo man in neuerer Zeit eine Hilfsaction für das Massenelend unter den Juden in Galizien einleiten will, das ABC der Hilfe, welches doch überdies keine materiellen Opfer erheischt, nämlich energisch die Möglichkeit der Zuführung israelitischer Kinder zum Handwerk zn erwirken, übersieht. U. A. w. g. Neu-Sandee. Die hier erscheinende „Szkolnictwo Ludowe", das Organ der galizischen Volksschullehrer, bringt an leitender Stelle einen scharfen Angriff gegen die jüdischen Katecheten in Galizien. Während die christlichen Katecheten Schulen besucht haben und durch eine Hochschulbildung sich ausweisen, sind die jüdischen Katecheten ganz ungebildete Leute, die nicht einmal einer Landessprache mächtig sind. Dieser Gedynke wird in dem Artikel in den verschiedensten Formen variirt. Wir erlauben uns demgegenüber das Eine zu constatiren: Die jüdischen Katecheten sind wenigstens auf dem Gebiete, auf welchem sie unterrichteli, aus dem Gebiete der Theologie, nicht blos den christlichen Katecheten überlegen, sondern sie könnten die bedeutendsten katholischen Theologen noch unterrichten. Obgleich sie der Landessprache nicht mächtig sind, verfügen sie über ein Ausmaß von theologischem Wissen, hinreichend genug für jede Professur an einer theologischen Facultät. Wie es damit bestellt ist bei den christlichen Katecheten, wie weit ihr theologisches Wissen reicht, wollen wir nicht untersuchen und wird die Redaction des genannten Fachblattes am besten selber beurtheilen. Welcher Art Katecheten an christlichen Volksschulen unterrichtet haben, darüber können wir den Herren Redaeteuren in N e u - S a n d e c ein intereffantes Capitel erzählen. Es waren häufig ganz unwissende Bauern, die kaum eine Volksschule absolvirt haben, die Bibel blos vom Hörensagen kannten, und doch wurden sie als Katecheten für die Volksschulen bestellt. Die angeblich unwissenden, jüdischen Katecheten sind nicht blos gründliche Bibelkenner, sondern auch in der gesammten Literatur des Judenthums wohlbewandert. Und wenn sie dessen ungeachtet der Landessprache nicht mächtig sind, so ist das nickt ihre Schuld. Das Verschulden tragen vielmehr ganz andere Kreise, welche die Ausbreitung der profanen Bildung mit scheelen Augen angesehen haben, jene leitenden Kreise, welche das Volk in Dummheit und Unbildung erhalten wollen. War ja das citirte Fachorgan in derselben» Nummer genöthigk^ eine fast unglaubliche Rede eines Bezirkscoinmissärs zu reproduciren, die derselbe anläßlich eines zu seinen Ehren veranstalteten Festbankettes gehalten haben soll. Auf eine Ansprache des Volksschullehrers Sciezynski erwiderte nämlich jener Herr Commissär: „Die an mich gerichteten Worte des Herrn Sciezynski sind auf einen schlechten Boden gefallen. Ich bin nämlich keinAnhänger der Volksbildung und des Schulwesens und ich habe mich nie aus eigener Initiative mit derartigen Dummheiten befaßt. Wenn ich auch einmal Schulangelegenheiten erledigt habe, so geschah dies nur über Auftrag meines Chefs, aber nie aus gutem Willen. Die Bildung ist nur für die Söhne des Adels und der Beamten. Die Bildung erzeugt nur den Socialismus, Nihilismus u. dgl. Wenn es von mir abhängig wäre, würde ich alle Schulen sperren und die Lehrerschaft auseinandertreiben. Fort mit den Schulen und Bolkslehrern!" Die Ideen >es Bezirkscommissärs sind aber nicht vereinzelte, und man sollte angesichts derselben mit Anklagen gegen die Juden vorsichtiger sein.

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