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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-03-01 · 9 (1.3.1895) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
9 (1.3.1895)
Date
1895-03-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 158 jpeJt£mut{U<S{E Molyenrarrin '.’ir. 9 bannte. Ihnen zuvörderst ist es zu danken, daß, während es im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts geradezu das Kennzeichen nationaler und radicaler Gesinnung in Deutschland war, die Juden zu beschimpfen, von den Vierziger-Jahren ab die Forderung der Judenemancipation gleichsam zum eisernen Bestand des Liberalismus gehörte. Das schließt nicht aus, daß auch in diesen späteren Zeiten Judenkrawalle vorkamen; das Volk unterschied dabei nicht viel zwischen Juden und jüdischen Täuflingen; Börne und Heine hat das Taufen praktisch keinen Nutzen gebracht; das forrnale Einträgen ihrer Namen in die christlichen Register hat es nicht vermocht, daß das Volk und die öffentliche Meinung sie aus den jüdischen Registern gestrichen hätte. Als einmal bei einen: gegen die Juden gerichteten Krawall das Haus eines Fabrikanten, der acht Tage vorher zum Christenthume übergetreten war, hart bedrängt wurde, machte der reiche Herr der Menge Vorstelluügen, daß er eines Glaubens mit ihr sei und Christ sei, wie sie. Da erhob ein Schusterjunge einen mächtigen Stein und schleuderte ihn gegen die Fensterscheibe und rief: Herr Glaubensgenosse, wir sind tolerant. So tolerant war die Menge sehr oft, die Taufe zu ignoriren. T r e i t s ch k e sagt von Börne: „er kannte die Scham nicht, und hielt es nicht für unanständig, als Renegat noch den Anwalt seiner verlassenen Glaubensgenossen zu spielen." Wenn es schamlos ist, ohne Ueberzeugung von der Wahrheit des neuen Bekenntnisses überzutreten, so müßten sich Viele schämen, die Treitschkc gerade wegen der Verleugnung des überkommenen Glaubens hoch in Ehren hält; die „Renegaten" hätten nur Schuld auf Schuld gehäuft, wenn sie nach der Fahnenflucht noch herzlos und theilnahmslos geblieben wären bei der Noth ihrer einstigen Genossen; was Treitschkc für unanständig hielt, war der Mahnruf des Gewissens, irgendwie das Unrecht und die Lüge zu sühnen durch einen erhöhten Eifer für die Unterdrückten, deren Reihen sie verlassen hatten. So verächtlich auch sonst die Renegaten uns sind, diese beiden Renegaten können aus einer Geschichte des Judenthums unserer Tage nicht ausgeschlossen-werden, weil an diese Namen sich ein großer Fortschritt des öffentlichen Bewußtseins zu Gunsten der Juden buchst und erst seit ungefähr anderthalb Jahrzehnten hat diese Stimmung und Strömung unter dem Einflüsse großer Persönlichkeiten und großer Ereignisse sich geändert. Aber selbst ein Manu wie Treitschkc, der doch in erster Reihe verantwortlich zu machen ist für das Wiedererwecken des Judenhasses in unseren Tagen, hat für die Ausbrüche jener alten teutonischen Wuth an: Anfang des Jahrhunderts oft Worte des Hohnes, und es ist vielleicht gut, darauf hinzuweisen, wie selbst das gefeierte Oberhaupt der Antisemiten über jene judenfeindliche Bewegung redet damit sich die modernen Feinde unseres Rechtes einmal ein Bild davon machen, wie sie einst in der Geschichte dastehen werden. Treitschkc schwankt fort und fort zwischen dem Wahrheitstrieb des Forschers, der die Sachen darstellen will, wie sie sind, und jenen Vorurthellen, die ihm den brüllenden, selbst chm verständlichen Beifall der „deutschen Studenten" eintragen. Er sagt von der deutschen Studentenschaft jener Zeit: In den Kreisen der akademischen Jugend war diese Stimmung der Zeit noch verschärft durch die Romantik christlicher Schwärmerei. Die Burschenschaft fühlte sich als eine neue christliche Ritterschaft und zeigte ihren Judenhaß mit einer groben Unduldsamkeit, die oft stark an die Tage der Kreuzzüge erinnerte. Von Haus aus stand die Absicht fest, alle Nichtchristen von den: neuen Jugendbund auszuschließen. Gelang dies, so waren die jüdischen Studenten in Wahrheit ihres akademischen Bürgerrechtes beraubt". Wenn sich die Studenten, die jetzt Treitschkc als einen Heiligen verehren, doch iiur auch sein Wort von der groben Unduldsamkeit zu Herzen nähmen! Auch für die heutige Zeit geschrieben, ist sein Wort „Einen wesentlichen Charakterzug des neuen Telltonenthums bildete der eingefleischte Judenhaß", er gesteht auch sogleich" daß nicht Schacher und Wucher der Juden so sehr an dem Haffe Schuld tragen, sondern daß der alte tiefe Widerwille gegen das orientalische Wesen" ein „Geheimniß des deutschen Gemüthes" sei. Ist es ehrenvoll für die damalige Zeit, wenn Treitschkc sagt: „Der Haß wider die Juden war so stark und allgemein, daß die öffentliche Meinung selbst iit einem Falle, wo ihnen offenbare Unbill widerfuhr, fast einstimmig gegen sie Partei nahm, in dem häßlichen Frankfurter Judenstreit". Die Juden in Frankfurt hatten für ihr gutes Geld sich das Bürgerrecht von Dalberg erkauft und nun machte ihnen „pfahlbürgerliche Engherzigkeit" das Recht streitig. Mit einer styliftisch schönen Wendung bezeichnet Treitschkc einen epidemischen Wahnsinn als Ursache der damaligen Judenkrawalle. „Es schien, als ob der alte Volksaberglaube Recht behielte und der große Komet, welcher in diesem heißen Sommer am Himmel stand, Unheil und Veri wirrung über die Welt brächte". Treitschkc will es nicht gelten lassen, daß ein Zusammenhang bestehe zwischen diesen wüsten Ausbrüchen der Volksleidenschaft und der unduldsamen Rohheit der studentischen Kreise und der Professoren. Aber schon der Schlachtruf jener Tage Hep-Hep weist auf den Ursprung in lateinischen Cirkeln hin. Der Geschichtsschreiber, dessen Herz so warm für die Judenfeinde schlägt, möchte natürlich seine Ahnen im Antisemitismus gern entschuldigen; er beruft sich auf eine Schrift von Saul Ascher, der einen fanatischen Haß . gegen alles , Deutsche, namentlich gegen Goethe bekundete. Aber gerade von jüdischen Kreisen, aus den Kreisen der Rahel, ist zuerst eine tiefere Würdigung Goethe's ausgegangen. Wenn dieser Saul Ascher behauptete, die Juden hätten > as Hauptverdienst an der Niederwerfung Napoleons, so beweist gerade dieser Wahnwitz, wie Unrecht Treitschkc thut, ihn als Vertreter des Judenthums hinzustellen und den Juden die Tollheit eines Einzelnen aufzubürden. Rühs, ein Berliner Professor, hatte die Einführung einer Judensteuer, die Ausschließung der Juden vom Heere, von den Zünften gefordert, er wollte sogar, daß die Juden ein Abzeichen tragen, „damit der Deutsche den hebräischen Erbfeind an dem zweideutigen Ehrenzeichen" erkenne, und nun behauptet T r e i t s ch k e, nachdem er vorher von Hardenberg geredet, der sich überall der Juden gütig annahm, „in diesem Sinne etwa sprach sich der Historiker Rühs aus". Dies abschwächende etwa soll Treitschke decken, wenn Jemand auf die starken Unterschiede zwischen Hardenberg und Rühs hinweist. Treitschke hat warme Worte für Mcndelssohn's segensreiches Wirken, für Jakobsohn, für den „wackeren Friedländer", er findet sogar die Theilnahme der Juden für Frankreich, das ihnen zuerst die volle Gleichberechtigung geschenkt hatte, leicht erklärlich. So könnten unsere modernen Teutomanen von Treitschke Manches lernen, was uns entschuldigt und was sie beschuldigt. B. R. Vom Jahrmarkt des Lebens. Die Thiernamen. Der Pythia, die im Germanendusel (Furor tentonicus) ihre lapidaren Orakelsprüche vom Redactionsdreibein der „Ostd Rundsch." und U. d. W." gegen Juden und „Liberale" von sich gibt, geht es nicht besser, wie den weiften Antisemiten; sie verbindet nämlich mit dem eigenen Dünkel eine elementare Unkentniß ia Maieis. Die Behauptung, der jüdische Name Wolf sei ja nicht mit dem gleichlautenden germanischen Kosenamen zu verwechseln, ist einfach köstlich naiv. Denn wenn die Juden diesen und ähnliche Namen von den Germanen erst entlehnt haben, dann ist ja jede Jdentisicirung überflüffig, indem die jüdischen Träger dieser Namen Semiten im echten Wolfspelz sind; sollte dagegen der jüdische „Wolf" blos ein Analogon zum germanischen Wolfgang oder

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